Drohnen-Wall im Gespräch

Diskussionen über Drohnen-Wall oder Kanonen an Russlands Grenze

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„Anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich“ – Experten streiten um das mächtigste Feuer eines kommenden Krieges: Schon Drohnen oder doch noch die Artillerie? (Symbolfoto)
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Die Experten sind gespalten über die schlagkräftigste Waffe im nächsten Krieg: Brüllende Geschützen oder surrende Drohnen? Die Hightech-Branche wacht auf.

Berlin –  „Mit der richtigen politischen Koordination könnte innerhalb eines Jahres eine erste operative Ebene einsatzbereit sein“, sagt Martin Karkour – der Vertriebsvorstand des Drohnen-Herstellers Quantum Systems hat sich gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) optimistisch geäußert bezüglich eines Drohnen-Walls an der Nato-Ostflanke; tatsächlich überlegen die Partner der Allianz, wie sie Wladimir Putins Invasionsarmee nach dem Ukraine-Krieg im Zaum halten könnten. Eine Abgrenzung durch Drohnen steht schon länger im Raum.

„Den deutschen Start-ups winken somit glänzende Geschäfte“, schreibt aktuell die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.). „Wenn wir an die Nato-Ostflanke denken, also 3.000 Kilometer Grenze, und mit Masse dorthin kommen, auf asymmetrische Fähigkeiten setzen, also Zehntausende Kampfdrohnen dort konzentrieren, dann ist es eine sehr glaubwürdige konventionelle Abschreckung“, hatte kürzlich Gundbert Scherf gegenüber ntv.de geäußert. Der Mitbegründer und Co-Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Helsing aus München meldete sich zeitig zu Wort mit seiner Forderung eines Drohnen-Walls ähnlich dem von den östlichen Nato-Partnern geplanten.

Ukraine-Krieg: Der neue Motor für das deutsche Wirtschaftswachstum?

Inzwischen ist das Sondervermögen für Verteidigung längst durch den Bundesrat beschlossen, Deutschland investiert in Rüstung so viel wie lange nicht mehr: hochgerechnet bis zu 500 Milliarden Euro innerhalb der kommenden zehn Jahre; und der Ukraine-Krieg wird vielleicht zum Motor neuen deutschen Wirtschaftswachstums – und zur Chance neuer innovativer Unternehmen neben den tradierten Marktteilnehmern, wie Andreas Haak kürzlich gemutmaßt hat. „Allerdings ist zu beachten, dass die Rüstungsindustrie ein stark regulierter Sektor mit komplexen rechtlichen Anforderungen ist“, schreibt der Fachanwalt für Vergaberecht der Anwaltskanzlei Pinsent Masons. Haak warnt vor den Herausforderungen im Rahmen der öffentlichen Beschaffung sowie der öffentlichen Preisgestaltung.

„Betriebswirtschaftlich sorgte der große Verschleiß an Kamikazedrohnen wiederum für permanente Nachbestellungen und ausgelastete Produktionslinien. Das er­klärt das Interesse auf Investorenseite und macht Drohnen aktuell zu einem hochattraktiven Markt.“

Sven Astheimer, Markus Frühauf & Niklas Záboji, F.A.Z.

Ein Drohnen-Wall ist nichts Neues in der Allianz: Sechs Nato-Partner planen jetzt eine Drohnen-Mauer gegen Wladimir Putins aggressive Außenpolitik: Norwegen, Finnland, Polen und die drei baltischen Staaten. Das Magazin Breaking Defense hatte im vergangenen Jahre von einer Mischung aus physischen Barrieren gegen anrückende Landstreitkräfte und modernen Überwachungssystemen geschrieben, „darunter einige mit künstlicher Intelligenz“. Breaking Defense sieht vorgeschobene Operationsbasen kommen, logistische Hubs und Systeme zur Drohnen-Abwehr.

Der skandinavisch-baltische Drohnen-Wall ist eher weniger dazu gedacht, dass aus beispielsweise versteckten Basen ganze Wolken von Kamikaze-Drohnen ausschwärmen und angreifen würden. Die Drohnen würden wahrscheinlich eher die Aufgabe von Rund-um-die-Uhr-Wachtposten übernehmen. Die neuen deutschen Drohnen gehen scheinbar in eine andere Richtung: Die Münchner und Berliner Start-ups Helsing und Stark jedenfalls liefern an die Bundeswehr Kamikaze-Drohnen zum Testen. Möglicherweise haben die beiden Unternehmen einen Rüstungswettlauf in der Branche losgetreten.

