Ukrainische Zukunftsvision: Ein Webcam-Bild zeigt Flammen und Rauch über der Kuppel des Kreml-Senatsgebäudes. Das Bild stammt vom Mai 2023. Der Kreml behauptet, dass ukrainische Drohnen eingeschlagen waren. Mittlerweile könnten die ukrainischen Drohnen tatsächlich so weit reichen.
Sie kann Marathon: die neu entwickelte Drohne mit dem Namen „Böse“. Dank ihres Erfindungsreichtums rückt die Ukraine Moskau in Reichweite ihrer Rache.
Kiew – Ulrike Franke könnte Recht behalten. „Die Ukraine ist in den letzten Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges zu einer Drohnenmacht geworden“, sagte Franke vom Thinktank European Council on Foreign Relations gegenüber dem ZDF. Und sie ist sich ziemlich sicher: „Es ist wahrscheinlich, dass die Ukraine aus diesem Krieg als wichtiges Drohnenhersteller-Land hervorgehen wird.“ Mit der Überwasser-Drohne Magura 5 waren die Verteidiger gegen Wladimir Putin schon beinahe zur Seemacht aufgestiegen, jetzt scheint ihr dieses Husarenstück auch in der Luft gelungen zu sein. Die neueste Innovation im Ukraine-Krieg heißt Liutyi (zu Deutsch etwa: „böse, kämpferisch“) und kann fliegen – und zwar richtig weit.
Den massiven ukrainischen Drohnenangriff Anfang März auf das Flugzeugwerk Berijew in Taganrog schreibt Russland schon diesem neuen ukrainischen Drohnentyp zu – was bedeuten würde, dass der mindestens 1000 Kilometer überwinden kann. Und das würde nicht nur den deutschen Taurus-Marschflugkörper mit seinen 500 Kilometern Reichweite um Längen übertreffen, sondern auch die ungefähr 200 Kilometer weit reichenden Storm-Shadow-Raketen in den Schatten stellen. Das hieße also, dass das Hickhack um deutsche Marschflugkörper ein Ende hätte, und die Ukraine den Krieg bis an Wladimir Putins Haustür zurücktragen könnte – aus eigenen Mitteln.
Das neue Marketing: Social-Media-Präsentation mit Katze und Zimmerpflanze
Ende vergangenen Jahres bereits hatte Mychajlo Fedorow der Euromaidan Press angekündigt, die Ukraine baue in diesem Jahr eine Armee von Tausenden von Drohnen mit Tiefenangriffsfähigkeit auf. Nach Angaben des ukrainischen Ministers für digitale Transformation konstruierten in der Ukraine inzwischen etwa zehn private Unternehmen Drohnen, die Moskau und St. Petersburg erreichen können. „Das ist eine preisgünstige Lösung, die von jedem Standort aus problemlos eingesetzt werden kann. Die Fernsteuerung minimiert den Bedarf an Personal und die Gefahr von menschlichen Verlusten in Kampfeinsätzen“, schwärmten die Entwickler der Seedrohne Magura 5 in dem ukrainischen Online-Magazin Militarnyi – die Ukraine hat ihrer Innovationskraft jetzt Flügel verliehen und projiziert eine ähnliche Billig-Lösung an den Himmel.
Details sind geheim, Ende 2023 hatte das ukrainische Unternehmen Ukroboronprom erstmals in sozialen Medien Behauptungen gestreut, dass eine entwickelte Kampfdrohne „eine Reihe erfolgreicher Testphasen“ durchlaufen habe. Damals tauchte auch ein Foto eines Modells auf der Facebook-Seite der stellvertretenden Ministerin für strategische Industrien, Anna Gvozdiar, auf– mit Katze und Zimmerpflanze, was dann viral ging.
