Aufrüstung zur See

Ukraine-Marine im Umbruch: Vize-Admiral will russisches Gebiet angreifen

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Beispielloser Verlust: Der Kreuzer „Moskwa“ wurde erfolgreich von Land aus bekämpft und versenkt. Die russische Schwarzmeer-Flotte hatte damit ihr Flaggschiff verloren – und der Ukraine Mut gemacht. (Archivfoto)
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Der ukrainische Vizeadmiral will den Krieg nach Russland zurücktragen – mit deutschen Waffen. Vielleicht hat Olaf Scholz doch Grund zur Vorsicht.

Kiew – Mangel beherrscht die Ukraine überall: zu Lande, in der Luft und zu Wasser. Jetzt plant das von Russland überfallene Land, sich vor allem dort zu verstärken: Gegen Wladimir Putins Truppen will die Ukraine auch mit ihrer Marine auf Augenhöhe kommen. Großbritannien soll im Ukraine-Krieg helfen, wie Sky News jetzt berichtet. Neben der Lieferung von Panzern und Raketen gab der britische Verteidigungsminister Grant Shapps im Dezember bekannt, dass zwei Minenjäger der Royal Navy an die ukrainische Marine übergeben würden, obwohl die Schiffe aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum Schwarzen Meer bis Kriegsende nicht in ukrainische Häfen einlaufen könnten – die Türkei verweigert deren Durchfahrt ins Schwarze Meer.

Berichten zufolge erwägt Großbritannien auch die Ausmusterung von zwei Fregatten des Typs 23 wegen eines Mangels an Seeleuten. Auch auf diese Schiffe hat die Ukraine ein Auge geworfen. Nach wie vor plant die Ukraine, den Krieg nach Russland direkt zurücktragen und fordert entsprechende Waffen von den Westmächten. Möglicherweise liegt der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit seiner Vorsicht letztendlich dann doch richtig. Aktuelle Aussagen der ukrainischen Admiralität lassen aufhorchen.

Die Stärke der ukrainischen Seestreitkräfte ist seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 ein Geheimnis. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der daraus resultierenden Unabhängigkeit der Ukraine befand sich die Schwarzmeer-Flotte der sowjetischen Marine auf dem Territorium der Ukraine – diese kleinste der vier russischen Flotten sollte ursprünglich zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation jeweils zur Hälfte aufgeteilt werden: die rund 300 Schiffe und Boote umfassende Armada sowie die Gebäude und Hafenanlagen. Letztendlich blieben der Ukraine aber wohl lediglich nur rund 60 mehr oder weniger überholungsbedürftiger Schiffe.

Krim-Annexion: Seestreitkräfte der Ukraine ohne Schiffe und ohne Abwehr-Chance

Der Ukraine misslang bisher, eine größere Anzahl davon seetüchtig zu machen oder zu erhalten. Reparaturen beschränkten sich auf das Nötigste oder wurden nur durchgeführt, um das Schiff zu verkaufen. Gegen die Annexion der Krim 2014 hatte die Ukraine folglich keine Abwehr-Chance, außerdem soll in bedeutsamem Umfang auch Personal übergelaufen sein. In den folgenden Jahren wurden daher ein großes Neubauprogramm und zahlreiche Reformen beschlossen, ohne entscheidenden Einfluss auf das Kriegsgeschehen zu nehmen.

1995 vereinbarte der damalige russische Präsident Boris Jelzin mit dem damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma, dass Sewastopol weiterhin Stützpunkt der russischen Marine bleibt und die militärische Infrastruktur der Krim von Russland genutzt werden darf. Der eisfreie Tiefwasserhafen Sewastopol ist seitdem der Hauptstützpunkt der Flotte; dort waren zu Kriegsbeginn etwa 80 Prozent der Kampfeinheiten Russlands stationiert. 

Die Minenjäger, ursprünglich HMS Grimsby und HMS Shoreham, wurden im Juni 2023 in Glasgow in Chernihiv und Cherkasy umbenannt und werden der Ukraine helfen, eine wichtige Route für die Handelsschifffahrt über das Schwarze Meer aufrechtzuerhalten. Russland hatte versucht, die Zugänge zu den ukrainischen Häfen in und um Odessa zu verminen und damit gedroht, zivile Schiffe in die Luft zu jagen, doch der effektive Einsatz von Raketen und Seedrohnen durch die ukrainischen Seestreitkräfte hat die Moskauer Flotte immer weiter zurückgedrängt. Allerdings werden die Schiffe wohl erst nach Kriegsende das Schwarze Meer erreichen: Anfang Januar 2024 blockierte die Türkei die Überstellung dieser beiden Schiffe zur Minenräumung in die Ukraine und verbot ihnen, ihre Gewässer auf dem Weg zum Schwarzen Meer zu durchqueren.

