VonStephanie Munkschließen
Die Ukraine macht bei ihrer Gegenoffensive weitere Erfolge. Doch ein großer Durchbruch im Ukraine-Krieg bleibt aus. Das könnte sich bald ändern.
Kiew - Russland kämpft mit innenpolitischen Turbulenzen - seit dem Wagner-Aufstand vom vergangenen Wochenende scheinen sich Risse im Kreml-Regime aufzutun. Die Ukraine fährt derweil weiter unbeirrt mit ihrer Gegenoffensive im Ukraine-Krieg fort. Und macht dabei offenbar weitere kleine Fortschritte.
Die ukrainische Armee habe weitere 17 Quadratkilometer befreit, verkündete Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maliar in den sozialen Medien. Das US-amerikanische Institute for the Study of War meldet außerdem, dass die Ukraine am Mittwoch (27. Juni) an mehreren Frontabschnitten Angriffe gestartet habe: in Richtung Bachmut, entlang der Grenze der Regionen West-Donezk und Ost-Saporischschja sowie im Westen von Saporischschja. Laut dem russischen Verteidigungsministerium solle es zudem ukrainische Angriffe südlich von Kreminna gegeben haben.
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Bisherige Ergebnisse nur „Vorschau“
Bei ihrer Gegenoffensive hat die ukrainische Armee bisher offenbar acht Dörfer und rund 100 Quadratkilometer besetztes Land befreit. Von einer groß angelegten Rückeroberung kann also keine Rede sein. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab vergangene Woche zu, dass die Gegenoffensive langsamer verlaufe als geplant.
Der ukrainischen Verteidigungsminister Oleksej Resnikow wandte sich jetzt aber kämpferisch an alle, die am Erfolg der Gegenoffensive zweifeln. Die relativ bescheidenen Gewinne seien lediglich eine „Vorschau“, auf das, was im Ukraine-Krieg noch komme, sagte er der Financial Times.
Russland müsse sich auf einen noch viel größeren Vorstoß einstellen. „Wenn es passiert, werdet ihr es alle sehen“, kündigte der ukrainische Politiker selbstbewusst an. „Sobald es heiß hergeht, werden wir sehen, wie widerstandsfähig sie sind“, sagte er mit Blick auf die russische Armee.
Wichtige Ukraine-Brigade offenbar noch nicht bei Gegenoffensive dabei
Der ukrainische Verteidigungsminister erklärte, dass die Ukraine wichtige Truppen noch gar nicht bei der Gegenoffensive einsetze. Noch in Reserve habe man zum Beispiel die meisten der Brigaden, die kürzlich im Westen an hochmodernen Panzern und Waffen ausgebildet worden war. Insgesamt wurden rund 40.000 ukrainische Soldaten in den Ländern der westlichen Unterstützer trainiert, auch in Deutschland.
Die geografischen Gegebenheiten sind bei der aktuellen Gegenoffensive offenbar ungünstiger als bei der erfolgreichen Rückeroberung vieler besetzter Gebiete im vergangenen Herbst. Die flachen Felder im Südosten der Ukraine bieten den Ukrainern wenige Möglichkeiten, sich zu verstecken. Die russischen Soldaten hatten hingegen Zeit, großangelegte Verteidigungsanlagen mit Minenfeldern und ausgedehnten Schützengräbern anzulegen.
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Kleine Nadelstiche, die kulminieren
Dennoch kündigte auch der bekannte ukrainische Militärexperte Ilia Ponomarenko an, dass ein großer Coup der Ukraine bei ihrer Gegenoffensive noch bevorstehe: „All die kleineren Nadelstiche, die gerade gesetzt werden, kulminieren irgendwann und dann werden wir den ganz großen Durchbruch sehr plötzlich sehen“, sagt er in einem Interview mit der Welt voraus. Derzeit sei die Ukraine immer noch in der Vorbereitungs- und Explorationsphase der Offensive.
Wagner-Aufstand in Russland wirke wie ein Schneeball, der größer wird
Verteidigungsminister Resnikow erklärte zudem, der Aufstand der Wagner-Gruppe werde der Ukraine langfristig in die Hände spielen. Wladimir Putins Regime habe sich als grundlegend geschwächt offenbart. Die Erosion des selbstzerstörerischen russischen Regimes hat laut Resnikow gerade erst begonnen.
„Es ist wie ein Schneeball“, glaubt er. „Je größer er wird, desto schneller rollt er.“ Diese Einschätzung teilt auch Kanzler Olaf Scholz (SPD): „Ich glaube, dass Putin geschwächt ist“, sagte er am Mittwoch (28. Juni) bei „Maischberger“. Er erwarte durch den Wagner-Putsch auch langfristige innenpolitische Auswirkungen auf Russland.
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




Ukraine dürfe sich im Ukraine-Krieg nicht auf Putins Schwäche verlassen
Resnikow warnte jedoch davor, sich darauf zu verlassen, dass das russische Regime von alleine erodiert. An der Front im Ukraine-Krieg dürfe die ukrainische Armee nicht auf weitere „Meutereien und Unruhen“ innerhalb Russlands setzen. Für einen schon recht baldigen Kollaps der Moral der russischen Armee gebe es keine Anzeichen, so Resnikow.
Die Ukraine müsse stattdessen auf ihre eigene Kraft vertrauen, sowie auf die Waffenlieferungen aus dem Westen. Diese Faktoren seien „vorhersehbarer“ als eventuelle Risse in den Machstrukturen in Russland. (smu)
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