Abfang-Drohnen für die Bundeswehr: Pistorius setzt auf Bayern
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Etwas 3D-Druck, viel Software und fertig ist der Putin-Schreck? Weltweit tüfteln Unternehmen an Abfang-Drohnen – Pistorius kauft heimische Innovation.
München – „Die Drohnen, die in Polen für viel Geld mit Kampfjets abgeschossen wurden, hätten unsere Drohnen schneller und günstiger vom Himmel holen können“, sagt Balázs Nagy. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) gibt sich der Geschäftsführer und Mitgründer von Tytan Technologies selbstbewusst. Aufgrund der Entwicklungen im Ukraine-Krieg und vor allem Wladimir Putins aktuellen Provokationen gegenüber der NATOhat der Münchner Drohnen-Unternehmer gut Lachen.
Ziel der Mühen: Fragment einer Shahed-Drohne am Ort eines russischen Angriffs in Charkiw. Einige Münchner Start-ups arbeiten daran, Drohnen zum Abfangen von Shaheds zu entwickeln. Tytan Technologies soll jetzt einen Auftrag von der Bundeswehr erhalten zu haben (Symbolfoto).
Laut der F.A.S. werde das Unternehmen demnächst „offiziell mit der Entwicklung einer Komplettlösung für den Schutz von militärischen Liegenschaften und kritischer Infrastruktur“ der Bundeswehr beauftragt. Das Blatt will erfahren haben, dass die Kooperation zu den Streitkräften über das Innovationslabor in Erding laufe. „Bei dem neuen Projekt geht es vor allem um den Schutz vor Drohnen der NATO Klasse 2, zu denen etwa die Shahed-Drohnen zählen“, schreibt Anna Sophie Kühne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) setzt also seinen Kurs fort. Im April hatte er schon zu Testzwecken Kampfdrohnen für die Bundeswehr bestellt. Jetzt wird die Drohnen-Truppe also um die Verteidigung ergänzt.
Pistorius investiert in die Bundeswehr: Mit Cleverness und Know-how aus der bayerischen Landeshauptstadt
Wieder mit Cleverness und Know-how aus der bayerischen Landeshauptstadt. Im Global Tech Ecosystem Index des niederländischen Datenanbieters Dealroom belegt München aktuell weltweit den 19. Platz und liegt damit hinter Shanghai und vor Amsterdam; die Daten spiegeln die Summe an Start-ups, die in der Stadt gegründet worden sind oder dort ihren Hauptsitz haben. „Hier bietet das Münchner Startup-Ökosystem eine entscheidende Ressource – das Gründerzentrum UnternehmerTUM an der Technischen Universität München (TUM)“, schreibt Efthymis Angeloudis. Für die Deutsche Welle (DW) spricht der Wirtschaftsjournalist von rund 100 Firmengründungen in München jährlich.
„Vierhundert Shaheds pro Nacht, ein Abfangjäger pro Shahed und ein Drohnenpilot pro Abfangjäger – selbst wenn KI-basierte Zielerfassung den letzten Teil dieser Gleichung letztendlich beseitigt, wächst der logistische Aufwand schnell an. Ohne Kostenkontrolle kann der Einsatz der ,billigen‘ Abfangjäger schnell teuer werden.“
„Wir brauchen Zehntausende von intelligenten Robotern auf dem Gefechtsfeld, und das sind in allererster Linie heute Drohnen, die Sie in kleinen Fabriken herstellen können“, sagte Thomas Enders vor einiger Zeit gegenüber der (F.A.Z.). Enders war nicht nur Vorstandsvorsitzender des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, sondern auch Chef von Airbus, ist seit einigen Jahren Präsident des deutschen Thinktanks Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und nichtoperatives Mitglied im Verwaltungsrat von Helsing. Das Unternehmen aus München ist eines der Start-ups, deren Kamikaze-Drohnen die Bundeswehr ausprobiert. Tytan Technologies kommt jetzt dazu. Dessen Mitbegründer ist ein ehemaliger Studierender der Luft- und Raumfahrttechnik an der TU München.