Ukraine-Krieg: Verlust der Krim ist wohl gleichbedeutend mit Niederlage Russlands

Experten gehen davon aus, dass der Ukraine-Krieg nach dem Verlust der Krim für Wladimir Putin nicht mehr zu gewinnen sein wird. Für Russland ist die Krim erstens ein Prestige-Objekt und zweitens der Brückenkopf ins Schwarze Meer, so das Online-Magazin Dekoder: „Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der neuen Unabhängigkeit der Ukraine seit 1991 wurden die Schwarzmeer-Flotte und insbesondere die in Sewastopol stationierten russischen Soldaten zu einem wichtigen Einflussfaktor Russlands in der Ukraine. Die Schwarzmeer-Fotte war dabei Mittel und Zweck einer russischen Politik der Einflussnahme und der Verhinderung ukrainischer Nato-Ambitionen.“ Die Schwarzmeer-Flotte verhilft Russland überdies zur Stützung des Assad-Regimes in Syrien.

Die Ukraine würde den Krieg schneller gewinnen, wenn sie die Erlaubnis hätte, britische und andere westliche Waffen gegen Ziele tief im Inneren Russlands abzufeuern, sagte jetzt Vizeadmiral Oleksiy Neischpapa gegenüber Sky News; also genau das, was beispielsweise die deutsche Regierung zu verhindern sucht. Neben dem Einsatz der von Deutschland zurückgehaltenen Taurus-Marschflugkörper will der Kommandeur der ukrainischen Marine auch auf See operationsfähig werden. Ohne eigene große Schiffe seien die ukrainischen Verbände vergeblich bemüht, russische Kampfschiffe rund um die Krim zu bekämpfen und diese auch von der Küste der Ukraine fernzuhalten.

Den bisher größten Erfolg der ukrainischen Seestreitkräfte markiert die Versenkung des russischen Raketenkreuzers Moskwa im April 2022. „Damals erkannte die Ukraine, dass Moskau in diesem Krieg geschlagen werden kann“, sagte der Vizeadmiral. Dieses Momentum wolle er ausnutzen. Zuletzt hat die Ukraine in geheimen Operationen mehrere Angriffe gegen die russischen Seestreitkräfte geführt, mit dem Erfolg, dass Moskau seine wichtigen Kriegsschiffe von der Krim nach Noworossijsk verlegt hat. Dabei sollen unter anderem Schnellboote als Seedrohnen, Unterwasserdrohnen und selbst Jet-Skier eingesetzt worden sein. Auch das Hauptquartier der Russen in Sewastopol war getroffen worden, von einem Marschflugkörper. „Unsere Siege in den Jahren 2022 und 2023 basieren auf innovativen Lösungen“, sagte Neischpapa.

Kraft durch Innovation: Marine der Ukraine setzt auf Drohnen und autonome U-Boote

Diese Innovationen sieht er ganz klar in der Automatisierung des Krieges: in Drohnen. Die Verteidiger basteln neben einer Armee von Drohnen inzwischen wohl auch an unbemannten U-Booten, um die Schwarzmeer-Flotte Russlands endgültig auszumanövrieren. Konventionelle Kriegführung ist auf Dauer schlichtweg unbezahlbar – auf dem Land genauso wie zur See. Jetzt startet die Ukraine Ende Januar sogar eine neue Offensive im eigenen Land: einen Hackathon unter der Überschrift „Offensive der Maschinen“ – das Verteidigungsministerium will damit kreative Köpfe versammeln, um die besten technologischen Lösungen zur Verbesserung unbemannter Systeme an der Front zu finden. Der Hackathon „Offensive der Maschinen“ ist eine gemeinsame Veranstaltung des Verteidigungsministeriums der Ukraine, des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine, des Ministeriums für strategische Industrien und des Verteidigungstechnologie-Clusters Brave1.

