Putins Attacke

Drohnenkrise fordert NATO – Experte warnt vor Fehlentscheidungen

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NATO steht vor schwieriger Wahl: Soll sie Kraft in Drohnentechnologie oder in herkömmliche Geschütze investieren? Selenskyj drängt weiter ins Bündnis.

Warschau – „Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, sagt Ulrike Franke. Politico zitiert die Analystin des US-Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR), angesichts der russischen Drohnen, die Polen über seinem Gebiet aufgefunden und neutralisiert hat – mögliche Irrläufer des Ukraine-Krieges; oder eine gezielte Provokation Wladimir Putins gegenüber der NATO. Das wäre gefährlich für die nordatlantische Verteidigungsallianz. Die Drohnen seien „mit millionenschweren Waffensystemen abgeschossen worden“, schreibt Laura Kayali. Laut der Politico-Autorin sei das „ein deutlicher Hinweis darauf, dass die NATO auf derartige Bedrohungen nicht ausreichend vorbereitet ist“.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago

Eine oder zwei Drohnen im polnischen Luftraum hätte Radek Sikorski offenbar als „technische Störung“ durchgehen lassen, wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) den polnischen Außenminister zitiert. „Doch bei 19 Drohnen sei es ,unvorstellbar, dass es ein Unfall gewesen sein könnte‘“, so Sikorski der AP zufolge. Drei Drohnen sollen demnach abgeschossen worden sein, die übrigen Drohnen abgestürzt, ohne Schaden anzurichten. Reagiert hat die NATO klassisch, beispielsweise mit der Entsendung von Kampfflugzeugen und einer verstärkten Überwachung des Luftraumes. Die bodengestützte Luftverteidigung und Raketenabwehr in Europa sei derzeit „sehr mangelhaft“ analysiert Lydia Wachs von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“. Die Wissenschaftlerin sieht in dieser löchrigen Verteidigung tatsächlich eine mögliche Motivation für Putin, seine Machtsphäre politisch oder auch militärisch auszubauen.

Russlands Attacke: Beobachter werten Zwischenfall mit den Drohnen über Polen als einen ersten Test Putins

Die Schwäche der Europäischen Union mache sie in ihrer Verwundbarkeit zum idealen Opfer für Erpressungen, legt Wachs nahe. Einige Verantwortliche halten den Zwischenfall mit den Drohnen über Polen als einen ersten Test Putins, wie er mit seinen westlichen Gegnern wird umspringen können, wenn der Ukraine-Krieg ein Ende nach seinem Geschmack gefunden habe. Laut der Welt seien fünf Drohnen direkt zugeflogen auf einen Stützpunkt der Verteidigungsallianz – über den sollen Hilfsgüter in die Ukraine gelangen. Wie die Wissenschaftlerin Ulrike Franke in Politico darstellt, läge der Skandal weniger im Affront durch Russland, sondern in der Schwerfälligkeit, wenn nicht gar Ohnmacht der NATO.

„Es ist höchst unwahrscheinlich, dass westliche Streitkräfte durch die langsamere und weniger praktische Beschaffung mehrerer Zehn- oder gar Hunderttausender ähnlicher Drohnen eine transformative Tödlichkeit und damit abschreckende Glaubwürdigkeit gegenüber russischen Streitkräften erreichen werden.“

Justin Bronk, Royal United Services Institute

Sie habe quasi mit Kanonen auf Spatzen geschossen, lässt Franke erahnen, weil zum Abschuss der Drohnen drei niederländische F35-Kampfjets aufgestiegen wären. „An der Operation sollen auch ein NATO-Tankflugzeug, ein italienisches Überwachungsflugzeug und ein deutsches Patriot-Luftabwehrsystem beteiligt gewesen sein“, ergänzt Politico. Ob dieses kostenintensiven Abwehrmanövers fordert Analystin Franke neue Ideen zur Drohnenabwehr: „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, zitiert sie Politico. Justin Bronk sieht daneben noch ein anderes Unheil heraufziehen. Das westliche Verteidigungsbündnis bewegt sich schnurstracks auf ein Dilemma zu – und kann eigentlich nur verlieren, vermutet der Analyst des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“ (RUSI).

Wie soll die NATO den von Russland verwendeten Shahed-Drohnen Herr werden? Die jetzt in Polen niedergegangenen Exemplare, vermutlich russischen Ursprungs, verdeutlichen, wie sehr die westliche Verteidigungsallianz unter Druck steht (Archivfoto)

F-35-Kampfjet gegen Billig-Drohnen: Die NATO sollte traditionelle Feuerkraft nicht durch Drohnen ersetzen

Im August hat Bronk gewarnt, die NATO sollte traditionelle Feuerkraft nicht durch Drohnen ersetzen; das heißt, sie solle sich auf ihre klassischen Stärken besinnen, aber die neuen Bedrohungen im Auge behalten. Der Ukraine-Krieg entwickelt sich offensichtlich so dynamisch weiter, dass die NATO möglicherweise noch mit ihren Strukturen beschäftigt ist, wenn sie schon längst konkrete Rüstungsvorhaben in ausreichender Qualität und Quantität in Auftrag gegeben haben müsste. Ihm zufolge habe Russland nicht nur einen Innovationsvorsprung bezüglich angreifender Drohnen, wie der Shaheds mit ihren verschiedenen Abwandlungen und Entwicklungsstufen. Wladimir Putins Invasionsarmee habe auch gelernt, Drohnen effizient abzuwehren.