Putins neue rote Linie: „ein realistisches, gestaffeltes Aufklärungs- und Frühwarnsystem“

Wie die F.A.Z. berichtet, spricht Quantum-Manager Karkour aber doch lieber von einer „gläsernen Grenze“ und richtet seinen Fokus auf „ein realistisches, gestaffeltes Aufklärungs- und Frühwarnsystem, das auf marktverfügbarer Technologie basiert. Dazu gehörten autonome Aufklärungsdrohnen genauso wie Satelliten, Bodensensoren und klassische Grenzüberwachungssysteme“, so der Manager gegenüber der Zeitung. Kampfdrohnen erscheinen ihm sekundär – Helsing-Chef Scherf argumentiert da schon offensiver und spricht gern von den Kostenvorteilen einer Kamikaze-Drohne gegenüber einem Panzer; von der Effektivität möglicherweise ganz abgesehen.

Allerdings ist zu fragen, welche unternehmerischen Fleischtöpfe das neue Sondervermögen bedienen wird. Wie in der klassischen Rüstungstechnik verursacht nicht die Waffe allein die hohen Kosten, sondern das strukturelle Umfeld. Noch wird viel Wirbel um die Waffe an sich gemacht – Antworten zu einer umfassenden Strategie, die im besten Fall über die jeweiligen Landesgrenzen hinausgeht, fehlen möglicherweise.

Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks

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Der Krieg begann Ende Februar mit Angriffen Russlands auf zahlreiche Städte der Ukraine. Die Truppen aus Moskau nahmen frühzeitig auch Kiew, die Haupstadt des Landes, unter Raketenbeschuss. Eine der russischen Raketen wurde als Teil einer Ausstellung vor dem Nationalmuseum für Militärgeschichte platziert. Kurator Pavlo Netesov wollte nach eigener Aussage mit der Ausstellung der zerstörten Ausrüstung die Bewohnerinnen und Bewohner Kiews an die Straßenkämpfe erinnern, die in anderen Städte der Ukraine tobten, von denen die Hauptstadt aber verschont blieb. © Sergei Supinsky/afp
Wolodymyr Selenskyi in Donezk
Eine dieser Städte war Donezk. Im Mai 2022 besuchte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die einstige Millionenmetropole und hörte sich dort den Bericht von Frontsoldaten an. In Donezk tobt der Krieg zwischen Russland und der Ukraine bereits seit 2014. Seitdem herrscht dort ein von Moskau installiertes Regime, das sich selbst Volksrepublik Donezk nennt. Nach einigen vorübergehenden Waffenstillstandsabkommen ist die Stadt im Südosten nun wieder Ort erbitterterte Kämpfe. © Uncredited/dpa
Menschen suchen Deckung in Lyssytschansk
Es ist vor allem die Zivilbevölkerung, wie diese beiden Kinder und Seniorinnen in Lyssytschansk, die unter dem Ukraine-Krieg leiden. Die Großstadt liegt mitten im Donbass, die seit Kriegsausbruch am schwersten umkämpfte Region in der Ukraine. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht fliehen oder konnten, müssen nun regelmäßig Schutz vor Artilleriebeschuss suchen. © Aris Messinis/afp
Tschassiw Jar, Kleinstadt der Ukraine in der Nähe Lyssytschansk
Unweit von Lyssytschansk liegt die Kleinstadt Tschassiw Jar. Dort räumen Arbeiter die Trümmer eines Hauses von der Straße, das von einer russischen „Hurrikan“-Rakete getroffen wurde. Im Juli 2022 feierte Russland vor allem in der Donbass-Region militärische Erfolge. Zahlreiche Städte und Gemeinden wurden erobert. Die Truppen Wladimir Putins schienen die Ukraine im Sturm zu erobern. © Anatolii Stepanov/afp
brennendes Weizenfeld in der Region Saporischschja
Dieser Mann in Militäruniform ist in einem brennenden Weizenfeld in der Region Saporischschja, während russische Truppen Felder beschießen, um die örtlichen Landwirte an der Getreideernte zu hindern. Die Ukraine auszuhungern und die Ernte zu stehlen, war von Anfang an Teil der russischen Strategie © Uncredited/dpa
Das sechsmonatige Jubiläum im August war ein trauriger Abschnitt im russischen Angriffs-Krieg
Das sechsmonatige Jubiläum des UKraine-Kriegs im August war ein trauriger Abschnitt der russischen Invasion. Doch die ukrainischen Streitkräfte leisteten mit Herz und allen Mitteln weiter Widerstand und feierten ihre Nation, wie hier mit Drohne und ukrainischer Flagge über dem „Monument des Mutterlands“ in Kiew. © Dimitar Dilkoff/afp
Hier wurde im September in der Stadt Kupiansk in der Kharkiv Region eine Brücke bombadiert
Im September begannen die Truppen Wladimir Putins, die Infrastruktur der ukrainischen Städte unter Beschuss zu nehmen. In der Stadt Kupiansk in der Region Kharkiw bombardierte Moskau eine Brücke. An vielen anderen Städten versuchten die russischen Streitkräfte, die Energieversorgung zu stören. © Yasuyoshi Chiba/afp
Statt eines kurzen Angriffskriegs, den der russische Präsident Wladimir Putin geplant hatte, dauert der Krieg immer noch an.
Weil die Erfolge in der Ukraine ausblieben, benötigten die russischen Truppen immer mehr Rekruten für die Front. Präsident Wladimir Putin verkündete deshalb eine Teilmobilisierung im eigenen Land. Tausende junger Männer mussten sich wie dieser Mann in der Stadt Kineschma von ihren Müttern verabschieden und in den Ukraine-Krieg ziehen. © Vladimir Smirnov/imago
Hier sieht man Putin bei einer Ansprache auf einem großen Screen auf dem Roten Platz anlässlich der Annexion von vier Regionen der Ukraine, die von russischen Truppen im September besetzt waren
Im Osten der Ukraine schuf Wladimir Putin Ende September Tatsachen. Vier Regionen des Landes, die zuvor ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, wurden annektiert. Anlässlich der Gebietsgewinne richtete sich Putin in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung Russlands. Zumindest auf dem Roten Platz in Moskau wurde Putins Rede frenetisch bejubelt. © Alexander Nemenov/afp
Nach der Explosion eines Lastwagens in der Nähe von Kertsch am 8. Oktober 2022 steigt schwarzer Rauch aus einem Feuer auf der Brücke von Kertsch auf
Nach der Explosion eines Lastwagens in der Nähe von Kertsch am 8. Oktober 2022 steigt schwarzer Rauch aus einem Feuer auf der Brücke von Kertsch auf. Sie ist die einzige Landverbindung zwischen Russland und der annektierten Krim-Halbinsel. Russland versprach, die Täter zu finden, ohne die Ukraine sofort zu beschuldigen. © Uncredited/afp
Ukrainische Artilleristen feuern eine 152-mm-Schleppgeschütz-Haubitze (D20) auf eine Stellung an der Frontlinie in der Nähe der Stadt Bakhmut in der ostukrainischen Region Donezk Ende Oktober während des russischen Einmarsches in die Ukraine
Ebenfalls im Oktober gelingt es der Ukraine, an vielen Frontabschnitten vorzurücken. Das gelingt den Streitkräften vor allem dank der Unterstützung aus dem Westen, die immer mehr schweres Gerät in den Konflikt liefert. Hier feuern ukrainische Artilleristen eine 152-mm-Schleppgeschütz-Haubitze (D20) auf eine Stellung an der Frontlinie in der Nähe der Stadt Bakhmut in der ostukrainischen Region Donezk ab. © Dimitar Dilkoff/afp
