Neue Offensive?

Für Sieg über Putin: Ex-Nato-Oberst fordert Strategiewechsel



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Kleinere Einheiten, weniger Ziele, mehr Schlagkraft – lang ist die Liste guter Rezepte für die Ukraine. Das Umschalten fällt den Verteidigern schwer.

Kiew – „Die Ukraine ist besser in der Lage, einen mobilen Krieg zu führen“, sagt Richard Williams. Den pensionierten Oberst der US-Armee zitiert aktuell die Kyiv Post mit der Idee an die Verteidiger, im Ukraine-Krieg „ihr derzeitiges defensives ,Zermürbungsspiel‘ gegenüber Russland aufzugeben, da diese Strategie nicht nachhaltig sei“, wie Alex Raufoglu berichtet. Wladimir Putins Invasionsarmee sei auf die Art kaum beizukommen. Ohnehin hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jüngst angekündigt, wieder stärker in die Offensive gehen zu wollen.

Selenskyj am Ende seiner Geduld: „Putin versteht nur Gewalt“

„Putin versteht nur Gewalt“, zitiert ihn der Spiegel. Allerdings bleibt das Nachrichtenmagazin schuldig, wie genau der ukrainische Präsident Russland wieder zurückzudrängen gedenke; bisher hatten sich die Verteidiger mehr oder minder wacker geschlagen im Halten ihrer Stellungen. Der Spiegel spricht von ungeprüften Berichten, nach denen die Ukraine Gegenangriffe geführt habe in der Region Sumy im Nordosten und bei Pokrowsk weiter südlich an der Front. Auf Telegram habe Armeechef Oleksandr Syrsky von ersten Erfolgen gesprochen, ergänzt der Spiegel. Der letzte Erfolg der Ukraine ist aber auch schon ein Jahr her: der Angriff auf die russische Region um Kursk Anfang August 2024. Und wie die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet, verweigere sich Wladimir Putin weiterhin einem Treffen auf höchster Ebene.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Die Kyiv Post zitiert den Ex-US- und Ex-Nato-Offizier Williams damit, dass die ukrainischen Streitkräfte zwar dem Feind mehr Verluste beibrächten, Russland jedoch „über einen scheinbar endlosen Pool an Reserven verfügt und diese als entbehrlich betrachtet“. Dem Praktiker zufolge ein klarer und möglicherweise unschlagbarer Vorteil für den Aggressor. Laut Michael Kofman ist also eingetreten, was alle Experten prophezeit hatten – ein Krieg der vielen kleineren Einheiten, zeitraubend und verlustreich. In der Ukraine zeigt sich die klassische Form der russischen Kriegsführung, wie der Analyst in War on the Rocks geschrieben hat.

Ukraine-Krieg beweist: „Taktik der menschlichen Welle“ ist veraltet

Forscher des deutschen Thinktanks Stiftung Wissenschaft und Politik erwarteten bereits zu Beginn des russischen Überfalls Anfang 2022, „dass die Invasion in der Ukraine noch stärker als bisher mit ver­alteten, hauptsächlich auf Masse beruhenden Konzepten von Kriegsführung fort­ge­setzt wird“, wie sie schreiben. Historiker hatten dieses Verhalten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg als „Taktik der menschlichen Welle“ bezeichnet: Überrennen des Gegners mit der schieren Zahl an mehr oder weniger gut ausgerüsteten oder mehr oder minder gut ausgebildeten Soldaten. Die Taktik der bisherigen Kriege hat sich aufgrund moderner Technologie jedoch als veraltet herausgestellt, wie das ukrainische Portal United24 am Beispiel der Ukraine aktuell urteilt.

„Letztlich wird der Erfolg des Landes davon abhängen, ob Kiew eine Siegestheorie entwickeln kann, die sowohl auf seinen eigenen Ressourcen als auch auf denen seiner Unterstützer aufbaut.“

Mick Ryan, Lowy Institute

Kursk erscheint dem Autoren Juri Marchenko als vielleicht die letzte Schlacht nach altem Muster gewesen zu sein: Das unbemerkte Massieren von Truppen in einem Verfügungsraum, um einen überraschenden und konzentrierten Schlag gegen eine feindliche Verteidigung zu führen und die gegnerische Front von hinten aufzurollen. „Die Technologie hat diesen Ansatz jedoch verändert. Dank allgegenwärtiger Drohnen und des einfachen Zugangs zu Satellitenbildern ist es heute nahezu unmöglich, unbemerkt eine starke Einsatztruppe zusammenzustellen – Truppenkonzentrationen und logistische Bewegungen werden sofort erkannt“, schreibt Marchenko.

Richard Williams fordert die Ukraine zur Initiative auf, in dem sie die aktuelle Taktik der Russen mehr oder weniger nachahme. In allen Frontberichten war bisher übereinstimmen berichtet worden, dass Russland über genügend infanteristische Kräfte verfüge, um die Front zu verlängern und die Schwerpunkte ihrer Attacken auseinanderzuziehen. Williams sieht daher den offensiven Vorteil der Russen darin, dass sie Zeitpunkt und Region ihrer Angriffe selbst bestimmen könnten. Das brächte ihnen die entscheidenden Vorteile auf dem Gefechtsfeld. Darin müsste die Ukraine ihre Angreifer aushebeln. Die „Massenbildung von Kräften gegen Stärke“, wie er sich ausdrückt, hätte zum jetzigen faktischen Stellungskrieg geführt. Um Positionsvorteile zu erringen, helfe nur eines.

