- VonMax Nebelschließen
Putin besucht Anchorage erstmalig. Trump will Frieden schaffen – allerdings ist die Stadt skeptisch, ob das Treffen Erfolg haben wird.
Anchorage – Anchorage, die größte Stadt Alaskas, steht vor einem Ereignis, das in der jüngeren Geschichte der Region seinesgleichen sucht: Am Freitag treffen sich US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin auf dem streng gesicherten Joint Base Elmendorf-Richardson, um über ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs zu beraten – allerdings ohne den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Tisch. Für viele Einheimische ist die Lage zwiespältig: Zwischen der Freude über internationale Aufmerksamkeit, Furcht vor politischen Fehltritten und einer ordentlichen Portion Humor schwankt die Stimmung in der nördlichsten Metropole der USA.
Anchorage vor dem Trump-Putin-Gipfel zum Ukraine-Krieg
Denn: Während Washington, Moskau und europäische Hauptstädte fieberhaft die diplomatischen Fäden ziehen, genießen die Menschen in Anchorage die letzten warmen Sommertage. Es ist Hochsaison für Lachsfang und Beerenernte – und viele Alaskaner wollen sich davon nicht einmal von einem historischen Gipfeltreffen abhalten lassen.
„Ich freue mich darauf, mein Boot im Prince William Sound ins Wasser zu lassen – das ist mein Plan“, sagt Andy Moderow von einer örtlichen Naturschutzorganisation gegenüber The Guardian. Andere formulieren es direkter: „Sie sollen bloß nicht meine Pläne versauen.“
Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern




Gespräch zwischen Trump und Putin: Symbolträchtiger Ort in Alaska mit imperialer Vergangenheit
Dass der Gipfel ausgerechnet in Alaska stattfindet, ist kein Zufall. Für Moskau bietet der Bundesstaat gleich mehrere Vorteile: geografische Nähe – nur 90 Kilometer trennen Alaska von Sibirien – und vor allem historische Symbolkraft. Von 1799 bis 1867 gehörte „Russisch-Amerika“ zum Zarenreich, bis es nach dem teuren und verlustreichen Krimkrieg für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauft wurde.
Diese Vergangenheit hat der Kreml zuletzt immer wieder propagandistisch aufgegriffen. Russische Politiker wie Dmitri Medwedew oder Propagandisten wie Olga Skabeyeva erklärten, Alaska sei „historisches russisches Land“, das eines Tages zurückgeholt werden könne, berichtet der Kyiv Independent. Schon 2022 tauchten in russischen Städten Plakatwände mit dem Slogan „Alaska ist unser“ auf. Historiker verweisen zwar darauf, dass es sich um innenpolitisch motivierte Rhetorik handelt, doch das Timing – unmittelbar vor einem Gipfel in Anchorage – sorgt in den USA für Misstrauen.
Proteste und Gebete in Anchorage – eine Stadt im Ausnahmezustand
Die Ankunft Putins löst in Anchorage nicht nur Neugier, sondern auch massiven Protest aus. Entlang der Zufahrtsstraßen wehen ukrainische Fahnen, Plakate fordern: „Kein Deal ohne Kiew“. Hanna Correa, eine 40-jährige Ukrainerin, die 2019 in die USA zog, zeigt sich, wie bbc.com sie zitiert, bewegt über die Solidarität der Anwesenden: „Als ich die vielen Amerikaner mit ihren Fahnen sah, musste ich weinen.“ Sie kritisiert scharf, dass Selenskyj nicht eingeladen wurde.
Gleichzeitig bereitet sich die St. Tikhon Orthodox Church mit mehrtägigen Gebeten auf das Treffen vor. Priester Nicholas Cragle, der sieben Jahre in Russland lebte, beschreibt die Situation, ebenfalls laut bbc.com, als „schmerzhaft und nah am Herzen“ seiner Gemeinde.
