Neue Gegenoffensive

Kursk-Offensive: Ukrainische Truppen adaptieren Putin-Armee Strategie – zu welchem Ende?

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Kleine Trupps in den Schwachstellen: Die Ukraine kopiert anscheinend die russische Taktik der Stoßtrupps. Bisher wurde allerdings immer berichtet, dafür hätte die Ukraine zu wenige Kräfte. Insofern wird gerätselt, welches militärische Ziel die Ukraine verfolgt (Symbolfoto).
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Ukrainische Bodentruppen verschieben ihre Abwehrpositionen und erobern Gebiet. Was ist ihr Ziel? Der Ukraine fehlen die Streitkräfte zur Sicherstellung.

Kursk – „Ich habe in der Taktik-Ausbildung gelernt, Gebiete, die ich gewinne, die muss ich auch halten können“, sagte Janet Watson. Sie ist Hauptmann der Bundeswehr und fragte kürzlich im Podcast Nachgefragt, inwieweit einer der beiden Kontrahenten im Ukraine-Krieg überhaupt in der Lage sei, Territorium nicht nur einzunehmen, sondern vor allem zu sichern. Im Bezirk Kursk geht die Ukraine gegen die Invasionstruppen Wladimir Putins wieder in die Offensive – und versucht sie offenbar mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Experten sind über Sinn und Erfolgsaussichten des Einmarsches in Kursk geteilter Meinung – offenbar auch deshalb, weil die Ukraine die Nato-Partnerländer in ihren Planungen weitestgehend außen vor gelassen hat und weiterhin außen vor lässt. „Die Ukrainer haben gerade die Erfahrung gemacht, dass sie durch Überraschung, dass sie durch Bewegung, dass sie durch Geschwindigkeit – dass sie dadurch Erfolge erzielt haben, dass sie dadurch in die Initiative gekommen sind“, sagte Christian Freuding in Nachgefragt. Der Generalmajor vom Sonderstab der Ukraine im Verteidigungsministerium gehe, nach eigenen Worten, „schon davon aus, dass sie in ihrer Operationsplanung weitere Aktionen dieser Art vorbereiten werden“.

Selenskyjs neue Taktik: „Schwachstellen ausloten und dann schnell angreifen“

Womit Freuding ins Schwarze trifft. Wie Forbes berichtet, würde die Ukraine jetzt auf Russlands Territorium auch die Taktik der Russen adaptieren: „Schwachstellen ausloten und dann schnell angreifen“, schreibt Forbes-Autor David Axe. Allerdings äußert das Magazin auch starke Zweifel, inwieweit das gelingen kann. Die Voraussetzungen zwischen den verfeindeten Armeen sind grundverschieden. Nachdem die ukrainischen Kräfte in der Region Kursk Anfang dieses Jahres eine erneute Gegenoffensive begonnen hatten, versuchen sie sich offensichtlich an vorgeschobene Positionen rund um das Dorf Fanasejewka festzukrallen; damit hätten sie ihre neue Verteidigungsstellung um geschätzte fünf Kilometer gen Osten weiter nach Russland hineingetragen.

„Es ist offensichtlich, dass die Beendigung des Krieges mit Russland nur möglich ist, wenn der Aggressor nicht mehr in der Lage oder willens ist, ihn fortzusetzen, und gezwungen ist, seine Truppen aus der Ukraine abzuziehen, ob mit oder ohne Abschluss eines neuen Friedensabkommens.“

Oleksandr V. Danylyuk, Royal United Services Institute

Wie David Axe vermutet, war ihnen dabei zupass gekommen, dass sich die Russen an der Kursk-Front und die mit ihnen verbündeten Nordkoreaner neu formieren mussten – schon seit einiger Zeit gelten die Nordkoreaner als von der Front abgezogen. Der Vorstoß der Ukraine über eine Distanz von fünf Kilometer scheint aber vor allem darin begründet, dass deren Truppen die russische Taktik für sich adaptiert hätten.

„Sie suchten die feindlichen Linien nach Schwachstellen ab und setzten dann schnell vorrückende Panzergruppen ein, um Infanterie in neue Positionen jenseits der ursprünglichen Kontaktlinie zu bringen. Ob die Ukrainer ihren Vormarsch festigen können, hängt davon ab, ob schnell genug weitere Infanterie eintrifft, um sich gegen russische Gegenangriffe zu verteidigen“, schreibt David Axe. As „probe-then-assault tactic“, beschreibt Axe das Vorgehen – also erst sondieren und dann angreifen. Dafür benötigen die Kräfte schnelle Fahrzeuge und Infanterie, die in schnellen Trupps vorstößt, anstatt den Feind auf breiter Front anzugreifen und die eigenen Kräfte somit auseinanderzuziehen.

Russland denkt um: „Es scheint, als hätten sie vielleicht zum ersten Mal damit begonnen, Kräfte zu schonen“

Russland hatte das bisher praktiziert, weil im Verlaufe des Krieges erstens die Verteidigungsstellungen auf beiden Seiten massiv ausgebaut und zum Teil um tiefe Minenfelder ergänzt wurden; beziehungsweise weil Drohnen, Präzisionsartillerie und moderne westliche Panzerabwehrraketen massierte mechanisierte zu Himmelfahrtskommandos machten.

