China und Nordkorea erzürnt

„Historischer“ Gipfel in Camp David: Steuern Japan, Südkorea und die USA auf eine „asiatische Nato“ zu?

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Am G7-Gipfel in Hiroshima im Mai kamen Joe Biden, Fumio Kishida und Yoon Suk-yeol zusammen.
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„Spektakuläre“ Premiere: Am Freitag treffen sich die Staats- und Regierungschefs von Japan, Südkorea und den USA erstmals zu einem Dreiergipfel. China und Nordkorea kritisieren die neue Allianz.

München – Wenn es um die großen Fragen der Weltpolitik geht, laden amerikanische Präsidenten gerne nach Camp David. Auf dem Landsitz im US-Bundesstaat Maryland fanden in den 70-ern die verfeindeten Nachbarländer Israel und Ägypten zueinander und versuchte Bill Clinton Jahre später Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu stiften. An diesem historischen Ort wird Joe Biden nun erstmals die Staats- beziehungsweise Regierungschefs von Südkorea und Japan empfangen, zweier Länder, die die Amerikaner bislang „kaum dazu bringen konnten, sich mit uns in einem Raum zu treffen“, wie Dennis Wilder sagt, der einst für George W. Bush die Beziehungen zu den beiden Staaten pflegte. Dass es jetzt zu einem ersten Dreiergipfel komme, sei „spektakulär“, schreibt Wilder auf der Plattform X, die bislang als Twitter bekannt war.

Die USA, Japan und Südkorea nähern sich seit Monaten immer weiter an, Beobachter sprechen bereits von einer „neuen Nato“, die im Entstehen sei. Dass am Freitag nun das Dreiertreffen stattfindet, ist eine diplomatische Meisterleistung der Biden-Regierung. Denn Südkorea und Japan trennt mindestens so viel, wie sie eint. Vor allem die düsteren Kapitel der gemeinsamen Geschichte belastet die Beziehungen zwischen Seoul und Tokio. Japan hielt Korea von 1910 bis 1945 besetzt, viele Südkoreanerinnen wurden als Sexsklavinnen missbraucht, Menschen zu Zwangsarbeit verpflichtet. Seine Rolle als Kolonialmacht hat Tokio nie wirklich aufgearbeitet, was bis heute zu Unmut in der Bevölkerung Südkoreas führt.

Südkorea und Japan gehen wieder aufeinander zu

Seit im vergangenen Jahr aber der Konservative Yoon Suk-yeol neuer Präsident Südkoreas wurde, scheinen viele Hürden plötzlich überwindbar. Im März etwa wurde ein Kompromiss gefunden, wie Opfer der japanischen Kolonialherrschaft entschädigt werden sollen. Zur selben Zeit reiste Yoon als erster südkoreanischer Präsident seit zwölf Jahren nach Tokio, im Mai kam Japans ebenfalls konservativer Ministerpräsident Fumio Kishida zum Gegenbesuch nach Seoul. Und als Südkorea diese Woche dem Ende der japanischen Besatzung gedachte, nannte Yoon das Nachbarland einen „Partner“, der dieselben Werte teile wie man selbst. Nicht einmal, dass Kishida unlängst eine Opfergabe an den Yasukuni-Schrein schickte, an dem auch japanische Kriegsverbrecher geehrt werden, wollte Yoon kritisieren.

Washington, das mit beiden Ländern seit den frühen 50er-Jahren durch Abkommen zur gegenseitigen Sicherheit und Verteidigung verbunden ist, hat diese Annäherung stets gefördert; im April empfing Biden Yoon in Washington zu einem seltenen Staatsbesuch. US-Außenminister Antony Blinken nannte den Gipfel vom Freitag im Vorfeld denn auch „historisch“: „Die Stärkung unserer trilateralen Zusammenarbeit ist von entscheidender Bedeutung, um etwas für unsere Menschen, die Region und die Welt zu erreichen“, sagte Blinken am Dienstag, nach einem virtuellen Vorabtreffen mit seinen Amtskollegen aus Südkorea und Japan. Welche konkreten Resultate das Treffen in Camp David – wo Biden erstmals seit Amtsantritt ausländische Staatsgäste empfängt – bringen wird, ist indes noch offen.

