Frankfurter-Rundschau-Interview

Trump-Unterstützer Kirk erschossen: „Es wird weitere Attentate geben“

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Das Attentat auf Charlie Kirk stürzt die USA in eine tiefe Krise. Politikwissenschaftler Siebo Janssen glaubt: „Die Gewalt wird massiv zunehmen.“

Am Mittwoch wurde im US-Bundesstaat Utah der ultra-rechte Trump-Unterstützer Charlie Kirk bei einem Anschlag getötet. Wer hinter dem Attentat steckt, war zunächst unklar. Donald Trump machte dennoch sofort einen Schuldigen aus: die „radikale Linke“. Der Politikwissenschaftler Siebo Janssen befürchtet, dass das Attentat die politische Spaltung der USA weiter vertiefen wird. „Die USA werden in ein Zeitalter der vollkommenen politischen Unversöhnlichkeit eintreten“, sagt Janssen im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Herr Janssen, wie wichtig war Charlie Kirk für Donald Trump und seine MAGA-Bewegung?
Charlie Kirk ist schon sehr jung in die Politik gekommen, er hat „Turning Point USA“ mitbegründet, einen ultra-rechten Think-Tank. Sein Verdienst aus Sicht Donald Trumps war vor allem, dass Kirk die Jugend zu ihm geführt hat. Im Wahlkampf hat Kirk über Twitter, TikTok und so weiter unablässig für Trump geworben und so Hunderttausende dazu gebracht, für ihn zu stimmen.
Donald Trump (li.) mit Charlie Kirk beim „America Fest“ im Dezember in Phoenix, Arizona: Der rechte Influencer wurde am Mittwoch bei einem Anschlag getötet.
Welchen Einfluss hatte er auf Trumps Politik, nachdem der erneut ins Weiße Haus eingezogen war?
Ich denke, dass Kirk eher im Hintergrund Einfluss genommen hat, nicht so sehr auf die Tagespolitik. Kirk hat geholfen, die Ideologie der MAGA-Bewegung zu formen, er wollte eine national-konservative Wende in den USA herbeiführen. Kirk stand zum Beispiel für eine harte Migrationspolitik und hat sich gegen Schwangerschaftsabbrüche ausgesprochen.

Attentat auf Charlie Kirk: „Die politische Gewalt in den USA wird massiv zunehmen“

Schon kurz nach dem Tod von Kirk hat Trump die „radikale Linke“ für das Attentat verantwortlich gemacht. Wen meint er damit eigentlich?
Für Donald Trump zählen alle zur „radikalen Linken“, die Mitglieder der Demokratischen Partei sind oder innerhalb der Republikaner eine andere Position vertreten als er. Er macht jetzt den gesamten liberalen Teil der Gesellschaft verantwortlich für den Tod von Kirk. Ich befürchte, dass er die Demokraten noch stärker zum Feindbild erklären wird. Das birgt natürlich die Gefahr, dass die politische Gewalt in den USA massiv zunimmt. Schon im Juni waren ja in Minnesota eine demokratische Politikerin und ihr Ehemann erschossen worden.

Zur Person

Siebo Janssen ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen im In- und Ausland als Lehrbeauftragter tätig. Darüber hinaus arbeitet er in der politischen Erwachsenenbildung, unter anderem für die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Friedrich-Naumann-Stiftung.

Trump nutzt den Anschlag, um seine politische Agenda weiter durchzudrücken?
Genau. Er wird jede Kritik an ihm und an seiner Politik als linksextrem bezeichnen und mit Verweis auf das Attentat auf Kirk delegitimieren.
Was bedeutet das für die USA?
Ich befürchte, dass es weitere Attentate in den USA geben wird, auch von rechts. Und dass die Regierung und das FBI kaum intervenieren werden. Trump ist dabei, eine Art autoritäre Staatsstruktur aufzubauen und unabhängige Institutionen zu entmachten. Extremisten könnten sich ermuntert fühlen, für noch mehr Gewalt zu sorgen, weil sie keine großen Konsequenzen zu fürchten haben. Auch wird die politische Polarisierung weiter zunehmen, das Land wird weiter auseinanderbrechen. Und genau das will Trump ja: eine totale Spaltung der Gesellschaft.

