In Litauen runderneuert: Ukrainische Panzersoldaten erhalten jetzt Leopard-Panzer für den erneuten Einsatz an der Front zurück. Inzwischen soll auch eine neue Einheit mit schweren Kampfpanzern gebildet worden sein.
Litauen hat deutsche Panzer für den Ukraine-Krieg flottgemacht. Jetzt soll auch einer neuer Kampfverband existieren. Fehlen nur noch die Besatzungen.
Vilnius – Stahl und Gummi sind runderneuert, die Elektronik ersetzt – die große Inspektion ist offenbar abgeschlossen: Wie das Verteidigungsministerium Litauens mitteilt, haben die litauischen Streitkräfte in Zusammenarbeit mit der deutschen Rüstungsindustrie jetzt einige Leopard-2-Panzer aus Kampfeinsätzen in der Ukraine repariert. Nachdem ihre technischen Fähigkeiten wiederhergestellt wurden, kehren die Panzer in den Ukraine-Krieg zurück. Dass der Nato-Partner aus dem Baltikum das deutsche Großgerät instandgesetzt hat, ist offenbar eine Preisfrage gewesen – die ursprünglich angedachten Werkstätten in Polen waren wohl zu teuer.
Im Juli hatte die Agence France Press (AFP) über Zoff zwischen den Nato-Partnern berichtet. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte Polen zur Eile gedrängt für den Aufbau eines Reparaturzentrums für die gegen Russland eingesetzten Kampfpanzer Leopard 2. Aufgrund der Nähe zur ukrainischen Grenze erschien Polen für den Boxenstopp ideal. Bereits im April sollen sich Pistorius und sein polnischer Amtskollege Mariusz Blaszczak auf den Aufbau des Instandsetzungszentrums geeinigt haben. Repariert werden sollten dort Leopard-Kampfpanzer aus Deutschland und Polen, die von der Ukraine im Kampf gegen Wladimir Putins Invasionsarmee eingesetzt werden.
Den schleppenden Verlauf der Gespräche zwischen beiden Verteidigungsministern erklärte der Spiegel mit überteuerten Vorstellungen der Polen: „Beispielsweise wollte die Panzerschmiede PGZ für eine erste Inspektion mehr als 100.000 Euro berechnen, in Deutschland berechnen die Hersteller für eine solche erste Schadensdiagnose etwa 12.000 Euro.“
Zuerst hatte Pistorius den Polen eine Frist zur Zusammenarbeit gesetzt, dann aber vorzeitig die Kooperation beerdigt, wie zuerst das Handelsblatt berichtet hatte – unter Bezug auf eine Aussage aus dem deutschen Verteidigungsministerium, „dass moderne Leopard-Panzer vom Typ 2 A5 und 2 A6 nunmehr in Deutschland und voraussichtlich auch in Litauen repariert werden sollen. Die Instandsetzungsarbeiten an diesen Modellen könnten beginnen, sobald die ukrainischen Streitkräfte den Instandsetzungsbedarf anzeigen, sagte ein Sprecher.
Litauen ist Pistorius‘ stärkster Partner gegen Putins Truppen
Nur die Verhandlungen über die Reparatur von Leopard-2 A4-Kampfpanzern, waren zu dem Zeitpunkt noch im Gange. Das Handelsblatt rechnete vor, dass pro Leopard 2 einige Hundert Stunden Arbeit zur Reparatur nötig seien und die Bundesregierung für die gesamte gelieferte Panzer-Flotte mit einer Rechnung in dreistelliger Millionenhöhe zu kalkulieren gehabt hätte – in Litauen. In Polen wäre der Preis aber definitiv höher ausgefallen.
Offenbar sind die Schrauber aus Litauen kundenfreundlicher, wie deren Verteidigungsministerium berichtet. Panzer werden in Litauen von der Firma Lithuania Defence Services (LDS) repariert. Hierbei handelt es sich um ein Joint Venture, das 2022 in Litauen von den beiden größten Militärausrüstungsherstellern Europas – den deutschen Unternehmen Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann – gegründet wurde und das Waffen an die Nato-Länder liefert. Dieses gemeinsame Unternehmen ist für die Wartung und Reparatur von Kampffahrzeugen der Nato-Alliierten im Einsatz in der Region der Ostseeanrainerstaaten bestimmt.
Ohnehin scheint zwischen Deutschland und dem baltischen Staat die Liebe inzwischen heiß zu lodern: Das litauische Verteidigungsministern publiziert aktuell die jetzt offizielle Verpflichtung Deutschlands, in Litauen eine schwere Brigade zu stationieren mit drei Manöverbataillonen und allen notwendigen Hilfsmitteln, einschließlich Kampfunterstützungs- und Versorgungseinheiten. Die Brigade wird aus bestehenden und neu gebildeten Einheiten bestehen. Das 203. Panzerbataillon aus Nordrhein-Westfalen und das 122. Panzergrenadierbataillon aus Bayern werden nach Litauen verlegt. Die derzeit in Litauen stationierte Kampfgruppe der Nato-Offensivkräfte wird in ein multinationales Bataillon umgewandelt und damit ein integraler Bestandteil der Brigade. Die Nato wird damit in Litauen außer effektiven Instandhaltungs-Kapazitäten auch kampfkräftige Verbände unterhalten.
