Russische Forderungen

Donbass als Geschenk an Putin ist für Selenskyj keine Option

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Bei den Ukraine-Verhandlungen steht Selenskyj unter Druck, den Donbass Putin zu überlassen. Aus mehreren Gründen ist das für ihn keine Option.

Kiew/Moskau – Ein Thema wird aktuell bei den Verhandlungen für ein Ende des Ukraine-Kriegs als größter Knackpunkt genannt: Gebietsabtretungen. Die Positionen Russlands und der Ukraine sind hier unvereinbar. Russlands Präsident Wladimir Putin will den gesamten Donbass zu russischem Staatsgebiet machen. Die Ukraine dagegen will zumindest diejenigen Gebiete im Donbass behalten, die Russland im Ukraine-Krieg noch nicht erobert hat.

Der Druck auf Wolodymyr Selenskyj in den laufenden Ukraine-Verhandlungen ist groß – auch in Hinblick auf Landabtretungen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte in den laufenden Friedensplan-Verhandlungen mehrfach, dass die Frage des Territoriums das „schwierigste“ Thema in den Gesprächen sei. Und mit Putin konnten die US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner auch nach fünf Stunden Verhandlungen in Moskau vergangenen Dienstag (2. Dezember) keinen Kompromiss finden.

Streitthema bei Ukraine-Verhandlungen: Warum ist der Donbass für Russland so wichtig?

Doch warum ist der Donbass für beide Kriegsparteien so entscheidend? Laut einem Bericht des unabhängigen russischen Mediums Meduza hat der Teil des Donbass, der noch unter der Kontrolle Kiews ist, eigentlich „begrenzten strategischen Wert“ im Krieg. Selenskyjs Armee kontrolliere aktuell vor allem noch die Gegend um Kramatorsk und Slowjansk. Rund 700.000 Menschen hätten dort vor Kriegsausbruch gelebt, heute sind viele von ihnen geflohen oder evakuiert.

Das Territorium habe vor allem symbolische Bedeutung, heißt es. Denn: Verzichtet die Ukraine freiwillig auf ein Gebiet, das sie seit Jahren verteidigt, könnte Putin das als Ermutigung verstehen. Seit 2014 besetzt Russland schon die Krim und Teile des Donbass, ohne dass die Ukrainer viel dagegen tun können. Gewinnt Putin jetzt auch noch den ganzen Donbass für sich, könnte dies seinen Eroberungshunger weiter anstacheln, so die Befürchtung. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Maekiev, warnte davor bereits im Oktober in einem Interview mit dem ZDF.

Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern

Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus.
Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus. Auf Einladung Donald Trumps verhandelt der ukrainische Präsident dort über einen möglichen Frieden im Krieg mit Russland. © afp
Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg
Der Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg wurde in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Noch vor wenigen Tagen war nichts über ein Treffen Trumps mit Selenskyj bekannt gewesen. © imago
Trump und Putin in Alaska
Dem Treffen Trumps mit Selenskyj ging der historische Gipfel des US-Präsidenten mit Russlands Machthaber Wladimir Putin in Alaska zuvor. Die beiden Staatsoberhäupter berieten im nördlichsten US-Bundesstaat über den Ukraine-Krieg und einen möglichen Frieden. © afp
Ukraine Gipfel in Washington
Die Erwartungen an den Ukraine-Gipfel sind so hoch wie die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird. Ursache sind unter anderem Selenskyjs letzter Besuch im Weißen Haus und die Dynamik, die seit Trumps Treffen mit Putin in die Ukraine-Verhandlungen gekommen zu sein scheint. © dpa
Selenskyj bei Trump
Im Gegensatz zum letzten Treffen Trumps mit Selenskyj im Weißen Haus war die Atmosphäre diesmal deutlich besser. Endete der letzte Auftritt noch im hitzigen Wortgefecht und im diplomatischen Debakel, waren beide diesmal um eine freundliche Beziehung bemüht. © afp
Selensky und Trump im Oval Office
Brian Glenn, Journalist beim rechtsextremen Sender Real America, hatte Wolodymyr Selenskyj beim letzten Besuch noch für seine Kleidung kritisiert. Der ukrainische Präsident erschien damals in einem Millitär-Pullover. Diesmal trug Selenskyj Anzug und Hemd. „Sie sehen in diesem Anzug fantastisch aus“, kommentierte Glenn Selenskyjs Outfit. Mit seiner Antwort hatte der ukrainische Präsident die Lacher auf seiner Seite. „Sie tragen denselben Anzug. Ich habe mich umgezogen, Sie offenbar nicht“, so Selenskyj. © afp
Vance im Oval Office
Am Treffen mit Wolodymyr Selenskyj im Oval Office nahmen neben Trump US-Außenminister Marco Rubio (r.) und Vizepräsident JD Vance teil. Der hatte den ukrainischen Präsidenten beim letzten Besuch im Weißen Haus noch attackiert und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. © afp
Pete Hegseth
Ein weiterer Vertreter der Regierung Trumps beim Besuch Wolodymyr Selenskyjs: Verteidigungsminister Pete Hegseth. © imago
Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus
Nicht nur Wolodymyr Selenskyj reiste spontan nach Washington, DC. Unterstützung erhielt er beim Treffen mit Donald Trump von einer großen Delegation aus Europa. Hier kommt die Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus an. © imago
Meloni bei Trump
Meloni gilt als politische Verbündete Donald Trumps. Wie der Rechtspopulist in den USA setzt Italiens Ministerpräsidentin und Chefin der rechtsextremen Partei „Fratelli d‘Italia“ auf harte Abschiebepolitik und geschlossene Grenzen. In Sachen Ukraine-Krieg steht Meloni aber fest an der Seite Selenskyjs und ihrer europäischen Begleiter. © afp
Emmanuel Macron in Washington
Donald Trumps Protokollchefin Monica Crowley begrüßt Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron an der Tür des Weißen Hauses. Diese Rolle hat in der Vergangenheit bei solchen Besuchen Melania Trump übernommen. Von der First Lady war beim heutigen Ukraine-Gipfel aber zunächst nichts zu sehen. © afp
Ukraine-Treffen in Washington
Hier begrüßt Crowley Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Weißen Haus. © dpa
Alexander Stubb in Washington
Der wohl überraschendste Name auf der Liste der europäischen Delegation bei Trumps Gipfel gehört wohl Alexander Stubb. Finnlands Präsident dürfte aber eine Schlüsselrolle beim Versuch zukommen, Trump von Europas Position im Ukraine-Krieg zu überzeugen. Sein Land teilt sich mehr als 1.300 Kilometer Landgrenze mit Russland. Stubb dürfte die Aufgabe zukommen, Trump davon zu überzeugen, dass bei den Verhandlungen mit Russland nicht nur die Zukunft der Ukraine, sondern die Sicherheit Europas auf dem Spiel steht. © afp
Merz bei Trump
Mit von der Partie in Washington, DC ist Friedrich Merz. Dem Bundeskanzler wurde nach seinem letzten Besuch bei Donald Trump ein guter Auftritt attestiert. Diesmal will der CDU-Chef Wolodymyr Selenskyj bei seinen Verhandlungen über Frieden im Ukrainekrieg unterstützen. © afp
Merz bei Trump in Washington
Gegenüber der ARD bezeichnete Merz, hier bei der Ankunft am Weißen Haus, die Entwicklungen nach dem Treffen Trumps und Putins als „Licht und Schatten“. Der Bundeskanzler übte geschickt verpackte Kritik am US-Präsidenten. „Die Presse in Russland jubelt. Ein bisschen weniger wäre auch gut gewesen“, so der CDU-Chef in der Tagesschau. © afp
Ukraine Trump
In ähnlicher Besetzung hatte eine Delegation aus Europa in Sachen Ukraine-Krieg schon einmal Kontakt zu Donald Trump aufgenommen. Damals waren Keir Starmer, Emmanuel Macron, Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Friedrich Merz in die Ukraine gefahren. Gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj berieten sie telefonisch mit Trump © imago
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer scheint frohen Mutes, als er zum Ukraine-Gipfel bei Donald Trump eintrifft. © dpa
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg
Die Europäische Union (EU) vertritt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg in Washington, DC. Von der Leyens letzter Besuch bei Trump endete mit einem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. © dpa
Von der Leyen und Selenskyj
Kurz vor dem Ukraine-Gipfel mit Trump in Washington, DC empfing Ursula von der Leyen Wolodymyr Selenskyj in Brüssel. Dort beriet die EU-Kommissionspräsidentin sicherlich auch das gemeinsame Vorgehen mit dem Präsidenten der Ukraine. © imago
Ukraine Gipfel in Washigton
Die große Runde in Washington, DC zum Ukraine-Gipfel versammelt: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der britische Premier Keir Starmer, die Präsidenten Alexander Stubb (Finnland), Wolodymyr Selenskyj (Ukraine), Donald Trump (USA), Emmanuel Macron (Frankreich) stellen sich mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte (v.l.n.r.) zum Gruppenbild auf. © afp
Macron und Trump in Washington
Bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz verteilte Donald Trump Komplimente in alle Richtungen. Sein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj sei wunderbar gewesen. Friedrich Merz als Freund zu haben, sei eine „große Ehre“ für ihn, so der US-Präsident. Über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (im Bild) sagte Trump: „Ich mag ihn seit dem ersten Tag. Und ich mag ihn immer noch. Das ist ungewöhnlich.“ © afp
Meloni bei Trump in Washington
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte Donald Trump „eine großartige Führungspersönlichkeit, die viele inspiriert“. Sie habe „trotz ihres jungen Alters schon viel erreicht“, so Trump über die Rechtspopulistin. „Sie regiert auch schon eine ganze Zeit lang. Andere haben nicht so lange durchgehalten wie sie“, scherzte der US-Präsident über seine Kollegin aus Italien, das berühmt ist für seine häufigen Regierungswechsel. © afp
Vance und Starmer
JD Vance im Gespräch mit dem britischen Premier Keir Starmer. Der Vizepräsident war erst vor kurzem zum Urlaub auf den britischen Inseln. Sein Besuch im südenglischen Cotswolds löste Protest der heimischen Bevölkerung aus. © afp
Merz nach Treffen mit Trump
Nach dem ersten Gespräch mit Donald Trump beim spontanen Ukraine-Gipfel im Weißen Haus zeigte Bundeskanzler Friedrich Merz sich optimistisch. Der Weg sei „offen für komplizierte Verhandlungen“. Vom US-Präsidenten forderte Merz, den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen. Der Kanzler wiederholte außerdem die Forderung der europäischen Vertreter nach einer Waffenruhe. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein weiteres Treffen ohne eine Waffenruhe stattfinden kann“, stellte Merz klar. © dpa
Selenskyj und Trump nach Treffen im Weißen Haus
Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den vorangegangenen Austausch mit Donald Trump als „sehr gute Unterhaltung“. Man habe über „viele sensible Dinge“ gesprochen, so der ukrainische Präsident. Trump wiederum kündigte bereits ein Dreiertreffen zwischen ihm, Selenskyj und Russlands Präsidenten Wladimir Putin an. Die Frage sei „nicht, ob, sondern wann“ ein solcher Gipfel stattfinden würde. © afp

