Humanitäre Notlage in Syrien

Aleppo: Angst vor Assads Bomben – Hunderttausende im Syrien fliehen

  • schließen

Die Truppen von Diktator Assad wurden aus Aleppo und Hama von Dschihadisten und Milizen verdrängt. Die Leiden der Zivilbevölkerung sind enorm.

Damaskus – Nach dem Aufflammen der Kämpfe im Bürgerkriegsland Syrien sind nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) vom Mittwoch (4. Dezember) mindestens 150.000 Menschen auf der Flucht. Der UN-Syrien-Beauftragte Gonzalo Vargas Llosa schrieb auf der Plattform X, die Zahl der Menschen, die wegen der Kämpfe in Aleppo und anderswo fliehen mussten, nehme rapide zu und würde höchstwahrscheinlich weiter steigen. Die Truppen des Diktators Baschar al-Assad zogen sich am Donnerstag aus der nächsten Großstadt Hama zurück. Die russische und die syrische Luftwaffe flogen Luftangriffe im Nordwesten des Landes.

Nach Angriffen auf Ziele in Aleppo steigt in der Stadt Rauch auf.

Kämpfe in Syrien und Krieg zwischen Hisbollah und Israel verschärfen Situation der Zivilbevölkerung

Am Wochenende nahm eine von der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) geführte Aufständischen-Allianz die Millionenstadt Aleppo, die zweitgrößte Stadt des Landes nach der Hauptstadt Damaskus, ein. An der Allianz ist der Financial Times zufolge auch die Syrische Nationalarmee (SNA), eine von der Türkei unterstützte und von Dschihadisten durchsetzte Rebellengruppe beteiligt. Die neuerlichen Kämpfe und der aktuell von einer Waffenruhe unterbrochene Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon verschärfen die Situation der Zivilbevölkerung massiv.

Schon vor Kämpfen um Aleppo: 70 Prozent der syrischen Zivilbevölkerung von humanitärer Hilfe abhängig

In Aleppo fanden viele Binnenflüchtlinge Unterschlupf. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gibt es innerhalb Syriens seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 etwa 7,2 Millionen Binnenvertriebene, 70 Prozent der Bevölkerung seien von humanitärer Hilfe abhängig. Nach EU-Angaben lebten 2022 etwa 1,2 Millionen Binnenvertriebene in der Region Aleppo, die im Norden an die Türkei grenzt. UN-Angaben zufolge flohen bereits vor den Kämpfen um Aleppo über 220.000 Menschen aus dem Libanon nach Syrien – 80 Prozent von ihnen sollen Syrer sein und in die nun wieder umkämpften Regionen geflohen sein. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge flohen zu Beginn der Kämpfe bereits Tausende nach Süden in Richtung Damaskus und an die Mittelmeerküste des Landes.

UN untersucht Angriffe auf Zivilisten – Hilfslieferungen aus der Türkei nach Syrien stehen still

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) erklärte am Montag (3. Dezember), dass es bereits mehrere Vorfälle untersuche, die es für Angriffe auf Zivilisten hält. So etwa einen Angriff der Islamisten auf ein Studentenwohnheim der Universität Aleppo oder Luftangriffe des Assad-Regimes in der von der HTS kontrollierten Stadt Idlib. Dort, erklärte ein OHCHR-Sprecher, sei die UN-Organisation auch noch in Erstaufnahmelagern für Geflohene aktiv. Die von der türkischen Stadt Gaziantep (kurdisch: Dîlok) aus gesteuerten Hilfslieferungen hingegen wegen der Sicherheitslage ausgesetzt. Doch die Situation sei „fluide und ändere sich ständig“, sagte der Sprecher.

Vor Kämpfen in Aleppo: Syrer aus dem Libanon flohen in ihr Heimatland

Bereits vor dem Aufflammen der Kämpfe in Syrien war Idlib einem Bericht der Deutschen Welle zufolge das Hauptziel, der aus dem Libanon fliehenden Syrer, die Repressalien durch das Assad-Regime fürchteten. Dem Bericht zufolge müssten aus Syrien Geflohene teils Inhaftierung durch das Regime in Syrien befürchten. Demnach wurde Anfang Oktober bereits von Verhaftungen junger Syrer, die vor dem Krieg im Libanon nach Damaskus geflohen seien, berichtete.

Von der Türkei unterstützte Miliz besetzt Stadt in Syrien – Bilder zeigen Fliehende

Bereits am Sonntag (1. Dezember) berichteten das kurdische Medium ANF und türkische Staatsmedien übereinstimmend, dass die Stadt Tel Rifaat von Kräften, der von der Türkei unterstützten, SNA eingenommen worden 20.000 Einwohner und zahlreiche Binnenvertriebene würden ANF zufolge seit Montag (2. Dezember) aus der Stadt evakuiert. Bilder des Senders Euronews sollen Fliehende aus Tel Rifaat im etwa 180 Kilometer entfernten Rakka zeigen. Die Nachrichtenagentur Reuters sagte ANF 2018 eine „Nähe“ zur in Deutschland und der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nach.

Bevölkerung fürchtet Assads Bomben – Iran schickt „Schlächter von Aleppo“ nach Syrien

Im von der islamistischen HTS-Miliz besetzten Aleppo fürchtete die Zivilbevölkerung einem Bericht der britischen BBC zufolge derweil vor allem die Bomben russischer und syrischer Kampfjets. Während des Bürgerkrieges ließ Assad 2016 bereits weite Teile der Stadt zerbomben. Zusätzlich würden viele Bewohner dem, im Vergleich zum Islamischen Staat, gemäßigteren Auftreten der Dschihadisten nicht vertrauen.

Der Organisation Human Rights Watch (HRW) zufolge haben sowohl die HTS als auch die von der Türkei unterstützte SNA systematisch Menschenrechte gebrochen und ihre Gegner gefoltert, missbraucht oder getötet. Am Donnerstagnachmittag (5. Dezember) verkündete ein Kommandeur der HTS, dass die Gruppe als Nächstes die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt Homs angreifen wolle.

Diktator Assad bekam derweil Unterstützung vom mit ihm verbündeten Regime im Iran. Es entsandte General Dschawad Ghafari, der wegen seiner Brutalität bei der Rückeroberung Aleppos im Jahr 2016 als „Schlächter von Aleppo“ bekannt wurde. Ghafari soll Assads Militär bei der Gegenoffensive beraten. (kb mit dpa)

Rubriklistenbild: © Anas Alkharboutli/dpa

Kommentare