Von Taurus bis Leopard – die Waffensysteme der Bundeswehr im Überblick
Und einer, der „im besten Fall mithilft, dass Deutschland die militärische Zukunft nicht länger verschläft“, urteilt ZEIT Online über Balázs Nagy. Der 30-Jährige und sein Mitgründer Batuhan Yumurtaci sollen vor zwei Jahren in der Ukraine den Gewinner-Vorschlag eines Wettbewerbs zur besten technischen Abwehr-Lösung gegen Putins Shahed-Drohnen eingereicht haben. Wie andere Unternehmen auch kooperieren sie deshalb eng mit Frontsoldaten, um deren Erkenntnisse wiederum in eigene Entwicklungen einfließen zu lassen, so die ZEIT-Autoren Hauke Friederichs und Marc Widmann. Bewährte Kriegstechnik soll jetzt also auch der Bundeswehr zugute kommen. Doch härter als Russlands Drohnenschwärme sei als Gegner die „gemütliche Bundeswehrverwaltung“ kritisiert die ZEIT.
NATO: „Experte auf der Welt, wenn es um die Abwehr von Drohnen geht, ist derzeit leider die Ukraine“
Björn Müller beklagt, dass Deutschland ein Ökosystem für militärische Drohnen-Start-ups fehle. Zwar nennt der Autor des deutschen Reservisten-Magazins loyal als Fortschritt die Wehrtechnische Dienststelle 61 in Manching, zu der seit 2021 ein „Drone Innovation Hub“ gehöre, wie Müller schreibt. „Der kann Unternehmen zwar Halle und Felder zum Testen bieten, aber der Hub hat keine Werkzeuge, um vielversprechende Vorhaben finanziell zu flankieren. Die zahlreichen Studien, Modelle und Demonstratoren, die es braucht, um überhaupt an die Tür des Beschaffungsprozesses zu gelangen, kosten Start-ups sehr viel Geld, wobei ihnen meist die Luft ausgeht.“
„Gleichzeitig konzentriert sich ein Großteil des Militärbündnisses noch immer auf die Kriegsführung der Vergangenheit und ist nicht in der Lage, mit der nicht enden wollenden Flut von Cyberangriffen und anderen hybriden Aktivitäten Schritt zu halten, die Energieinfrastrukturen, Finanzinstitute und Regierungsdatenbanken weit jenseits der traditionellen Frontlinien bedrohen“, schreibt Lara Jakes für die New York Times (NYT). „Der einzige Experte auf der Welt, wenn es um die Abwehr von Drohnen geht, ist derzeit leider die Ukraine, denn sie kämpft fast täglich gegen russische Drohnen“, sagte Mette Frederiksen während des Gipfeltreffens der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) kürzlich in Kopenhagen, zitiert die Deutsche Presseagentur (dpa) die dänische Ministerpräsidentin.
Bundeswehr-Ausrüster selbstbewusst: „Das System darf nicht mehr kosten als die Drohne, die es abwehrt“
Wie dpa weiterer berichtete, folgte der EPC-Gipfel auf ein Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Kopenhagen – dort war ein besserer Schutz des europäischen Luftraums erörtert worden; beispielsweise auch durch eine „Drohnenmauer“, die sowohl die baltischen Staaten für ihre Grenzen zu Russland als auch Polen planen. „Während viele Politiker ihre Unterstützung für die Initiative zum Ausdruck brachten, warnten einige vor zu hohen Erwartungen“, so die dpa. Tatsächlich sind Zeit und Kosten die größten Gegner der NATO-Länder – David Kirichenko spricht von einem „unerbittlichen Innovationswettlauf“, in dem sich die beiden Kriegsgegner befinden; ob Balázs Nagy, sein Unternehmen Tytan Technologies oder Mitbewerber diesem Tempo gewachsen sind, muss sich zeigen.