Gebietsabtretungen an Russland: Was passiert mit den Ukrainern, die dort leben?

Noch weitere Faktoren gibt es, die Gebietsabtretungen für die Ukraine zu einem großen Opfer machen. Dazu gehören die dort lebende Bevölkerung, wirtschaftliche Faktoren und rechtliche Hürden.

Zwar sind viele Ukrainer aus dem Donbass geflohen oder wurden aus Sicherheitsgründen evakuiert, doch es leben Menschen dort. Sie hätten Unterdrückung und Assimilierung zu befürchten, wenn das Gebiet an Russland fällt. Laut eines Berichts des Europarats werden in den russischen besetzten Gebieten Menschenrechte systematisch verletzt: Ukrainer werden willkürlich festgenommen und teils gefoltert, können nicht mehr frei ihre Meinung sagen, Medien und NGOs werden drangsaliert. Laut Amnesty International setzen die Besatzer auf „Russifizierung“: Wer den russischen Pass verweigere, verliere alle staatlichen Leistungen.

Gebietsabtretungen an Russland: Das sagt Trumps Friedensplan

Eine erste Version eines Friedensplans der USA, der an die Öffentlichkeit gelangte und 28 Punkte umfasste, sah mehrere Punkte zu ukrainischen Gebieten vor: Die Krim, Luhansk und Donezk (also der ganze Donbass) würde de facto als russisch anerkannt, auch von den USA. In Cherson und Saporischschja würde die Frontlinie eingefroren und die russisch besetzten Teile würden de facto Putin zuerkannt. Dafür sollte Russland andere Territorien aufgeben, die es im Ukraine-Krieg außerhalb der fünf Regionen erobert hat. Der Friedensplan wurde unter Einwirkung der europäischen Ukraine-Verbündeten angepasst und sieht nun offenbar vor, dass keine Territorien an Russland fallen, die noch nicht erobert wurden.

