Kritik an Dobrindts Angebot

Afghanistan-Aufnahmeprogramme – Merz‘ Regierung „setzt Familien Pistole auf die Brust“

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Teils seit Jahren harren Afghanen in Pakistan aus. Merz‘ Regierung bietet ihnen nun Geld für den Verzicht auf Einreise. Migrationsrechtler Pichl sieht darin ein Kalkül.

Berlin – Geld für den Verzicht auf Einreise: Das bietet die Bundesregierung afghanischen Staatsbürgern an, die in Pakistan festsitzen und eine Aufnahmezusage für Deutschland haben. Das geht aus einem Bericht des ARD-Hauptstadtstudios hervor – Schreiben, die in Auftrag des Innenministeriums an Wartende in Pakistan Anfang der Woche verschickt wurden, liegen dem Sender vor. Laut ARD-Informationen richteten sich die Schreiben an Menschen, die eine Zusage nach der Menschenrechtsliste und dem Überbrückungsprogramm haben. Auch die Welt und die Deutsche Presse-Agentur berichten von dem Angebot.

Afghanistan-Aufnahmeprogramm: Das Innenministerium bietet afghanischen Familien Geld gegen Einreise. (Symbolbild)

Die Linkspartei spricht von einem „Skandal“ – doch Kritik am Vorgehen der Regierung kommt nicht nur von Seiten der Opposition. Afghanen, die das Schreiben erhalten haben, zeigten sich gegenüber dpa schockiert und enttäuscht: „Wir haben zwei Jahre in Pakistan verbracht, und jetzt wird uns ein beschämendes und törichtes Angebot unterbreitet, das die Zukunft von uns und unseren Kindern gefährdet“, zitiert die Presseagentur einen der Adressaten.

Merz´ Regierung bietet Afghanen Geld für Verzicht auf Einreise – ein Angebot „außerhalb des Rechts“

Die Regierung versuche, „bindendes Recht durch Zahlungen zu umgehen“, kritisiert auch Maximilian Pichl, Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, gegenüber der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Die in Pakistan wartenden Menschen seien extrem unter Druck, ihre Geldreserven erschöpft: „Jetzt setzt Deutschland den Familien im Endeffekt die Pistole auf die Brust.“

Die Regierung breche ein Versprechen, das Deutschland den Menschen nach der Machtübernahme der Taliban gegeben hat. Das Vorgehen, diesen Menschen Geld im Tausch gegen ihre Aufnahme in Deutschland anzubieten, verlaufe „außerhalb des Rechts“, erklärt der Migrationsrechtler.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Viele afghanische Familien harren seit Monaten oder Jahren in Islamabad aus. Die Bundesregierung aus Union und SPD hatte das Aufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen im Mai gestoppt. Dass trotz des Stopps einige der Betroffenen und ihre Angehörigen trotzdem Visa erhalten, liegt daran, dass in Deutschland Klagen angestrengt wurden, um ihre Einreise durchzusetzen. In Afghanistan und Pakistan warten rund 2.050 Menschen im Rahmen verschiedener Aufnahmeprogramme auf ihre Ausreise nach Deutschland, hieß es laut Bericht der Deutschen Presse-Agentur aus dem Auswärtigen Amt.

Afghanistan-Aufnahmeprogramme: Merz‘ Regierung setzt Frist

In den Schreiben an die wartenden Afghaninnen und Afghanen heißt es nun laut ARD-Bericht: „Die hiesigen Verfahren müssen bis Jahresende 2025 vollständig abgeschlossen sein. Leider ist nicht garantiert, dass alle Verfahren rechtzeitig abgeschlossen werden können.“ Was das für Betroffenen bedeutet, führte das Innenministerium jedoch nicht aus. Stattdessen folgt ein Angebot.

Die Höhe der von der Regierung angebotenen Geldbeträge richte sich dabei nach Familien-Größe: „Im Fall einer Familie mit vier Kindern werden 2.750 Euro in Pakistan angeboten und anschließend knapp 11.500 Euro in Afghanistan.“ Auch soll das Innenministerium „organisatorische Unterstützung bei der Ausreise aus Pakistan“ anbieten – etwa Sachleistungen wie medizinische Betreuung, Unterkunft und Verpflegung für mehrere Monate.