Guter Rat an die Ukraine: „Einsatz konzentrierter Kräfte gegen die Schwachstellen des Gegners“

„Einsatz konzentrierter Kräfte gegen die Schwachstellen des Gegners“, fordert Williams in der Kyiv Post, „zur Schaffung unerwarteter Situationen und zur Überlistung des Feindes durch schnelle Aktions- und Reaktionszyklen“, so der Oberst außer Dienst. Die von aller Welt erwartete Sommeroffensive im zweiten Kriegsjahr war jedenfalls kläglich gescheitert, weil die benötigte Ausrüstung zu spät zur Verfügung stand und die Russen sich inzwischen befestigt hatten.

Wie Mick Ryan im August 2024 angemerkt hatte, war auch die Organisation der Brigaden so ungenügend gewesen wie die Ausbildung von Rekruten beziehungsweise Führungskräften, so der Analyst des australischen Thinktanks Lowy Institute. Das hat sich inzwischen weitgehend verbessert.

„Einsatz konzentrierter Kräfte gegen die Schwachstellen des Gegners“ fordert ein ehemaliger Nato-Offizier von der Ukraine, um eigene Akzente gegen Putins Invasionsarmee zu setzen. Hier führen ukrainische Soldaten Kampfübungen mit einem BMP-1 im Donbass durch (Symbolfoto).

Wobei Präsident Wolodymyr Selenskyj zwischenzeitlich seine infanteristisch operierenden Einheiten ausgedünnt hatte zugunsten von Einheiten zur Drohnenkriegsführung – auch trotz eines allgemeinen Mangels an wehrfähigen Kräften in vermutlich allen Teilstreitkräften. Auch Mick Ryan hatte vor einem Jahr geahnt, was offenbar heutzutage gleichermaßen Fluch und Segen für die Ukraine bedeutet: die strategische Ausrichtung. „Kiews Angriffskomplex richtet sich derzeit gegen drei Hauptziele: die russische Ölindustrie, militärische Standardanlagen wie Flugplätze, Hauptquartiere, Truppenreserven, Luftabwehr und Logistikzentren sowie die Krim und die russische Schwarzmeerflotte“, hat Ryan 2024 notiert und bemerkt, dass die Ukraine aus diesen Möglichkeiten Ziele priorisieren müsse.

Ex-Militär rät der Ukraine: Eine Landstreitmacht ließe sich nur durch eine Landstreitmacht schlagen

Der Drohnenangriff in Russland unter dem Decknamen „Spinnennetz“ sowie die Vorstellung von aktuell zwei neuen Langstreckendrohnen Long Neptune und Flamingo scheint klar auf eine Offensive auf das russische Hinterland zu deuten. Denn die Ukraine sieht möglicherweise keine Chance, den Russen infanteristisch an der Kontaktlinie Herr zu werden; obwohl sie möglicherweise nicht darum herumkommen werden, vermutet Amos C. Fox. Ihm erscheint als Irrtum, dass Militärs im Westen heute überzeugt seien, „dass Kriege in zukünftigen Einsatzgebieten durch Distanzkriege gewonnen werden“, wie er schreibt. Seine Interpretation moderner Kriegführung ist einfach: Eine Landstreitmacht ließe sich nur durch eine Landstreitmacht schlagen.

„Um zukünftige Kriege zu gewinnen, benötigen westliche Streitkräfte robuste und widerstandsfähige Landstreitkräfte, die die besonderen Herausforderungen der Landkriegsführung meistern und gleichzeitig die technologischen Vorteile westlicher Streitkräfte nutzen können“, so der ehemalige Oberstleutnant der US-Armee im Armee-Magazin Military Review. Mensch-Maschine-Teams scheinen ihm das Zeichen der Zeit zu sein, also tatsächlich durch Drohnen ergänzte infanteristische Einheiten. Richard Williams empfahl gegenüber der Kyiv Post, dass die ukrainischen Streitkräfte bei Durchbrüchen mit begrenzten Zielen den Schwerpunkt auf die lokale, kurzfristige Überlegenheit in der Luft- und Artilleriebewaffnung legen sollten. Sozusagen ein massiver Schlag auf einen fokussierten Punkt, mit allem, was zur Verfügung steht, beziehungsweise in anderen Gefechten entbehrlich ist.

Im Gegensatz zu Richard Williams sieht Amos Fox im jetzigen Zustand des Krieges keine Anomalie von Kampfhandlungen solch gewaltiger Dimension: Abnutzung sei keine Folge von halb garen Taktiken, ausgemergelten Armeen oder minderwertiger Führung. Seit Russland realisiert hatte, die Ukraine nicht im Handstreich nehmen zu können und daher darauf aus ist, bis zum diplomatischen Einknicken Selenskyjs jeden Meter besetzten Boden zu halten, sei der Krieg weniger von geschickten Manövern geprägt, als vielmehr von erbitterten, zermürbenden Schlachten, so Fox in der Military Review. „In Wirklichkeit ist Abnutzung die ursächliche Folge zweier Merkmale moderner (und zukünftiger) Kriegsführung: Angriffe von oben und die Logik von Landkriegen“, schreibt er.

Mick Ryan vertritt eine von den Militärs abweichende Ansicht – für ihn fehlt eine grundlegende Strategie, welche Art Krieg sich der Westen leisten kann und will, wie er in seiner Analyse bereits 2024 formuliert hat: „Letztlich wird der Erfolg des Landes davon abhängen, ob Kiew eine Siegestheorie entwickeln kann, die sowohl auf seinen eigenen Ressourcen als auch auf denen seiner Unterstützer aufbaut.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Wolfgang Schwan

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