WikiLeaks

Julian Assange: Ein Mann, viele Gesichter

+
Assange 2010 in Schweden. Bei seinen Enthüllungen ging es ihm stets um die größtmögliche Wirkung.

Für die einen ist er ein anarchistischer Freigeist, für die anderen ein verantwortungsloser Narzisst – mit Sicherheit aber ist Julian Assange das Opfer einer Rufmordkampagne. Ein Porträt von Michael Sonstheimer.

Es war eine fröhliche Runde an jenem Samstagabend im Dezember 2016, in der ecuadorianischen Botschaft in London. In einem kleinen stickigen Raum, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen, saßen zwei Hacker vom Chaos Computer Club aus Berlin, die Theaterregisseurin Angela Richter, die Londoner Juristin Stella Morris und Julian Assange zusammen. Der Gründer von WikiLeaks war nicht nur wegen seiner kräftigen Stimme und Statur die bestimmende Figur der Runde. Gute 1,90 Meter groß, sehr selbstsicher, stellte Julian die Fragen, wollte von seinen Freunden wissen, was draußen so los sei. Es wurde unbekümmert gescherzt und gelacht. Niemand wusste, was dem damals 45 Jahre alten Australier mit seinen früh ergrauten Haaren noch bevorstehen würde.

Der Fall Assange

Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. Am Londoner High Court fand am 20. und 21. Februar eine Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA statt. Diese ist zunächst ohne Entscheidung zu Ende gegangen. Assange drohen bei einer Auslieferung bis zu 175 Jahre Haft.

Die Frankfurter Rundschau begleitet den Fall Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.

Um der Verhaftung durch Scotland Yard und einer drohenden Auslieferung nach Schweden und dann in die USA zu entgehen, hatte sich Assange im Sommer 2012 in die ecuadorianische Botschaft geflüchtet und die Regierung des südamerikanischen Landes um politisches Asyl gebeten. Diese hatte ihm Asyl gewährt. Der Hacker, der 2006 die Enthüllungsplattform WikiLeaks begründet hatte, konnte die Botschaft allerdings nicht verlassen, wollte er nicht von britischen Polizisten, die unmittelbar vor der diplomatischen Vertretung Posten bezogen hatten, festgenommen werden.

Ich hatte sechs Jahre zuvor die ersten Kontakte zwischen WikiLeaks und dem „Spiegel“ geknüpft, dessen Redaktion ich angehörte. Daniel Schmitt, so das Pseudonym, unter dem Daniel Domscheit-Berg als Sprecher von WikiLeaks auftrat, hatte mit dem „Stern“ schlechte Erfahrungen gemacht und wollte herausfinden, ob der „Spiegel“ der bessere deutsche Medienpartner für die Enthüllungsplattform wäre. Zusammen mit der „New York Times“ und dem Londoner „Guardian“ wertete das Hamburger Nachrichten-Magazin dann im Jahr 2010 Hunderttausende vertrauliche Dokumente der US-Army und der US-Regierung aus. Ein enormer Scoop für die beteiligten Medien.

Die Kolleg:innen vom „Guardian“ hatten zunächst opponiert („Wozu brauchen wir die Deutschen?“), doch Assange hatte den Congress des Chaos Computer Clubs in Berlin besucht und sich mit deutschen Hackern angefreundet. Außerdem ging es ihm bei Enthüllungen stets um „impact maximisation“, um eine größtmögliche Verbreitung und Wirkung der von WikiLeaks und seinen Medienpartnern publizierten Dokumente.

Als die von dem US-Army-Daten-Analysten Bradley (heute Chelsea) Manning heimlich bei WikiLeaks eingelieferten Dokumente veröffentlicht wurden, war die Wirkung enorm. Assange wurde innerhalb von Monaten zu einem weltweit bekannten Mann. Mithilfe der digitalen Dokumente ließen sich der US-Army Kriegsverbrechen im Irak und in Afghanistan nachweisen.

