Wikileaks

Ist Australien Assanges Ausweg?

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Julian Assange im Frühjahr 2017 in London.

Canberra will den Netzaktivisten Julian Assange aufnehmen. Das FBI ermittelt wieder gegen ihn in London.

Wie ernst ist es den USA mit der Strafverfolgung von Julian Assange? Die Frage ist durchaus aktuell, angesichts dessen, dass ein einstiger Kooperationspartner des Wikileaks-Gründers von der US-Justiz um eine Zeugenaussage gebeten wurde – sechs Jahre, nachdem die damalige Trump-Administration den Ermittlungen neuen Antrieb gab.

In den vergangenen Wochen hat Assanges Frau Stella in der australischen Heimat ihres Mannes verstärkt für dessen Freilassung aus der nun mehr als vier Jahre dauernden Haft in Großbritannien geworben. „Genug ist genug“, glaubt auch Canberras Premier Anthony Albanese.

Der Fall Assange

Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. In London wird der High Court am 20. und 21. Februar nach einer Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA entscheiden.

Die Frankfurter Rundschau begleitet die Tage vor der Anhörung von Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.

Bisher erschienen:
- Julian Assange im Porträt: Ein Mann, viele Gesichter
- Die USA und der Fall Assange: Die dunkle Seite der Macht
- Analyse: Was bleibt von Wikileaks?
- Rückblickender Essay: Für Julian Assange geht es jetzt um alles

Der Labour-Regierungschef hat sich bereits persönlich bei US-Präsident Joe Biden für den angeblich suizidgefährdeten Assange eingesetzt. Beim jüngsten Besuch des britischen Premierministers Rishi Sunak in Washington stand der 51-Jährige dem Vernehmen nach nicht auf der Agenda. Ukraine-Krieg, der Indopazifik, Brexit-Folgen in Nordirland, die britischen Dauerkrisen ... Freiheit für einen Netzaktivisten, der in seiner aktiven Zeit fast ausschließlich gegen den Westen operierte, scheint aus US-amerikanischer Sicht keine Priorität gehabt zu haben.

So jedenfalls sieht es der bekannte schottische Romancier Andrew O’Hagan, bei dem sich kürzlich das FBI meldete. Kurioserweise wollten sich die US-Ermittler:innen mit dem Autor über dessen Zusammenarbeit mit Assange vor mehr als einem Jahrzehnt unterhalten. O’Hagan lehnte brüsk ab. „Eine Zeugenaussage gegen einen Kollegen, der dafür verfolgt wird, dass er die Wahrheit veröffentlicht hat, kommt nicht infrage. Lieber gehe ich ins Gefängnis“, erläuterte der Autor seine Entscheidung dem „Sydney Morning Herald“.

Die Haltung ist nicht selbstverständlich, schließlich machte O’Hagan mit Assange die gleiche Erfahrung wie frühere Helfermedien von Wikileaks, etwa der britische „Guardian“ und die „New York Times“: Die ursprünglich gute Zusammenarbeit endete rasch in einem Zerwürfnis. Statt als Ghostwriter für Assanges Autobiografie zu fungieren, schrieb O’Hagan 2011 eine nicht autorisierte Lebensgeschichte des Wikileaks-Gründers. Und so wird er in Pressemitteilungen der Assange-Gemeinde nur spitz als anonymer „in London lebender Schreiber“ tituliert.

Seit 2010 beschäftigt der heute 51-Jährige die britische Justiz, zunächst, als Schweden seine Auslieferung wegen angeblicher Sexualdelikte forderte. Später wollten die USA ihn ausgeliefert haben: In Übersee warteten Prozesse wegen Computer-Hacking und Spionage auf ihn. Freiheit muss inzwischen ein Fremdwort für Assange sein: Bevor er 2019 in ein britisches Gefängnis kam, überstand er zwei Jahre Hausarrest sowie sieben Jahre Asyl in der Londoner Botschaft Ecuadors. Derzeit sind Einsprüche gegen seine Auslieferung vorm Londoner High Court sowie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg anhängig. mit FR

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