Generation TikTok verweigert den Dienst – kommt die Wehrpflicht zurück?
Eine repräsentative Erhebung des Meinungsforschungsinstituts INSA mit 1003 Befragten im Auftrag der Bild-Zeitung offenbart einen grundlegenden Mentalitätswandel: Nur 36 Prozent der Befragten würden sich heute für den Wehrdienst entscheiden. 51 Prozent bevorzugen stattdessen einen Zivildienst – und damit einen Dienst am Staat, aber ohne Uniform und Waffe.
Insbesondere unter den 18- bis 29-Jährigen ist die Bereitschaft zum Wehrdienst besonders gering. Statt Verantwortung für die Landesverteidigung zu übernehmen, denkt ein Großteil in individuellen Kategorien. „Was habe ich davon?“, scheint die zentrale Leitfrage einer Generation, die sich selbst als kritisch, global vernetzt und unabhängig versteht.
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr
Mehrheit gegen Waffe, aber für Pflicht – widersprüchliche Befunde der INSA-Studie
Besonders brisant: Trotz der Ablehnung des Wehrdienstes im engeren Sinne sprechen sich 47 Prozent der Befragten für eine Rückkehr der Wehrpflicht aus. 34 Prozent lehnen diese ab. Offenbar empfinden viele Bürgerinnen und Bürger die Wehrpflicht als gerecht – auch wenn sie selbst nicht zum Dienst bereit wären.
Die Umfrage offenbart ein deutliches Geschlechtergefälle: Während 47 Prozent der Männer sich den Wehrdienst vorstellen können, sind es bei den Frauen nur 26 Prozent. Gleichzeitig sagen 60 Prozent der Frauen, sie würden im Ernstfall lieber Zivildienst leisten – bei den Männern sind es 42 Prozent.
Auch eine geschlechterübergreifende Pflicht findet wachsenden Rückhalt: 53 Prozent der Deutschen befürworten eine Wehr- oder Dienstpflicht auch für Frauen. Nur 34 Prozent lehnen dies ab.
Verteidigungsminister Boris Pistorius will die Rückkehr zum Wehrdienst – doch viele junge Menschen sind geistig längst ganz woanders. Während Politik über Pflicht und Sicherheit debattiert, bleibt die Generation TikTok skeptisch
Pistorius will neuen Wehrdienst 2025 starten – freiwillig mit möglicher Pflicht
Verteidigungsminister Pistorius will auf den dramatischen Personalmangel reagieren – rund 50.000 bis 60.000 Soldatinnen und Soldaten fehlen derzeit bei der Bundeswehr. Noch 2025 soll ein neuer Wehrdienst starten, berichtete unter anderem die dpa. Die erste Phase sei freiwillig. Sollte die Bewerberzahl zu gering ausfallen, will das Ministerium eine verpflichtende Komponente prüfen.
„Wir gehen davon aus, dass wir mit einem attraktiven Wehrdienst genügend Freiwillige gewinnen werden. Sollte das eines Tages nicht der Fall sein, wird zu entscheiden sein, junge Männer verpflichtend einzuberufen“, sagte Pistorius jüngst.
Geplant sei in Augen des Verteidigungsministers ein Zwei-Stufen-Modell, bei dem sich junge Menschen über ein digitales Verfahren registrieren. Anschließend erfolgen Auswahl und Einberufung – nach Bedarf, Motivation und Eignung. Frauen sollen von Beginn an einbezogen werden. Damit würde Deutschland dem sogenannten schwedischen Modell folgen.
Wehrpflicht-Modelle in Europa im Vergleich:
Land
Status der Wehrpflicht
Deutschland
Ausgesetzt (seit 2011), Diskussion über Wiedereinführung
Schweden
Reaktiviert (2017), selektiv & geschlechtsneutral
Litauen
Reaktiviert (2015), Kombination aus Freiwilligen und Losverfahren
Norwegen
Verpflichtend, geschlechtsneutral seit 2015
Schweiz
Aktiv, verpflichtend für Männer
Bundeswehr braucht Personal: Spahn und Union machen Druck – CDU und CSU für Pflichtjahr
Die CDU fordert mehr als nur Freiwilligkeit. Auf ihrem letzten Parteitag sprach sie sich für ein „verpflichtendes Gesellschaftsjahr“ aus. Dabei sollen junge Menschen wählen können, ob sie bei der Bundeswehr, im Pflegebereich, bei Hilfsdiensten oder in Vereinen arbeiten möchten. Die Idee: mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt, aber auch militärische Einsatzbereitschaft.
Jens Spahn, Fraktionsvize der Union, forderte in der Rheinischen Postin dieser Woche die Strukturen der Bundeswehr jetzt so aufzustellen, dass eine schnelle Rückkehr zur Wehrpflicht möglich ist. Deutschland brauche eine verteidigungsfähige Truppe – und das gehe nur mit deutlich mehr Personal. Wenn Freiwilligkeit nicht reicht, werde man „eine Wehrpflicht brauchen“.
