Strategisches Ziel im Ukraine-Krieg

„Gigantische Verluste“: Pokrowsk-Eroberung wichtig für Putins Kriegsziele

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Die Kämpfe um Pokrowsk werden immer intensiver. Die Einnahme der ukrainischen Stadt hätte für Putin eine enorme Bedeutung.

Wichtige Kämpfe im Ukraine-Krieg konzentrieren sich zurzeit auf eine Stadt: Pokrowsk. Seit mehr als zwei Jahren versucht Russland, die Bergbaustadt einzunehmen – und nimmt dafür enorme Verluste in Kauf. Die russische Armee setze bis zu 130.000 Soldaten ein, um die schwer umkämpfte Stadt zu erobern, meldeten mehrere Medien. Mittlerweile sollen Russlands Streitkräfte Teile des nördlichen Stadtgebiets eingenommen haben und in nordwestliche Stadtteile vorgedrungen seien, berichtete das Institute for the Study of War – mit Verweis auf geolokalisierte Drohnenaufnahmen.

Ein russischer Soldat kämpft im Frontabschnitt Krasnoarmeysk bei Pokrowsk.

Dafür zahlt Russland offenbar einen enorm hohen Preis: Laut der ukrainisch-militärischen Partisanenbewegung „Atesh“ soll Russland wegen der hohen Opferzahlen einen Fleischverarbeitungsbetrieb nutzen, um die Leichen seiner in Pokrowsk gefallenen Soldaten zu lagern.

Kampf um Pokrowsk: Putins Russland erleidet offenbar enorme Verluste

Grund dafür ist den Partisanen zufolge „ein beispielloser Anstieg der Todeszahlen in den Gebieten Pokrowsk und Myrnohrad“. Das Bestattungs- und Logistiksystem Russlands sei vollständig überlastet. Zudem wolle die russische Militärführung mit dem fragwürdigen Aufbewahrungsort die hohen Verlustzahlen „verschleiern“.

Zuvor hatten Kämpfer der ukrainischen „Omega“-Spezialkräfte berichtet, dass russische Truppen nahe Pokrowsk „gigantische Verluste“ erlitten. „Für wenige Quadratkilometer setzt Russland Tausende seiner Soldaten ein und schickt sie ohne Taktik oder Strategie in den Sturm“, schrieb die Einheit. Es stellt sich die Frage: Warum nimmt der russische Präsident Wladimir Putin so große Verluste für die Eroberung Pokrowsks in Kauf?

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago

Die Stadt besitzt enorme logistische Bedeutung, weil sich dort zentrale Versorgungswege befinden. Zudem hatte das Bergwerk Pokrowsk 90 Prozent der in der Ukraine verbrauchten Kokskohle geliefert – bis Russland die Stadt zu Jahresbeginn regelmäßig mit Artillerie beschoss. Kokskohle ist eine wichtige Ressource bei der Stahlproduktion, also auch für die Herstellung von Rüstungsgütern.

Pokrowsk-Eroberung hätte taktische Auswirkungen im Ukraine-Krieg

Eine russische Eroberung von Pokrowsk hätte laut Erhard Bühler auch enorme Folgen auf taktischer Ebene im Ukraine-Krieg. Dann würde eine erhebliche Zahl russischer Truppenteile für neue Aufgaben freiwerden, sagte der ehemalige NATO-General im MDR-Podcast „Was tun, Herr General?“. Er beschrieb zwei wahrscheinliche Szenarien.

Erstens: Putins Streitkräfte könnten aus dem Raum Pokrowsk und Dobropillja wieder den Angriff in Richtung Norden aufnehmen, den die Ukrainer zuvor gestoppt hatten. Mit einer zusätzlichen Attacke aus dem Norden von Lyman könne Russland versuchen, mit einer Zangenbewegung die Städte Kramatorsk, Slowjansk bis in das südlichere Dobropillja einzuschließen.

Die zweite Möglichkeit: Die russischen Truppen könnten ihren Vormarsch schnell weiter nach Westen in die Region Dnipropetrowsk fortsetzen, gegebenenfalls bis in die Region Saporischschja. Allerdings hält Bühler das erste Szenario für wahrscheinlicher. Seine Begründung: Russland werde voraussichtlich an seiner langfristigen operativen Absicht – und seinem Kriegsziel – festhalten, die Region Donezk einzunehmen.

Mit der Einnahme dieser Region würde Putin einem weiteren Ziel näherkommen: der Donbass-Eroberung. Zuletzt hatte er den Donbass beim umstrittenen Gipfel zwischen ihm und US-Präsident Donald Trump in Alaska im Sommer für sich beansprucht und behauptet, dass er im Gegenzug gegen eine Aufgabe des Oblasts die aktuellen Frontlinien für eine Waffenruhe einfrieren werde.

