Hungersnot in Gaza: Netanjahu sieht „inszenierte Kampagne“ – und kontert Vorwürfen
VonFelix Busjaeger
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Israel steht unter Druck, das Leid der Palästinenser in Gaza zu lindern. Netanjahu bestreitet nun eine Hungersnot und hält am Kurs fest.
Tel Aviv/Gaza – Während eine internationale Studie für Teile Gazas eine Hungersnot feststellt, weist Israels Premier Netanjahu die Berichte als ‚inszenierte Kampagne‘ zurück und hält unbeirrt an seinen Kriegszielen fest. Als Reaktion auf den Bericht der weltweit als Autorität für Ernährungssicherheit anerkannten Integrated Food Security Phase Classification-Initiative erklärte er, dass die von der Hamas herbeigeführten Hungerkampagnen „uns nicht davon abhalten, unsere Geiseln zu befreien“ und die Terrororganisation zu beseitigen.
Erst am Freitag, dem 22. August, war die IPC zu dem Schluss gekommen, dass in der Region um die Stadt Gaza, wo Israel derzeit eine neue Offensive vorantreibt, die Bedingungen für eine Hungersnot erfüllt sind. Die Prognosen sind düster: In den kommenden Wochen könnte sich die Lage noch weiter verschlechtern.
Hungersnot in Gaza: Lage im Gazastreifen könnte sich weiter zuspitzen
„Da diese Hungersnot vollständig von Menschen verursacht ist, kann sie gestoppt und rückgängig gemacht werden“, heißt es in dem Bericht. „Die Zeit der Debatten und des Zögerns ist vorbei, der Hunger ist da und breitet sich rasant aus. Es sollte keinen Zweifel daran geben, dass eine sofortige und umfassende Reaktion erforderlich ist.“ Die Initiative hatte einen sofortigen Waffenstillstand gefordert.
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Die Verzweiflung vieler Familien beschreibt die Nachrichtenagentur dpa. „An manchen Tagen kann ich nur ein kleines Brot und eine Tomate finden, um sie zwischen drei Kindern zu teilen“, klagt Mariam al-Scheikh. Ihren Kindern etwas zu Essen zu beschaffen, sei ein täglicher Kampf, berichtet die 34-Jährige aus der Stadt Gaza. Sie sei oft stundenlang auf der Suche nach Brot oder Lebensmittelkonserven. Nachts hört sie das jüngste ihrer Kinder vor Hunger weinen. „Mehr als eine halbe Million Menschen im Gazastreifen sind mit katastrophalen Bedingungen konfrontiert, charakterisiert durch Hunger, Armut und Tod“, heißt es in dem Bericht der IPC-Initiative.
Israel reagiert auf Hungersnot-Bericht vor Offensive in Gaza – „glatte Lüge“
Kurz vor der Bekanntgabe der Hungersnot im Gazastreifen hatte Netanjahu Pläne für die Einnahme der Stadt Gaza im Norden des abgeriegelten Gazastreifens gebilligt. Israels Militär bereitet sich darauf vor, die Schätzungen zufolge rund eine Million Bewohner in Zeltlager im Süden umzuquartieren. Den IPC-Bericht bezeichnete er als eine „glatte Lüge“. Nach israelischer Darstellung basiert die Einschätzung auf falschen Angaben der Hamas. „Der Bericht ignoriert bewusst Daten, die den Autoren in einem Treffen vor seiner Veröffentlichung vorgelegt wurden und übersieht die in den letzten Wochen unternommenen Bemühungen zur Stabilisierung der humanitären Lage im Gazastreifen völlig“, erklärte die zuständige israelische Behörde Cogat.
Nichtsdestoweniger sieht sich Israel wegen der Lage im Gazastreifen zunehmend erheblicher internationaler Kritik ausgesetzt. Mehrere westliche Staaten reagierten mit diplomatischem Druck – darunter Frankreich, Kanada und Australien mit der Ankündigung einer Anerkennung Palästinas. Auch Deutschland zog Konsequenzen und stoppte Teile der Waffenexporte. UN-Generalsekretär António Guterres sprach im Zusammenhang mit der Hungersnot von Vorsatz. Was nun passiere, sei der „vorsätzliche Zusammenbruch der Systeme, die für das menschliche Überleben notwendig sind“. Als Besatzungsmacht habe Israel eindeutige Verpflichtungen. Israel weist solche Aussagen und Vorwürfe stets zurück.
Waffenruhe im Gazastreifen: Netanjahu hält an Israels Bedingungen fest
Ein Ende des Krieges knüpft Netanjahu an klare Bedingungen: Entwaffnung der Hamas, Rückführung der Geiseln, Entmilitarisierung des Gazastreifens sowie eine künftige Verwaltung ohne Hamas und Palästinensische Autonomiebehörde. Israels Regierungschef stellte nun neue Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln und ein Ende des Krieges zu Bedingungen in Aussicht, „die für Israel akzeptabel sind“. (fbu/dpa)