Ein Einwohner von Cherson hebt seinen Daumen zur Unterstützung der Ukraine auf dem Hauptplatz der Stadt nach der Befreiung von den russischen Besatzern
Mitte November gelingt den ukrainischen Truppen ein großer Erfolg. Sie können die Hafenstadt Cherson im Südosten des Landes zurückerobern. Die Millionenmetropole besitzt neben hohem strategischem auch symbolischen Wert im Kampf gegen Russland. Ein Bewohner feiert die Befreieung mit erhobenem Daumen im Zentrum der Stadt. © Celestino Arce Lavin/dpa
An diesem Tag hielt die Welt den Atem an: Eine Luftaufnahme zeigt den Ort, an dem am 15. November 2022 zwei Männer im ostpolnischen Dorf Przewodow, nahe der Grenze zur kriegszerstörten Ukraine, durch einen Raketeneinschlag getötet wurden
An diesem Tag hielt die Welt den Atem an: Eine Luftaufnahme zeigt den Ort, an dem am 15. November 2022 zwei Männer im ostpolnischen Dorf Przewodow, nahe der Grenze zur kriegszerstörten Ukraine, durch einen Raketeneinschlag getötet wurden. Russland attackierte die Ukraine mit einem massiven Angriff auf die zivile Infrastruktur, wodurch Millionen von Haushalten ohne Strom blieben. Unmittelbar nach dem Vorfall gab es Befürchtungen, dass es sich um eine neue Eskalation des Konflikts handeln könnte, doch am 16. November 2022 gab Polen bekannt, dass das Geschoss wahrscheinlich von der ukrainischen Luftabwehr stammte. Diese Theorie wurde dann auch von Washington bestätigt. © Wojtek Radwanski/Damien Simonart/afp
ein Werk des britischen Straßenkünstlers Banksy auf einer mit Schnee bedeckten Panzerabwehrkonstruktion
Auch Banksy besuchte die Ukraine inmitten des Krieges. Ein am 17. November 2022 aufgenommenes Foto zeigt ein Werk des britischen Straßenkünstlers auf einer mit Schnee bedeckten Panzerabwehrkonstruktion auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Ukraine sich auf einen Winter des Krieges einstellen wird müssen. © Sergei Supinsky/afp
Dmitri Schewtschenko, Mitarbeiter von Rosenergoatom, inspiziert einen Tank mit destilliertem Wasser, um den Betrieb des vierten Blocks des Kernkraftwerks Saporischschja zu gewährleisten
Weitere harte Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur. Sogar Kernkraftwerke werden zum Ziel russischer Raketen. Dmitri Schewtschenko, Mitarbeiter von Rosenergoatom, inspiziert einen Tank mit destilliertem Wasser, um den Betrieb des vierten Blocks des Kernkraftwerks Saporischschja zu gewährleisten, der durch Beschuss im Zuge der russischen Militäroperation in der Ukraine in Enerhodar beschädigt wurde. © Alexey Kudenko/imago
Eine Frau spielt Gitarre in einer Kneipe während eines Stromausfalls in Lemberg am 2. Dezember 2022
Kleine Momente des Glücks im Wahnsinn des Krieges: Eine Frau spielt Gitarre in einer Kneipe während eines Stromausfalls in Lemberg am 2. Dezember 2022, als die Stadt nach den jüngsten massiven russischen Luftangriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur von einem geplanten Stromausfall betroffen ist. © Yuriy Dyachyshyn/afp
Hier trifft sie auf den Heiligen Mykola (Heiliger Nikolaus) am 19. Dezember 2022 in Cherson, inmitten der russischen Invasion in der Ukraine
Für einen Augenblick darf dieses Mädchen einfach Kind sein. Hier trifft sie auf den Heiligen Mykola (Heiliger Nikolaus) am 19. Dezember 2022 in Cherson, inmitten der russischen Invasion in der Ukraine © Dimitar Dilkoff/afp
Ukraine-Krieg - Jahrestag Kriegsbeginn- Kiew
Ukrainische Soldaten erinnern am 24. Februar 2023 an der Sophienkathedrale in Kiew an den Beginn des Ukraine-Kriegs ein Jahr zuvor. © Kay Nietfeld/dpa
Ukraine-Krieg - Orthodoxe Ostern in Saporischschja
Die kirchlichen Rituale werden in der Ukraine auch im April 2023 befolgt: Orthodoxe christliche Priester und Gläubige bei der Segnung der traditionellen Osterkörbe am Ostersonntag in der St. Nikolaus-Kirche in Saporischschja. © Andriy Andriyenko/dpa
Ukraine-Krieg - Ukrainische Gegenoffensive im Süden des Landes
Ukrainische Soldaten gestikulieren im September 2023 auf ihrem Bradley Fighting Vehicle (BFV) in der Frontstadt Orichiw. Aus ihrem amerikanischen Schützenpanzer berichten sie von schweren Gefechten. Seit Kriegsbeginn stand Orichiw unter ständigem Beschuss der russischen Armee. © Oliver Weiken/dpa
Ukraine-Krieg - Kupjansk
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (Mitte) wird am 30. November 2023 während eines Besuchs in einem Gefechtsstand an der Front in Kupjansk über die Kriegssituation informiert. © dpa
Lwiw
Auch im Dezember 2023 feiern die Menschen in der Ukraine Weihnachten. In Lwiw besuchen sie den Gottesdienst an Heiligabend und bereiten sich darauf vor, den ersten Weihnachtsfeiertag am 25. Dezember zu feiern.  © Yuriy Dyachyshyn/AFP
Ukraine-Krieg - Charkiw
Ein großer Haufen Trümmer mit Resten von russischen Raketen liegt in der Stadt Charkiw. In den frühen Morgenstunden des 15. Februar 2024 schlug eine russische Rakete in einem Wohngebiet von Chugugyv ein und tötete eine 67-jährige Frau. © Ximena Borrazas/dpa
Charkiw
Trotz Gesprächen über eine Waffenruhe dauert der Ukraine-Blick auch im Jahr 2025 weiter an. Charkiw steht mehrmals schwer unter russischem Beschuss. Das Kunstwerk „Kreuz des Friedens“ mit einem Kruzifix aus 20.000 Fragmenten russischer Artilleriegeschosse wurde vom amerikanisch-ukrainischen Künstler Sergey Melnikoff (besser bekannt als MFF) und dem ukrainischen Künstler Viktor Belchik geschaffen. © Sergey Bobok/AFP
Ukraine-Krieg - Sumy
Bei einem schweren russischen Luftschlag mit ballistischen Raketen gegen die Stadt Sumy kommen am Palmsonntag 2025 mehr als 30 Menschen ums Leben. Mehr als 100 Zivilpersonen werden verletzt. Unter den Toten sind auch Kinder. © Evgeniy Maloletka/dpa