Allerdings hilft das kurzfristig wenig. Großbritannien, die USA und andere Verbündete einigten sich erst Anfang des vergangenen Jahr darauf, der Ukraine Langstreckenraketen zu liefern. Ukrainische Streitkräfte haben sie eingesetzt, um Ziele in den von Russland besetzten Teilen der Ukraine anzugreifen, jedoch nicht tief im Inneren Russlands; die Europäer befürchten die Eskalation des Konflikts – einen Weltenbrand. Trotz großer Kritik aus Kreisen der Opposition und sogar der eigenen Regierungskoalition weigert sich beispielsweise vor allem Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu überlassen und damit womöglich den Zorn Russlands auf Deutschland zu ziehen.

Diskutierendes Deutschland: Bundeskanzler verteidigt sich gegen Regierung und Opposition

Selbst Teile von Bündnis 90/Die Grünen wetzen inzwischen die Messer gegenüber Russland. Der Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Europaangelegenheiten, Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), kritisiert Olaf Scholz für sein wiederholtes Zögern bei Waffenlieferungen für die Ukraine. „Der Bundeskanzler ist bekannt für seine Beratungsresistenz und außerdem für seine langanhaltend falschen Analysen des Ukraine-Kriegs“, machte der Grünen-Politiker gegenüber Phoenix deutlich. Deutschland werde innerhalb der Europäischen Union „seiner Rolle als ein führendes Land nicht ansatzweise gerecht“, sagte Hofreiter. Das schwäche den Abwehrkampf gegen Russland.

Die Gefahr eines ukrainischen Angriffs auf das russische Kernland scheint tatsächlich zu bestehen, denn das, was der Ukraine fehlt, ist die Fähigkeit, westliche Langstreckenwaffen wie die britische Storm Shadow-Rakete oder amerikanische Atacms (Army Tactical Missile Systems) gegen militärische Ziele innerhalb Russlands einzusetzen, um das Übel direkt an der Wurzel zu bekämpfen. Auf die Frage von Sky News, ob er glaube, dass die Ukraine den Krieg mit einer solchen Erlaubnis schneller gewinnen könnte, sagte der Befehlshaber der ukrainischen Seestreitkräfte: „Natürlich werden wir umso schneller gewinnen, je früher unsere Streitkräfte über die notwendigen Kampfmittel und dementsprechende Fähigkeiten verfügen, um die Infrastruktureinrichtungen des Feindes zu zerstören.“

Großzügiges Großbritannien: Zwei Minenjäger kommen und eventuell zwei Fregatten

Hilfe kommt eventuell erneut aus Großbritannien, wie die Zeitung The Telegraph schreibt. Danach fehlen der britischen Royal Navy so viele Seeleute, dass sie Berichten zufolge zwei Fregatten des Typs 23, also der „Duke-Klasse“, außer Dienst stellen muss, um ihre neue Fregatten-Klasse zu besetzen. Damit würde sie die Duke-Klasse von elf auf neun Schiffe verkleinern; zur Disposition stehen laut Informationen aus Verteidigungs- und Regierungsquellen die 1991 beziehungsweise 1994 in Dienst gestellten Fregatten HMS Argyll und HMS Westminster. Weder die Royal Navy noch das britische Verteidigungsministerium sind auf die Behauptungen bisher eingegangen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Gegenüber Sky News betonte Neischpapa, dass er die Ausmusterungspläne gespannt verfolge. Großbritannien war gegenüber der Ukraine immer großzügig und hat seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 bisher fast 5,5 Milliarden Euro an Militärhilfe und Waffenspenden im Wert von 2,7 Milliarden Euro pro Jahr – zugesagt, aber Großbritannien hat bisher keinen Plan veröffentlicht, wie sie in diesem und im kommenden Jahre weiter verfahren wollen. Auf der Wunschliste der Ukraine sind die Schiffe jedoch schon festgehalten.

Da sich Russland anpasse, müsse auch die Ukraine ihre Strategie anpassen. „Ein moderner Krieg ist ein Krieg der Technologien, und wer auch immer im technologischen Sinn gewinnt, trägt den Sieg davon“, resümierte Neischpapa: „Wir hätten gerne die Möglichkeit, um Russland davon abzubringen, jemals wieder ein Auge auf die Ukraine zu werfen, in diesem Fall auch auf das Meer.“ (Karsten Hinzmann)

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