Julian Assange wusste, auf was er sich einließ, als er derart brisante US-Dokumente veröffentlichte

Rechte US-Journalisten und Politiker forderten daraufhin die Todesstrafe für Assange oder gar seine extralegale Tötung. Besonders unangenehm war die Veröffentlichung von mehr als 250 000 E-Mails des von Hillary Clinton geführten US-Außenministeriums, aus denen immer wieder die imperiale Arroganz und Ignoranz der Diplomat:innen der Führungsmacht des Freien Westens sprach.

FR-Texte zum Fall Assange (Auswahl)

- Julian Assange im Porträt: Ein Mann, viele Gesichter
- Kommentar: Der Fall Assange ist ein Feldzug gegen die Pressefreiheit
- Essay: Kunst, Protest und der Fall Julian Assange
- Die USA und der Fall Assange: Die dunkle Seite der Macht
- Analyse: Was bleibt von Wikileaks?
- Rückblickender Essay: Für Julian Assange geht es jetzt um alles
- Unterstützung: Proteste vor dem Londoner Prachtpalast
- Politik: Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still

Interviews:
-Jeremy Corbyn: „Die Medien sind sehr enttäuschend“
-Martin Sonneborn: „Versuch, kritischen Journalismus mundtot zu machen“
-Stella Assange: „Die USA haben ein Mordkomplott geschmiedet“

Julian Assange wusste, auf was er sich einließ, als er derart brisante US-Dokumente veröffentlichte. Er war nicht so naiv zu glauben, dass die US-Regierung, ihre Geheimdienste und die US-Medien solche umfassenden Enthüllungen einfach hinnehmen würden. Meinen „Spiegel“-Kolleg:innen erklärte er schon in London, dass er in den USA eine Anklage wegen Spionage fürchtete und deshalb nicht mehr in die USA reisen werde. Eine weitsichtige Prognose, denn genauso kam es.

Nach den ersten großen Enthüllungen zogen sich eine Reihe von WikiLeaks-Beschäftigten zurück. Ihnen wurde das Spiel zu riskant, die persönlichen Konsequenzen zu heftig. Nicht so Julian. Er legte eine „Viel Feind, viel Ehr“-Attitüde an den Tag. So wie Kristin Hrafnsson, der isländische Sprecher und spätere Chefredakteur von WikiLeaks, der mir einmal auf die Frage, warum er sich die größte Militärmacht der Welt zum Gegner gemacht habe, antwortete: „I like difficult fights.“

Im Jahr 2013 kam es zum Bruch zwischen Assange und „New York Times“ und „Guardian“

Es hat seine Gründe, dass derart schwierige, riskante Kämpfe mit übermächtigen Gegnern nur von Menschen aufgenommen werden, die auch nicht gerade einfache Charaktere sind. Schon als Assange in der Botschaft im selbstgewählten Exil lebte, wurde ihm von Vertreter:innen der verschiedensten Medien nachgesagt, er sei paranoid. Er kommentierte das mit dem Bonmot: Selbst wenn ich paranoid wäre, heißt das ja nicht, dass sie nicht hinter mir her sind.

Im Jahr 2013 kam es zum Bruch der „New York Times“ und des „Guardian“ mit WikiLeaks. Die Journalist:innen der beiden Zeitungen warfen Assange vor, dass er die Depeschen des US-Außenministeriums unredigiert im Internet veröffentlicht habe. Die beiden einstigen Medienpartner beschrieben den Australier nun als verantwortungslosen Narzissten. Er wiederum kritisierte die Medienleute als konkurrenzgetriebene Karrierist:innen, denen es vor allem darum gehe, Journalistenpreise abzugreifen und nicht irgendetwas zum Besseren zu verändern. Der libertäre Anarchist Assange prägte Sätze wie: „Wenn Kriege mit Lügen begonnen werden, kann Frieden mit der Wahrheit begonnen werden.“

Das zunächst im globalen linken und liberalen Milieu sehr positive Image von Assange erlitt durch die Aktivitäten von schwedischen Staatsanwältinnen schweren Schaden. Sie ermittelten wegen eines „minderen Falles von Vergewaltigung“, nachdem er in Stockholm mit zwei Schwedinnen Sex gehabt hatte, die bei der Polizei nachgefragt hatten, ob er dazu gebracht werden könnte, einen Aids-Test zu machen. Die Ermittlungen zogen sich über neun Jahre hin.