Deutsche Bundeswehr im Realitätscheck: Infrastruktur marode, kein Platz für Jahrgänge
Trotz der politischen Signale: Eine sofortige Rückkehr zur klassischen Wehrpflicht ist organisatorisch kaum möglich. Seit ihrer Aussetzung 2011 wurde die Bundeswehr massiv verkleinert. Ausbildungszentren, Kasernen und Wehrersatzämter wurden aufgelöst. In Bundesländern wie Baden-Württemberg sind Kasernen überfüllt. Teilweise müssen Soldaten in Hotels untergebracht werden, schreibt swr.de.
Der Jahresbericht 2024 der ehemaligen Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) bezifferte den Investitionsbedarf allein für Infrastruktur auf über 67 Milliarden Euro. Ohne grundlegenden Neuaufbau bleibt die Einberufung ganzer Jahrgänge utopisch.
Aktuelle Fakten zur Wehrpflicht in Deutschland
Aussetzung: Die Wehrpflicht wurde im Juli 2011 ausgesetzt – nicht abgeschafft. Sie gilt weiterhin im Verteidigungs- oder Spannungsfall.
Reaktivierungspläne: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) plant ein neues Wehrdienstmodell – zunächst freiwillig, später evtl. verpflichtend.
Zielgröße: 5.000 zusätzliche Wehrdienstleistende im ersten Jahr geplant.
Rechtliche Lage: Für eine Pflicht auch für Frauen wäre eine Grundgesetzänderung nötig (Art. 12a GG).
Öffentliche Meinung: Laut aktueller INSA-Umfrage würden nur 34 % der Befragten heute Wehrdienst leisten wollen (Quelle: Bild).
Gesellschaftsjahr: Die CDU plant ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr – Militär oder Sozialdienst.
Schweden und Norwegen als Vorbilder für deutsche Wehrpflicht? Motivation statt Zwang
Pistorius prüft daher Modelle aus Nordeuropa, insbesondere eben Schweden. Dort wurde die Wehrpflicht 2017 reaktiviert – aber selektiv: Alle 18-Jährigen melden sich, doch nur fünf bis zehn Prozent werden ausgewählt. Diese Auswahl basiert auf Eignung, Bedarf und vor allem: Motivation.
Norwegen und Finnland gehen ähnlich vor – mit zunehmender Beteiligung von Frauen. In Norwegen liegt ihr Anteil unter Wehrdienstleistenden mittlerweile bei rund 25 Prozent. Gemischte Unterkünfte und geschlechterneutrale Ausbildung gelten dort als Normalität. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist hoch, heißt es im Scandinavian Journal of Military Studies.
Eine Studie, so das Scandinavian Journal of Military Studies, zeige ferner: Wehrpflichtsysteme mit partizipativem Charakter, Auswahlverfahren und freiwilligen Elementen erzielen deutlich höhere Motivation, bessere Ausbildungsergebnisse und mehr Loyalität zur Demokratie.
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Pistorius und die Generation TikTok: Selbstverwirklichung statt Staatsdienst?
Die INSA-Zahlen spiegeln derweil mehr als nur ein Meinungsbild – sie zeigen einen tiefen gesellschaftlichen Wandel. Die „Generation TikTok“ lebt digital, pluralistisch und kritisch. Sicherheit wird geschätzt, aber als Aufgabe des Staates – nicht der Einzelnen – betrachtet.
Die Jugendtrendstudie 2025 des Instituts für Generationenforschung unterstreicht diesen Befund. Viele Jugendliche sehen den Sinn eines Wehrdienstes nicht ein. Professorin Kathrin Groh von der Universität der Bundeswehr München formuliert im Verfassungsblog so: „Die jungen Menschen in Deutschland lehnen den Wehrdienst aber mehrheitlich ab. Sie haben ein zum Teil sehr transaktionales Verständnis von der Wehrpflicht: Tut Deutschland nichts Spezielles für mich, tue ich auch nichts für Deutschland.“
Viele junge Menschen äußern in sozialen Medien scharfe Kritik an einer möglichen Rückkehr zur Wehrpflicht. Zwischen Spott, Ablehnung und politischen Vorwürfen wird deutlich: Die Generation Z fühlt sich von der Politik oft nicht ernst genommen.
Die politische Realität ist klar: Die Bundeswehr braucht Personal. Die gesellschaftliche Realität ist es auch: Die Mehrheit junger Menschen sieht den Sinn eines klassischen Wehrdienstes nicht. Die Lösung liegt vermutlich zwischen beiden Polen – in einem neuen Modell, das auf Auswahl, Motivation, Gleichberechtigung und Verantwortung setzt. Die Wehrpflicht ist längst kein Tabu mehr. Aber wenn sie zurückkommt, wird sie nicht so aussehen wie 2010. Die Generation TikTok stellt neue Fragen – und verdient moderne Antworten.