Das hieße: Was immer der Westen jetzt auch produziere an Drohnentechnologie – Russland verfüge möglicherweise im Vorhinein schon über die entsprechende Antwort: Im Falle einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Russland und Nato-Truppen, „werden sie es mit einer Streitmacht zu tun haben, die im Vergleich zu den bereits heute sehr anspruchsvollen Einsatzbedingungen der ukrainischen Streitkräfte noch mehr Zeit hatte, ihre bereits beeindruckenden C-UAS-Fähigkeiten (Counter Unmanned Aircraft Systems) weiter zu verbessern“, schreibt Bronk. Seiner Einschätzung nach sähe die Lage für die Nato im umgekehrten Falle aber auch düster aus. Im Prinzip habe die NATO mit dem Vorfall in Polen schon ein Stück weit Boden gegenüber Russland verloren, so Bronk.

NATO hat offenbar Anschluss verpasst: Die „großen Militärmächte“ unvorbereitet auf Drohnenkrieg

„Je stärker sich die russischen Streitkräfte taktisch, operativ und technisch auf die Bekämpfung ukrainischer UAS (Unmanned Aircraft Systems) konzentrieren, desto weniger können sie sich auf die Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte für die Bekämpfung der traditionellen militärischen Stärkebereiche der NATO konzentrieren“, wie er schreibt. Lara Jakes hatte bereits nach dem ukrainischen Drohnenüberfall in Russlands Kernland, der „Operation Spiderweb“, klargestellt, dass die „großen Militärmächte“ unvorbereitet seien auf Drohnenattacken und sich anpassen müssten, wie die Autorin der New York Times (NYT) schreibt. Wobei zu fragen sein muss, ob eine „Militärmacht“, die statt auf Drohnen immer noch auf Panzerarmeen setzt, in einem Konfliktfall noch als „Macht“ gelten kann. Justin Bronk bejaht das. Ganz klar.

Einer der Gründe, wenn nicht der entscheidende, läge darin, dass die westlichen Mächte weiterhin zu behäbig seien, um den technologischen Fortschritt beider Kriegsparteien aufzuholen. Das gelte vielleicht primär in der Entwicklung von drohnenbasierten Angriffswaffen; allerdings ebenfalls in der Realisierung von Gegenmaßnahmen. Bronk: „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass westliche Streitkräfte durch die langsamere und weniger praktische Beschaffung mehrerer Zehn- oder gar Hunderttausender ähnlicher Drohnen eine transformative Tödlichkeit und damit abschreckende Glaubwürdigkeit gegenüber russischen Streitkräften erreichen werden.“ Kiew wird deshalb möglicherweise für die NATO ein wegweisender Freund werden, vermutet zumindest David Kirichenko.

Selenskyj kritisiert West-Abwehr: „Teure Raketen, die in erster Linie für ballistische Ziele entwickelt wurden.“

In einer Analyse für den Thinktank „Atlantic Council“ legt er nahe, dass das aktuelle Tempo der Rüstungsinnovationen im Ukraine-Krieg das künftige Normalmaß werde. Rüstung würde ihm zufolge künftig in der Ukraine und in Russland definiert. „Viele Jahre lang galt die Ansicht, die Ukraine sei für ihr Überleben nahezu vollständig von westlicher Hilfe und Know-how abhängig. Diese Vereinfachung war schon immer zu stark; sie ist heute hoffnungslos überholt.“ „Fähigkeitslücke“ ist der im Westen verwendete Fachausdruck für das, was der Westen außerstande ist zu tun. Oder der Euphemismus für die Versäumnisse der Vergangenheit zu Lande, zu Wasser und in der Luft – bei aller singulären Überlegenheit der im Westen ausgetüftelten Lösungen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat diese Erfahrung schmerzlich machen müssen und kämpft damit, eine Lösung für seine „Fähigkeitslücken“ aus dem Boden zu stampfen – Russland ist besser in Billig, deshalb seien Patriot, SAMP/T und ähnliche Systeme an einem Krieg der Kamikaze-Drohnen vorbei produziert worden, wie er in einem Beitrag auf X klargestellt hat. Seiner Erfahrung nach helfe lediglich ein gleichermaßen ganzheitlicher wie finanzierbarer Ansatz: „Luftabwehr, mobile Feuergruppen, Abfangdrohnen, Flugzeuge, Hubschrauber und mehrere Ebenen elektronischer Kriegsführung“, wie er schreibt. Das sind operative Fähigkeiten, wie sie keine Armee außer den beiden kriegführenden beherrsche. Seinen Worten zufolge sei Russland für die NATO lediglich mit dem Know-how der Ukraine zu bezwingen.

Eine erneute und verkappte Bitte des ukrainischen Präsidenten um Aufnahme in die NATO? Selenskyj legt auf X jedenfalls nahe, dass mit reiner Technikhörigkeit gegenüber den klassischen Luftabwehrsystemen Russland nie und nimmer beizukommen sei: „Es handelt sich um teure Raketen, die in erster Linie für ballistische Ziele entwickelt wurden. Ein einziger Patriot-Abfangjäger kostet zwei bis drei Millionen Dollar, während eine ,Shahed‘- oder ‚Geran‘-Drohne bis zu 100.000 Dollar kostet. Wenn Russland täglich 500 bis 800 Drohnen startet, ist der Einsatz solcher Raketen gegen sie einfach keine Lösung.“ (Quellen: Council on Foreign Relations, Stiftung Wissenschaft und Politik, Royal United Services Institute, Atlantic Council, Associated Press, Politico, Welt, New York Times, X) (hz)

Rubriklistenbild: © Efrem Lukatsky/AP/dpa

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