Afghanistan-Aufnahmeprogramme

In Pakistan halten sich laut Bundesregierung rund 1.910 Menschen mit einer Aufnahmezusage beziehungsweise Aufnahmeerklärung aus den Afghanistan-Aufnahmeverfahren auf. Darunter sind knapp 220 afghanische Staatsangehörige aus dem Verfahren für ehemalige Ortskräfte, etwa 60 afghanische Staatsangehörige, deren Namen auf einer „Menschenrechtsliste“ stehen, knapp 600 Afghanen aus dem sogenannten Überbrückungsprogramm und etwa 1.030 afghanische Staatsangehörige aus dem Bundesaufnahmeprogramm für Afghanistan. (dpa)

„Mit Inanspruchnahme dieser Maßnahmen erklären Sie, dass Sie und Ihre gemeldeten Familienangehörigen aus dem Verfahren ausscheiden“, zitiert das Hauptstadtstudio aus dem Schreiben: Wer das Angebot der Regierung annimmt, scheidet endgültig aus dem Aufnahmeprogramm aus. Das Innenministerium setzt eine Frist für die Entscheidung bis zum 17. November – mit Rückmeldung an die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die die Menschen in Pakistan betreut, wie die Welt berichtet. Das Ministerium bestätigte demnach die Initiative, teilte jedoch keine Details mit: „Es gibt Angebote im Rahmen eines freiwilligen Rückkehrprogrammes nach Afghanistan oder die Ausreise in einen anderen Drittstaat.“

Afghanen in Pakistan vor Dilemma: Migrationsrechtler glaubt an Kalkül der Merz-Regierung

Teil des Dilemmas, vor dem die Wartenden in Pakistan nun stehen, ist mangelnde Sicherheit, wie es mit ihren Aufnahmeverfahren weitergeht: „Eine ausstehende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts darüber, ob die deutschen Zusagen nach der Menschenrechtsliste und dem Überbrückungsprogramm rechtlich verbindlich sind, wird es vor Ablauf der Frist voraussichtlich nicht geben“, schreibt die ARD.

Migrationsexperte Maximilian Pichl glaubt, dass die Regierung genau dieses Dilemma einkalkuliert habe: Während sie dabei zusehen müsse, Gerichtsverfahren in der Sache zu verlieren, spekuliere sie nun darauf, „dass ein paar Menschen, sich dem Druck beugen“. Ziel sei es, so die Einschätzung des Experten: „In jeder denkbaren Hinsicht, die Zahl von Menschen zu reduzieren, die hier Schutz bekommen sollen.“

Kritik am Angebot der Regierung Merz an Afghanen – Linke spricht von „Skandal“

Kritik kommt auch aus der Opposition. Grünen-Chef Felix Banaszak erklärte gegenüber dpa: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) mache in alle Richtungen schmutzige Deals. „Erst hofiert er die terroristischen Taliban und adelt sie zu normalen Verhandlungspartnern auf dem internationalen Parkett. Und jetzt bietet Dobrindt den Afghaninnen und Afghanen, die unserem Land und unseren Truppen gegen genau diesen islamistischen Terrorismus unter Lebensgefahr geholfen haben, ein Schweigegeld statt Sicherheit und Freiheit“, so Banaszak.

Clara Bünger, stellvertretende Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke spricht von einem „Skandal“: „Wir sprechen über Menschen, die nachweislich besonders gefährdet sind“, teilt Bünger unserer Redaktion mit. Neben früheren Ortskräften deutscher Institutionen und ihren Angehörigen sollten auch Afghanen aufgenommen werden, die Verfolgung durch die islamistischen Taliban fürchten müssen, etwa weil sie sich in der Vergangenheit als Anwälte oder Journalistinnen für Menschenrechte eingesetzt haben.

Die Regierung nehme nun „billigend in Kauf“, diese Menschen „den Taliban auszusetzen – nur um ihr eigenes Versagen nicht eingestehen zu müssen“. Bünger fordert die Bundesregierung auf, „endlich alles dafür zu tun, dass alle Menschen mit Aufnahmezusage schnell und sicher nach Deutschland kommen. Von Schutzverantwortung kann man sich nicht einfach freikaufen“. (ARD, AFP, eigene Recherche) (pav)

Rubriklistenbild: © Florian Gaertner

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