Droht ein Gasnotstand?

Gaskrise in Deutschland: Müssen wir ohne russisches Gas im Winter frieren?

+
Drohender Gasnotstand in Deutschland: Kommen wir auch ohne russisches Gas über den Winter? (kreiszeitung.de-Montage)
  • schließen
  • Fabian Raddatz
    Fabian Raddatz
    schließen

Ein endgültiger Gaslieferstopp aus Russland würde die aktuelle Gaskrise in Deutschland noch akuter gestalten. Kämen wir dann noch warm durch den Winter?

Berlin – Deutschland kämpft derzeit mit einer immer akuter werdenden Gaskrise. Seit die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 aufgrund von Wartungsarbeiten kein Erdgas mehr nach Deutschland schickt, fürchtet sich die Politik vor einem endgültigen Stopp der Gaslieferungen aus Russland. Denn obwohl die Wartungsarbeiten planmäßig am kommenden Donnerstag, 21. Juli 2022, enden sollen, ist bislang völlig unklar, ob Präsident Wladimir Putin anschließend den Gashahn tatsächlich wieder aufdreht.

Das Risiko einer vollständigen Unterbrechung der Gasversorgung ist laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) realer als je zuvor. Bleiben die Lieferungen aus, würde Deutschland ein harter Winter drohen. Ob die Bundesrepublik es auch ohne russisches Gas warm über die kalten Monate schafft, hängt allerdings von einigen Faktoren ab.

Gaskrise in Deutschland: Bei Gaslieferstopp aus Russland würde 50 Prozent fehlen

Bei einem Ausfall russischer Gaslieferungen würden Deutschland laut dem Vorstand des Branchenverbands Zukunft Gas, Timm Kehler, 35 bis 50 Prozent des Gases fehlen. Im Zuge dessen würde das Befüllen der Gasspeicher zur Herausforderung werden, da die Menge nur bedingt über andere Quellen beschafft werden könne, erläutert Kehler laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

In den Sommermonaten sieht die Bundesregierung die Gasversorgung noch als gewährleistet an – laut Bundesnetzagentur liegen die Füllstände der Gasspeicher derzeit bei rund 65 Prozent. Doch wie sieht es im Winter aus, wenn Gas zum Heizen deutlich notwendiger sein wird als bei der aktuellen Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 38 Grad – und der Gasverbrauch etwa drei- bis viermal höher ist als im Sommer?

Damit Deutschland gut gerüstet in Herbst und Winter gehen kann, sollten die Gasspeicher NDR zufolge bis zum 1. Oktober mindestens zu 80 Prozent und bis zum 1. November zu 90 Prozent gefüllt sein. „Wir müssen als Gesellschaft alles daran setzen, um die Gasspeicher über den Sommer gemeinsam voll zu bekommen“, bestätigt Ingbert Liebing, Chef des Stadtwerkeverbandes VKU laut dpa. Aber klappt das ohne russisches Gas?

LNG-Terminals spielen im Kampf gegen den Gasnotstand eine entscheidende Rolle

Bei einem Totalausfall russischer Lieferungen könne eine Gasmangellage nicht komplett verhindert werden, äußert Simon Müller, Direktor Deutschland bei der Denkfabrik Agora Energiewende – aber: „Wir können die negativen Folgen eindämmen.“ Dabei spielen die LNG-Terminals eine große Rolle. Denn das verflüssigte Erdgas (LNG) soll einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit in Deutschland im Kampf gegen die Gaskrise leisten. Laut Timm Kehler sei der Aufbau der LNG-Infrastruktur und dessen Inbetriebnahme „der wichtigste Hebel, um unsere Gasversorgung jetzt zu sichern“, berichtet dpa.

Bislang kann Deutschland noch kein eigenes LNG-Terminal vorweisen. Doch hat die Regierung vier schwimmende Terminals gechartert, von denen das erste bereits diesen Winter in Wilhelmshaven in Betrieb gehen soll. Am Standort Brunsbüttel rechnet Habeck zum Jahreswechsel 2022/23 mit dem Start des LNG-Terminals.

