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Satellitenbildern zufolge bereitet Israel dafür eine Evakuierung im südlichen Gazastreifen vor. Die Umsiedlung der Hunderttausenden Binnenflüchtlinge könnte jedoch Wochen dauern.
Rafah – Als Benjamin Netanjahu in einer öffentlichen Ansprache kurz vor dem Pessachfest verkündete, Israel werde bald seinen militärischen Druck auf die Hamas erhöhen, schenkte dem kaum jemand Glauben. Der israelische Ministerpräsident hatte es schlicht schon zu oft versprochen. Auf Gazas Boden geschah dann das Gegenteil. Derzeit sind nur wenige Tausend Bodentruppen vor Ort. Von einer baldigen Invasion in der südlichen Stadt Rafah, die laut Einschätzungen der israelischen Armee die letzte Bastion der Hamas ist, ist derzeit wenig zu bemerken.
Nun gibt es aber objektive Hinweise, dass die umstrittene Bodenoffensive in Rafah tatsächlich in absehbarer Zeit starten könnte. Satellitenaufnahmen aus dem Süden des Gazastreifens, die von der Nachrichtenagentur AP veröffentlicht wurden, belegen den Aufbau einer größeren Zeltstadt westlich der Stadt Khan Junis. Die Gegend um Khan Junis wurde von Israels Armee als Zielgebiet für die Umsiedlung der mehr als eine Million Binnenvertriebenen, die derzeit in eng gedrängten Verhältnissen in Rafah leben, ausgewählt.
Netanjahu kündigt Start der Rafah-Offensive an: Umsiedlung der Binnenflüchtlinge könnte Wochen dauern
Davon, dass die Offensive schon „in den kommenden Tagen“ starten könnte, wie Netanjahu angedeutet hatte, kann aber keine Rede sein. Die Umsiedlung der rund 1,3 Millionen Binnenflüchtlinge aus Rafah ist ein komplexes Unterfangen. Laut Fachleuten in Israel würde dies mindestens drei Wochen, vermutlich aber zwischen fünf und sechs Wochen in Anspruch nehmen.
Auch die für die Versorgung der Binnenflüchtlinge erforderliche Infrastruktur, beispielsweise Lebensmittel-Ausgabezentren und mobile Kliniken, muss erst aufgebaut werden. Da daran diverse Partner beteiligt sind – von kleineren Hilfsorganisationen über UN-Agenturen bis hin zu den beteiligten Hilfsgeber-Staaten –, gestaltet sich die Koordination dieser Evakuierung einigermaßen komplex.
Unklar ist, welche weiteren Gebiete für die Unterbringung der Flüchtlinge bestimmt wurden. Die Zeltstädte bei Khan Junis bieten nur für einen Teil der hilfesuchenden Menschen Platz. Israels Armee ist entschlossen, die Menschen von der Rückkehr in die nördlichen Gebiete des Gazastreifens abzuhalten.
Die USA warnen Israel wiederholt vor einer Rafah-Offensive und versagt Unterstützung
Die Welt sieht jedenfalls sehr genau hin, allen voran Israels wichtigster Verbündeter, die USA. „Wir können eine größere Militäroperation in Rafah nicht unterstützen“, sagte Außenminister Antony Blinken am vergangenen Freitag erneut. Eine solche Operation „hätte schreckliche Folgen“ für die dort ansässige Bevölkerung. Die USA haben Israel wiederholt aufgerufen, in Rafah mit anderen Mitteln vorzugehen – etwa mit gezielten Luftschlägen.
Israel wiederum bezeichnete die Rafah-Invasion als alternativlos, um die letzten vier von 24 Hamas-Bataillonen zu schlagen. Dafür werde man rund sechs Wochen ununterbrochener Kämpfe benötigen. Israels Regierung hat aber zugesagt, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Binnenvertriebenen an anderen Orten unterzubringen und sie dort ausreichend zu versorgen.
Kritik an Netanjahus Plan: Großteil der Hilfslieferungen kommt über Rafah nach Gaza
Kritik an der Rafah-Invasion gibt es aber nicht nur wegen der nötigen Evakuierung. Der Großteil der Hilfslieferungen, die in den Gazastreifen kommen, erreichen das Gebiet über Rafah. Hilfsorganisationen befürchten, dass es zu akuten Blockaden dieser Lieferungen kommen könnte.
Ein neuer schwimmender Hafen, der im Auftrag der USA gebaut werden soll, könnte zwar das Nadelöhr in Rafah entlasten. Die Inbetriebnahme dieses Piers wird laut US-amerikanischen Angaben aber nicht vor Juni möglich sein.
Israels Armee meldet im Norden des Gazastreifens Guerilla-Kämpfe mit Hamas
Nicht zuletzt muss die Armee vor der Rafah-Offensive den Truppenbestand im Gazastreifen wieder aufstocken, einerseits für die Gefechte in Rafah selbst, aber auch für die Absicherung der von Israel errichteten Abgrenzung zwischen dem südlichen und dem nördlichen Teil Gazas.
Im Norden hatte Israels Armee die Hamas bereits für militärisch besiegt erklärt. In den vergangenen Tagen gab es dort jedoch wieder intensive Kämpfe – vor allem in unmittelbarer Grenznähe zu Israel, in Beit Hanun und Beit Lahia, aber auch in Teilen von Gaza-Stadt. Laut israelischen Angaben sollen sich mehrere Tausend Hamas-Kämpfer im Norden zu kleinen Einheiten zusammengeschlossen haben, die sich mit Israels Armee eine Art Guerillakrieg liefern. (Maria Sterkl)
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