Leopard: Gegen taktische Fehler genauso empfindlich wie gegen feindlichen Beschuss
Zur Nutzung durch die Ukraine hat die Bundesregierung bisher insgesamt 48 Leopard-Kampfpanzer vorgeschickt – davon 30 Leopard 1 A5 und 18 Kampfpanzer Leopard 2 A6, jeweils mit Munition und Ersatzteilen. Gegenüber Bedienungsfehlern der eigenen Besatzung oder taktischen Missgriffen der ukrainischen Führung ist die stählerne Verstärkung aus dem Westen so empfindlich wie gegen eine russische Rakete oder Mine. Zwar ist der deutsche Leopard 2 so modular gebaut, dass ein kompletter Motorenwechsel im Feld innerhalb von zwei Stunden erfolgen kann; allerdings ist der Hightech-Bolide auch nur ein Puzzle-Teil im Fuhrpark der Ukraine.
Und die Russen werfen gegen ihn alles, was sie haben. Die Bilder aus den Anfängen des Ukraine-Krieges mit vielen Wracks von T-Panzern resultieren aus der russischen Panzer-Doktrin: T-Panzer sind nicht für die schnelle Reparatur gebaut. Wenn die Front vorgeschoben wird, wie die Russen das auch vor der Invasion der Ukraine geplant hatten, würden beschädigte T-Panzer sukzessive wieder eingesammelt und dann in aller Ruhe instandgesetzt. Wenn überhaupt. Die West-Panzer dagegen sind zu wertvoll, um sie liegenzulassen.
Dennoch hatten Militärs bereits zu Beginn der westlichen Panzerlieferungen keinen Grund zur Euphorie erkannt: „Forsche Aussagen über eine strategische Kriegswende, die 90 Leoparden und 60 andere westliche Kampfpanzer sowie einige Dutzend Kampfflugzeuge im Verbund mit den verbliebenen ukrainischen Kräften bis zum Sommer erzwingen sollen, erscheinen angesichts des aktuellen Kräftevergleichs reichlich optimistisch“, schrieb Anfang des Jahres Oberst a. D. Wolfgang Richter in der Berliner Zeitung. So hat sich die Lage an der Front schließlich auch entwickelt.
Richter zufolge sind technische Vergleiche zwischen West- und Ostpanzern überwiegend obsolet, die Schwächen würden ohnehin schnell aufgedeckt, wenn Operationen gepanzerter Verbände eben nicht auf breiter Front geführt werden könnten, sondern in engen Korridoren von Minenfeldern. Dem Beschuss durch Raketenartillerie oder durch Drohnen könnten Westpanzer eben auch nur eine begrenzte Zeit lang standhalten. Immerhin seien sie resistenter gegen einen Totalausfall, aber auch eine Reparatur sei kostenintensiv und zeitraubend – zumal für eine Kriegspartei mit begrenzten Ressourcen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Leerlauf: Für die Gegenoffensive fehlen der Ukraine offenbar Panzerbesatzungen
Laut dem Magazin Forbes lässt die Ukraine aktuell eine neue Panzerbrigade an die Front rollen; Forbes zählt die insgesamt fünfte. Eine Brigade umfasst zwischen 5000 und 6000 Soldaten. Hauptwaffensystem einer deutschen Panzerbrigade – beispielsweise der Panzerbrigade 21 aus Nordrhein-Westfalen – sind zwischen 40 und 50 Kampfpanzer Leopard 2 A6M. Dazu kommen rund 50 Schützenpanzer für die infanteristischen Unterstützungskräfte. Forbes bezweifelt aber die Durchschlagskraft des neuen Verbands angesichts der aktuellen Lage an der Front: „Das Hinzufügen einer neuen Panzerbrigade und fünf neuer und bisher unterausgerüsteter mechanisierten Brigaden bringt wahrscheinlich nicht genug Kampfkraft für eine Offensive im Jahr 2024. Die Ukrainer hatten für die diesjährige Offensive mindestens ein Dutzend gut ausgerüsteter neuer Brigaden aufgestellt.“
Einen Grund für den mangelnden Schwung der ukrainischen Gegenoffensive sieht Forbes darin, dass die Ukraine wohl ihre Panzerkräfte schlecht konzentrieren könne, weil sich die vorhandenen Kampfpanzer anfangs auf viele Truppenteile verteilt hätten: Die Panzerbrigaden der ukrainischen Armee waren von vornherein dünn gesät gewesen. Das könnte erklären, warum die Gegenoffensive der Armee in der Südukraine kaum vorangekommen war. Das Nachrichtenmagazin widerspricht damit vielen Analysten und deren Behauptungen, die verzögerten Waffenlieferungen aus dem Westen hätten zum jetzigen Erstarren der Front beigetragen.
Dazu Forbes: „Es scheint, dass ausgebildete Arbeitskräfte und nicht der Mangel an kampfbereiten Panzern der Hauptfaktor für die offensichtlichen Schwierigkeiten der Ukraine sind, eine größere Panzertruppe aufzustellen. Die ukrainische Armee hatte am ersten Kriegstag rund 900 Panzer – hauptsächlich T-64 – in ihrem Arsenal. Mehr als genug für vier, fünf oder sogar sechs Panzerbrigaden plus Panzerbataillone in Infanteriebrigaden.“ Aber ein Panzer ohne ausgebildete Besatzung ist nur ein Klumpen aus Metall und Gummi. In den beschädigten Panzern in Litauen sind die Besatzungen womöglich gestorben – deren Fähigkeiten und Erfahrungen sind schwer zu ersetzen. (Karsten Hinzmann)