Über 150.000 Euro Einkommen „Zweite Klasse“? CDU wittert Elterngeld-Eklat
VonFlorian Naumann
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Streit übers Elterngeld: Die CDU wähnt Gutverdiener am schlechten Ende einer „Zweiklassen-Gesellschaft“. Doch es geht auch um Gleichberechtigung.
Berlin - Christian Lindner will Einschnitte im Bundeshaushalt vornehmen. Und wo Schnitte gemacht werden, bleibt der Schmerz nicht aus. Dass verordnete Kürzungen im Etat von Familienministerin Lisa Paus nun aber auf Kosten von Eltern mit mehr als 150.000 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen gehen sollen, bringt Lindners FDP in Wallung:
Die Partei läuft Sturm gegen einen am Vortag anscheinend noch durchaus genehmen Elterngeld-Deal mit dem Grünen-geführten Ressort. Womöglich auch, weil CDU und CSU kräftig gegen die Pläne wettern. Der Wahlkampf um die Stimmen der Besser- und Bestverdiener scheint ausgebrochen.
Elterngeld-Idee der Grünen im Kreuzfeuer: CDU-General wettert über „2-Klassen-Gesellschaft“
Worum es geht, war aus Lindners Finanzressort durchgesickert: Die Ausgabendynamik beim Elterngeld soll gedämpft werden. Die Ausgaben sollen um 290 Millionen Euro auf knapp 8 Milliarden Euro sinken. Dafür will Paus offenbar nicht die Höhe der Leistungen senken, was gerade Menschen mit kleinen Einkommen getroffen hätte - und hat stattdessen den Kreis der Bezugsberechtigten ins Visier genommen. Bisher gab es Elterngeld für Paare mit bis zu 300.000 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen. Künftig soll bei 150.000 Euro Schluss sein. 60.000 Familien könnte das laut Ministerium betreffen.
CDU-Generalsekretär Mario Czaja ging am Dienstag (4. Juli) auf die Barrikaden. „De facto sorgt diese Bundesregierung für eine 2-Klassen-Gesellschaft unter jeweils hart arbeitenden Familien“, sagte er dem RND. Friedrich Merz‘ Mann fürs Grobe sprach auch von einem „Schlag ins Gesicht erwerbstätiger Eltern“. FDP-Fraktionschef Dürr sprang wenig später ebenfalls auf. „Ich halte es für falsch, dass wir an dieser Stelle genau diese Mittel jetzt kürzen“, warnte er.
Elterngeld und Einkommen: Besserverdiener im Fokus - doch es geht auch um Gleichberechtigung
Rein finanziell könnte die Debatte skurril wirken. 150.000 Euro zu versteuerndes Jahreseinkommen bedeuten im Regelfall ein Monatseinkommen von weit über 12.500 Euro - in Anschlag gebracht wird schließlich nicht der Bruttolohn, sondern eben das zu versteuernde Einkommen. Dieser Posten findet sich auf dem jährlichen Einkommensteuerbescheid. Dank Freibeträgen, Vorsorgeaufwendungen und Co. fällt er deutlich niedriger aus als das Bruttoeinkommen.
Doch es gibt eine zweite inhaltliche Komponente, die offenbar auch den Grünen selbst Bauchschmerzen bereitet: Die Gleichstellung der beiden Elternteile. Das Elterngeld fließt, wenn ein Elternteil zur Kinderbetreuung die Arbeit ruhen lässt. Unabhängig von der ökonomischen Situation gilt: Wer ohne Elterngeld zuhause bleibt, ist plötzlich finanziell auf den oder die PartnerIn angewiesen - oder auf das Ersparte. Unter anderem Ex-CSU-Ministerin Dorothee Bär hat dieser Aspekt zu einer drastischen Wortmeldung getrieben.