Auch die gemeinsamen Luftabwehrbemühungen mehrerer Nato-Staaten unter dem Schlagwort European Sky Shield Initiative (ESSI) kommt bisher ohne Einbindung von Drohnen aus – das Nato-Grenzland Polen hat sich zwar inzwischen auch ESSI angeschlossen, gehört aber genauso zur skandinavisch-baltischen Drohnen-Wall-Koalition. Ende des zweiten Jahres im Ukraine-Krieg hatten Federico Borsari und Gordon B. Davis, Jr. gewarnt, dass mit Drohnen allein noch nicht viel gewonnen wäre. Drohnen seien keine bahnbrechenden Neuerungen.

Drohnen-Hype verfrüht? Integration in ein umfassenderes militärisches Ökosystem notwendig

„Trotz des Hypes um UAS (Unmanned Aerial Systems) hängt ihre Effektivität von ihrer Integration in ein umfassenderes militärisches Ökosystem ab, das sich auf sich gegenseitig unterstützende und ermöglichende Fähigkeiten konzentriert“, schrieben die Analysten für den US-Thinktank Center for European Policy Analysis (CEPA). Borsari und Davis zählen zu diesem Ökosystem nach ihren Worten aufeinander abgestimmte Waffensysteme, elektronische Kriegsführung, Cyberspace- und Weltraumfähigkeiten sowie C4ISR (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance) – und das für Streitkräfte zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Möglicherweise müssten sich demzufolge die politischen Entscheider vor schneidigen Tech-Vertrieblern hüten. Wie der britische Thinktank Royal United Services Institute (RUSI) im zweiten Kriegsjahr hochgerechnet hatte, verliere die Ukraine monatlich 10.000 Drohnen – die meisten aufgrund elektronischer Kriegsführung. Insofern würde eine Hochrüstung mit Drohnen auf westlicher Seite nicht zwingend den rüstungstechnischen Quantensprung bedeuten, sondern wahrscheinlich nur die nächste Stufe einer Rüstungsspirale – was untermauert wird von der Tatsache, dass sowohl Russland als auch die Ukraine als die fortgeschrittensten Drohnen-Nutzerstaaten wieder auf glasfasergebundene Drohnen zurückgreifen, weil das elektronische Störfeuer zu stark geworden ist.