3. Videos of attacks provide additional details. Most of the design features seen in the model are present. In addition, there appears to be winglets and a long pitot tube. There may be a pod under the nose (perhaps a camera). pic.twitter.com/Mkf480bzVq
Euromaidan Press berichtet, seit Anfang 2024 hab die Ukraine ihre neuen einheimischen unbemannten Langstrecken-Langstreckenflugzeuge „Liutyi“ schon massenhaft operativ eingesetzt für präzise Angriffe auf Ziele tief im Inneren Russlands. Dabei wurden mehr als ein Dutzend hochwertiger Industrieanlagen Russlands lahmgelegt, darunter Raffinerien, Öldepots und Fabriken – in einem Umkreis von 800 Kilometern um die Grenzen der Ukraine. Das Aussehen der Drohne erinnert entfernt an die israelische Heron, die auch die Bundeswehr zur Aufklärung einsetzt.
Die neue Marathon-Drohne: 75 Kilogramm Sprengstoff bis zu 1.000 Kilometer hinweg
Militarnyi schreibt, der Rumpf hat in Form eines integrierten zweistrahligen raketenförmigen Flugkörpers. Der Antrieb erfolgt durch einen Verbrennungsmotor mit einem im Heck befindlichen Schubpropeller. Diese Anordnung wurde wahrscheinlich gewählt, um das Gewicht so auszubalancieren, dass der Einbau eines schweren Sprengsatzes im Bug möglich ist – bis zu 75 Kilogramm Sprengstoff soll sie transportieren können. Die Drohne verfügt über ein festes Fahrwerk mit Rädern, was durch Beschleunigung auf der Landebahn den Einsatz eines klassischen Flugzeugstarts ermöglicht. Die relativ geringen Abmessungen des Flugzeugs ermöglichen es, nicht an Flugplätze gebunden zu sein und Starts insbesondere von Autobahnen mit festem Belag durchzuführen.
„Die neuen Drohnen-Streitkräfte sind keine Frage der Zukunft, sondern vielmehr etwas, das in naher Zukunft zu einem sehr konkreten Ergebnis führen sollte“
Die Maße sind unbekannt. Die Bauart mit dem langen, zweigeteilten Leitwerk erinnert an die Heron, die mit fast neun Metern Länge und fast 17 Metern Spannweite rund 250 Kilo Nutzlast transportiert – sie dürfte größer als die Liutyi sein. Die iranische Shahed-Drohne ist ein schmal bauender Deltaflügler mit bis zu 60 Kilogramm Tragfähigkeit und damit vergleichbar der neuen ukrainischen Drohne. Damit wäre Liutyi das erste ukrainische System, das in Bezug auf Nutzlast, Reichweite und autonomer Angriffsfähigkeit mit den Selbstmorddrohnen Shahed-136 des Iran vergleichbar ist, schreibt das Online-Magazin UAV. Militarnyi will aus eigenen Quellen erfahren haben, dass die ungefähren Kosten einer Liutyi-Drohne bei rund 93.000 Dollar liegen.
Über die Kosten einer Shahed-Drohne bestehen unterschiedliche Angaben zwischen 20.000 und bis zu 180.000 Euro. Die Liutyi macht den Krieg für die Ukraine insofern bezahlbar. Der Euromaidan Press sagte Digitalminister Mychajlo Fedorow, dass die meisten ukrainischen Hersteller private Unternehmen seien, im Gegensatz zur staatlich dominierten russischen Drohnenproduktion. Er teile die Einschätzung des Chefs des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Kyrylo Budanow, dass die Ukraine bei der Produktion von Langstreckendrohnen „eine gewisse Art von Parität“ mit Russland erreicht habe.
Die neue Start-up-Hype: Der Staat gibt Risikokapital für Drohnen-Ingenieure
Der Minister gab gegenüber Euromaidan Press an, dass im Jahr 2023 mehr als 300.000 Drohnen verschiedener Typen unter Vertrag genommen und mehr als 100.000 davon an die Front geschickt wurden. Die Ukraine hat die Steuern auf Komponenten erlassen, die Vertragsabwicklung vereinfacht und staatliche Monopole in der Munitions- und Artillerieproduktion abgeschafft, was Berichten zufolge das schnelle Wachstum der ukrainischen Drohnen-Industrie unterstützt habe. Der 33-jährige Digitalminister Fedorow steht im Mittelpunkt der ukrainischen Bemühungen, private militärische Start-ups zu fördern, um die Drohnen-Industrie aufzubauen, schrieb n-tv kürzlich. Die jüngste Angriffsserie auch mit der Liutyi-Drohne spiegele die Fortschritte der Regierung bei der Deregulierung des Drohnen-Marktes und der Aufstockung der Finanzmittel wider, sagte Fedorow. Der Staat trete in dem Bereich als Risikokapitalgeber auf.