China und Nordkorea warnen vor neuem Bündnis in Asien

Daniel R. Depetris von der australischen Denkfabrik Lowy Institute nennt eine gemeinsame Hotline zur Krisenkommunikation, regelmäßige gemeinsame Militärmanöver und jährliche Treffen der drei Staats- beziehungsweise Regierungschefs als mögliche Ergebnisse des Gipfels. „Das mag zwar nicht revolutionär klingen, doch hätte man sich ein ähnliches Paket von Vereinbarungen noch vor einem Jahr kaum vorstellen können“, schreibt Depetris. Unwahrscheinlich ist indes, dass sich Japan, Südkorea und die USA auf eine Verpflichtung zur gegenseitigen Verteidigung, wie sie etwa Artikel 5 des Nato-Vertrags vorsieht, einigen werden. Auch ein Verbindungsbüro der Nato in Tokio scheint derzeit vom Tisch.

Gründe für eine verstärkte Zusammenarbeit gibt es aus Sicht der drei Staaten indes viele. Seoul treibt vor allem die Sorge vor einem nuklear hochgerüsteten Nordkorea um. Diktator Kim Jong-un tritt zunehmend aggressiv auf, testet immer neue Interkontinentalraketen, die teils auch die USA erreichen können, und ignoriert damit Beschlüsse der Vereinten Nationen. Ein erneuter Atomtest – es wäre der erste seit 2017 – ist Beobachtern zufolge nur noch eine Frage der Zeit. Seinem Erzfeind USA warf das abgeschottete Land kürzlich vor, eine „asiatische Version der Nato“ schaffen zu wollen, indem Washington enger mit Seoul und Tokio zusammenarbeite.

Auch in Peking blickt man auf die neue Nähe zwischen den ostasiatischen Nachbarstaaten und den USA mit Argwohn. „China wendet sich gegen die Bildung von ausgrenzenden Gruppierungen durch die betreffenden Länder und gegen Praktiken, die den Antagonismus verstärken und die strategische Sicherheit anderer Länder untergraben“, erklärte ein Außenamtssprecher Anfang der Woche. Bereits im Juli gingen in China Bemerkungen von Pekings Top-Diplomat Wang Yi viral, der Südkorea und Japan vorwarf, durch die Annäherung an die USA ihre gemeinsamen Wurzeln zu vergessen: „Egal, wie blond Sie Ihr Haar färben, wie scharf Sie Ihre Nase formen, Sie können nie ein Europäer oder Amerikaner werden, Sie können nie ein Westler werden“, erklärte Wang Diplomaten aus den beiden Ländern.

Japan: China ist „größte strategische Herausforderung“

Chinas Aufrüstung und sein zunehmend aggressives Gebaren in der Region dürften eines der Hauptthemen in Camp David sein. Japan hatte im Juli in einem Weißbuch zur Verteidigungspolitik erklärt, China stelle die „größte strategische Herausforderung“ für das Land dar. Auch deshalb wollen Japan und die USA offenbar gemeinsam moderne Raketen zum Abfangen von Hyperschallgeschossen entwickeln. Vor allem Pekings Drohungen, das demokratisch regierte Taiwan notfalls mit Gewalt mit dem Festland „wiedervereinigen“ zu wollen, sorgt für Unruhe. Die USA und ihre beiden ostasiatischen Verbündeten dürften deswegen am Freitag in einem gemeinsamen Statement eine friedliche Lösung der Taiwan-Frage fordern. Sollte China Taiwan tatsächlich angreifen, käme vor allem Japan aufgrund seiner geografischen Nähe zum Konfliktherd und weil hier mehrere Zehntausend US-Soldaten stationiert sind, eine strategisch entscheidene Rolle zu.

Fraglich ist, wie nachhaltig das neue Dreierbündnis ist. In den USA wird im kommenden Jahr möglicherweise mit Donald Trump ein Mann erneut Präsident, der wenig hält von Allianzen, bei denen für die Verbündeten mehr rausspringen kann als für ihn. Und sowohl Yoon Suk-yeol als auch Fumio Kishida wissen Umfragen zufolge derzeit keine Mehrheit in der eigenen Bevölkerung hinter sich. Am Ende, sagt Daniel R. Depetris vom Lowy Institute, könnte das Camp-David-Treffen gar das Gegenteil erreichen von dem, was Biden und seinen Gästen eigentlich vorschwebt. „Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den USA, Südkorea und Japan“, schreibt Depetris, „wird wahrscheinlich zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen China, Nordkorea und Russland führen.“ Was wiederum, in den Augen der USA und ihrer asiatischen Verbündeten, nur beweisen dürfte, wie dringend notwendig diese Zusammenarbeit ist.

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