„Das Zeitfenster zwischen der Einführung neuer Waffensysteme und der Entwicklung wirksamer Gegenmaßnahmen reduziert sich teilweise auf wenige Wochen“, so Kirichenko in einer Analyse für den US-Thinktank „Atlantic Council“. Aufgrund der schieren Notwendigkeit, mit Innovationen das eigene Überleben zu sichern, erachtet Kirichenko die Ukraine ihren westlichen Konkurrenten als weit voraus geeilt – trotz eines günstigen Tech-Umfelds oder genügend Risiko-Kapital externer Geldgeber. „Unser Ziel war von Anfang an: Das System darf nicht mehr kosten als die Drohne, die es abwehrt“, erläutert Balázs Nagy gegenüber der F.A.Z.. Ihm zufolge lägen die Stückkosten der Münchner Abfang-Drohne auf einem niedrigen fünfstelligen Betrag; dieser solle aber auf einen vierstelligen Betrag gedrückt werden.
Ukraine-Krieg vernichtet Massen an Material: „Vierhundert Shaheds pro Nacht, ein Abfangjäger pro Shahed“
Der Innovationswettlauf für Abfang-Drohnen in der Welt steht dem zwischen den Kriegsparteien offenbar in nichts nach. Etablierte Rüstungsschmieden wie Saab tüfteln an den Drohnen genau so wie Start-ups in Europa oder den USA; von den ukrainischen Drohnen-Entwicklern ganz zu schweigen. Die Produkte sind dabei vergleichbar: Teile aus dem 3D-Drucker und viel Software. 80 Prozent der knapp 40 Mitarbeiter von Tytan seien Softwareingenieure, schreibt F.A.Z.-Redakteurin Anna Sophie Kühne. Essenziell für einen erfolgreichen Jäger soll sein, dass er schneller ist als der Angreifer und sein Tempo zu einem bestmöglichen Preis realisieren kann; also zählen Größe und die Korrespondenz mit der Masse des Sprengkopfes.
#Ukraine#Germany Ukrainian operators have recently tested an interceptor #drone developed by German company #TYTAN Technologies!
The interceptor drone can reach speeds of up to 300 km/h and has an effective range of up to 20 km! pic.twitter.com/VaeSKZz31D
Abfangjäger haben mehrere Kollisionen zu überstehen, wenn nicht gegen jede angreifende Drohne auch eine zum Abfangen gestartet werden solle – außer klein und schnell müssen Drohen zum Abfangen also auch bis auf Äußerste widerstandsfähig sein – und das ist ein Muss, dass über das Programmieren hinausgeht. Fünf Drohnen-Modelle zum Abfangen soll die Ukraine bisher zugelassen haben, schreibt Roland Oliphant „Es gibt kein Standarddesign, aber eines gilt von Kiew über Bristol bis Kalifornien: die Größe der beteiligten Unternehmen“, wie der Korrespondent des britischen Telegraph schreibt und auf Marcel Plichta verweist. Der ehemalige Geheimdienstanalyst der US-Armee und Experte für Drohnenkriegsführung sieht die Herausforderung vor allem im Maßstab; also der Masse an zu liefernden Systemen.
Technologie und Prototypen seien vorhanden, wie er gegenüber dem Telegraph äußert. Aber auch die Piloten fehlen – für die Masse an Drohnen, die benötigt wird. Roland Oliphant rechnet hoch: „Vierhundert Shaheds pro Nacht, ein Abfangjäger pro Shahed und ein Drohnenpilot pro Abfangjäger – selbst wenn KI-basierte Zielerfassung den letzten Teil dieser Gleichung letztendlich beseitigt, wächst der logistische Aufwand schnell an. Ohne Kostenkontrolle kann der Einsatz der ,billigen‘ Abfangjäger schnell teuer werden.“