Gebiete an Putin für Ende des Ukraine-Kriegs: Wirtschaftliche Einbußen drohen

Im Donbass schlug immer das industrielle Herz der Ukraine: Stahl- und Maschinenbau, Kohlebergbau und Scherindustrie ist hier angesiedelt. Seit dem Krieg ist die Produktion eingebrochen. Vieles ist zerstört, Lieferketten sind abgeschnitten. Dennoch nennt ein ausführlicher Beitrag in Sirius – Zeitschrift für Strategische Analysen speziell die Region Donezk als Basis für den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg, auch wegen ihrer vielen Rohstoffe. Unter dem Boden von Donezk warten Eisenerz, Kohle, Lithium und andere wertvolle Metalle darauf, geborgen zu werden. Bekäme Putin jetzt durch einen „Friedensplan“ den gesamten Donbass zugesprochen, hätte er Zugriff auf eine der wichtigsten wirtschaftliche Ressourcen der Ukraine.

Für Russland scheint dies durchaus ein zentraler Punkt zu sein, warum es sich den gesamten Donbass einverleiben will: Laut der Analyse wird der Wert der russischen fossilen Ressourcen über kurz oder lang verfallen. Es sei deshalb davon auszugehen, dass Putins „Überfall auf die Ukraine nicht nur machtpolitisch motiviert war, sondern auf den Zugang zu ukrainischen Rohstoffen und Materialien zielt“, heißt es im Beitrag in der Zeitschrift Sirius. Der Donbass könne Russland „im Zeitalter einer dekarbonisierten Wirtschaft wieder eine dominante Position als Rohstofflieferant sichern“. Im russischen Narrativ gelte der Donbass seit jeher „als zentral für die Entwicklung und das Überleben der russischen Wirtschaft“.

Trump-Friedensplan sah Gebietsverzicht der Ukraine im Donbass vor – Recht steht entgegen

Nicht zuletzt sind freiwillige Gebietsabtretungen der Ukraine an Russland, wie Wladimir Putin und wohl auch US-Präsident Donald Trump sie sich vorstellen, für Selenskyj nicht leicht umzusetzen. In der ukrainischen Verfassung sind die Gebiete der Ukraine aufgelistet. Artikel 73 lässt Gebietsveränderungen nur nach einer landesweiten Volksabstimmung zu.

Selenskyj müsste also entweder die Einwilligung seines Volks einholen, was zu Kriegszeiten fast nicht realisierbar ist – zudem würden die Ukrainer einem freiwilligen Verzicht auf ihr Land wohl niemals zustimmen. Oder Selenskyj müsste die Verfassung ändern. Dies ist aber in Zeiten von Krieg nicht zulässig. Abgesehen davon wäre eine Zweidrittelmehrheit im ukrainischen Parlament notwendig, und das ukrainische Verfassungsgericht müsste zustimmen.

„De facto“-Abtretung von Gebieten Russland – Verliert Selenskyj nach Krim auch den Donbass?

Denkbarer wäre anstatt einer rechtlichen Gebietsabtretung eine „de facto“-Abtretung: Die würde bedeuten, dass Russland faktisch bestimmte ukrainische Gebiete kontrolliert, ohne dass dafür eine rechtliche Basis besteht. Dies ist bei der ukrainischen Halbinsel Krim der Fall, die seit der völkerrechtswidrigen Annexion durch Russland im Jahr 2014 faktisch unter russischer Herrschaft steht.

Auch die vier ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson erklärte Putin ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn nach Scheinreferenden für Russisch. Allerdings verstößt er damit erstens gegen das Völkerrecht – und zweites gibt die Ukraine diese Gebiete bis heute nicht kampflos auf. (Quellen: Meduza, ZDF heute, dpa, AFP, Sirius – Zeitschrift für Strategische Analysen, Europarat, Amnesty International) (smu)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Blondet Eliot/ABACA

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