Ich hingegen traf auf einen ausgesprochen interessanten und freundlichen Zeitgenossen

Jahre später zeigten dann britische Dokumente, dass Strafverfolger Ihrer Majestät ihre schwedischen Kolleginnen dazu gedrängt hatten, die Ermittlungen gegen Assange auf keinen Fall einzustellen. Die Rufmordkampagne funktionierte: Ein beträchtlicher Teil derer, die zunächst mit Assange und WikiLeaks sympathisierten, hielten den Australier nun für einen dubiosen, eitlen Charakter und Sexisten. Ein Journalist von Zeit Online etwa schrieb über ihn, er sei „verrückt“, obwohl er dem Australier noch nie begegnet war.

Als ich Assange nach dem geselligen Beisammensein in der Botschaft im Dezember 2016 mehrfach besuchte, um ihn für den „Spiegel“ zu interviewen, traf ich hingegen auf einen ausgesprochen interessanten und freundlichen Zeitgenossen. Er liebte es zu diskutieren, gerne auch kontrovers, vor allem über die digitale Revolution, den Datenkapitalismus und über die geopolitische Situation nach dem Ende des Kalten Krieges. Er war schlagfertig und neugierig. Und er war sehr höflich.

Die FR-Reihe

Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. In London wird der High Court am 20. und 21. Februar nach einer Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA entscheiden.

Die Frankfurter Rundschau begleitet die Tage vor der Anhörung von Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London.

Alle Texte finden Sie unter: fr.de/assange

Gleichzeitig war und ist er jemand, den man in England „control freak“ nennt. Wenn bei unseren Interviews Fotos von ihm gemacht wurden, ließ er sich anschließend die Kamera geben und löschte die Bilder, die ihm nicht gefielen. Bei der redaktionellen Arbeit von Wikileaks enervierte er notorisch seine Kolleginnen und Kollegen, indem er sich gerne in jede Kleinigkeit einmischte.

Assange hat auch Probleme damit, taktisch zu agieren und sich, wenn es mal klug wäre, zurückzuhalten, seine politischen Meinungen nicht offen auszusprechen. Diplomatie gehört nicht zu seinen Stärken. Nicht zuletzt weil die Mutter seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Stella Moris aus Katalonien stammt, sympathisierte er mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der zu Spanien gehörenden Region und setzte 2017 nahezu 80 Tweets zu diesem Thema ab. Nachdem ihn zwei katalanische Aktivisten in der Botschaft besucht hatten, setzte die spanische Regierung die ecuadorianische massiv unter Druck.

Der ecuadorianische Präsident erinnerte den Australier daran, dass er sich nicht in politische Angelegenheiten von mit Ecuador befreundeten Nationen einzumischen habe. Nachdem Assange weiterhin die spanische Politik kritisierte, kappte ihm Ecuador im Frühjahr 2018 den Internetzugang in der Londoner Botschaft. Es war dies der Beginn seiner schrittweisen Isolierung. Nicht viel später wurde ihm untersagt, Besuch zu empfangen.

Trump ließ dem CIA-Chef freie Hand, Assange wie einen Terroristen zu verfolgen

Assange bekam gesundheitliche Probleme – mit einer Schulter, Zahnschmerzen. Zwar konnte er in der Botschaft ärztlich untersucht und behandelt werden, doch die Konsultationen wurden von einer spanischen Sicherheitsfirma aufgezeichnet. Die UC Global aus Cadiz war vom ecuadorianischen Geheimdienst angeheuert worden, verkaufte aber die Daten insgeheim in die USA an die Firma eines Großspenders von Donald Trump weiter, hinter der höchstwahrscheinlich die CIA stand.

