USA vs. Julian Assange

Was bleibt von Wikileaks?

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Die Zielkamera-Optik beim Massaker in Bagdad, Wikileaks zugespielt von Chelsea Manning 2010 (mit Funkverkehr als Untertitel).
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Die Plattform von Julian Assange hat wohl ausgedient, obwohl es nicht an Vorgängen fehlt.

Wikileaks 2024. 2024? Da ist ja gar nichts mehr. Die letzte Aktivität auf der Seite war 2021. Laut dem Netz-Leitmedium „Daily Dot“ waren von den vormals zehn Millionen Dateien im November 2022 nur noch 3000 übrig. Die jüngste Enthüllungsdatei ist von einem Jahr zuvor, die letzte News ebenfalls. Bei den Leaks fällt bestenfalls noch das einzige Dokument aus Russland auf, das changierend zwischen Techjargon und Businessgelaber ein wahrscheinlich längst überholtes Produkt anpreist. Was für die Digitalarchäologie. Das war’s.

Der Fall Assange

Die US-Anklagen gegen Julian Assange wegen Spionage und Verschwörung bedrohen seine persönliche Integrität – und die Pressefreiheit. Am Londoner High Court fand am 20. und 21. Februar eine Anhörung über die Auslieferung von Assange in die USA statt. Diese ist zunächst ohne Entscheidung zu Ende gegangen. Assange drohen bei einer Auslieferung bis zu 175 Jahre Haft.

Die Frankfurter Rundschau begleitet den Fall Julian Assange mit Analysen, Kommentaren und Interviews. Sie beleuchten Hintergründe und geben einen Ausblick auf die Ereignisse in London. Die Texte bündeln wir in unserem Online-Dossier zu Assange.

Wikileaks 2024 ist wie die schalen Überreste einer Party, die alle fluchtartig verlassen haben. Und zwar nicht erst jetzt gerade. Es scheint alles noch so da, wie es stehengelassen wurde, aber man wird das Gefühl nicht los, dass da auch niemand mehr vorbeischaut. Oder fast niemand. Fachmagazine wie „Gizmodo“ und „Wired“ haben sich einige Zeit lang immer wieder reingeklickt, aber nur, um dann auf unauffindbare Seiten („Error 404“) oder tote Links zu treffen.

Dann und wann scheint das wieder zu funktionieren … und dann wieder nicht. Als würde ein genervter Hausmeister ab und an das Licht im Partykeller ausschalten, woraufhin irgendeine sehr trübe Alkoholleiche sich hochstemmt und ein Licht wieder anknipst. Um dann zurück in narkotische Träume von der eigenen Wirkmächtigkeit zu sinken.

FR-Texte zum Fall Assange (Auswahl)

- Julian Assange im Porträt: Ein Mann, viele Gesichter
- Kommentar: Der Fall Assange ist ein Feldzug gegen die Pressefreiheit
- Essay: Kunst, Protest und der Fall Julian Assange
- Die USA und der Fall Assange: Die dunkle Seite der Macht
- Analyse: Was bleibt von Wikileaks?
- Rückblickender Essay: Für Julian Assange geht es jetzt um alles
- Unterstützung: Proteste vor dem Londoner Prachtpalast
- Politik: Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still

Interviews:
-Jeremy Corbyn: „Die Medien sind sehr enttäuschend“
-Martin Sonneborn: „Versuch, kritischen Journalismus mundtot zu machen“
-Stella Assange: „Die USA haben ein Mordkomplott geschmiedet“

Müsste Wikileaks nicht eigentlich Hochbetrieb haben, Volllast fahren? In dieser neuen weltweit kriegerischen – und damit quasi per Definition an Schweinereinen nicht armen – Epoche? Das ist nicht der Fall.

Sieht man hier einen Fall von „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen“ (Friedrich Schiller, „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“)? War Wikileaks die Hackerparty einiger beherzter junger Menschen, die aufsteckten, als es nicht mehr um die Sache, um eine bessere, weil informierte Welt, sondern nur noch um eine Person ging? Oder war die Initiative am Ende nur ein Teil in dem „long game“ des Putin-Kreml, um die Welt ins Chaos zu stürzen?

Welches nun die raison d’être von Wikileaks war, wird fürderhin eher Aufgabe der historischen Zunft denn der journalistischen sein. Wiederbelebungsversuche sind natürlich nicht ausgeschlossen. Auf absehbare Zeit aber sind alle, die sich noch mit dem Signet „Wikileaks“ schmücken wollen, wohl kaum etwas anderes als die Netzversion dessen, was man im „Deutschen Herbst“ der R.A.F. als „Unterstützerkreise“ und „Gefangenenhilfen“ kannte: also etwas, dem es um die Person und nicht mehr um die Idee geht.

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