„Wie ein Schneeball“

„Dann werdet ihr es sehen“: Ukraine-Gegenoffensive läuft - Minister verspricht noch mehr

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Die Ukraine macht bei ihrer Gegenoffensive weitere Erfolge. Doch ein großer Durchbruch im Ukraine-Krieg bleibt aus. Das könnte sich bald ändern.

Kiew - Russland kämpft mit innenpolitischen Turbulenzen - seit dem Wagner-Aufstand vom vergangenen Wochenende scheinen sich Risse im Kreml-Regime aufzutun. Die Ukraine fährt derweil weiter unbeirrt mit ihrer Gegenoffensive im Ukraine-Krieg fort. Und macht dabei offenbar weitere kleine Fortschritte.

Die ukrainische Armee habe weitere 17 Quadratkilometer befreit, verkündete Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maliar in den sozialen Medien. Das US-amerikanische Institute for the Study of War meldet außerdem, dass die Ukraine am Mittwoch (27. Juni) an mehreren Frontabschnitten Angriffe gestartet habe: in Richtung Bachmut, entlang der Grenze der Regionen West-Donezk und Ost-Saporischschja sowie im Westen von Saporischschja. Laut dem russischen Verteidigungsministerium solle es zudem ukrainische Angriffe südlich von Kreminna gegeben haben.

Ukrainische Soldaten am 25. Juni in der Region Donezk. Die Gegenoffensive im Ukraine-Krieg scheint gerade erst anzulaufen.

Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Bisherige Ergebnisse nur „Vorschau“

Bei ihrer Gegenoffensive hat die ukrainische Armee bisher offenbar acht Dörfer und rund 100 Quadratkilometer besetztes Land befreit. Von einer groß angelegten Rückeroberung kann also keine Rede sein. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab vergangene Woche zu, dass die Gegenoffensive langsamer verlaufe als geplant.

Der ukrainischen Verteidigungsminister Oleksej Resnikow wandte sich jetzt aber kämpferisch an alle, die am Erfolg der Gegenoffensive zweifeln. Die relativ bescheidenen Gewinne seien lediglich eine „Vorschau“, auf das, was im Ukraine-Krieg noch komme, sagte er der Financial Times.

Russland müsse sich auf einen noch viel größeren Vorstoß einstellen. „Wenn es passiert, werdet ihr es alle sehen“, kündigte der ukrainische Politiker selbstbewusst an. „Sobald es heiß hergeht, werden wir sehen, wie widerstandsfähig sie sind“, sagte er mit Blick auf die russische Armee.

Wichtige Ukraine-Brigade offenbar noch nicht bei Gegenoffensive dabei

Der ukrainische Verteidigungsminister erklärte, dass die Ukraine wichtige Truppen noch gar nicht bei der Gegenoffensive einsetze. Noch in Reserve habe man zum Beispiel die meisten der Brigaden, die kürzlich im Westen an hochmodernen Panzern und Waffen ausgebildet worden war. Insgesamt wurden rund 40.000 ukrainische Soldaten in den Ländern der westlichen Unterstützer trainiert, auch in Deutschland.

Die geografischen Gegebenheiten sind bei der aktuellen Gegenoffensive offenbar ungünstiger als bei der erfolgreichen Rückeroberung vieler besetzter Gebiete im vergangenen Herbst. Die flachen Felder im Südosten der Ukraine bieten den Ukrainern wenige Möglichkeiten, sich zu verstecken. Die russischen Soldaten hatten hingegen Zeit, großangelegte Verteidigungsanlagen mit Minenfeldern und ausgedehnten Schützengräbern anzulegen.

Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Kleine Nadelstiche, die kulminieren

Dennoch kündigte auch der bekannte ukrainische Militärexperte Ilia Ponomarenko an, dass ein großer Coup der Ukraine bei ihrer Gegenoffensive noch bevorstehe: „All die kleineren Nadelstiche, die gerade gesetzt werden, kulminieren irgendwann und dann werden wir den ganz großen Durchbruch sehr plötzlich sehen“, sagt er in einem Interview mit der Welt voraus. Derzeit sei die Ukraine immer noch in der Vorbereitungs- und Explorationsphase der Offensive.

Wagner-Aufstand in Russland wirke wie ein Schneeball, der größer wird

Verteidigungsminister Resnikow erklärte zudem, der Aufstand der Wagner-Gruppe werde der Ukraine langfristig in die Hände spielen. Wladimir Putins Regime habe sich als grundlegend geschwächt offenbart. Die Erosion des selbstzerstörerischen russischen Regimes hat laut Resnikow gerade erst begonnen.

„Es ist wie ein Schneeball“, glaubt er. „Je größer er wird, desto schneller rollt er.“ Diese Einschätzung teilt auch Kanzler Olaf Scholz (SPD): „Ich glaube, dass Putin geschwächt ist“, sagte er am Mittwoch (28. Juni) bei „Maischberger“. Er erwarte durch den Wagner-Putsch auch langfristige innenpolitische Auswirkungen auf Russland.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Ukraine dürfe sich im Ukraine-Krieg nicht auf Putins Schwäche verlassen

Resnikow warnte jedoch davor, sich darauf zu verlassen, dass das russische Regime von alleine erodiert. An der Front im Ukraine-Krieg dürfe die ukrainische Armee nicht auf weitere „Meutereien und Unruhen“ innerhalb Russlands setzen. Für einen schon recht baldigen Kollaps der Moral der russischen Armee gebe es keine Anzeichen, so Resnikow.

Die Ukraine müsse stattdessen auf ihre eigene Kraft vertrauen, sowie auf die Waffenlieferungen aus dem Westen. Diese Faktoren seien „vorhersehbarer“ als eventuelle Risse in den Machstrukturen in Russland. (smu)

Rubriklistenbild: © Genya Savilov/AFP

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