Attentat auf Charlie Kirk: Bilder zeigen das Entsetzen – und den mutmaßlichen Täter

Nach dem Attentat auf Charlie Kirk veröffentlichte das FBI Bilder und ein Video des mutmaßlichen Täters. Die Trauer in den USA ist groß nach dem Tod des US-Aktivisten.
Nach dem Attentat auf Charlie Kirk veröffentlichte das FBI Bilder und ein Video des mutmaßlichen Täters. Die Trauer in den USA ist groß nach dem Tod des US-Aktivisten. Eine Chronologie der Ereignisse. © FBI (2)/IMAGO / SOPA Images
Diese Aufnahme entstand nur Minuten vor dem tödlichen Attentat. Charlie Kirk beantwortet gerade Fragen aus dem Publikum - eine Routine, die ihm zum Verhängnis werden sollte.
Diese Aufnahme entstand nur Minuten vor dem tödlichen Attentat. Charlie Kirk beantwortet gerade Fragen aus dem Publikum - eine Routine, die ihm zum Verhängnis werden sollte. © Tess Crowley
Die letzten Minuten von Charlie Kirk: Der 31-Jährige wirft noch Baseballkappen in die Menge, bevor der tödliche Schuss fällt.
Die letzten Minuten von Charlie Kirk: Der 31-Jährige wirft noch Baseballkappen in die Menge, bevor der tödliche Schuss fällt.  © Tess Crowley/dpa
Auf diesem Campus der Utah Valley University in Orem ereignete sich das tödliche Attentat auf Charlie Kirk. Der 31-jährige Aktivist wurde vor 3000 Zuschauern von einem Scharfschützen erschossen, der sich auf einem nahegelegenen Dach positioniert hatte.
Auf diesem Campus der Utah Valley University in Orem ereignete sich das tödliche Attentat auf Charlie Kirk. Der 31-jährige Aktivist wurde vor 3000 Zuschauern von einem Scharfschützen erschossen, der sich auf einem nahegelegenen Dach positioniert hatte. © Lindsey Wasson/dpa
Charlie Kirk galt als einer der einflussreichsten konservativen Aktivisten der USA.
Charlie Kirk galt als einer der einflussreichsten konservativen Aktivisten der USA.  © IMAGO/Charles-McClintock Wilson
Sekunden vor seinem Tod wurde Charlie Kirk von einem Zuschauer nach Waffengewalt gefragt. Seine letzte Antwort „Zählt man Bandengewalt mit oder nicht?“ sollten seine letzten öffentlichen Worte werden.
Sekunden vor seinem Tod wurde Charlie Kirk von einem Zuschauer nach Waffengewalt gefragt. Seine letzte Antwort „Zählt man Bandengewalt mit oder nicht?“ sollten seine letzten öffentlichen Worte werden. © IMAGO/Charles McClintock-Wilson
Diese dramatischen Szenen spielten sich ab, als Charlie Kirk erschossen wurde. Augenzeugen berichten von Panik unter den 3000 Zuschauern, die sofort zu Boden gingen und um ihr Leben rannten.
Diese dramatischen Szenen spielten sich ab, als Charlie Kirk erschossen wurde. Augenzeugen berichten von Panik unter den 3000 Zuschauern, die sofort zu Boden gingen und um ihr Leben rannten. © Tess Crowley/dpa
Schock und Fassungslosigkeit auf dem Campus der Utah Valley University: Studenten und Besucher können nicht glauben, was sie gerade miterlebt haben. Viele weinen und trösten sich gegenseitig nach dem brutalen Attentat.
Schock und Fassungslosigkeit auf dem Campus der Utah Valley University: Studenten und Besucher können nicht glauben, was sie gerade miterlebt haben. Viele weinen und trösten sich gegenseitig nach dem brutalen Attentat. © IMAGO/Charles McClintock Wilson
Was als normale Universitätsveranstaltung begann, endet mit einem Großaufgebot von Rettungskräften.
Was als normale Universitätsveranstaltung begann, endet mit einem Großaufgebot von Rettungskräften. © Tyler Tate/dpa
Falsche Spur: Diese Festnahme erwies sich als Fehlgriff der Ermittler. Der Mann wurde nach stundenlangen Verhören wieder freigelassen - der wahre Charlie Kirk-Attentäter ist weiterhin auf der Flucht.
Falsche Spur: Diese Festnahme erwies sich als Fehlgriff der Ermittler. Der Mann wurde nach stundenlangen Verhören wieder freigelassen - der wahre Charlie Kirk-Attentäter ist weiterhin auf der Flucht. © IMAGO/Charles McClintock-Wilson
Spurensicherung am Schauplatz der Tragödie: Polizeibeamte durchkämmen das Gelände rund um das „American Comeback Tour“-Zelt, unter dem Charlie Kirk erschossen wurde. Jeder Zentimeter wird nach Hinweisen auf den flüchtigen Täter abgesucht.
Spurensicherung am Schauplatz der Tragödie: Polizeibeamte durchkämmen das Gelände rund um das „American Comeback Tour“-Zelt, unter dem Charlie Kirk erschossen wurde. Jeder Zentimeter wird nach Hinweisen auf den flüchtigen Täter abgesucht. © Tess Crowley/dpa
Stille Trauer hinter Absperrband: Auch die Polizeiabsperrung kann die Menschen nicht davon abhalten, Charlie Kirk die letzte Ehre zu erweisen.
Stille Trauer hinter Absperrband: Auch die Polizeiabsperrung kann die Menschen nicht davon abhalten, Charlie Kirk die letzte Ehre zu erweisen.  © IMAGO/Joe Rondone/The Republic
Symbole der Trauer und des Patriotismus: Die Gedenkstätte wird zum Wallfahrtsort für konservative Amerikaner.
