„Heroischer Opferethos“

Im Ukraine-Krieg hat Putin so viele Soldaten wie nie verloren

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Russland kennt nur den Angriff – koste der, was er wolle: Aktuell hat Putins Armee an einem Tag den höchsten Blutzoll seit Beginn der Invasion gezahlt: Mehr als 2.000 Kräfte sind innerhalb von 24 Stunden gefallen.
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Lügen, bedingungsloser Gehorsam, strenge Strafen – die russische Armee beruht auf der Verachtung des Menschen. Der Preis dafür scheint täglich zu steigen.

Moskau – „Er hatte kein leichtes Schicksal, aber er erfüllte seine Pflicht gegenüber dem Vaterland“, steht in dem Nachruf. Der so Betrauerte ist 45 Jahre alt geworden und bedeutet Wladimir Putin zu Lebzeiten wenig. Bedeutung beigemessen hat ihm jetzt Daniel Hardaker, der für den britischen Telegraph darüber berichtet, was das Magazin Newsweek zum „düsteren Meilenstein“ erkoren hat: den Tag, an dem Russland mehr als 2.000 Kräfte verloren hat. So viele, wie noch nie innerhalb von 24 Stunden seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.

Nach Recherchen der britischen BBC in Kooperation mit dem unabhängigen russischen Sender Mediazona soll Russland vornehmlich Sträflingseinheiten verheizen. Der 45-jährige Namenlose sei ein zweifach verurteilter Mörder gewesen und habe weder Lesen noch Schreiben gekonnt. „Es heißt, er habe im Juni einen Vertrag mit dem Militär unterzeichnet und sei zwei Monate später in der ukrainischen Region Donezk an einer Granatsplitterverletzung gestorben“, schreibt Hardaker.

Putins Blutzoll: Moskaus Truppen haben wohl im Verlauf eines Tages 2.030 Kräfte verloren

Wie der Kiew Independent aktuell berichtet, habe der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte gemeldet, Moskaus Truppen hätten im Verlauf eines Tages 2.030 Kräfte verloren. „Dies übertrifft den bisherigen Rekord von 1.950, der am 12. November aufgestellt wurde. Die Gesamtzahl beträgt 738.660“, schreibt der Kiew Independent aufgrund der von der Ukraine gemeldeten Zahlen.

„Nicht politische Ideologien, sondern Kleingruppenerfahrungen sind entscheidend für die Kampfkraft von Soldaten, ihre Tötungsbereitschaft wie ihre Durchhaltefähigkeit. Neben dem Vertrauen in die Kompetenz der Offiziere ist es vor allem die Erfahrung von Kameradschaft, die eine Truppe zusammenhält und sie auch dann noch weiterkämpfen lässt, wenn die politisch-militärische Lage aussichtslos geworden ist.“

Herfried Münkler, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Laut dem Telegraph bestünde inzwischen für Strafgefangene, die dort um ihre Freiheit kämpfen, die Verpflichtung, dass sie bis zum Kriegsende dienen müssten. Der Kreml steht vor der Herkulesaufgabe, seine kräftezehrenden Angriffe durch frische Soldaten aufzufüllen. „Russland beginnt eigentlich erst hinter dem Ural – in Städten, deren Namen Sie vermutlich noch nie gehört haben, mit Straßen, die bis heute nicht asphaltiert sind“, sagt Markus Reisner. Der Oberst des österreichischen Bundesheeres hatte jüngst im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Lagebeurteilung abgeben; die fiel desaströs aus.

„Dort sind 50.000 Euro mit einer Bonuszahlung von bis zu 16.000 Euro viel Geld – das Fünffache vom Durchschnittseinkommen. Und der Buryate als eine von 160 Ethnien in Russland weiß nicht, was ihn an der Front erwartet. Und wenn er dann dort ist, dann ist es zu spät. Und wenn der sich umdreht, dann steht dort wie vor 80 Jahren ein Kommissar und zeigt ihm den Weg an die Front.“ Reisner zufolge schiebe der Russe nach – bis zu 30.000 Mann pro Monat. „Die schaffen das; auch nicht unbegrenzt, aber vielleicht ein bisschen länger als die Ukraine.“

Ukraine-Krieg als Falle für Arbeitsuchende: genötigt gefühlt, als Vertragssoldat anzuheuern

Russland rekrutiere Bürger aus Entwicklungsländern für den Krieg gegen die Ukraine und biete dabei mehr als nur gute Bezahlung, hatte im August die Deutsche Welle berichtet. Nordkoreanische Truppen sind offenbar nur eine Quelle, aus denen Wladimir Putin ausheben lässt, um die eigene Bevölkerung von den menschlichen Kosten seines völkerrechtswidrigen Feldzugs freizuhalten. Was Markus Reisner über Russlands eigene Ethnien berichtet, gilt laut DW-Autorin Hanna Sokolova-Stekh wohl auch für Bedürftige aus anderen unterentwickelten Regionen: Sie werden belogen, was ihr künftiges Schicksal betrifft; ihnen wird eine Perspektive vorgegaukelt.