Trump hatte zwar nach WikiLeaks-Veröffentlichungen über Hillary Clinton im Wahlkampf erklärt „I love WikiLeaks“, doch sobald er Präsident war, ließ er seinem Justizminister, einem Ex-CIA-Mitarbeiter, und dem CIA-Chef und späteren Außenminister Mike Pompeo freie Hand, Assange wie einen Terroristen zu verfolgen. Während die Obama-Regierung aus Sorge um die Pressefreiheit noch vor einer Anklage zurückgescheut war, legte die CIA jetzt los und stellte Überlegungen an, Assange aus der ecuadorianischen Botschaft zu kidnappen oder ihn zu vergiften.

Am Ende stand eine Anklage auf der Grundlage des Spionagegesetzes von 1917, dessen addierte Höchststrafe sich auf 175 Jahre Haft beläuft und bis heute die Grundlage des Auslieferungsersuchens der US-Regierung an die britische Regierung darstellt. Veröffentlicht wurde der erste Teil der Anklage kurz nachdem Assange im April 2019 in der ecuadorianischen Botschaft in London von Scotland-Yard-Beamten verhaftet worden war. Die ecuadorianische Regierung hatte dem jahrelangen Druck der US-Regierung nachgegeben und ihr politisches Asyl widerrufen.

Assange landete im Hochsicherheitsgefängnis Ihrer Majestät Belmarsh im Südosten Londons

Julian Assange, der wie viele Hacker zumindest eine leichte Asperger-Veranlagung hat, verfiel in Depressionen. Nachdem er schon sechseinhalb Jahre in den ecuadorianischen Botschaft die Sonne nicht mehr gesehen hatte, landete er jetzt im Hochsicherheitsgefängnis Ihrer Majestät Belmarsh im Südosten Londons.

Als Nils Melzer, der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Folter, ihn im Mai 2019 mit Ärzten im Gefängnis besuchen konnte, sprach er anschließend von den Folgen psychologischer Folter und der akuten Gefahr, dass Assange Suizid begehen könnte. So sah es auch die Richterin des Westminster-Bezirksgerichts, die im Januar 2021 entschied, dass der Australier nicht an die USA ausgeliefert werden dürfe, weil in einem US-Hochsicherheitsgefängnis akute Suizidgefahr bestünde.

Natürlich gingen die Anwälte der US-Regierung in Berufung und der High Court entschied Ende 2021 gegen Assange. Seitdem hat der WikiLeaks-Gründer durch alle Instanzen verloren und es scheint so, als ob die britischen Richter:innen die US-Regierung auf keinen Fall brüskieren wollen.

Assange gehe es den Umständen entsprechend, sagt seine Frau Stella

Julian Assange hat – die Hoffnung stirbt zuletzt – eine relativ optimistische Einschätzung seiner Situation. Er kann es sich nicht vorstellen, dass die Führungsmacht des Freien Westens, die beständig Länder wie China oder Russland der Verletzung der Medienfreiheit anklagt, ihre heuchlerischen Doppelstandards aufrecht erhalten will. Auch die Regierung seines Heimatlandes Australien, stets ein treuer Alliierter und Waffenbruder der USA, hat wiederholt öffentlich erklärt „enough is enough“ und die Freilassung des australischen Staatsbürgers Assange gefordert. Im Gegensatz zur deutschen Außenministerin Annalena Baerbock, die, wenn es um Assange geht, opportunistisch kuscht.

Assange gehe es den Umständen entsprechend, sagt seine Frau Stella. Er habe zwar nach über vier Jahren im Hochsicherheitsgefängnis noch immer keinen Computer, könne jedoch ziemlich unbegrenzt aus dem Gefängnis mit ihr und seinen zahlreichen Anwält:innen telefonieren. Aber so eine fröhliche Runde wie die im Dezember 2016 in der ecuadorianischen Botschaft, diesmal in Freiheit, ohne Überwachung, wäre doch etwas ganz anderes. Und sie wäre überfällig.

Michael Sontheimer ist Journalist und Historiker. Er war Mitbegründer der „Taz“, arbeitete später für „Zeit“ und „Spiegel“ und ist Mitbegründer der Schriftstellervereinigung PEN Berlin.

Der Autor lernte ihn als schlagfertig, neugierig und höflich kennen.

Kommentare