Russland rücke in der Ostukraine mittlerweile kleinschrittig vor, wie Markus Reisner im ZDF erklärt hat. „Grundsätzlich ist es so, dass das Militär unterschiedliche Angriffsgeschwindigkeiten kennt. Im Angriff geht man von 1,5 Kilometern pro Stunde aus; wenn der Druck des Gegners nachlässt, kann man erhöhen auf zehn Kilometer pro Stunde. Und eine normale Marschgeschwindigkeit liegt bei etwa 30 Kilometern pro Stunde“, sagt der Oberst des Österreichischen Bundesheeres. Das sei auch das Tempo gewesen, mit der Wladimir Putin diesen Krieg begonnen hatte und vor allem gern beendet hätte.

Die Russen haben offenbar ihre Taktik entlang der gesamten Front geändert. Auch in Pokrowsk beobachtete die Ukraine ein verändertes russisches Vorgehen, wie Viktor Trehubov gegenüber Reuters berichtet hat: Dem ukrainischen Militärsprecher zufolge hätten die Russen aufgegeben, durch verlustreiche Frontalangriffe und Straßenkämpfe Meter zu machen. „Es scheint, als hätten sie vielleicht zum ersten Mal damit begonnen, Kräfte zu schonen“, wie Reuters Trehubov zitiert.

Ukraine-Krieg: Ukraine stemmt sich seit Monaten gegen Welle auf Welle russischer Angriffsbemühungen

Wie der stellvertretende Kommandeur der 59. Angriffsbrigade der Ukraine gegenüber dem britischen Independent erläutert, sei Russland dazu übergegangen, drei- oder vierköpfige Trupps von Infanteristen tief in feindliches Gebiet hineinzuschicken, um mithilfe von Panzerabwehrminen ukrainische Soldaten und Fahrzeuge aus dem Hinterhalt anzugreifen. Im Gegensatz dazu habe die Intensität von Russlands Sperrfeuer nachgelassen, sagt der unter dem Namen „Phönix“ kämpfende Offiziers. Eine Taktik, die an das erinnert, was die US-Amerikaner unter dem Begriff „Search and Destroy“ im Dschungel von Vietnam praktiziert haben: mit kleinen Einheiten in Schwachstellen der gegnerischen Verteidigung hineinsickern und Gebiete von Feindkräften säubern.

Auch David Axe behauptet, in Kursk würden die Russen jetzt verstärkt Spähtrupps an die ukrainischen Linien herausführen, um Schwachstellen zu lokalisieren. „Dabei gehen sie offensichtlich davon aus, dass die meisten Späher getötet werden, hoffen aber offenbar auch, dass ein paar von ihnen Lücken in der ukrainischen Verteidigung entdecken“, schreibt der Forbes-Autor. Was sich die russische Führung leisten kann angesichts ihrer drei bis- bis vierfachen Feuerüberlegenheit. Die Ukraine stemmt sich seit Monaten gegen Welle auf Welle russischer Angriffsbemühungen.

Wohlüberlegte Offensiven: Ukrainer müssen einen eigenen Ansatz verfolgen um zu sondieren

Was Russland bisher versucht hat, die Verteidigungskräfte der Ukraine überdehnen, war offenbar gescheitert; inwieweit die neue Taktik verfängt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls scheint diese Taktik ungeeignet, von der Ukraine kopiert zu werden; langfristig. „Der Hauptunterschied zwischen der russischen und der ukrainischen Version dieser Angriffstaktik besteht darin, dass die Russen über eine große Truppenstärke verfügen, die Ukrainer jedoch nicht. Die Ukrainer müssen also einen eigenen Ansatz verfolgen, um die russischen Linien vor dem Hauptangriff zu sondieren, schreibt Axe.

Wie die Ukraine auf X (vormals Twitter) informiert, hätte das 73. Spezialeinsatzzentrum der ukrainischen Marine Kursk von den nordkoreanischen Kräften befreit und notwendige Informationen für den Vorstoß auf Fanasejewka beschafft; allerdings streift Axe auch die Fragen, inwieweit das Dorf gehalten werden könne; oder ob die Gegenoffensive weiter fortzuführen wäre; und wenn ja, mit welchen Kräften. In der Ukraine schleift sich der Heldenmut der einzelnen Soldaten weiter ab.

Gewinne bei Kursk: Möglicherweise hat Fanasejewka einen hohen moralischen Wert

Möglicherweise hat Fanasejewka einen hohen moralischen Wert; möglicherweise einen höheren als den taktischen. Nur solange die Ukraine ihren eigenen Weg fortsetzt, hat sie demnach eine Chance auf einen einigermaßen akzeptablen Ausgang des Krieges. Insofern ist sie zur Offensive verdammt, anstatt sich weiter ins eigene Land hineindrängen zu lassen. Noch hat Russland neben Nordkorea die Zeit als seinen stärksten Verbündeten.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

Die Ukraine kann also tatsächlich kaum etwas Klügeres unternehmen, als weiter zu versuchen, Russland größtmöglichen Schaden zuzufügen. Vom einzelnen Trupp, der in die ukrainischen Gewehre läuft, bis zum Depot, das unter einem Drohnen-Angriff in Rauch aufgeht – was auch für den britischen Thinktank Royal United Services Institute (RUSI) feststeht, wie dessen Analyst Oleksandr V. Danylyuk bereits Mitte vergangenen Jahres ausgedrückt hat:

„Es ist offensichtlich, dass die Beendigung des Krieges mit Russland nur möglich ist, wenn der Aggressor nicht mehr in der Lage oder willens ist, ihn fortzusetzen, und gezwungen ist, seine Truppen aus der Ukraine abzuziehen, ob mit oder ohne Abschluss eines neuen Friedensabkommens.“

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