Doch nicht alle sehen den Gipfel kritisch. Fischer Don Cressley aus North Pole, der zum Angeln in Anchorage ist, wünscht sich schlicht ein baldiges Ende des Krieges: „Trump macht einen großartigen Job. Ich hoffe, dass das hier bald vorbei ist.“ Gouverneur Mike Dunleavy verteidigt die Begegnung als notwendige Gelegenheit für direkte Gespräche und betont gegenüber Sky News: „Es ist schwierig, solche Kriege zu lösen, ohne dass sich die Beteiligten zusammensetzen.“
Alaska – Von „Russisch-Amerika“ zum Schauplatz des Ukraine-Friedensgipfels
| Jahr/Datum | Ereignis | Bedeutung für Alaska / den Gipfel |
|---|---|---|
| 1799 | Gründung der „Russisch-Amerikanischen Kompanie“ | Beginn der russischen Kolonialverwaltung in Alaska |
| 1867 | Verkauf Alaskas an die USA für 7,2 Mio. Dollar | Symbolischer Bezugspunkt für heutige russische Rhetorik |
| 1959 | Alaska wird 49. US-Bundesstaat | Fester Bestandteil der US-Strategie im Pazifikraum |
| 2017 | Zwischenstopp von Xi Jinping in Anchorage | Beleg für Alaskas Rolle bei hochrangiger Diplomatie |
| 2022 | Russische Propaganda fordert offen „Alaska ist unser“ | Wiederaufleben imperialer Narrative |
| 2023 | Internationaler Haftbefehl gegen Wladimir Putin | Erschwert Reisen in viele westliche Länder |
| 15. August 2025 | Trump-Putin-Gipfel auf Joint Base Elmendorf-Richardson | Diskussion über Ukraine-Krieg, ohne Teilnahme der ukrainischen Seite |
Quellen: Euronews, Kyiv Independent, Al Jazeera, The Guardian, Washington Post.
Politisches Kalkül und heikle Vorschläge: Putin und Trump sprechen über Ukraine-Krieg
Hinter den Kulissen werden brisante Szenarien diskutiert. Laut Washington Post könnte Putin fordern, dass die Ukraine ihre Truppen aus den teilweise besetzten Regionen Donezk und Luhansk abzieht – ohne im Gegenzug Gebiete wie Cherson oder Saporischschja aufzugeben. Selenskyj hat jegliche Gebietsabtretung strikt ausgeschlossen, da dies verfassungswidrig wäre.
Trump hingegen hat das Treffen als „Fühltermin“ bezeichnet. Er wolle schon „nach zwei Minuten“ wissen, ob ein Deal möglich sei. Gleichzeitig hat er in der Vergangenheit wiederholt angedeutet, Landtausch-Modelle zu erwägen – eine Vorstellung, die in Kiew und europäischen Hauptstädten Alarm auslöst. Beobachter warnen, Putin könne Trump einen scheinbaren Friedenserfolg präsentieren, der in Wirklichkeit Moskaus territoriale Gewinne zementiert.
Zwischen Alltagsleben und Weltpolitik: Putin in Anchorage wenig willkommen
Trotz der geopolitischen Brisanz verliert Anchorage seinen typischen Humor nicht. Lokale Medien scherzen über alternative Gipfelorte – von Sarah Palins Wohnzimmer bis zu einer Wanderung auf den Flattop Mountain. Selbst ironische Bitten, schreibt The Guardian, wie „Bitte verkaufen Sie uns nicht zurück“ machen die Runde, in Erinnerung an den Verkauf von 1867.
Doch hinter den Witzen bleibt die Sorge, dass dieser Gipfel Geschichte schreiben könnte – nicht unbedingt im Sinne der Ukrainer oder westlicher Verbündeter. „Putin wird hier fünf Meilen entfernt sein. Er ist nicht willkommen“, sagt die Aktivistin Meg Leonard gegenüber Sky News. Und Veteran Christopher Kelliher bringt es aus seiner Sicht auf den Punkt: „Putin sollte nicht in unserem Staat sein, geschweige denn in unserem Land.“
Trump und Putin, aber kein Selenskyj: Ein Ukraine-Krieg-Gipfel mit ungewissem Ausgang
Das Treffen in Anchorage ist das erste direkte Aufeinandertreffen beider Präsidenten auf US-Boden außerhalb der UNO seit 2007. Für Putin bedeutet es ein symbolisches Ende seiner diplomatischen Isolation, für Trump womöglich die Chance, sich als Friedensstifter zu inszenieren – und vielleicht seiner erklärten Sehnsucht nach einem Nobelpreis näherzukommen.
Doch der Ausgang ist ungewiss. Die Ukraine bleibt, obwohl es doch um den Ukraine-Krieg geht, außen vor, Europa warnt vor einem übereilten Deal, und die Bevölkerung Alaskas schwankt zwischen Stolz, Skepsis und dem Drang, das Beste aus den letzten Sommertagen zu machen. Und so wird Anchorage an diesem Freitag nicht nur Schauplatz großer Weltpolitik – sondern auch ein Ort, an dem sich zeigt, wie eng lokale Lebensrealität und globale Konflikte miteinander verknüpft sind. Für Irritation sorgte indes bereits am Freitagmittag Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der bei seiner Ankunft ein provokantes T-Shirt trug. (chnnn)
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