Drohnenkrise fordert NATO – Experte warnt vor Fehlentscheidungen
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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NATO steht vor schwieriger Wahl: Soll sie Kraft in Drohnentechnologie oder in herkömmliche Geschütze investieren? Selenskyj drängt weiter ins Bündnis.
Warschau – „Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, sagt Ulrike Franke. Politico zitiert die Analystin des US-Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR), angesichts der russischen Drohnen, die Polen über seinem Gebiet aufgefunden und neutralisiert hat – mögliche Irrläufer des Ukraine-Krieges; oder eine gezielte Provokation Wladimir Putins gegenüber der NATO. Das wäre gefährlich für die nordatlantische Verteidigungsallianz. Die Drohnen seien „mit millionenschweren Waffensystemen abgeschossen worden“, schreibt Laura Kayali. Laut der Politico-Autorin sei das „ein deutlicher Hinweis darauf, dass die NATO auf derartige Bedrohungen nicht ausreichend vorbereitet ist“.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Eine oder zwei Drohnen im polnischen Luftraum hätte Radek Sikorski offenbar als „technische Störung“ durchgehen lassen, wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) den polnischen Außenminister zitiert. „Doch bei 19 Drohnen sei es ,unvorstellbar, dass es ein Unfall gewesen sein könnte‘“, so Sikorski der AP zufolge. Drei Drohnen sollen demnach abgeschossen worden sein, die übrigen Drohnen abgestürzt, ohne Schaden anzurichten. Reagiert hat die NATO klassisch, beispielsweise mit der Entsendung von Kampfflugzeugen und einer verstärkten Überwachung des Luftraumes. Die bodengestützte Luftverteidigung und Raketenabwehr in Europa sei derzeit „sehr mangelhaft“ analysiert Lydia Wachs von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“. Die Wissenschaftlerin sieht in dieser löchrigen Verteidigung tatsächlich eine mögliche Motivation für Putin, seine Machtsphäre politisch oder auch militärisch auszubauen.
Russlands Attacke: Beobachter werten Zwischenfall mit den Drohnen über Polen als einen ersten Test Putins
Die Schwäche der Europäischen Union mache sie in ihrer Verwundbarkeit zum idealen Opfer für Erpressungen, legt Wachs nahe. Einige Verantwortliche halten den Zwischenfall mit den Drohnen über Polen als einen ersten Test Putins, wie er mit seinen westlichen Gegnern wird umspringen können, wenn der Ukraine-Krieg ein Ende nach seinem Geschmack gefunden habe. Laut der Welt seien fünf Drohnen direkt zugeflogen auf einen Stützpunkt der Verteidigungsallianz – über den sollen Hilfsgüter in die Ukraine gelangen. Wie die Wissenschaftlerin Ulrike Franke in Politico darstellt, läge der Skandal weniger im Affront durch Russland, sondern in der Schwerfälligkeit, wenn nicht gar Ohnmacht der NATO.
„Es ist höchst unwahrscheinlich, dass westliche Streitkräfte durch die langsamere und weniger praktische Beschaffung mehrerer Zehn- oder gar Hunderttausender ähnlicher Drohnen eine transformative Tödlichkeit und damit abschreckende Glaubwürdigkeit gegenüber russischen Streitkräften erreichen werden.“
Sie habe quasi mit Kanonen auf Spatzen geschossen, lässt Franke erahnen, weil zum Abschuss der Drohnen drei niederländische F35-Kampfjets aufgestiegen wären. „An der Operation sollen auch ein NATO-Tankflugzeug, ein italienisches Überwachungsflugzeug und ein deutsches Patriot-Luftabwehrsystem beteiligt gewesen sein“, ergänzt Politico. Ob dieses kostenintensiven Abwehrmanövers fordert Analystin Franke neue Ideen zur Drohnenabwehr: „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, zitiert sie Politico. Justin Bronk sieht daneben noch ein anderes Unheil heraufziehen. Das westliche Verteidigungsbündnis bewegt sich schnurstracks auf ein Dilemma zu – und kann eigentlich nur verlieren, vermutet der Analyst des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“ (RUSI).
Wie soll die NATO den von Russland verwendeten Shahed-Drohnen Herr werden? Die jetzt in Polen niedergegangenen Exemplare, vermutlich russischen Ursprungs, verdeutlichen, wie sehr die westliche Verteidigungsallianz unter Druck steht (Archivfoto)
F-35-Kampfjet gegen Billig-Drohnen: Die NATO sollte traditionelle Feuerkraft nicht durch Drohnen ersetzen
Im August hat Bronk gewarnt, die NATO sollte traditionelle Feuerkraft nicht durch Drohnen ersetzen; das heißt, sie solle sich auf ihre klassischen Stärken besinnen, aber die neuen Bedrohungen im Auge behalten. Der Ukraine-Krieg entwickelt sich offensichtlich so dynamisch weiter, dass die NATO möglicherweise noch mit ihren Strukturen beschäftigt ist, wenn sie schon längst konkrete Rüstungsvorhaben in ausreichender Qualität und Quantität in Auftrag gegeben haben müsste. Ihm zufolge habe Russland nicht nur einen Innovationsvorsprung bezüglich angreifender Drohnen, wie der Shaheds mit ihren verschiedenen Abwandlungen und Entwicklungsstufen. Wladimir Putins Invasionsarmee habe auch gelernt, Drohnen effizient abzuwehren.
