Die Regierung Netanjahu spricht davon, den Krieg in Gaza noch auszuweiten. Auch im eigenen Land kommt dieser Plan nicht gut an.
„Die Würfel sind gefallen“, sagte ein Vertrauter von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gegenüber der Nachrichtenplattform Ynet: „Wir gehen jetzt zur vollständigen Besetzung des Gazastreifens über.“ Der Bericht schlug sofort im Ausland große Wellen. Wird Israels Armee tatsächlich auch noch die verbleibenden 25 Prozent des Gazastreifens besetzen – und womöglich jahrelang dort bleiben?
Die Frage treibt auch den seit Längerem schwelenden Konflikt zwischen Netanjahus Regierung und der Armeeführung auf die Spitze. Seit Monaten warnt das Militär davor, die Offensive in Gaza noch einmal auszuweiten und in jene Gebiete vorzudringen, die derzeit nicht in der Hand des israelischen Militärs sind. Dabei geht es vor allem um Distrikte im Zentrum des Gazastreifens und um Gaza-Stadt. Die Geheimdienste vermuten, dass sich ein Großteil der Geiseln dort befinden – lebend und tot.
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Israels Armee gegen Ausweitung auf den gesamten Gazastreifen
Der Generalstabschef der Armee, Ejal Zamir, ist ein strikter Gegner einer Ausweitung der Offensive. Sein Argument: Die Expansion würde im Kampf gegen die Hamas wenig bringen, sie drohe aber das Leben der Geiseln gefährden und könnte dazu führen, dass die Familien der ermordeten Geiseln die Leichen ihrer Angehörigen nicht zurückbekommen.
Zudem hat die Armee gerade erst zwei Reservistenbataillons aus Gaza abgezogen. Den Truppen geht langsam die Energie aus. Immer mehr Fälle von Burnout unter den Reservisten treten an die Öffentlichkeit. Eine Ausweitung der Offensive würde aber bedeuten, dass Zehntausende Soldaten mobilisiert werden müssten – noch dazu für eine heikle Mission. Die Armee müsste sich auf Guerillakämpfe einstellen, mit hohem Risiko für die israelischen Bodentruppen.
All diesen Argumenten des obersten Militärs zeigt sich Netanjahus Regierung zumindest nach außen hin kaum zugänglich. „Wenn es ihm nicht passt, sollte er zurücktreten“, soll Netanjahus Vertrauter laut Ynet über den Armeechef gesagt haben. Verteidigungsminister Israel Katz goss am Dienstag noch einmal Öl ins Feuer, und richtete eine öffentliche Botschaft an Zamir: „Ich werde dafür sorgen, dass du ausführst, was immer wir entscheiden.“
Angehörige ebenfalls gegen verschärfte Kämpfe
Widerstand kommt aber nicht nur aus dem Militär. Auch die allermeisten Angehörigen der israelischen Geiseln in der Gewalt der Terroristen lehnen eine Ausweitung der Gaza-Operation ab. In einem langen Gespräch mit dem Nahost-Sondergesandten von US-Präsident Donald Trump, Steve Witkoff, rangen sie ihm das Bekenntnis ab, dass der Krieg in Gaza beendet werde. Ob Israels Regierung den Rückhalt Washingtons für eine weitere Expansion haben würde, ist also ebenfalls zu bezweifeln. Bleibt die Frage: Welchen Zweck verfolgt Netanjahu?
Vieles deutet darauf hin, dass die angekündigte Expansion nur Rhetorik ist: Netanjahus rechtsextreme Koalitionspartner Smotritsch und Ben-Gvir sind seit der Ausweitung der humanitären Korridore in Gaza höchst nervös. Sie müssen ihrer Basis demonstrieren, dass sie in der Regierung noch Einfluss haben – und die vollständige Besetzung Gazas wäre ein Signal dazu.
Die Rhetorik könnte aber auch auf die Hamas abzielen und sie unter Druck setzen, einem Waffenruhe-Deal zuzustimmen. Die Gespräche über einen solchen Deal stocken. Die jüngst veröffentlichten Videos stark abgemagerter israelischer Geiseln haben jedoch in Israel den Druck auf Netanjahu erhöht, endlich wirksame Schritte zur Befreiung der von der Hamas Verschleppten zu setzen.
Israel will wieder zunehmend Hilfslieferungen in den Gazastreifen erlauben
Indessen ermöglicht Israel nach eigenen Angaben nun auch privaten Organisationen wieder die Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen. Es sei ein Verfahren genehmigt worden, um „die Wareneinfuhr durch den Privatsektor schrittweise und kontrolliert wieder aufzunehmen“, erklärte die für die zivile Verwaltung der Palästinensergebiete zuständige israelische Behörde Cogat am Dienstag.
Mit Blick auf das militärische Vorgehen ist jedenfalls noch nichts entschieden. Die angeblich „gefallenen Würfel“ sind nicht beschlussreif. Netanjahus Kabinett soll erst im Lauf dieser Woche tagen.
Die Armee wartet seit längerer Zeit darauf, dass die politische Führung eine Richtung für die Kampagne vorgibt. Dafür gäbe es mehrere andere mögliche Szenarien: So könnte die Armee dazu übergehen, die betreffenden Gebiete nicht einzunehmen, sondern zu umzingeln. Auch eine Annexion von Gebieten nördlich von Gaza-Stadt und im Osten der palästinensischen Enklave wird diskutiert.