„Gigantische Verluste“: Pokrowsk-Eroberung wichtig für Putins Kriegsziele
VonJan-Frederik Wendt
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Die Kämpfe um Pokrowsk werden immer intensiver. Die Einnahme der ukrainischen Stadt hätte für Putin eine enorme Bedeutung.
Wichtige Kämpfe im Ukraine-Krieg konzentrieren sich zurzeit auf eine Stadt: Pokrowsk. Seit mehr als zwei Jahren versucht Russland, die Bergbaustadt einzunehmen – und nimmt dafür enorme Verluste in Kauf. Die russische Armee setze bis zu 130.000 Soldaten ein, um die schwer umkämpfte Stadt zu erobern, meldeten mehrere Medien. Mittlerweile sollen Russlands Streitkräfte Teile des nördlichen Stadtgebiets eingenommen haben und in nordwestliche Stadtteile vorgedrungen seien, berichtete das Institute for the Study of War – mit Verweis auf geolokalisierte Drohnenaufnahmen.
Kampf um Pokrowsk: Putins Russland erleidet offenbar enorme Verluste
Grund dafür ist den Partisanen zufolge „ein beispielloser Anstieg der Todeszahlen in den Gebieten Pokrowsk und Myrnohrad“. Das Bestattungs- und Logistiksystem Russlands sei vollständig überlastet. Zudem wolle die russische Militärführung mit dem fragwürdigen Aufbewahrungsort die hohen Verlustzahlen „verschleiern“.
Zuvor hatten Kämpfer der ukrainischen „Omega“-Spezialkräfte berichtet, dass russische Truppen nahe Pokrowsk „gigantische Verluste“ erlitten. „Für wenige Quadratkilometer setzt Russland Tausende seiner Soldaten ein und schickt sie ohne Taktik oder Strategie in den Sturm“, schrieb die Einheit. Es stellt sich die Frage: Warum nimmt der russische Präsident Wladimir Putin so große Verluste für die Eroberung Pokrowsks in Kauf?
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Die Stadt besitzt enorme logistische Bedeutung, weil sich dort zentrale Versorgungswege befinden. Zudem hatte das Bergwerk Pokrowsk 90 Prozent der in der Ukraine verbrauchten Kokskohle geliefert – bis Russland die Stadt zu Jahresbeginn regelmäßig mit Artillerie beschoss. Kokskohle ist eine wichtige Ressource bei der Stahlproduktion, also auch für die Herstellung von Rüstungsgütern.
Pokrowsk-Eroberung hätte taktische Auswirkungen im Ukraine-Krieg
Eine russische Eroberung von Pokrowsk hätte laut Erhard Bühler auch enorme Folgen auf taktischer Ebene im Ukraine-Krieg. Dann würde eine erhebliche Zahl russischer Truppenteile für neue Aufgaben freiwerden, sagte der ehemalige NATO-General im MDR-Podcast „Was tun, Herr General?“. Er beschrieb zwei wahrscheinliche Szenarien.
Erstens: Putins Streitkräfte könnten aus dem Raum Pokrowsk und Dobropillja wieder den Angriff in Richtung Norden aufnehmen, den die Ukrainer zuvor gestoppt hatten. Mit einer zusätzlichen Attacke aus dem Norden von Lyman könne Russland versuchen, mit einer Zangenbewegung die Städte Kramatorsk, Slowjansk bis in das südlichere Dobropillja einzuschließen.
Die zweite Möglichkeit: Die russischen Truppen könnten ihren Vormarsch schnell weiter nach Westen in die Region Dnipropetrowsk fortsetzen, gegebenenfalls bis in die Region Saporischschja. Allerdings hält Bühler das erste Szenario für wahrscheinlicher. Seine Begründung: Russland werde voraussichtlich an seiner langfristigen operativen Absicht – und seinem Kriegsziel – festhalten, die Region Donezk einzunehmen.
Mit der Einnahme dieser Region würde Putin einem weiteren Ziel näherkommen: der Donbass-Eroberung. Zuletzt hatte er den Donbass beim umstrittenen Gipfel zwischen ihm und US-Präsident Donald Trump in Alaska im Sommer für sich beansprucht und behauptet, dass er im Gegenzug gegen eine Aufgabe des Oblasts die aktuellen Frontlinien für eine Waffenruhe einfrieren werde.
