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Gegenwind für die Bundesregierung: Afghanin hat Recht auf Visum

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Gefährdete, die in Pakistan gestrandet sind, erringen einen Erfolg vor Gericht. Ein Rechtsgutachten
stuft die deutsche Politik der verweigerten Einreisen als strafbar ein.

Der Bundesregierung schlägt wegen ihres Umgangs mit gefährdeten Menschen aus Afghanistan jetzt Gegenwind aus der Justiz entgegen – wie auch schon wegen der Zurückweisungen Asylsuchender an der innerdeutschen Grenze.

Das Verwaltungsgericht Berlin gab in einer am Dienstag veröffentlichten Eilentscheidung einer betroffenen Afghanin recht, die wegen ihrer Gefährdung im Herbst 2023 eine Aufnahmezusage für Deutschland bekommen hatte. Trotz mehrfacher Sicherheitsprüfungen wartet sie seit Monaten in Islamabad auf ein Einreisevisum. Das Gericht entschied nun, die Bundesregierung müsse der Familie Visa für Deutschland erteilen, denn sie sei durch „bestandskräftige, nicht widerrufene Aufnahmezusagen rechtlich gebunden“. Laut Gerichtssprecherin heißt das, dass das Auswärtige Amt sofort tätig werden muss. Die „Frankfurter Rundschau“ hatte über die Klage berichtet.

Zugleich legten die Hilfsorganisation „Pro Asyl“ und das Patenschaftsnetzwerk „Ortskräfte“ am Dienstag ein Rechtsgutachten vor, wonach sich die Verantwortlichen deutscher Ministerien und deutsche Beamt:innen vor Ort in Pakistan auch persönlich strafbar machen, wenn sie den dort festsitzenden Afghan:innen trotz Aufnahmezusagen weiter Visa verweigern. Denn den Betroffenen droht ganz akut die Abschiebung nach Afghanistan, wo sie schwersten Gefahren wie Folter, Willkürhaft und Tod durch die Taliban ausgesetzt sind.

Laut Robert Brockhaus, Autor des Gutachtens und Strafverteidiger, könnten die zuständigen Vertreter:innen der Bundesregierung nach dem Strafgesetzbuch wegen Aussetzung in hilfloser Lage, versuchter schwerer Aussetzung oder auch unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden, wenn die Gefährdeten tatsächlich nach Afghanistan abgeschoben werden. Pro Asyl wird laut seiner rechtspolitischen Sprecherin Wiebke Judith Strafanzeige gegen die politisch Verantwortlichen stellen, wenn die Bundesregierung die ausgesetzten Aufnahmen nicht wieder startet.

Frauen in Pakistan protestieren gegen die Massendeportationen nach Afghanistan.

Die nun erfolgreiche Klägerin ist ihrem Rechtsanwalt Matthias Lehnert zufolge Wissenschaftlerin und Schriftstellerin und hat Deutschland bereits für Forschungsaufenthalte besucht. Sie arbeitete demnach vor der Machtübernahme der Taliban für die afghanische Regierung.

Im Oktober 2023 erhielt sie eine Aufnahmezusage im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms – für sich selbst und für 13 Angehörige, darunter mehrere kleine Kinder. Die Familie schaffte es, aus Afghanistan heraus und nach Islamabad zu kommen, denn nur dort kann das Visumverfahren durchlaufen werden. Nach den obligatorischen Sicherheitsinterviews im Oktober 2024 hat die Familie aber bis heute keine Visa erhalten.

Migration aus Afghanistan – Zahlreiche weitere Klagen anhängig

Die Bundesregierung kann gegen den Gerichtsbeschluss noch Beschwerde einlegen. Eva Beyer von der Organisation „Kabul Luftbrücke“ betont derweil, die Gerichtsentscheidung sei „keine Einzelfallentscheidung“. Das Verwaltungsgericht Berlin stelle „grundsätzlich klar: Die Bundesregierung ist rechtlich verpflichtet, die Zusagen umzusetzen, und zwar schnell“. Laut der Organisation sind derzeit mehr als zwei Dutzend weiterer ähnlicher Klagen anhängig, weitere sollen in den nächsten Tagen eingereicht werden. Auf eine FR-Anfrage zu der juristischen Niederlage erklärte die Bundesregierung, man prüfe den Beschluss derzeit.

