VonPatrick Mayerschließen
Die Sprengung des Kachowka-Staudamms dominiert die Schlagzeilen über den Ukraine-Krieg. Ein Experte ordnet ein, warum sich Russlands Armee wohl ein Riesen-Problem geschaffen hat. Selbst auf der Krim.
München/Kachowka/Krim – Zehntausende Menschen sind auf der Flucht vor den Wassermassen: Die mutmaßliche Sprengung des Kachowka-Staudamms durch Russland hat eine riesige humanitäre sowie ökologische Katastrophe in der Oblast Cherson ausgelöst, und das mitten in den Kämpfen des Ukraine-Kriegs.
Sprengung des Kachowka-Staudamms: Wasserversorgung russischer Truppen in Gefahr?
Die Konsequenzen lassen sich erst nach und nach absehen, etwa was die Kühlung des Atomkraftwerks (AKW) Saporischschja betrifft. 600 Quadratkilometer Land waren Stand Donnerstagabend (8. Juni, 19 Uhr) nach ukrainischen Angaben überflutet. Wirkt sich die Sprengung aber nicht nur auf die Region Cherson im Süden der Ukraine aus, sondern auch auf der Krim im Schwarzen Meer?
Laut einem Experten könnte die Wasserversorgung der russischen Truppen auf der Schwarzmeer-Halbinsel jetzt massiv beeinträchtigt sein.
„Nachdem die Ukraine nach 2014 (nach der Annexion der Krim durch Moskau, d. Red.) den Nord-Krim-Kanal geschlossen und damit die Wasserversorgung unterbunden hatte, führte dies besonders im Dürrejahr 2020 auf der Krim zu einem bedrohlichen Wassermangel“, erklärt Dr. Klaus Gestwa IPPEN.MEDIA: „Das unterstrich die Verwundbarkeit der von Russland annektierten Halbinsel.“ Historiker Gestwa ist an der Uni Tübingen Experte für die Geschichte Osteuropas. So studierte der 60-jährige Wissenschaftler etwa in Moskau und Sankt Petersburg. Auch heute, in den Wirren des Krieges, hält er informelle Kontakte zu Bekannten in Russland. Das durch Selbstverschulden die ganze Krim riskiert?
Sprengung des Kachowka-Staudamms: Nord-Krim-Kanal massiv betroffen
Zur Einordnung: Der Nord-Krim-Kanal beginnt just bei Nowa Kachowka am zum Kachowkaer Stausee angestauten Fluss Dnepr (Dnipro). Genau dort also, wo der Stausee-Damm mutmaßlich gesprengt wurde - offenbar ohne Rücksicht auf eigene russische Truppen. Der Kanal verläuft in seiner Folge, die durch die Überschwemmungen völlig außer Kraft gesetzt ist, durch die Oblast Cherson hindurch in Richtung Süden und über die Landenge von Perekop durch den Norden der Krim über Sowjetskyj bis nach Kertsch im Osten der Halbinsel. Heißt: Die Infrastruktur großer Teile der Krim wird mit dem Wasser des Kanals versorgt. Eigentlich.
Nord-Krim-Kanal: Fließt jetzt verschmutztes Wasser auf die Krim?
„Die Halbinsel ist im Schwarzen Meer nur mit dem ukrainischen Festland direkt verbunden. Im Unterlauf des Dnipro entstand damals das große Wasserkraftwerk Kachowka zusammen mit dem riesigen Stausee, an dessen Ufer heute Europas größtes Atomkraftwerk Saporischschja liegt“, erklärt Gestwa die Bedeutung des Kanals für das Leben auf der Krim.
Und weiter: „Von diesem Ende der 1950er Jahre fertiggestellten sogenannten ‚Kosakenmeer‘ zweigt der nach 1961 angelegte Nord-Krim-Kanal ab, der die gesamte Halbinsel mit dem für Landwirtschaft und Industrie sowie für die Kommunalwirtschaft (zum Beispiel Trinkwasser, d. Red.) und den Tourismus notwendigen Wasser versorgt.“ Im Krieg hatten russische Truppen die Regulierung des Kanals unter ihre Kontrolle gebracht. Die nun völlig hinfällig ist? Samt verschmutztem Wasser?
Es gibt wohl einen weiteren Effekt: Laut Gestwas Quellen sei die russische Bevölkerung wegen der historischen Bedeutung der Halbinsel stets verunsichert, wenn - trotz der Nachrichtensperre - negative Neuigkeiten von der Krim die russischen Städte zwischen dem nahen Rostow am Don sowie den riesigen Millionen-Metropolen Moskau und Sankt Petersburg erreichen.
Geht der Krim das Wasser aus? Experte wähnt Beunruhigung in Russland
„Sewastopol ist schon im November 2022 und erneut im März 2023 mit Drohnen sowie Raketen seitens der Ukraine angegriffen worden. Kürzlich ist dort ein militärisch wichtiges Treibstofflager in Brand geschossen worden. Im September 2022 wurden bei einem Angriff auf einen Militärflugplatz sogar mehrere russische Kampfjets zerstört“, zählt der Osteuropa-Experte im Gespräch mit IPPEN.MEDIA auf: „Kurz darauf kam es zur Explosion auf der Krim-Brücke, die Putin 2018 persönlich eingeweiht hatte. Diese ukrainischen Militärschläge erwiesen sich für die russische Seite als empfindliche Hinweise darauf, dass sich die Dynamik des Kriegs längst gedreht hat und der russische Aggressor in die Defensive gedrängt worden ist.“ (pm)
Rubriklistenbild: © IMAGO / ITAR-TASS


