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Das Grauen des 7. Oktober bestimmt nun jede Stunde – auch in Deutschland. Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow.
Frankfurt – Die Sonne geht auf. Der Wecker gibt das Signal zum Aufstehen. Es war keine lange Nacht. Wieder und wieder wurde der Schlaf von Alpträumen unterbrochen. Jetzt einen Kaffee, um irgendwie Energie für den Tag zu bekommen. So geht das jetzt seit fast sechs Wochen.
Der brutale Terror der islamistischen Hamas am 7. Oktober 2023 hat seine Spuren auch in Deutschland hinterlassen. Wie könnte das auch anders sein, in Anbetracht der schlimmsten Massaker seit der Schoah mit mehr als 1.200 ermordeten Menschen?
Das Gefühl, wieder paralysiert in den Tag starten zu müssen. Denn die schlimmen Nachrichten aus dem 2851,71 Kilometer entfernten Tel Aviv reißen nicht ab. Am Telefon und in Gesprächen wird der obligatorische Smalltalk à la „Wie geht’s?“ übersprungen. Eine wirkliche Antwort darauf kann es gerade nicht geben. Und doch fällt einem immer wieder ein Stein vom Herzen, wenn Freundinnen, Freunde und Familie in Israel trotzdem ein „den Umständen entsprechend“ erwidern. Auch hierzulande hallen die Schreie und das Weinen der Ermordeten, Entführten und Überlebenden des 7. Oktober nach.
Dieser Gefühlszustand hat seinen Raum verdient, aber bekommt er ihn auch? Es gibt kaum ein Gespräch, dass sich nicht um den 7. Oktober und seine Folgen dreht. Ähnlich, wie das damals während Corona war – wo man über nichts anderes als die Pandemie sprach. Das paralysierende Gefühl formt eine Gemeinschaft von Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder Herkunft.
Trauer und Wut: ständige Begleiter nach dem Terror der Hamas
Doch dieses Gefühl lässt sich nicht mit einem morgendlichen Kaffee runterspülen. Viel eher ist es der ständige Begleiter in diesen Tagen und Wochen. Und so wie sich der Kaffee mit etwas Milch vermischt, vermischt sich der Zustand der Paralyse mit zwei weiteren Gefühlen: Trauer und Wut.
Trauer, weil der jüdische Staat sein existenzielles Versprechen, den Schutz jüdischen Lebens vor Antisemitismus, nicht einhalten konnte. Eine traurige Anteilnahme, die auch in Deutschland spürbar ist, wenn man die Bilder der über 240 Geiseln in deutschen Fußgängerzonen sieht. Eine Anteilnahme, die einem kalt den Rücken herunterläuft beim Anblick der zerrissenen Geschichten von Frauen, Kindern, Männern, Schoah-Überlebenden, die von der Hamas in den Gazastreifen entführt wurden. Ihnen von Deutschland aus nicht mehr helfen zu können, als ihre Stimme zu sein. Die traurige Gewissheit, dass die von der Hamas zur Schau gestellte 22-jährige Deutsch-Israelin Shani Louk nicht gerettet werden konnte. Die müden Augen im traurigen Gesicht werden beim Anblick der neuesten Schlagzeilen zur antisemitischen Gewalt auf deutschen Straßen wütender.
Die Wut über Menschen, die in den barbarischen Taten der Hamas einen „Freiheitskampf“ sehen und eine widerwärtige Täter-Opfer-Umkehr betreiben. So entziehen sie den jüdischen Opfern jegliche Solidarität. Eine innere Wut auf die deutsche Gesellschaft, die die Ängste vor israelbezogenem Antisemitismus relativierte oder negierte. Das späte Umdenken fordert jedoch einen hohen Preis: mehr als 1.200 ermordete Menschen in Israel. Es wurde auf Podien wütend geschrien, für Texte wurden die Finger blutig getippt und in Interviews immer wieder das Sicherheitsgefühl von Jüdinnen und Juden thematisiert – falls je so etwas wie ein Sicherheitsgefühl existierte. Wieso muss die Gefahr immer erst so nah sein und Jüdinnen und Juden sich exponieren, damit ihre Stimme Gehör findet?
Früh gewarnt: Antisemitische Propaganda auch in Deutschland
Schon früh hatten jüdische Organisationen darauf hingewiesen, wie die antisemitische und terrorverherrlichende Propaganda in Deutschland durch Organisationen wie beispielsweise Samidoun vorangetrieben wird. Erst die Jubelorgien über einen Massenmord führten aber schlussendlich zu ihrem Verbot. Auch das Leiden der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, die von der Hamas als menschliches Schutzschild missbraucht wird, macht wütend. Ebenso wie die Instrumentalisierung des Antisemitismus für die rassistischen Ressentiments.
Doch Trauer und Wut allein sind keine gute Ratgeber, um sich aus der Paralyse zu befreien. Denn der Überlebenswille des jüdischen Volkes hat schon Tausende Jahre von Gewalt, Vertreibung und Vernichtung überdauert. Zu wissen, dass dich andere Menschen tot sehen wollen, nur weil du jüdisch bist. Dieser Wille wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Und doch muss jede Generation sich aus dem paralysierten Zustand von neuem befreien. Sich der eigenen Ohnmächtigkeit bewusst werden, aber ihr nicht voll und ganz erliegen. Denn der nächste Schritt nach dem Vergegenwärtigen ist das Entzünden des Funken der Hoffnung, wie es auch in der Übersetzung der israelischen Nationalhymne heißt. Denn die tagtägliche Selbstermächtigung hilft uns jeden Tag aufs Neue, in Solidarität mit dem jüdischen Staat und seiner Bevölkerung zu stehen. Jeden Tag aufs Neue den Kampf gegen jede Form des Antisemitismus anzunehmen und an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der man ohne Angst verschieden sein kann.
Ruben Gerczikow ist ein Publizist und Aktivist aus Frankfurt.
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