Wer wusste von den Angriffsplänen?

Enthüllungen in Israel: Vorhersagen zu Hamas-Überfall wurden offenbar ignoriert

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Viele Details zu Geisel-Zielen und Angreifer-Zahlen der Hamas waren einem Bericht zufolge lange bekannt. Geheimdienst und Militär geraten unter Druck.

Wer wusste in Israel von den Plänen der Hamas, den Süden des Landes zu überfallen und mehr als 200 Geiseln nach Gaza zu verschleppen? Hätte der Krieg von Israel im Gazastreifen verhindert werden können? Diese Frage beschäftigt derzeit viele in Israels Sicherheitsapparat.

Ein Geheimdienst-Dokument, das dem öffentlichen Sender KAN vorliegt und dessen Inhalt nun enthüllt wurde, zeigt, dass es sogar knapp drei Wochen vor dem 7. Oktober explizite Warnungen vor einem Überfall auf Dörfer und Militärbasen gegeben hat.

Israel: Geheimdienst-Bericht sagte in einigen Punkten erstaunlich klar

Die Warnung soll aus der Signal-Einheit des Militärgeheimdienstes stammen. Sie wurde laut dem Bericht an die Gaza-Division der Armee übermittelt. Dort prallten die Warnungen jedoch ab.

Der Geheimdienst-Bericht sagte in einigen Punkten erstaunlich klar voraus, was sich am 7. Oktober bewahrheiten sollte. Er spricht von rund 200 bis 250 Geiseln, darunter viele Zivilpersonen.

Israel: Berichte deuten auf explizite Warnungen vor einem Hamas-Überfall hin

Bisher war man in Israel davon ausgegangen, dass die Hamas vom „Erfolg“ ihres Überfalls selbst überrascht war – und mit einer weit geringeren Anzahl an Geiseln gerechnet hatte, als jenen 251 Menschen, die letztlich verschleppt wurden. Die Enthüllungen widerlegen diese Annahme.

Auch an der Grenze zum Libanon wird eine Eskalation befürchtet.

Schon zuvor hatte es Berichte gegeben, die auf explizite Warnungen vor einem Hamas-Überfall hindeuteten – allerdings ohne genaue Abschätzung der Geisel-Zahl. So war der „New York Times“ im November 2023 ein Dokument zugespielt worden, das eine Art Drehbuch für die Hamas-Attacke vorsah. Es soll konkrete Planungen der Terrorgruppe auflisten und bereits 2022 auch Israels Armee zugänglich gewesen sein.

Israel: Offizierin warnte vor Hamas-Trainings

Die konkreten Planungen sollen der Times zufolge in vielen Details mit dem tatsächlichen Überfall am 7. Oktober 2023 übereinstimmen. So habe es Anleitungen enthalten, wie Terroristen die massiv gesicherte Grenze nach Israel überwinden könnten: Mittels Drohnenangriffen auf Videoüberwachungen und Schnellschussanlagen und im Windschatten massiven Raketenfeuers sollten Tausende Terroristen mit Paragleitern, Motorrädern und Pick-Up-Trucks auf israelisches Terrain eindringen. Genau so geschah es dann auch am Morgen des 7. Oktober.

Im Juli 2023, drei Monate vor dem Überfall, warnte eine Offizierin des Militärgeheimdienstes, dass die Hamas Trainings durchführe, die auf dem Überfall-Skript vom November 2022 basieren. Auch diese Warnung wurde jedoch ignoriert: Es handle sich um ein „imaginäres“ Szenario, für dessen Realisierung der Hamas die Ressourcen fehlten, hieß es.

Israels Chef der Gaza-Division, Avi Rosenfeld, trat zuletzt zurück

Die aktuelle Enthüllung des israelischen Senders KAN verdeutlicht, dass die Armee zwar einen Überfall für möglich hielt, allerdings in weit geringerem Ausmaß. Anstatt auf Tausende Angreifer war die Armee laut dem Bericht nur auf einige Dutzend Terroristen gefasst, die an drei Punkten die Grenzbarriere durchbrechen würden. Am 7. Oktober waren es laut Schätzungen 3000 Terroristen, die an mehr als 30 Standorten nach Israel eindrangen.

Der Chef der Gaza-Division, Avi Rosenfeld, trat zuletzt zurück. Es war der zweite solche Schritt nach dem Abtritt des Militärgeheimdienst-Chefs im April. Beide begründeten ihren Rückzug mit dem Versagen vor dem 7. Oktober.

Israels Regierung unter Benjamin Netanjahu will abwarten

Für die Angehörigen der am 7. Oktober getöteten und Verschleppten ist ein Personalwechsel in der Armee jedoch nicht ausreichend. Sie fordern eine staatliche Untersuchungskommission. Die Regierung unter Benjamin Netanjahu will das Kriegsende abwarten. Bis dahin bleibt es unklar, ob auch der Generalstabschef und die politische Führung Israels von den konkreten Warnungen wussten.

Derweil wächst die Furcht vor einer Eskalation im Norden. Die israelische Armee nach eigenen Angaben in der Nacht auf Mittwoch Stellungen der pro-iranischen Hisbollah im Südlibanon angegriffen. Vor dem Hintergrund der seit Monaten anhaltenden Hisbollah-Angriffe hatte die Militärführung am Vortag einen Einsatzplan für eine Offensive im Libanon abgesegnet. Die Einsatzbereitschaft der Truppen werde weiter erhöht. (mit afp)

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