Symbole der Trauer und des Patriotismus: Die Gedenkstätte wird zum Wallfahrtsort für konservative Amerikaner. © IMAGO/Joe Rondone/The Republic
Nationale Trauer im Yankee Stadium: Charlie Kirks Portrait erstrahlt auf der riesigen Videowand, während tausende Fans eine Schweigeminute einhalten.
Nationale Trauer im Yankee Stadium: Charlie Kirks Portrait erstrahlt auf der riesigen Videowand, während tausende Fans eine Schweigeminute einhalten.  © IMAGO/Vincent Carchietta
Tatort-Rekonstruktion unter der Brücke: Forensiker arbeiten daran, den genauen Ablauf des Attentats zu verstehen.
Tatort-Rekonstruktion unter der Brücke: Forensiker arbeiten daran, den genauen Ablauf des Attentats zu verstehen.  © Lindsey Wasson/dpa
Trauernde halten große Portraits von Charlie Kirk in die Höhe und gedenken des erschossenen Aktivisten.
Trauernde halten große Portraits von Charlie Kirk in die Höhe und gedenken des erschossenen Aktivisten.  © Madeleine Kelly/dpa
Blumen, Ballons und Bibelverse: Diese bewegende Gedenkstätte zeigt Charlie Kirk als christlichen Märtyrer.
Blumen, Ballons und Bibelverse: Diese bewegende Gedenkstätte zeigt Charlie Kirk als christlichen Märtyrer. © Ross D. Franklin/dpa
Hunderte junge Menschen versammelten sich zu einer spontanen Gedenkfeier für Charlie Kirk.
Hunderte junge Menschen versammelten sich zu einer spontanen Gedenkfeier für Charlie Kirk. © Tess Crowley/dpa
Vor dem Hauptquartier von Turning Point USA wird die Tragödie greifbar.
Vor dem Hauptquartier von Turning Point USA wird die Tragödie greifbar. © Ross D. Franklin/dpa
Charlie Kirks Büros: Die Zentrale seiner politischen Organisation wird zum Symbol einer Bewegung ohne Anführer.
Charlie Kirks Büros: Die Zentrale seiner politischen Organisation wird zum Symbol einer Bewegung ohne Anführer. © Ross D. Franklin/dpa
Nationale Trauer im Herzen der Macht: Die amerikanische Flagge weht auf halbmast vor dem Weißen Haus zu Ehren von Charlie Kirk.
Nationale Trauer im Herzen der Macht: Die amerikanische Flagge weht auf halbmast vor dem Weißen Haus zu Ehren von Charlie Kirk. © Mark Schiefelbein/dpa
Stiller Protest nach der Tragödie: Ein Charlie Kirk-Anhänger steht mit seinem „Pray for America“-Schild am Straßenrand.
Stiller Protest nach der Tragödie: Ein Charlie Kirk-Anhänger steht mit seinem „Pray for America“-Schild am Straßenrand. © Alex Goodlett/dpa
Nächtliche Kerzenwache für Charlie Kirk: Die Mischung aus amerikanischen Flaggen und christlichen Botschaften macht deutlich, wie seine Anhänger Patriotismus und Glauben miteinander verbinden.
Nächtliche Kerzenwache für Charlie Kirk: Die Mischung aus amerikanischen Flaggen und christlichen Botschaften macht deutlich, wie seine Anhänger Patriotismus und Glauben miteinander verbinden. © Ross D. Franklin/dpa
Anhänger Charlie Kirks versammeln sich vor dem Krankenhaus, in das der schwer verletzte Aktivist eingeliefert wurde. Die Nachricht seines Todes trifft sie wie ein Schlag.
Anhänger Charlie Kirks versammeln sich vor dem Krankenhaus, in das der schwer verletzte Aktivist eingeliefert wurde. Die Nachricht seines Todes trifft sie wie ein Schlag. © IMAGO/Madeleine Kelly
Auch Donald Trump ist auf einem Foto der Kirk-Gedenkstätte vor dem Timpanogos Regional Hospital zu sehen.
Auch Donald Trump ist auf einem Foto der Kirk-Gedenkstätte vor dem Timpanogos Regional Hospital zu sehen. © Lindsey Wasson/dpa
Donald Trump reagiert mit scharfen Worten auf Charlie Kirks Tod. Der US-Präsident macht die „radikale Linke“ für das Attentat verantwortlich und verspricht, alle Beteiligten zur Rechenschaft zu ziehen. (Archivbild)
Donald Trump reagiert mit scharfen Worten auf Charlie Kirks Tod. Der US-Präsident macht die „radikale Linke“ für das Attentat verantwortlich und verspricht, alle Beteiligten zur Rechenschaft zu ziehen. (Archivbild) © Manuel Balce Ceneta/dpa
US-Fahnder veröffentlichten Bilder einer „Person von Interesse“ – sie sollen den miutmaßlichen Täter zeigen.
US-Fahnder veröffentlichten Bilder einer „Person von Interesse“ – sie sollen den miutmaßlichen Täter zeigen. © FBI (2)
Beamte stehen auf einem Dach mit Blick auf den Tatort. Das FBI hat neue Überwachungsaufnahmen vom mutmaßlichen Attentäter auf Charlie Kirk veröffentlicht.
Beamte stehen auf einem Dach mit Blick auf den Tatort. Das FBI hat zwei Tage nach der tat Überwachungsaufnahmen vom mutmaßlichen Attentäter auf Charlie Kirk veröffentlicht.  © IMAGO / UPI Photo/ FBI (Collage)
US-Medien berichten über den Tatverdächtigen im Fall Charlie Kirk.
Zwei Tage nach der Tat verkündete Donald Trump live im TV die Festnahme des mutmaßlichen Täters im Fall Charlie Kirk. Es handelt sich um einen 22-Jährigen aus Utah. © Patrick T. Fallon/AFP