Demnach wurden im vergangenen Jahr über eine Regierungsinitiative etwas mehr als Millionen Euro an Zuschüssen für Start-ups im militärischen Bereich eingesammelt. Der Betrag solle sich bis Ende 2024 etwa verzehnfachen, sagte der Minister. „Wir werden dafür kämpfen, die Finanzierung weiter zu erhöhen.“ Im Gegensatz dazu nimmt sich die russische Drohnen-Produktion bescheiden aus. Die Wirtschaftswoche hat Ende vergangenen Jahres über eine eigene russische Produktionsanlage geschrieben: Seit Herbst 2022 soll die in der Region Tatarstan stehen, etwa 1.000 Kilometer östlich von Moskau. „Dem Ziel, jährlich 6000 Drohnen in Russland herzustellen, ist Präsident Wladimir Putin damit einen großen Schritt nähergekommen“, schrieb die Wirtschaftswoche im Dezember.
Im Januar 2024 legte Moskau die Latte höher: Russland will bis 2030 mehr als 32.000 Drohnen pro Jahr produzieren; das sei fast das Dreifache der aktuellen Produktionsmenge, sagte der Erste Vizeministerpräsident Andrei Beloussow der staatlichen Nachrichtenagentur TASS zufolge. Obwohl der Ukraine-Krieg insofern als Katalysator neue Technologien hervorbringt, ist der Nutzen abhängig von einem hohen Maß organisatorischer Intelligenz und Flexibilität – auch da scheint die Ukraine den Russen eine Nasenlänge voraus zu sein.
Die neue Drohnen-Streitmacht Ukraine gründet Truppengattung Unmanned Systems Force
Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird die Drohnenarmee der Ukraine jetzt auch organisatorisch vollumfänglich in die Kommandostrukturen eingebettet werden. Die ukrainische Armee hat nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj die eigenständige Truppengattung Unmanned Systems Force (zu Deutsche „unbemannte Systeme“) per Dekret gegründet und die Erfolge gegen die Schwarzmeer-Flotte für seine Entscheidung angeführt. „Dank der Drohnen hat die Ukraine die Sicherheitslage im Schwarzen Meer wirklich verändert“, sagte Selenskyj. Durch den Einsatz der sogenannten Seedrohnen – unbemannte Boote mit großer Sprenglast – sei die russische Schwarzmeer-Flotte sowohl von der südukrainischen Küste als auch aus der Umgebung der Halbinsel Krim verdrängt worden.
Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands
„Dies ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der ukrainischen Armee“, sagt der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umerov anlässlich des Erlasses. Neue Technologien erforderten neue Ansätze, neue Doktrinen, andere Planungen und eine andere Führung als das klassische Feldheer, urteilt DefenceNetwork. „Die Liste der Aufgaben ist nun klar“, sagte Selenskyj laut der FAZ, „spezielle Stabsstellen für die Arbeit mit Drohnen, spezielle Einheiten, effektive Ausbildung, Systematisierung der Erfahrungen, ständige Skalierung der Produktion und Zusammenfassen der besten Ideen und der besten Spezialisten in diesem Bereich.“ Dies sei nun eine Aufgabe für die Armee, das Verteidigungsministerium und die Regierung als Ganzes.
Die neuen Drohnen-Streitkräfte seien ihm zufolge „keine Frage der Zukunft, sondern vielmehr etwas, das in naher Zukunft zu einem sehr konkreten Ergebnis führen sollte“. Womöglich der effektivsten Drohnenarmee der Welt. (Karsten Hinzmann)