„Als ein 21-jähriger Mann aus Walasmulla in Sri Lanka einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnete, um der russischen Armee beizutreten, rechnete er nicht damit, an die Front in die Ukraine geschickt zu werden“, schreibt Sokoliva-Stekh. Ein Bekannter hatte ihn in die Streitkräfte gelockt, mit der Aussicht auf Erteilung der russischen Staatsbürgerschaft – er sollte aber eher als Helfer eingesetzt werden anstatt als Frontkämpfer, wie der Betroffene der Deutschen Welle berichtet habe.

Er habe sich nach eigenen Angaben schließlich genötigt gefühlt, als Vertragssoldat anzuheuern. Allerdings erhielt er ein Handgeld von umgerechnet 1.800 Euro sowie das Versprechen eines Gehalts von umgerechnet 2.100 Euro monatlich. Die wirtschaftliche Misere in seinem Heimatland hatte ihn vorher zur Beantragung eines Arbeitsvisums für Russland verführt. Über verschiedene berufliche Stationen und der Illegalität in Russland nach Ablauf seines Arbeitsvisums sei er dann in die Armee eingetreten und doch an die Front gekommen; für eine Weigerung seien im 15 Jahre Haft angedroht worden.

Russlands Armee der Ahnungslosen: Bürger aus Nepal, Indien, Kirgisistan, Tadschikistan – und dem Jemen

Er fügte hinzu, dass sich in seiner Einheit auch Bürger aus Nepal, Indien, Kirgisistan und Tadschikistan befänden. Der Mann sagte, er sei nur einmal für fünf Tage an die Front geschickt worden, wo er verwundet und gefangen genommen wurde und danach seine Geschichte offenbarte. Ihn hatte getrieben, was auch einen anderen Befragten der Deutschen Welle in die russische Armee hat eintreten lassen – ein 35-jähriger Nepalese, der gegenüber der DW geäußert hatte, „er sei sehr, sehr arm‘“. Als monatlichen Verdienst hatte der vormalige Taxifahrer umgerechnet 358 Euro monatlich angegeben – davon habe er seine Frau, zwei Kinder und seine Eltern durchbringen müssen.

Freunde in Indien sollen ihm gesagt haben, in der russischen Armee könne er sein Glück machen; auch er unterschrieb einen Ein-Jahres-Vertrag, auch er war aus diesem Vertrag nicht mehr herausgekommen, auch er wurde verwundet und gefangengenommen.

Das Investigativ-Portal Meduza berichtet jetzt von dem Recherche-Ergebnis vom BBC Russian Service und dem Sender Mediazona, nach dem die Identitäten von 80.973 russischen Kämpfern bestätigt seien, die seit dem Einmarsch im Februar 2022 in der Ukraine gefallen sind – mehr als die Hälfte dieser Opfer – 52 Prozent – hätten vor der Invasion „keinerlei Verbindung zum russischen Militär“ gehabt, wie Meduza berichtet. „In dem aktualisierten Bericht stellten sie fest, dass der ,rasante Anstieg der Verluste‘ unter freiwilligen Militärangehörigen anhält“, wie Meduza schreibt. Offenbar zieht Wladimir Putin seine Kreise jetzt auch weiter – die Financial Times (FT) berichtet, dass Russland inzwischen ebenfalls im Jemen Freiwillige rekrutiere.

Als Russlands Götzen gelten die Toten: „Die Verluste sind Teil eines heroischen Opferethos“

Das scheine bereits im Juli begonnen zu haben, schreiben die FT-Autoren Charles Clover, Andrew England und Christopher Miller. Ein der FT vorliegender Anwerbungsvertrag sei vom 3. Juli datiert und vom Leiter eines Auswahlzentrums für Zeitsoldaten in der Stadt Nischni Nowgorod gegengezeichnet. „Jemenitische Rekruten, die nach Russland reisten, sagten der Financial Times, man habe ihnen gut bezahlte Jobs und sogar die russische Staatsbürgerschaft versprochen. Als sie mithilfe eines mit den Huthi verbundenen Unternehmens eintrafen, wurden sie zwangsweise in die russische Armee eingezogen und an die Front in der Ukraine geschickt“, schreibt das Blatt.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Was im Krieg trotz aller Technisierung zählt, ist die Wertschätzung des Individuums, die die russische Militärdoktrin komplett ignoriert; wie das auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in seiner Rezension des Buchs „Soldaten“ des Militärhistorikers Sönke Neitzel zusammenfasst: „Nicht politische Ideologien, sondern Kleingruppenerfahrungen sind entscheidend für die Kampfkraft von Soldaten, ihre Tötungsbereitschaft wie ihre Durchhaltefähigkeit. Neben dem Vertrauen in die Kompetenz der Offiziere ist es vor allem die Erfahrung von Kameradschaft, die eine Truppe zusammenhält und sie auch dann noch weiterkämpfen lässt, wenn die politisch-militärische Lage aussichtslos geworden ist.“

Der gewaltsame Tod scheint Teil der russischen Seele zu sein, wie Andrei Kolesniko dem britischen Guardian gegenüber geäußert hat. Möglicherweise weil die Russen sonst wenig haben, wie der Moskauer Politikanalyst nahelegt: „Die Verluste sind Teil eines heroischen Opferethos, das der Gesellschaft aufgezwungen wird und für viele zu einer Quelle des Stolzes geworden ist.“

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