Kosten für F-16-Kampfjet-Projekt der Ukraine explodieren – Oberst der USA warnt
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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16 Stunden schrauben für eine Stunde Flug: Das ukrainische F-16-Kampfjet-Projekt nimmt an Bedeutung zu – wichtige Fragen scheinen aber noch nicht beantwortet.
Amsterdam – „F-16-Piloten legen ihr Leben tatsächlich in die Hände der Soldaten, die das Flugzeug warten. Schon beim Abheben wissen sie, dass sie sich auf das Wissen und Können dieser Leute verlassen können und dass das Flugzeug in Ordnung ist“ – die niederländische Luftwaffe zitierte Ende Mai, was ein anonymer Soldat der Ukraine über die Bedeutung seiner Ausbildung gesagt hatte. Jetzt berichtet die European Prawda, dass aus Dänemark erste ausgebildete F-16-Kampfjet-Crews in den Ukraine-Krieg abrücken werden.
Dänemark hat sich nach Angaben der Prawda verpflichtet, bis zu 100 ukrainische Kräfte für die Wartung von F-16-Kampfflugzeugen fit zu machen. „50 von ihnen haben die Ausbildung bereits abgeschlossen und nehmen bereits an der Ausbildung des ersten Flugzeugs in der Ukraine teil“, schreibt das Magazin. „Mehr F-16 für die Ukraine bedeuten allerdings auch mehr Ersatzteile, mehr Training, mehr Munition und mehr Infrastruktur – all das erfordert zusätzliche Zeit und wertvolle Ressourcen. Die Entwicklung und Koordinierung der Infrastruktur für komplexe Waffensysteme dauert mehrere Jahre“, schreibt Oberst Kristen Thompson für den Thinktank Council on Foreign Relations.
US-Oberst warnt: Erfolg der F-16-Kampfjets in der Ukraine in Jahren messbar anstatt in Monaten
Die Geschwader-Kommandeurin der US-Luftwaffe sieht die größte Herausforderung aktuell darin, die Infrastruktur für die westlichen F-16 aufzubauen – und das in einem anderen Land inmitten eines groß angelegten Krieges gegen eine der größten Armeen der Welt. „Der Einfluss der ukrainischen F-16 auf den Krieg sollte daher über Jahre und nicht über Monate gemessen werden“, sagt Thompson.
„Ich hoffe, die Entscheidung wird getroffen, wenn Piloten und Bodenpersonal taktisch und operativ einsatzbereit sind, und nicht auf der Grundlage, dass ‚die Dinge schlecht aussehen und wir einen politischen Sieg brauchen‘.“
Den teilweise geringen Einfluss des Piloten und die demgegenüber große Bedeutung der Mechaniker beweist ein Crash aus der jüngeren Vergangenheit: Im Mai 2023 war eine F-16 der südkoreanischen Luftwaffe während eines Übungsfluges abgestürzt – ohne Einfluss des Piloten, wie das Magazin Air & Spaces Forces schreibt: Anhand der Daten des Flugschreibers der Maschine, der „Blackbox“, hätten die Ermittler festgestellt, dass nur elf Sekunden nach dem Start die elektrische Leistung der F-16 teilweise ausgefallen war. Innerhalb von weiteren, „weniger als 30 Sekunden“, wie er schreibt, seien dann „in rascher Folge“ verschiedene Systeme ausgefallen; beispielsweise das Trägheitsnavigationssystem, „das Flugdaten wie den Kurs des Flugzeugs und seine Beziehung zum Horizont anzeigt“, wie der Bericht zum Absturz seinen Informationen zufolge darlegt.
16 Stunden Wartung für eine Stunde Flug – die US-amerikanische F-16 braucht eine ganze Menge Pflege. Die kostet Zeit und Geld – beides fehlt der Ukraine, um Wladimir Putin in Schach zu halten. (Archivfoto)
Neben anderen technischen Ausfällen habe das den Piloten daran gehindert, so der Bericht weiter, mit seiner primären Horizontanzeige seine waagerechte Fluglage genau zu bestimmen, seine Navigationsgeräte neu zu justieren und mittels eines Neustarts seiner Systeme das Flugzeug wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die genaue Ursache des Problems würde laut Aussagen der Ermittler nie zu klären sein, wie Autor Greg Hadley festhält. „Angesichts des Mangels an verfügbaren Beweisen und der vielen möglichen Ursachen für den teilweisen Stromausfall, zu denen jedes elektrische Gerät oder jeder Kabelabschnitt gehören kann, ist es nicht möglich, die tatsächliche Ursache für den Stromausfall zu ermitteln“, schrieben die Ermittler ihm zufolge.
Wartungskosten der ukrainischen F-16-Kampfjets: Fünf Millionen Euro. Pro Maschine. Pro Jahr.