„Die USA werden in ein Zeitalter der vollkommenen politischen Unversöhnlichkeit eintreten“

Was können die Demokraten dem jetzt noch entgegensetzen?
Ich befürchte, dass die Demokraten derzeit zu schwach sind, um Trump etwas entgegenzusetzen. Sie sind ja in einer völlig aussichtslosen Situation. Einerseits macht Trump das Allermeiste falsch – die wirtschaftlichen Aussichten sind schlecht, die Arbeitsmarktzahlen auch. Trotzdem können die Demokraten daraus kein Kapital schlagen, weil sie sich von der Niederlage bei der Präsidentenwahl noch immer nicht erholt haben. Sie haben keine überzeugende Führungsfigur, die Trump entgegentreten könnte. 
Gibt es bei den Republikanern noch moderate Stimmen, die Trump aufhalten können?
Es gibt noch ein paar moderate Republikaner, die Relevanz besitzen. Senator Mitch McConnell zum Beispiel hat noch einen gewissen Rückhalt in seiner Partei. Aber McConnell und viele andere, vor allem ältere moderate Republikaner werden bei den Zwischenwahlen im nächsten Jahr nicht mehr antreten. Und dann haben wir bei den Republikanern nicht mehr nur 90 oder 95 Prozent, die Trump treu ergeben sind. Sondern fast 100 Prozent. Die letzten gemäßigten Republikaner werden sich in die innere Migration zurückziehen.
Was bedeutet das für die USA?
Die alte Republikanische Partei – die Partei, die die Sklaverei abgeschafft hat, die Partei von Leuten wie Eisenhower – ist politisch tot. Die Demokraten werden es nicht schaffen, die letzten moderaten Kräfte der Republikaner aufzufangen und bei sich zu integrieren, weil sie selbst noch gefangen sind im Kampf zwischen gemäßigten und sehr linken Kräften. Letztere sind dabei, sich durchzusetzen. Die Partei glaubt, linker werden zu müssen, als Gegengewicht zu Trump.
Also haben wir auf der einen Seite eine sehr rechte Republikanische Partei, der eine sehr linke Demokratische Partei gegenübersteht.
Genau. Meine Befürchtung ist: Die USA werden in ein Zeitalter der vollkommenen politischen Unversöhnlichkeit eintreten.

Rubriklistenbild: © Josh Edelson/AFP

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