Türkei-Wahl 2023

Kemal Kılıçdaroğlu: Politischer Spätzünder mit Profil

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Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidat: Kemal Kılıçdaroğlu
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Er gilt als schärfster Konkurrent des türkischen Präsidenten Erdoğan: Kemal Kılıçdaroğlu. Der Sozialdemokrat hat Chancen auf das höchste Amt in der Türkei.

Ankara – Kemal Kılıçdaroğlu ist seit 2010 Vorsitzender der Partei Cumhuriyet Halk Partisi (CHP). Der Name der Partei lässt sich mit Republikanische Volkspartei übersetzen. Aktuell ist sie die größte Oppositionsfraktion im türkischen Parlament. Der Vorsitzende Kılıçdaroğlu ist bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen 2023 in der Türkei der Kandidat eines breiten Bündnisses gegen den amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

NameKemal Kılıçdaroğlu
Geburtstag17. Dezember 1948
GeburtsortBallıca, Tunceli
ParteiCumhuriyet Halk Partisi (CHP)
Politische Ausrichtungkemalistisch, sozialdemokratisch

Kılıçdaroğlu: Kindheit in der Provinz, Studium in Ankara

Geboren wurde Kılıçdaroğlu am 17. Dezember 1948 in Ballıca, einem kleinen Dorf in der Türkischen Provinz Tunceli. Der Vorsitzende der CHP entstammt einer alevitischen Familie. Zur Schule ging Kılıçdaroğlu in Erciş weit im Osten des Landes. Anschließend studierte er an der Akademie für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften in Ankara ein Ökonomie, das er 1971 abschloss.

Nach seinem Abschluss war Kılıçdaroğlu beim Finanzministerium im Rechnungswesen tätig. 1983 übernahm er den Posten des Generaldirektors im Bereich Einkommen des Finanzministeriums, bis er 1991 bei der Sozialversicherung Bağ-Kur die Generaldirektion übernahm. Nach einem Jahr wechselte er zur Sozialversicherungsanstalt, dann trat er in die Demokratische Linkspartei (DSP) des damaligen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit ein und begann seine politische Karriere.

Politische Karriere in der Türkei

Zum ersten Mal trat Kılıçdaroğlu 2002 bei einer Parlamentswahl für die CHP an – damals schon Anfang 50. Als Kandidat für den Wahlbezirk Istanbul kam er so in die Große Nationalversammlung. In dieser Zeit bildete sich sein Spitzname: Gandi Kemal, der auf seine ruhige Art und äußere Ähnlichkeit mit Mahatma Gandhi zurückzuführen ist.

Bei den Kommunalwahlen in der Türkei von 2009 stellte die CHP ihn als Kandidat für den Bürgermeister von Istanbul auf, Kılıçdaroğlu konnte trotz 35 Prozent der Stimmen sich nicht gegen den damaligen Bürgermeister Kadir Topbaş von der AKP durchsetzen.

Wahl zum Vorsitzenden der CHP

Beim 33. Parteikongress der CHP im Jahr 2010 wurde Kılıçdaroğlu einstimmig zum Parteivorsitzenden gewählt. Ein Jahr später erreichte die CHP bei der Parlamentswahl 2011 unter seiner Führung 25,95 Prozent der Stimmen und wurde somit zweitstärkste Kraft im türkischen Parlament.

Verhältnis zur PKK und Putschversuch

Im August 2010 äußerte sich Kılıçdaroğlu gegenüber dem Spiegel zur PKK: „Das sind Terroristen, die eine konstruktive Lösung nicht interessiert. Das wissen wir, und die PKK weiß das auch.“ Im August 2016 wurde ein Anschlag auf eine Fahrzeugkolonne verübt, in der sich auch Kılıçdaroğlu befand. Ein Soldat wurde getötet, zwei weitere verletzt. Kılıçdaroğlu blieb unverletzt. Die PKK soll für den Angriff verantwortlich sein.

Als am 15. Juli 2016 Teile des türkischen Militärs versuchten, Erdogan und dessen AKP-Kabinett zu stürzen, stellte sich Kemal Kılıçdaroğlu hinter den Staatspräsidenten. Zuvor hatte der CHP-Vorsitzende vermieden, den heftig kritisierten pompösen Palast des Präsidenten zu betreten. Nur bei einer Staatskrise wolle er das tun – und diese sei beim Putschversuch eingetreten.

Wahl 2018 und Bündnis gegen Erdogan

Bei den Parlamentswahlen in der Türkei im Jahr 2018 bildete die CHP gemeinsam mit drei weiteren Parteien ein Wahlbündnis gegen die AKP. Bei den gleichzeitig stattfindenden Präsidentschaftswahlen einigte man sich darauf, jeweils einen eigenen Kandidaten zu stellen. Bei einer eventuellen Stichwahl wolle man allerdings den stärksten Kandidaten des Bündnisses unterstützen und so die Chancen maximieren, den Staatspräsidenten Erdogan zu besiegen. Das Bündnis kam allerdings nur auf knapp 34 Prozent der Stimmen und konnte so eine weitere AKP-Regierungszeit mit Erdogan an der Spitze nicht verhindern.

Politische Themen und Türkei-Wahl 2023

Kemal Kılıçdaroğlu gilt als Kämpfer für Demokratie und Gerechtigkeit. Deutlich machte er seinen politischen Willen im Sommer 2017 beim so genannten Gerechtigkeitsmarsch. Zu Fuß lief der damals Ende Sechzigjährige von Ankara nach Istanbul – über 400 Kilometer. Tausende Menschen schlossen sich ihm an.

Außerdem ist Kemal Kılıçdaroğlu für seinen Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft bekannt. Auch bei der Türkei-Wahl 2023 ist das sein zentrales Thema: „Wegen einer korrupten Führung haben die Bürger keinen Anteil am Wohlstand. Aber ich habe meinen Bürgern versprochen, korrupte Unternehmer und Korruption zu bekämpfen“, sagte Kılıçdaroğlu im Wahlkampf. So werde er sich nicht in den Dienst schmutziger Konzerne stellen.

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