Allein dem Können des Piloten sei demnach zu verdanken gewesen, dass er bemerkte, seinen angezeigten Daten nicht trauen zu können. Eine kurze Wolkenlücke habe ihm dann ermöglicht, visuell zu fliegen; überwiegend schlechtes Wetter habe ihn dann dieser Möglichkeit beraubt, führt Hadley aus: „Die Ermittler gaben an, dass der Pilot zu diesem Zeitpunkt weitgehend hilflos war, und verglichen die Situation damit, ‚wenn man in einem Auto aufs Gas tritt und erwartet, dass die Geschwindigkeit zunimmt, die Geschwindigkeit dann aber abnimmt‘“, wie er schreibt. „Als das Flugzeug unter die Wolkendecke sank, stellte der Pilot fest, dass er zu tief und in einem zu steilen Winkel flog, um das Flugzeug wieder in den Griff zu bekommen, und katapultierte sich in 216 Metern Höhe über dem Boden aus dem Flugzeug. Weniger als drei Minuten nach dem Start.“
Die Unfalluntersuchungskommission hätte laut dem Magazin zwei Hauptursachen für den Absturz ausgemacht: die Auswirkungen des Stromausfalls auf die Instrumente der F-16 und die schlechten Wetterbedingungen, die den Piloten daran hinderten, Sichtflüge durchzuführen.
Die Kosten explodieren: Die Sicherstellung der Einsatzfähigkeit einer F-16 könnte bis zu fünf Millionen Euro verschlingen. Pro Maschine. Pro Jahr. Damit rechnen John Hoehn und William Courtney vom kalifornischen Thinktank RAND – Kosten für Raketen- und Bewaffnung exklusive. Mit der Frage der Mach- und Finanzierbarkeit hatte sich auch der Wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses im März vergangenen Jahres beschäftigt.
Überlegt worden war auch die Alternative einer Vertragslösung für die Reparatur, wie das mit den Panzern in Litauen schon praktiziert wird. Die Analysten hatten sich dann doch für die Ausbildung eigener ukrainischer Techniker entschieden, um der Ukraine mehr Autonomie zu verschaffen: Allerdings warnten sie davor, dass die Ausbildung bestimmt Monate dauern würde, wenn nicht sogar Jahre – je nach gewünschtem Ausbildungsgrad.
Schließlich seien die ukrainischen Mechaniker die Wartungs-Standards der Sowjet-Maschinen gewohnt und deren technischen Komponenten. Dazu addiere sich die Wartungs-Intensität: Jede einzelne Flugstunde würde 16 Wartungsstunden nach sich ziehen. Abgesehen von den Aufwendungen der Logistik. Jede F-16 benötige etwa zehn Personen, um das Flugzeug zu bedienen, einschließlich der beiden Piloten, sagte vor einigen Tagen General Arnoud Stallmann laut dem britischen Guardian.
Luftwaffen-Chef: Noch „kein Plan“ für Reparatur und Wartung der F-16-Kampfjets im Westen
Der Kommandeur der niederländischen Luftwaffe erwarte die Maschinen in diesem Sommer über dem Himmel der Ukraine – der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte vor Ort in den Niederlanden ungehalten angesichts der ständigen Verzögerungen. Laut dem Guardian fachte aber gerade Serhii Holubtsow die Gerüchte um Stationierung und Wartung der Maschinen wieder an. Der Kommandeur der ukrainischen Luftwaffe sagte jüngst, „dass eine Reihe von F-16-Flugzeugen auf Luftwaffenstützpunkten im Ausland stationiert würden“, zitiert der Guardian. Und der niederländische Luftwaffen-Chef sagte, „dass einige Wartungsarbeiten an den Jets in der Ukraine durchgeführt“ würden, und fügte hinzu, dass es noch „keinen festen Plan“ für die Reparatur der F-16 im Westen gebe.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Immerhin scheint die Ukraine die F-16 als Maschine zu vergöttern, wie den Phönix, der aus der Asche emporsteigt. „Anfangs, als wir das System zum ersten Mal kennenlernten, schien es uns unverständlich und unrealistisch, es in die ukrainische Realität zu integrieren“, äußerte „Ihor“ gegenüber dem Magazin Politico. „Ihor“ ist einer der ukrainischen Techniker, der sich parallel zu den Piloten mühevoll in das Prinzip F-16 hineinarbeitet. „Jetzt verstehe ich, dass es die Arbeit sehr vereinfacht, Zeit spart und es wert ist, dass wir weitermachen. Wenn wir uns als Land, als Luftwaffe entwickeln wollen.“
Justin Bronk bleibt kritisch bezüglich des Zeitpunkts für den ersten Einsatz der Maschinen, wie er in einem Youtube-Podcast geäußert hat. Der Analyst des britischen Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (RUSI) erwarte eine „Entscheidung unter Berücksichtigung von Risiko und Zeitrahmen“, wie ihn der Guardian zitiert. „Ich hoffe, die Entscheidung wird getroffen, wenn Piloten und Bodenpersonal taktisch und operativ einsatzbereit sind, und nicht auf der Grundlage, dass ‚die Dinge schlecht aussehen und wir einen politischen Sieg brauchen‘“.