Pokrowsk-Einnahme wäre bedeutend für Putins Kriegsziele im Ukraine-Krieg
Die Region Donezk hatte Russland genauso wie den benachbarten Verwaltungsbezirk Luhansk 2022 einseitig und völkerrechtswidrig von der Ukraine annektiert, beide Regionen gehören zum Donbass. Bei einem der letzten Telefonate zwischen Putin und Trump soll der russische Präsident erneut die vollständige Aufgabe der ostukrainischen Region gefordert haben, berichtete die Washington Post.
Sollte der Donbass gemeinsam mit den stark umkämpften südukrainischen Regionen Cherson und Saporischschja an Russland fallen, wäre eine ständige Landverbindung zur völkerrechtswidrigen annektierten Halbinsel Krim gesichert. Gleichzeitig würde die Ukraine dauerhaft ihren Zugang zum Asowschen Meer verlieren. Schon jetzt hält Russland alle an das Meer grenzenden Teile der Ukraine besetzt. Ein Experte äußerte sich bereits Ende 2024 im Gespräch mit unserer Redaktion wenig optimistisch über die Zukunft dieser Gebiete.
Für Selenskyj spielt die wirtschaftliche Bedeutung der Region zurzeit wohl eine untergeordnete Rolle. Dafür liegt in Donezk eine der wichtigsten Verteidigungslinien des Landes: der sogenannten „Festungsgürtel“. Laut einer ISW-Analyse hat die Ukraine mit diesem Festungsgürtel „russische Vorstöße in der Oblast Donezk in den Jahren 2014 und 2022“ behindert und erschwert auch heute noch die russischen Einnahmeversuche. „Der Festungsgürtel stellt ein erhebliches Hindernis für den derzeitigen Vormarsch Russlands in den Westen der Ukraine dar“, schrieb das US-amerikanische Forschungsinstitut.
Pokrowsk ist Teil des ukrainischen Festungsgürtels im Donbass
Nach ISW-Angaben erstreckt sich diese Verteidigungslinie in der Region über 50 Kilometer, sie soll stark vermint sein. Zudem gebe es zahlreiche Bunker, Schützengräben, Panzerabwehrsperren und Stacheldraht. Die ISW-Forscher bezeichnen den Festungsgürtel als „das Rückgrat der ukrainischen Verteidigungsposition in der Region Donezk“.
Sollte Russlands Armee den Festungsgürtel erobern, könnte ihre Streitkräfte im Anschluss einfacher große Gebiete besetzen. Denn: Hinter dieser Linie befindet sich weites Flachland, das weniger stark als mögliche Verteidigungsbastion ausgebaut ist. Selenskyj hat Gebietsabtretungen stets eine Absage erteilt – auch als Austauschs-Masse für einen möglichen Waffenstillstand.
„Für die Russen ist der Donbass ein Sprungbrett für eine zukünftige neue Offensive. Wenn wir den Donbass freiwillig oder unter Druck verlassen, werden wir einen dritten Krieg beginnen“, sagte der ukrainische Regierungschef laut CNN im August bei einem Treffen mit Journalisten.
Pokrowsk wäre für Putin ein Zwischenschritt zur Eroberung der Region Donezk
Um die Region Donezk einzunehmen, wäre Pokrowsk allerdings nur ein Zwischenschritt. Denn die Schlüsselstadt zur Besetzung dieser Region ist Kostjantyniwka. Sie ist die südlichste von mehreren Städten im Norden der Region, die zum Festungsgürtel gehören. Nach einer Einnahme von Kostjantyniwka müsste Putin nur noch wenige ukrainische Großstädte in Donezk erobern, um den Ukraine-Krieg mit einem russischen Teil-Sieg zu beenden.
Nach Luhansk wäre mit Donezk die zweite der vier 2022 annektieren Regionen vollständig erobert. Mit der Erfüllung dieses wichtigen russischen Kriegszieles könnte sich Putin als Sieger inszenieren – obwohl er die Ukraine als Staat weder erobert noch ausgelöscht hätte. Unter dieser Bedingung könnte der Kremlchef einer Waffenruhe zustimmen ohne sein Gesicht vor der russischen Bevölkerung und seinen Unterstützern zu verlieren. Ob Putin tatsächlich bereit wäre, seine Angriffe einzustellen, ist allerdings mehr als fraglich. (Quellen: Institute for the Study of War, Washington Post, CNN, MDR, Jan-Frederik Wendt)