Vertrauen in Regierung sinkt

Zweifel am Krieg: Israels Reserve wird kritisch

  • schließen

Die endlosen Kämpfe in Gaza und im Libanon führen inzwischen zu Dienstverweigerungen. Es ist die Konsequenz aus dem wachsenden Misstrauen gegenüber dem Krieg.

Die Stiefel sind längst verschwunden. Amit hatte sie auf den Balkon seiner Erdgeschosswohnung gestellt, zum Auslüften, und dann dort vergessen. Jetzt sind sie weg, wahrscheinlich konnten die Nachbarn, Arbeitsmigranten aus Thailand, sie für ihre Arbeit gut gebrauchen: Erntearbeit statt bewaffneter Kampf. Amit findet das gut.

Eigentlich sollte der 26-Jährige jetzt mit seiner Einheit an der Front sein. Stattdessen besucht Amit an der Jerusalemer Uni Vorlesungen. Er hat genug vom Kampf. Er ist nicht der Einzige.

Kritischer Blick auf Israels Kriegstaktik: „Rache üben und Gaza zerstören“

Mehrere Berichte, die sich auf Armeequellen stützen, stimmen darin überein, dass die Bereitschaftsquote der Reservist:innen nur noch bei 75 Prozent liegt. Das heißt: Auf ein Viertel ihrer erfahrenen Leute kann die Armee derzeit nicht zugreifen. Das ist bemerkenswert: Zu Beginn des Kriegs erreichte die Mobilisierungsquote 150 Prozent. Leute, die zu alt waren, um noch mal einberufen zu werden, meldeten sich freiwillig. Manche wurden nur wieder weggeschickt, weil es keine Ausrüstung für sie gab. Zu viele Kampfwillige, zu wenig Kampfgerät.

Es war kurz nach den Massakern durch die Hamas am 7. Oktober, und alle waren überzeugt, dass dieser Krieg einer gerechten Sache diene: dem Schutz der Zivilbevölkerung in Israel. Der Befreiung der Geiseln. Manche, so auch Amit, glaubten sogar, dass mit dem Sieg über die Hamas vielleicht auch die palästinensische Bevölkerung in Gaza Freiheit erlangen könnte – und dazu wollte er etwas beitragen.

Ein Reservist verabschiedet sich von seiner Frau vor einem Einsatz in Gaza. Der Krieg wird sie alle verändern.

Seither sind mehr als 400 Tage vergangen. „Dieser Krieg hat längst eine Richtung eingeschlagen, die ich nicht mehr mittragen kann“, sagt Amit. Für ihn begann die Wende Anfang Dezember 2023, also vor einem knappen Jahr. Ihm wurde damals klar, dass es neben den offiziellen Kriegszielen – Bekämpfung der Hamas, Rückholung der Geiseln – ein inoffizielles Ziel gab: „Rache üben und Gaza zerstören.“ Viele seiner Kameraden hätten so gefühlt. „Viele tun es noch heute.“ Das Gefühl, dass diese Regierung kein Interesse an der Befreiung der Geiseln hat, war ein weiterer Grund.

Mitten im Krieg: Vertrauen in Israels Regierung sinkt – vor allem wegen Netanjahu

Die jüngsten Ereignisse in Israels Innenpolitik geben vielen Angehörigen der Reserve den Rest. Dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mitten im Krieg den erfahrenen Verteidigungsminister Joav Gallant durch den loyalen Parteigänger Israel Katz ersetzte, könnte noch mehr Dienstverweigerungen nach sich ziehen, glaubt Ex-Brigadier Ephraim Sneh.

Dann ist da der jüngste Skandal rund um Netanjahus Büro, das Protokolle gefälscht und Militärgeheimnisse geleakt haben soll, um die öffentliche Meinung mitten im Krieg zu manipulieren. Die „Bibileaks“ erschütterten das eh schon fragile Vertrauen in die politische Führung noch zusehends, sagt Amit. „Du brauchst aber ein gewisses Vertrauen in die Regierung, um bereit zu sein, dein Leben zu riskieren.“ Und dann weiß auch niemand, was eigentlich die Exit-Strategie für diesen Krieg sein soll. Wie lange die Kämpfe in Gaza und im Libanon noch dauern sollen. An wen die Kontrolle über den Gazastreifen übergeben wird, sobald Israels Armee sich zurückzieht – wenn sie sich denn zurückzieht.

Kriegsgeschehen

Die Hisbollah hat nach israelischen Angaben am Wochenende rund 150 Raketen auf den Norden, das Zentrum des Landes und Tel Aviv abgefeuert. Mehrere Menschen wurden verletzt. Über Haifa und Westgaliläa gingen binnen Minuten fast 30 Geschosse nieder – teilweise konnten sie abgefangen werden. Am Samstag wurden bei israelischen Luftangriffen im Libanon mindestens 20 Menschen getötet.

Im Libanon kämpfen Israelis und Hisbollah weiter um den Ort Chiam. Die libanesische Armee, eigentlich unbeteiligt, beklagt nach einem Angriff auf einen ihrer Stützpunkte bei Tyrus einen Toten und mehrere Verletzte.