Elterngeld-Streit der Ampel: Ex-CSU-Ministerin sieht Grüne in die „Finsternis“ steuern
„Eine Bundesfamilienministerin, die beim Elterngeld kürzt, ist gegen Kinder“, erklärte Bär am Dienstag. „Ausgerechnet bei einer der wichtigsten familienpolitischen Errungenschaften aus der Regierungszeit der Union den Rotstift des Finanzministers anzusetzen, ist ein frauenpolitischer Offenbarungseid.“ Gerade gut ausgebildete und hart arbeitende jungen Frauen müssten nun wieder ihrem Mann gegenüber die Hand aufhalten, wenn sie „durch ein Baby nicht in Existenznot katapultiert werden wollen“, warnte sie: „Die Grünen drehen das Rad zurück in gleichstellungspolitische Finsternis.“
FDP-Bildungsexpertin Ria Schröder wies auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA auf mögliche Folgen auf die Lebensplanung hin - vom Verzicht auf Kinder bis zur Karriereunterbrechung beim Elternteil mit dem geringen Einkommen. Auch Czaja und Dürr schlugen mehr oder minder deutlich in diese Kerbe. Und tatsächlich: Einem Spiegel-Bericht zufolge bedauert das Paus-Ministerium die geplanten Einschnitte und warnt selbst vor „negativen Auswirkungen auf die gleichstellungspolitischen Ziele der Bundesregierung“.
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Was wiederum Lindner auf den Plan rief: „Wenn die zuständige Kollegin selbst von der Änderung beim Elterngeld nicht überzeugt ist, dann kann und sollte sie ihren Konsolidierungsbeitrag in anderer Weise erbringen“, erklärte der FDP-Chef. Parteifreund Dürr hatte auch Vorschläge parat. Paus könne etwa „politisch fragwürdige und teilweise ineffiziente Programme“ durchforsten, riet er. Der FDP-Fraktionschef verwies auch auf um „240 Prozent“ gestiegene Ausgabenpläne für Öffentlichkeitsarbeit im Familienministerium. Wobei letztere jedenfalls keine 290 Millionen Euro ausmachen.
Paus erklärte in den Sendern RTL und ntv, 90 Prozent ihres Etats seien gesetzlich gebunden. Es habe einen „Auftrag“ von Lindner gegeben, das Elterngeld zu „reduzieren“. „Für die Gleichstellung, in der Tat, ist das kein Glanzstück“, räumte sie aber ein. Die FDP-Fraktion betonte hingegen in einem Tweet, Paus habe „eigenständig (!) entschieden“.
Lindner im Familienpolitik-Chaos: Kindergrundsicherungs-Pläne erregen Zorn - Linke fordert „Machtwort“
Ungelöst ist auch weiter die Frage nach der Kindergrundsicherung. Bei dem insbesondere für Geringverdienende potenziell wichtigen Projekt steht Lindner ebenfalls auf der Kostenbremse. „Strukturelle Mehrausgaben können nur beschlossen werden, wenn es Gegenfinanzierungen gibt“, hieß es am Dienstag aus Lindners Haus. Der Minister selbst rief in einem Gastbeitrag für die FAZ die Rückkehr zur „finanzpolitischen Normalität“ aus.
Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, zeigte sich entsetzt: „Wer sonst gern mit Wumms und Doppel-Wumms agiert, darf nicht auf Kosten armer Kinder sparen.“ Mit Lindners Haushaltsmerkposten über zwei Milliarden Euro für die Kindergrundsicherung könne man keine Kinderarmut beseitigen, „das ist ausgeschlossen“. Schon zuvor hatte der Sozialforscher Christoph Butterwegge der Frankfurter Rundschau erklärt, mit den Plänen verabschiede sich die Ampel von ihrem „sozial- und familienpolitischen Prestige-Projekt“. Schon jetzt wüchsen aber immer Minderjährige in Familien auf, die nach EU-Kriterien als armutsbetroffen oder armutsbedroht gelten.
Linke-Chefin Janine Wissler forderte Kanzler Olaf Scholz unterdessen zu einem Machtwort gegen den Finanzminister auf. „Lindner ist der Schutzpatron der Reichen und Konzerne, sie bleiben unbehelligt, während bei Sozialem der Rotstift angesetzt wird.“ Der Rotstift bei der Kindergrundsicherung sei „eine Ohrfeige für Menschen, die ihren Kindern alltäglich erklären müssen, dass ein Eis, ein Ausflug oder ein Kindergeburtstag nicht drin ist.“ (fn mit Material von dpa und AFP)