Linken-Parteitag in Chemnitz

Die Linken erfinden sich neu: „Weiblicher, jünger, westlicher“

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Co-Chefin Ines Schwerdtner will „die Hoffnung organisieren“.
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    Fabian Scheuermann
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Auf dem Parteitag der Linken in Chemnitz zeigt sich, wie sehr sich die Partei im vergangenen Jahr verjüngt hat. Ein Einblick.

Chemnitz – Es ist nur eine kleine Szene, beobachtet an diesem Freitagmorgen auf dem Parteitag der Linken in Chemnitz. Aber es ist eine, wie sie mit Blick auf die Veränderungen in der Partei kaum exemplarischer – und klischeehafter – sein könnte. Da steht an einem Stand Stefan Hartmann, 57, einer von sechs Abgeordneten der Linken im sächsischen Landtag. Der Mann, der 1986 in die SED eintrat und später für die PDS im Leipziger Stadtrat Politik machte, streift sich einen Gummihandschuh über die Hand und verteilt Eierschecke – ein Blechkuchen mit Quark und Ei, der bei manchen Parteitagsbesucher:innen sofort DDR-Assoziationen weckt.

Daneben steht ein junger Mann im roten Karo-Hemd und verschenkt kleine Kopien der bekannten Chemnitzer Karl-Marx-Büste - „aus dem 3D-Drucker”, wie er sagt. Karl, 32, Piercings an der Lippe, kommt aus einem kleinen Ort im Landkreis Zwickau. „Wegen dem Rechtsruck“ ist er Ende 2024 zur Linkspartei gegangen, wie er erzählt. Carrie, 37, die neben ihm am Stand steht, folgte im Februar. Seitdem setzen sie sich für die lokale Jugend ein, die „gar keinen Ort mehr“ habe, wo sie geduldet werde. Ein Jugendzentrum gibt es nicht, auf dem Spielplatz oder in einem selbstgebauten Verschlag im Wald will man sie nicht. Ein paar dieser jungen Leute haben Karl und Carrie an diesem Freitag mit zum Parteitag gebracht.

Engagement bei der Linken erfordert Mut in AfD-Hochburg

Die AfD liegt in besagtem Örtchen bei über 40 Prozent, andere rechte Gruppen sind präsent. Da braucht es Mut, sich in der Linken zu engagieren – und sogar den lokalen Christopher Street Day mitzuorganisieren. Unterhält man sich an diesem Freitag mit Karl und Carrie, wird klar: Ohne die Abspaltung des BSW wären sie wohl nie bei der Linken eingetreten. Denn sie wollen sich in einer Partei engagieren, die „stabil bleibt und keinen Millimeter nach rechts rückt“, wie Carrie sagt, bevor sie sich einigen jungen Leuten zuwendet, die interessiert an den Stand getreten sind.

Die Linkspartei ist in den vergangenen Monaten „weiblicher, jünger, westlicher“ geworden, sagt die Co-Parteivorsitzende Ines Schwerdtner, die selbst erst 35 ist, am Rande des Parteitags in Chemnitz. Bei der Bundestagswahl im Februar konnte die Partei bei den 18- bis 24-Jährigen zur Überraschung vieler die AfD überholen und landete mit 26 Prozent in dieser Altersgruppe auf Platz 1. Manche von ihnen sind über die heutige Co-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Heidi Reichinnek, mit der Partei in Kontakt gekommen: Ihre launigen, kritischen und gerne auch mal derben politischen Einordnungen der 37-Jährigen erreichen auf Social Media Hunderttausende, manchmal Millionen. Auch in Chemnitz tobt der Applaus, wenn sie erst zu rockiger Musik auf die Bühne springt und später nach einer in Höchstgeschwindigkeit gehaltenen Rede ihre tätowierten Arme in die Höhe reckt und ruft: „Die AfD organisiert den Hass – wir organisieren die Hoffnung!“

Wenn Heidi Reichinnek spricht, klingt es nach Klassenkampf

Umverteilung, Respekt für die Leistung aller, zu hohe Mieten, soziale Gerechtigkeit – wenn Reichinnek über diese Themen spricht, klingt es, wie man es von der Linken kennt, nach Klassenkampf. Aber eben auch: Nach Bewegung, nach Aktivismus, nach einer Kampagne voller Mut und Hoffnung, der sich viele gerne anschließen wollen. Auf Instagram tauchen gerade fast wöchentlich neue Ortsgruppen des Jugendverbands der Partei – Linksjugend solid – auf. Zuletzt etwa im fränkischen Coburg. Oder im pfälzischen Germersheim: Im ersten Beitrag der neuen Gruppe dort sind acht junge Leute und der Schriftzug „wir gründen uns!“ abgebildet. Zusammen mit dem Aufruf: „Lasst uns gemeinsam was bewegen!“

Genaue Zahlen zum aktuellen Altersdurchschnitt kann die Partei gerade nicht liefern. Die Bundestagsfraktion ist mit durchschnittlich 42,2 Jahren jedenfalls noch vor den Grünen die jüngste. Und beim Parteitag reicht ein kurzer Blick durch die Halle und man versteht sofort, wie sehr sich die Partei gewandelt hat und weiter wandelt. Spricht man mit einigen der Neuen, reden sie über Gerechtigkeit, immer wieder auch über die Klimakrise und darüber, dass man das massenhafte Sterben in Gaza nicht ignorieren dürfe. Und dass Karl und Carrie am Freitag zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Hartmann am Infostand der sächsischen Linken stehen, zeigt, wie schnell man gerade was werden kann in der Partei.