Das Bundesinnenministerium hatte Ende Juni mitgeteilt, derzeit warteten 2351 Menschen mit Aufnahmezusagen aus verschiedenen Programmen in Islamabad oder Peschawar auf ihr Visum für Deutschland. Beim Pressetermin am Dienstag schilderte Lena Reiner vom Netzwerk „Ortskräfte“, was sie in den letzten Wochen aus Pakistan höre, sei „die pure Verzweiflung. Alle, mit denen wir in Kontakt sind, fürchten um ihr Leben“.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Denn die pakistanischen Behörden haben den Druck auf Afghan:innen dramatisch erhöht, zurückzugehen. Allein seit Anfang April wurden laut den Vereinten Nationen fast 30 000 Menschen abgeschoben, hunderttausende seien in den letzten Monaten notgedrungen auf eigene Faust zurückgekehrt. Den Berichten zufolge geht die pakistanische Polizei äußerst brutal vor – Menschen werden willkürlich festgesetzt, zusammengeschlagen, erpresst.

Die ursprüngliche Zusage der pakistanischen Regierung, dass Personen mit Aufnahmezusage nicht abgeschoben würden, gilt demnach nicht mehr. Die Organisationen und Medien berichten von mehreren Fällen, in denen auch Afghan:innen mit deutschen Zusagen zwangsrückgeführt wurden. Nur durch Intervention der deutschen Botschaft hätten sie zurückkehren können. Rechtsanwalt Brockhaus hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass weitere Abschiebungen folgen werden.

Merz-Regierung hat die Aufnahmen aus Afghanistan „so weit wie möglich“ beendet

Derweil hat die neue Bundesregierung allerdings das komplette Aufnahmeverfahren auf Eis gelegt, man befinde sich „in fortgesetzter Prüfung“. Auch Sicherheitsbefragungen finden aktuell nicht mehr statt. Denn im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD beschlossen, Aufnahmeprogramme „so weit wie möglich zu beenden“.

Haftbefehle

Wegen der Unterdrückung von Frauen in Afghanistan hat der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag Haftbefehle gegen Anführer der Taliban erlassen. Die Haftbefehle richten sich gegen Taliban-Chef Haibatullah Achundsada und Afghanistans Obersten Richter Abdul Hakim Hakkani, teilte das Gericht mit. Mit den Haftbefehlen müssen die mehr als 120 Mitgliedstaaten des Gerichts diese im Prinzip vollstrecken, sollte einer der Betroffenen in eines der Länder reisen. dpa

Allerdings widerrufen die deutschen Behörden seit Anfang Mai vermehrt schon erteilte Aufnahmezusagen. Dem Rechtsgutachten zufolge waren davon bis Ende Juni mehr als 250 Menschen betroffen. Elaha Rahim, die für „Kabul Luftbrücke“ aktuell in Islamabad im Einsatz ist, berichtete am Dienstag, allein seit Anfang Juli seien mehr als 30 Widerrufe hinzugekommen. Die Betroffenen erhalten eine E-Mail, Gründe erfahren sie nicht. Pro-Asyl-Rechtsexpertin Wiebke Judith kritisierte scharf, die Bundesregierung sei dabei, „sogar besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen im Stich zu lassen“. Die Regierung zeige eine „gefährliche Tendenz, vermeintlich störendes Recht schlicht zu ignorieren“. Die gestoppten Sicherheitsüberprüfungen müssten unverzüglich wieder aufgenommen und Visa erteilt werden, forderte sie.

Zwar hat die pakistanische Regierung die kürzlich erneut verschärfte Abschiebeandrohung gegen Afghan:innen bisher noch nicht voll umgesetzt. Es wird aber damit gerechnet, dass das ab Ende Juli geschieht, wenn der heilige Monat Muharram zu Ende geht. Wiebke Judith: „Die Zeit wird knapp.“

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