Droht ein Gasnotstand in Deutschland? LNG-Terminals können kompletten Gasausfall nicht ausgleichen

Anstatt nur auf eigene Terminals zu warten und dem drohenden Gasnotstand entgegenzutreten, beschafften sich europäische Versorgungsunternehmen von Januar bis Juni 2022 auch rund 28 Milliarden Kubikmeter mehr LNG durch Flüssigerdgas-Importe, als im ersten Halbjahr 2021. Doch sei das Limit damit weitgehend erreicht, erklärt der Energieexperte Ben McWilliams vom Brüsseler Thinktank „Bruegel“ dem Spiegel und fährt fort: „Es wird schon schwer werden, die gleichen Mengen wie im ersten Halbjahr zu importieren.“

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus Ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Demnach lassen sich Europas LNG-Importe kaum noch steigern, um einen etwaigen Gasausfall zu kompensieren. Und noch kritischer: Es ist nicht einmal sicher, ob es überhaupt genug Gas gibt, um die ersten schwimmenden Terminals in Deutschland damit auszulasten.

Im Kampf gegen die Gaskrise in Deutschland heißt es: Sparen, sparen, sparen

Deswegen lautet die Devise zu Zeiten der Gaskrise in Deutschland: Gas sparen, wo es nur geht – und das gilt sowohl für private Haushalte als auch für große Industriebetriebe. „Entscheidend ist die inländische Verbrauchsreduktion zur Sicherstellung der eigenen Versorgungssicherheit und zur notwendigen Versorgung der Nachbarländer“, heißt es in einem Modell der Bundesnetzagentur. Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, stimmt dem zu: „Je mehr wir jetzt vorsorgen, desto besser kommen wir durch den Winter“, so Andreae. Jede eingesparte Kilowattstunde Gas helfe dabei, besser über den Winter zu kommen.

Dafür werden sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt: Kohlekraftwerke sollen beispielsweise zum Kummer des Grünen Habeck statt Gaskraftwerken zur Stromerzeugung wieder stärker herangezogen werden. Außerdem werden immer wieder Forderungen laut, besonders gassparende Haushalte mit einem Bonus zu belohnen. Das schlug erst kürzlich die energiepolitische Sprecherin der SPD, Nina Scheer, in einem Gespräch mit der Rheinischen Post vor und ist damit nicht die Erste. Auch die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm forderte bereits eine Prämie für Haushalte, die sparsam mit Energie umgehen.

Wegen Gaskrise: Deutschland muss auf einen milden Winter hoffen

Sollte Russland den Gashahn tatsächlich komplett zudrehen, müssen die Deutschen im Endeffekt neben allen Maßnahmen auch schlicht auf einen milden Winter hoffen. Denn das Wetter macht laut dem Spiegel bei der Gasnutzung einen enormen Unterschied – besonders für warmes Wasser und Heizen würde ein großer Teil der Reserven verbraucht werden. Damit diese ausreichen, müsste Deutschland bei einem Lieferstopp aus Russland aber wohl auf einen außergewöhnlich warmen Winter hoffen.

Einer Bruegel-Modellrechnung zufolge wären die deutschen Speicher ohne zusätzliches russisches Gas im kommenden Februar leer, wenn der Winter durchschnittlich kalt wird, berichtet der Spiegel.

Im Falle eines Gasnotstands: Regierung muss im Ernstfall Notfallstufe Gas im Notfallplan ausrufen

Wenn Russland seine Gaslieferungen einstellt und all diese Maßnahmen nicht ausreichen, würde im Ernstfall die Notfallstufe Gas – und damit die dritte Stufe – im Notfallplan Gas von der Regierung ausgerufen werden. Voraussetzung dafür ist laut Definition etwa eine erhebliche Störung der Gasversorgung. Vor wenigen Wochen hat Habeck bereits die Alarmstufe des Notfallplans verkündet.

Bei der dritten Stufe lautet das Ziel laut Plan, den „lebenswichtigen Bedarf“ an Gas unter besonderer Berücksichtigung der geschützten Kunden zu sicher. Das bedeutet, dass beispielsweise bei einem drohenden Gasnotstand Privathaushalten und bestimmten Einrichtungen in Deutschland der Gashahn nicht zugedreht wird. Ausgewählte Betriebe hingegen könnten von der Bundesnetzagentur abgeschaltet werden.

Größte Herausforderung liegt in den Preissteigerungen für Strom und Gas

Trotz alledem ist die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der Meinung: „Horrorszenarien und Panikmache sind unangebracht.“ Die größte Herausforderung liege ohnehin darin, dass die gesamte Wirtschaft und Haushalte mit enormen Gaspreissteigerungen umgehen müssten, so die Expertin laut dpa. Auch der EWE warnte bereits bei Gas und Strom vor einem Preisschock für Verbraucher. Denn demnach ist die Gaskrise erst der Anfang – als Nächstes könnte eine Stromkrise Verbraucher vor enorme finanzielle Schwierigkeiten stellen.

Kommentare