Das hieße: Was immer der Westen jetzt auch produziere an Drohnentechnologie – Russland verfüge möglicherweise im Vorhinein schon über die entsprechende Antwort: Im Falle einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Russland und Nato-Truppen, „werden sie es mit einer Streitmacht zu tun haben, die im Vergleich zu den bereits heute sehr anspruchsvollen Einsatzbedingungen der ukrainischen Streitkräfte noch mehr Zeit hatte, ihre bereits beeindruckenden C-UAS-Fähigkeiten (Counter Unmanned Aircraft Systems) weiter zu verbessern“, schreibt Bronk. Seiner Einschätzung nach sähe die Lage für die Nato im umgekehrten Falle aber auch düster aus. Im Prinzip habe die NATO mit dem Vorfall in Polen schon ein Stück weit Boden gegenüber Russland verloren, so Bronk.
NATO hat offenbar Anschluss verpasst: Die „großen Militärmächte“ unvorbereitet auf Drohnenkrieg
„Je stärker sich die russischen Streitkräfte taktisch, operativ und technisch auf die Bekämpfung ukrainischer UAS (Unmanned Aircraft Systems) konzentrieren, desto weniger können sie sich auf die Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte für die Bekämpfung der traditionellen militärischen Stärkebereiche der NATO konzentrieren“, wie er schreibt. Lara Jakes hatte bereits nach dem ukrainischen Drohnenüberfall in Russlands Kernland, der „Operation Spiderweb“, klargestellt, dass die „großen Militärmächte“ unvorbereitet seien auf Drohnenattacken und sich anpassen müssten, wie die Autorin der New York Times (NYT) schreibt. Wobei zu fragen sein muss, ob eine „Militärmacht“, die statt auf Drohnen immer noch auf Panzerarmeen setzt, in einem Konfliktfall noch als „Macht“ gelten kann. Justin Bronk bejaht das. Ganz klar.
Einer der Gründe, wenn nicht der entscheidende, läge darin, dass die westlichen Mächte weiterhin zu behäbig seien, um den technologischen Fortschritt beider Kriegsparteien aufzuholen. Das gelte vielleicht primär in der Entwicklung von drohnenbasierten Angriffswaffen; allerdings ebenfalls in der Realisierung von Gegenmaßnahmen. Bronk: „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass westliche Streitkräfte durch die langsamere und weniger praktische Beschaffung mehrerer Zehn- oder gar Hunderttausender ähnlicher Drohnen eine transformative Tödlichkeit und damit abschreckende Glaubwürdigkeit gegenüber russischen Streitkräften erreichen werden.“ Kiew wird deshalb möglicherweise für die NATO ein wegweisender Freund werden, vermutet zumindest David Kirichenko.
Selenskyj kritisiert West-Abwehr: „Teure Raketen, die in erster Linie für ballistische Ziele entwickelt wurden.“
In einer Analyse für den Thinktank „Atlantic Council“ legt er nahe, dass das aktuelle Tempo der Rüstungsinnovationen im Ukraine-Krieg das künftige Normalmaß werde. Rüstung würde ihm zufolge künftig in der Ukraine und in Russland definiert. „Viele Jahre lang galt die Ansicht, die Ukraine sei für ihr Überleben nahezu vollständig von westlicher Hilfe und Know-how abhängig. Diese Vereinfachung war schon immer zu stark; sie ist heute hoffnungslos überholt.“ „Fähigkeitslücke“ ist der im Westen verwendete Fachausdruck für das, was der Westen außerstande ist zu tun. Oder der Euphemismus für die Versäumnisse der Vergangenheit zu Lande, zu Wasser und in der Luft – bei aller singulären Überlegenheit der im Westen ausgetüftelten Lösungen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat diese Erfahrung schmerzlich machen müssen und kämpft damit, eine Lösung für seine „Fähigkeitslücken“ aus dem Boden zu stampfen – Russland ist besser in Billig, deshalb seien Patriot, SAMP/T und ähnliche Systeme an einem Krieg der Kamikaze-Drohnen vorbei produziert worden, wie er in einem Beitrag auf X klargestellt hat. Seiner Erfahrung nach helfe lediglich ein gleichermaßen ganzheitlicher wie finanzierbarer Ansatz: „Luftabwehr, mobile Feuergruppen, Abfangdrohnen, Flugzeuge, Hubschrauber und mehrere Ebenen elektronischer Kriegsführung“, wie er schreibt. Das sind operative Fähigkeiten, wie sie keine Armee außer den beiden kriegführenden beherrsche. Seinen Worten zufolge sei Russland für die NATO lediglich mit dem Know-how der Ukraine zu bezwingen.
Answering questions from journalists, I noted: Patriot, SAMP/T and similar systems are not weapons against kamikaze drones. These are expensive missiles designed first and foremost for ballistic targets. A single Patriot interceptor costs $2-3 million, while a “shahed” or “Geran”…
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) September 11, 2025
Eine erneute und verkappte Bitte des ukrainischen Präsidenten um Aufnahme in die NATO? Selenskyj legt auf X jedenfalls nahe, dass mit reiner Technikhörigkeit gegenüber den klassischen Luftabwehrsystemen Russland nie und nimmer beizukommen sei: „Es handelt sich um teure Raketen, die in erster Linie für ballistische Ziele entwickelt wurden. Ein einziger Patriot-Abfangjäger kostet zwei bis drei Millionen Dollar, während eine ,Shahed‘- oder ‚Geran‘-Drohne bis zu 100.000 Dollar kostet. Wenn Russland täglich 500 bis 800 Drohnen startet, ist der Einsatz solcher Raketen gegen sie einfach keine Lösung.“ (Quellen: Council on Foreign Relations, Stiftung Wissenschaft und Politik, Royal United Services Institute, Atlantic Council, Associated Press, Politico, Welt, New York Times, X) (hz)