Pokrowsk-Einnahme wäre bedeutend für Putins Kriegsziele im Ukraine-Krieg

Die Region Donezk hatte Russland genauso wie den benachbarten Verwaltungsbezirk Luhansk 2022 einseitig und völkerrechtswidrig von der Ukraine annektiert, beide Regionen gehören zum Donbass. Bei einem der letzten Telefonate zwischen Putin und Trump soll der russische Präsident erneut die vollständige Aufgabe der ostukrainischen Region gefordert haben, berichtete die Washington Post.

Sollte der Donbass gemeinsam mit den stark umkämpften südukrainischen Regionen Cherson und Saporischschja an Russland fallen, wäre eine ständige Landverbindung zur völkerrechtswidrigen annektierten Halbinsel Krim gesichert. Gleichzeitig würde die Ukraine dauerhaft ihren Zugang zum Asowschen Meer verlieren. Schon jetzt hält Russland alle an das Meer grenzenden Teile der Ukraine besetzt. Ein Experte äußerte sich bereits Ende 2024 im Gespräch mit unserer Redaktion wenig optimistisch über die Zukunft dieser Gebiete.

Für Selenskyj spielt die wirtschaftliche Bedeutung der Region zurzeit wohl eine untergeordnete Rolle. Dafür liegt in Donezk eine der wichtigsten Verteidigungslinien des Landes: der sogenannten „Festungsgürtel“. Laut einer ISW-Analyse hat die Ukraine mit diesem Festungsgürtel „russische Vorstöße in der Oblast Donezk in den Jahren 2014 und 2022“ behindert und erschwert auch heute noch die russischen Einnahmeversuche. „Der Festungsgürtel stellt ein erhebliches Hindernis für den derzeitigen Vormarsch Russlands in den Westen der Ukraine dar“, schrieb das US-amerikanische Forschungsinstitut.

Pokrowsk ist Teil des ukrainischen Festungsgürtels im Donbass

Nach ISW-Angaben erstreckt sich diese Verteidigungslinie in der Region über 50 Kilometer, sie soll stark vermint sein. Zudem gebe es zahlreiche Bunker, Schützengräben, Panzerabwehrsperren und Stacheldraht. Die ISW-Forscher bezeichnen den Festungsgürtel als „das Rückgrat der ukrainischen Verteidigungsposition in der Region Donezk“.

Sollte Russlands Armee den Festungsgürtel erobern, könnte ihre Streitkräfte im Anschluss einfacher große Gebiete besetzen. Denn: Hinter dieser Linie befindet sich weites Flachland, das weniger stark als mögliche Verteidigungsbastion ausgebaut ist. Selenskyj hat Gebietsabtretungen stets eine Absage erteilt – auch als Austauschs-Masse für einen möglichen Waffenstillstand.

„Für die Russen ist der Donbass ein Sprungbrett für eine zukünftige neue Offensive. Wenn wir den Donbass freiwillig oder unter Druck verlassen, werden wir einen dritten Krieg beginnen“, sagte der ukrainische Regierungschef laut CNN im August bei einem Treffen mit Journalisten.

Pokrowsk wäre für Putin ein Zwischenschritt zur Eroberung der Region Donezk

Um die Region Donezk einzunehmen, wäre Pokrowsk allerdings nur ein Zwischenschritt. Denn die Schlüsselstadt zur Besetzung dieser Region ist Kostjantyniwka. Sie ist die südlichste von mehreren Städten im Norden der Region, die zum Festungsgürtel gehören. Nach einer Einnahme von Kostjantyniwka müsste Putin nur noch wenige ukrainische Großstädte in Donezk erobern, um den Ukraine-Krieg mit einem russischen Teil-Sieg zu beenden.

Nach Luhansk wäre mit Donezk die zweite der vier 2022 annektieren Regionen vollständig erobert. Mit der Erfüllung dieses wichtigen russischen Kriegszieles könnte sich Putin als Sieger inszenieren – obwohl er die Ukraine als Staat weder erobert noch ausgelöscht hätte. Unter dieser Bedingung könnte der Kremlchef einer Waffenruhe zustimmen ohne sein Gesicht vor der russischen Bevölkerung und seinen Unterstützern zu verlieren. Ob Putin tatsächlich bereit wäre, seine Angriffe einzustellen, ist allerdings mehr als fraglich. (Quellen: Institute for the Study of War, Washington Post, CNN, MDR, Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Stanislav Krasilnikov

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