Europas Schlusslicht

7 Beispiele zeigen, warum Deutschland so „drogenaffin“ ist

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Der zehnte Alternative Drogenbericht nimmt die deutsche Cannabis-Politik ganz schön auseinander. Auch beim Thema Alkohol und Rauchen hagelt es Kritik.

Der Gesetzentwurf zu Cannabis, der von vielen als Legalisierung-Light bezeichnet wird, ist fast beschlossene Sache. Er sieht vor, Cannabis im Betäubungsmittelgesetz von der Liste der verbotenen Substanzen zu streichen. Volljährigen ab 18 Jahren soll der Besitz von 25 Gramm erlaubt werden. Privat sollen maximal drei Pflanzen angebaut werden dürfen. In Cannabis-Clubs sollen Vereinsmitglieder die Droge gemeinschaftlich anbauen und gegenseitig abgeben dürfen.

Das geplante Gesetz zur Legalisierung sei ein „großer Schritt in Richtung einer rationalen Drogenpolitik“, sagt Ingo Iljas Michels vom Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF). Im zehnten Alternativen Drogen- und Suchtbericht (ADSB), finden er und andere Expert:innen klare Worte. Vor allem fehle es an Steuerung im „drogenaffinen Deutschland“. BuzzFeed News Deutschland sammelt sieben Beispiele dafür.

Der zehnte Alternative Drogenbericht kritisiert die deutsche Drogenpolitik. Was sollte sie besser machen?

1. Bei der Aufklärung zum Rauchen ist Deutschland Europas Schlusslicht

Rauchende Jugendliche: Solche Bilder soll es im Neuseeland der Zukunft nicht mehr geben.

Schadenminimierende Strategien fürs Rauchen, die im Ausland erfolgreich seien, werden „in Deutschland völlig ignoriert“, kritisiert der Suchtexperte Heino Stöver von der University of Applied Sciences in Frankfurt. Laut der „Tobacco Control Scale“ liegt Deutschland auf Platz 34 von 37, was die Eindämmung von Tabakkonsum anbelangt. Hilfreich könnte dabei ein Blick in das Vereinigte Königreich sein, das Raucher:innen aktiver unterstützt und ihnen Alternativen wie zum Beispiel E-Zigaretten anbietet, die zumindest den Schaden ein wenig minimieren.

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2. E-Zigaretten-Werbung auf Social Media

Social-Media-Werbung für E-Zigaretten (Vapes): In Deutschland immer noch möglich.

E-Zigaretten sind ungesund. In Deutschland dürfen diese gefährlichen Einweg-E-Zigaretten trotzdem kinder- und jugendaffin beworben werden. Im Alternativen Drogenbericht kritisieren die Expert:innen das. Eine Verschärfung der Regelungen zu jugendaffinen Werbeaussagen für Zigaretten sollte auch auf E-Zigaretten ausgeweitet werden, finden sie. Ein umfassendes und absolutes Werbeverbot wäre die optimale Lösung sowie die Einführung neutraler Verpackungen.

3. Alkohol wird noch immer verharmlost

In Deutschland ist es schon mit 16 erlaubt, Alkohol zu trinken.

Alkoholische Getränke gelten in Deutschland nicht als Rauschmittel, sondern als traditionsreiches Kulturgut, heißt es im Alternativen Drogenbericht. Alkohol wird als Selbstverständlichkeit betrachtet, genauso wie 74.000 Alkoholtote jedes Jahr.

Der Deutsche Brauer-Bund setzte sich als eine der ältesten Lobby-Organisationen in Deutschland dafür ein, dass Alkohol weiterhin durchgängig verkauft wird, ihn schon 16-Jährige trinken dürfen und er an vielen Supermarktkassen direkt neben der Kinderschokolade liegt.

Eine Influencerin feiert genau deswegen den Sober Dance – das steckt dahinter.

4. Deutschland teilt Drogen willkürlich in legal und illegal ein

Bier als deutsches Kulturgut

Der Herausgeber des Berichts, Heino Stöver, sieht einen Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik. Trotzdem kritisiert er, dass „die willkürliche Einteilung in legale und illegale Substanzen“ weiterhin die Suchtarbeit hemme. Methoden zur Reduzierung von Gesundheitsrisiken bei Substanzkonsum kommen noch zu wenig zur Anwendung.

Da das bis 2023 bestehende Verbot von Drug-Checking in Drogenkonsumräumen aufgehoben sei, sehen die Autor:innen des Berichts die Bundesländer in der Pflicht, ihr Drug-Checking-Angebot auszubauen und gerade das Risiko illegalisierter psychoaktiver Substanzen neu zu bewerten.

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5. Lachgas ist in Deutschland frei erhältlich

So klein die Kapsel, so groß der Schaden: Rechts siehst du einen Mann in den Niederlanden, der gerade Lachgas durch einen Luftballon eingeatmet hat.

In Deutschland ist Lachgas legal erhältlich. Online oder in Berliner Spätis gibt es den Stoff in extra-großen Katuschen mit süßen Geschmacksrichtungen zu kaufen. „Im Grunde sagen wir: Alles ist möglich, beschafft euch das, werdet glücklich und habt viel Spaß“, sagt Stöver. Das ist gefährlich, denn deine Nerven finden Lachgas überhaupt nicht lustig und das ist der Grund.

6. Schon jetzt gibt es am Kiosk legale Cannabis-Alternativen

Hilft die geplante Cannabis-Legalisierung Alternativstoffe einzudämmen?

Aktuell mache die Substanz Hexahydrocannabinol (HHC), eine künstliche Cannabis-Alternative, von sich reden. In Kiosken sowie im Online-Handel finden sich diverse HHC-Produkte, von Blüten und Haschisch über E-Zigarette (Vapes) und (nahezu) reines HHC bis hin zu mit der Substanz versetzte Lebensmittel (Edibles).

Dies sei problematisch, weil über die Auswirkungen des Stoffes noch nicht viel bekannt sei. „Generell ist zu hinterfragen, inwiefern es wenig erforschte Konsumprodukte auf dem Markt geben muss, die vor allem deshalb existieren, weil andere Produkte bislang verboten sind“, kritisieren die Expert:innen.

7. Auch beim Thema Zucker drückt Deutschland ein Auge zu

In Deutschland gibt es keine Zuckersteuer auf Softdrinks wie Apfelschorle und Coca-Cola. Wie sinnvoll das sein könnte, zeigt eine neue Studie.

Zugegeben: Zucker ist keine Droge wie Alkohol oder Cannabis. Trotzdem kann er süchtig machen – und krank. Deswegen hätte eine Zuckersteuer, also eine Abgabe für Softdrinks viele Vorteile, belegt eine neue Studie. Auf die setzen bereits viele andere Länder wie Großbritannien, Deutschland hat solch eine Steuer bisher nicht eingeführt.

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(Mit Material der dpa)

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