In Amman wurde ein Mann nahe der dortigen israelischen Botschaft von der Polizei erschossen, nachdem er das Feuer auf sie eröffnet hatte. Der Mann war nach einem ersten Schusswechsel in der jordanischen Hauptstadt geflüchtet, konnte aber dann gestellt werden. Drei Polizisten seien mit Verletzungen ins Krankenhaus gekommen. Der erschossene Mann habe mehrere Brandsätze bei sich gehabt und sei mit mehreren Haftbefehlen gesucht worden.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist ein als vermisst gemeldeter Rabbiner mit israelisch-moldawischer Staatsbürgerschaft tot aufgefunden worden. Die Ermordung Zvi Kogans sei ein „abscheulicher antisemitischer Terrorakt“, verlautbarte die israelische Regierung am Sonntag. Kogan lebte seit längerem in den Emiraten. afp/dpa

Die meisten Reservist:innen, die nun nicht mehr zum Dienst erscheinen, machen das nicht öffentlich. Jene 170 Männer, die einen offenen Brief unterzeichnet haben, in dem sie ihre Gründe für die Dienstverweigerung darlegen, sind eine Minderheit. Sie sind aber auch der Gradmesser für einen Stimmungswandel, der sich im Lauf des Jahres unter vielen Reservist:innen vollzogen hat.

Einen ähnlichen Protestbrief aus der Reserve hatte es schon im April gegeben. Damals hatten nur 42 Reservisten unterschrieben. Den aktuellen Brief könnten bald schon 200 unterzeichnet haben. Und auf jeden, der sich zur Dienstverweigerung bekennt, kommen einige mehr, die ihren Rückzug im Verdeckten antreten, sagt Amit. Sie geben gesundheitliche Gründe an, lassen sich eine Erschöpfungsdepression diagnostizieren – was in vielen Fällen wohl auch nicht gelogen ist.

Israel-Reservesoldat wünscht sich mehr Kriegsverweigerer: „Dann würde sich vielleicht etwas ändern“

Grundsätzlich sind Männer bis zum Alter von 45 Jahren zum Reservedienst verpflichtet, wenn sie keine triftigen Gründe dagegen anführen können. Für jeden Tag, den sie unentschuldigt dem Dienst fernbleiben, können sie im Militärgefängnis festgehalten werden. Schwerer noch gilt die soziale Ächtung. Zu Hause zu bleiben, während andere an der Front ihr Leben riskieren, das kommt in Israel Verrat gleich.

Amit hat zwei Monate lang als Reservesoldat gedient. Wo genau, will er nicht sagen. Auch seinen richtigen Namen will er lieber nicht veröffentlicht sehen. Damit hat Michael Ofer-Ziv, ein 29-jähriger Hightech-Angestellter aus Tel Aviv, kein Problem. „Ich wünschte, es würden sich mehr Leute trauen, ehrlich zu sagen, warum sie den Dienst verweigern“, sagt er. „Dann würde sich vielleicht etwas ändern.“ Einige seiner Bekannten hatten an seiner Offenheit keine große Freude. „Sie haben mir Textnachrichten geschrieben, dass ich den Tod verdiene.“ Michael lacht darüber, aber man hört ihm an, dass es ihn nicht unberührt lässt.

Schließlich war auch er anfangs überzeugt, dass sein Engagement im Krieg sinnvoll sei. Es war Mitte Dezember 2023, als eine Nachricht aus Gaza ihn erstmals zweifeln ließ. Yotam Haim, Alon Shamriz und Samer Talalka, drei israelische Geiseln, die es selbst geschafft hatten, sich zu befreien, waren von israelischen Scharfschützen getötet worden. Sie hatten weiße Tücher geschwenkt und auf Hebräisch um Hilfe gerufen – umsonst. Die drei jungen Männer „wurden zur Verkörperung eines Gefühls, dass das Vorgehen unserer Armee den Geiseln nicht hilft, sondern ihnen sogar schadet“, sagt Michael.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Krieg in Gaza: Reservesoldat warnt vor fehlender Empathie israelischer Soldaten

Was er selbst im Reservedienst erlebte, trug eher nicht dazu bei, sein Vertrauen in die Armee zu stärken. Als Soldat, der ein gewisses Maß an Empathie für die Not des palästinensischen Volkes aufbringt, war er in seiner Einheit Teil einer winzigen Minderheit, sagt Michael. In der Minderheit waren aber auch die rechten Extremisten, die Gaza am liebsten wieder besetzen würden. „Die Mehrheit, das waren einfach Leute, die sich einig sind, dass man keine Unbeteiligten töten soll.“ Wer als unbeteiligt gilt, war eine Frage, die dann durchaus unterschiedlich beantwortet wurde.

Michael wurde in einem Stab eingesetzt, Angriffe auf Ziele in Gaza wurden von dort aus gesteuert. Was er da von anderen hörte, befremdete ihn. „Es gibt keine Unschuldigen in Gaza“, sagte ein Kamerad. „Die Kinder, die wir (im Gaza-Krieg) 2014 verschont haben, sind die Terroristen von heute“, meinte ein anderer. Man müsse nur eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, dass solche Soldaten eher wenig Skrupel haben, wenn es um Zivilpersonen geht, meint Michael. Die Aussagen in dem Stab, das Wissen um „die humanitäre Krise, die wir in Gaza geschaffen haben“ – alles zusammen war irgendwann zu viel. „Lieber sitze ich im Gefängnis, als auch nur einen Tag länger zu dienen.“

Rubriklistenbild: © Jim Hollander/imago

Kommentare