Tatsächlich legt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nahe, dass unter der Prämisse der Friedenswahrung ein Hauen und Stechen unter deutschen Rüstungskonzernen ausgebrochen sei. „Ich wehre mich dagegen, dass wir uns zwischen Drohnen oder Panzern entscheiden müssen“, sagte Anfang April Oliver Dörre gegenüber der F.A.Z. Der Vorstandschef des Rüstungsunternehmens Hensoldt könne sich über einen Boom für seine Radar- und Sensortechnik freuen, implizierte F.A.Z.-Autor Markus Frühauf.

Russland nicht nur mit Drohnen zu bekämpfen: „Allein damit werden sie keine Luftüberlegenheit erreichen“

Möglicherweise sind auch Pfründe zu verteidigen, wie Dörre gegen den Drohnen-Hype argumentierte: Er sei eben anderer Meinung, als dass Drohnen den nächsten Krieg allein bestimmten, wie manche Experten meinten: „Allein damit werden sie keine Luftüberlegenheit erreichen, keine Brückenköpfe einnehmen, kein gegnerisches Territorium besetzen und kein eigenes schützen können. Drohnen sind eine neue Form der Artillerie, die zugleich Aufklärung ermöglichen“, sagte er und sprach sich für eine Gleichgewichtung der Retro- und der Zukunftswaffen aus.

Eine ähnliche Position vertritt L. Lance Boothe im Small Wars Journal, der Publikation der Small Wars Foundation an der Arizona State University. Der pensionierte Feldartillerieoffizier macht in seinem Aufsatz vom Ende des vergangenen Jahres deutlich, dass Drohnen möglicherweise in der Aufklärung hervorragend wirkten, aber die Feuerkraft weiterhin eine Domäne der Artillerie bleibe. Boothe verdeutlicht das an einem Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press vom September, wonach die Ukraine mittels Drohnen ein großes Militärdepot in die Luft gejagt hätte, aber „lediglich“ 13 Menschen verletzt worden seien.

Nato braucht Artillerie: „Dieses Feuer ist anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich“

Der US-Sender ABC hätte dagegen Ende 2023 schon klargemacht, dass 80 Prozent der ukrainischen Gefallenen auf Artilleriefeuer zurückzuführen seien, wie Boothe anführt. Auch die F.A.Z. bleibt vorsichtig-distanziert gegenüber der Drohnen-Branche. Sie könnten ihre in der Ukraine getesteten Drohnen als im Gefecht erprobt anpreisen, schreiben Sven Astheimer, Markus Frühauf und Niklas Záboji – den Autoren zufolge wüchsen die Newcomer am Krieg. Ebenso wie big player wie der Panzerschmied Rheinmetall profitierten die Newcomer von der Entwicklung neuer Waffen aufgrund der Entwicklung des aktuellen Krieges, wie die F.A.Z.-Autoren darlegen.

„Betriebswirtschaftlich sorgte der große Verschleiß an Kamikazedrohnen wiederum für permanente Nachbestellungen und ausgelastete Produktionslinien. Das er­klärt das Interesse auf Investorenseite und macht Drohnen aktuell zu einem hochattraktiven Markt“, schreibt die F.A.Z. Armin Papperger schwört dagegen auf Stahl und Eisen – gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende, „dass enorme Investitionen in Raketen, Munition und Fahrzeuge nötig seien, um Europa widerstandsfähiger zu machen“ – ihm zufolge läge der gesamte Kontinent noch weit hinter den eigenen Zielen zurück; und Wladimir Putin wisse das.

Ganz vom alten Schlag argumentiert im Small Wars Journal auch der Ex-Feldartillerist L. Lance Boothe bezüglich des in der Ukraine allgegenwärtigen russischen Artilleriefeuers: „Dieses Feuer ist anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich. Krieg wird mit Artillerie geführt. Das gilt heute genauso wie zu Napoleons Zeiten im 19. Jahrhundert.“

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