Jüngster Linken-Abgeordneter im Bundestag ist 23 Jahre

So wie Luke Hoß. Der 23-jährige Jurastudent aus Passau ist 2023 zur Linken gestoßen – und sitzt jetzt als jüngster Abgeordneter im Bundestag, was dem Wahlergebnis von 8,8 Prozent zu verdanken ist. Zu den Grünen, deren Mitglied er vorher war, sagt er: „In der Ampel-Koalition haben sie die schärfsten Abschiebegesetze verabschiedet, die es je gab. Für mich war klar, dass das nicht mehr meine Partei ist.“

Doch Hoß gibt sich beim Gespräch in einer Kantine der vielen Büroflügel des Bundestags auch nachdenklich. Er erzählt, „wie einnehmend der Politikbetrieb hier in Berlin sein kann“ und sagt: „Ich finde, wir müssen Politik anders machen – vor allem linke Politik. Mir ist wichtig, dass ich so viel Zeit wie möglich in meinem Wahlkreis verbringe und für die Menschen da bin“. Er will Kümmerer sein und bloß nicht zu sehr in die Berliner Politikblase geraten – und trotz Bundestagsmandat auch fertigstudieren.

Linke – weißer und akademischer

Viele junge Parteimitglieder begrüßen den in Chemnitz gefassten Beschluss, dass Bundestagsabgeordnete der Partei künftig nach drei Wahlperioden ihr Mandat abgeben müssen – um Platz zu machen für Neue. „Umgang formt den Menschen“, sagt dazu Tobias Umbreit, 31, aus Essen: „Bei uns wird niemand heiliggesprochen, nur weil er im Bundestag sitzt“.

Die Linkspartei ist allerdings nicht nur weiblicher, jünger und westlicher geworden – sondern auch weißer und akademischer. Der Anteil der Abgeordneten mit Migrationsgeschichte ist in der Linken-Bundestagsfraktion mit 19 Prozent zwar immer noch höher als bei den meisten anderen Parteien – doch ist er im Vergleich zur letzten Legislatur, wo der Wert bei 28 Prozent lag, deutlich gesunken. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil laut Mediendienst Integration zuletzt bei knapp 30 Prozent. Doch in Chemnitz wird man nicht müde, zu betonen, dass es schon ein Erfolg sei, dass überhaupt einige der neuen jungen Bundestagsabgeordneten „aus der Arbeiterklasse“ stammen und einen migrantischen Hintergrund haben: Etwa die 31- jährige Berliner Krankenschwester Stella Merendino oder der gleichaltrige VW-Arbeiter Cem Ince aus Salzgitter

„Unsere Partei wächst auch aus migrantischer Sicht“

Der im Februar in Neukölln direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak betont aber: „Unsere Partei wächst auch aus migrantischer Sicht“. Das merke man auch daran, dass „überall gerade neue Ortsgruppen aufploppen“ vom parteinahen migrantischen Netzwerk Linkskanax– in Offenbach etwa oder in Oldenburg. In Chemnitz wurde nun beschlossen, dass eine Arbeitsgemeinschaft der Gruppe fixer Teil der Linkspartei wird. Kritik gibt es beim Parteitag aber daran, dass die migrantische Diskussionsrunde am Freitagabend der letzte Programmpunkt war – der erst spät am Abend endete. Es gab Bedenken aus Sicherheitsgründen, wegen des Tagungsortes Chemnitz.

Einen neuen Weg beschreitet die Linke in Chemnitz mit dem Versuch, das komplizierte Parteitagsprocedere mit seinen Änderungsanträgen und Unterforen den vielen Neuen und Interessierten etwas nahbarer zu machen: Nach dem Vorbild ähnlicher Veranstaltungen in Großbritannien, die traditionell am Rande von Labour-Parteitagen stattfinden, läuft parallel zum Parteitag auf dem Messegelände unter dem Titel „Über:morgen“ ein kleines Polit- und Kulturfestival – umgesetzt von der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Es gibt eine Bühne, Veranstaltungszelte, Infostände, es gibt vegane „goldene Linsensuppe“ und am Eingang steht ein großes Protestplakat mit der Aufschrift „Enteignen!“. „Es geht nach links: Botschaften aus dem Inneren des Parteitags“ lautet einer der Programmpunkte. Die Veranstaltung ist auch dazu gedacht, linke Inhalte nach außen zu tragen - zu jungen Leuten aus dem Chemnitzer Umland etwa, die sich gern politisch engagieren würden, aber noch keine Parteimitglieder sind.

Kritik an Flüchtlingspolitik

Während auf der Bühne in der Maisonne die Musikerin und Medienaktivistin Sookee mit anderen über „linke Content-Creator:innen und politische Öffentlichkeit” redet, spricht nebenan im Zelt die sächsische Bundestagsabgeordnete Clara Bünger mit dem Leiter der Luxemburg-Stiftung in Athen und einem Flüchtlingsaktivisten über „den Kampf um die Menschenrechte an den EU-Außengrenzen”. Das Thema ist in den vergangenen Tagen noch näher gerückt: Unter Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) werden vermehrt Menschen direkt wieder aus Deutschland herausgeschafft, die gegenüber der Polizei ihr Asylgesuch deutlich gemacht haben. Bünger findet das rechtlich bedenklich, sie kennt die passenden Paragrafen und hat sich am Mittwoch vor dem Parteitag - am ersten Tag der neuen Bundesregierung - in Frankfurt an der Oder selbst ein Bild von den verschärften Kontrollen gemacht. In Chemnitz berichtet sie auch davon. Das ist politische Bildung live. Und immerhin ein paar Dutzend vor allem junge Leute hören zu.

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