Verjüngung und Aufbruch

Die Linke im Bundestag setzt Akzente: Wohnen, Vermögenssteuer, Kita-Reform

  • schließen

Die Linksfraktion nimmt sich ein 100-Tage-Programm für den Bundestag vor. Die Schwerpunkte bleiben – das Personal muss sich beweisen.

Berlin – Für die konstituierende Bundestagssitzung am vergangenen Dienstag hatte sich die Linke ein gewitztes Fotomotiv ausgedacht. Zu sehen war es in der vierten Reihe der Fraktion. Da saßen: Gregor Gysi, Bodo Ramelow, Dietmar Bartsch – und der 23-jährige Luke Hoß. Drei Silberlocken neben dem jüngsten Abgeordneten des neuen Bundestags. Das, so kann man die Botschaft deuten, ist die neue Linke.

Die Linke im Bundestag hat sich enorm gewandelt

Und tatsächlich. Die Linke im Bundestag hat sich enorm gewandelt. Sie ist von einer Gruppe mit 28 Mitgliedern zur Fraktion mit 64 Mandaten erwachsen. Darunter: sieben der zehn jüngsten Abgeordneten des gesamten Plenums und 46 neue Gesichter. Einige davon haben noch nie in einem Parlament gearbeitet. „Wir haben von null beginnen müssen“, sagte Fraktionschef Sören Pellmann.

Bei all der Aufbruchstimmung, die in der Partei herrscht, geht es also erst mal darum, schnell arbeitsfähig zu werden. Denn der Linken kommt im neuen Bundestag eine Schlüsselrolle zu. Eine Zweidrittelmehrheit jenseits der AfD gibt es nur noch mit ihr.

Bundestagswahl 2025: Von „Tünkram“ bis zum „Tor zur Hölle“ – denkwürdige Zitate aus dem Wahlkampf

Bundestag - Vertrauensfrage
„Fritze Merz erzählt gern Tünkram“ – SPD-Kanzler Scholz am 16. Dezember zu Vorwürfen von Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU), der Amtsinhaber sei bei Debatten auf EU-Ebene passiv und melde sich nicht zu Wort. „Tünkram“ ist Plattdeutsch und bedeutet dummes Zeug oder Unsinn. © Michael Kappeler/dpa
Olaf Scholz, Wahlparteitag SPD
„Manch einer hat uns schon abgeschrieben. Das kann unsere sozialdemokratische Partei mit über 160 Jahren Kampferfahrung aber überhaupt nicht beeindrucken.“ – SPD-Ko-Chefin Saskia Esken (rechts) beim Parteitag am 11. Januar in Berlin zu den schwachen Umfragewerten für die Sozialdemokraten und der Hoffnung auf eine Aufholjagd bis zur Wahl. © Imago
Nach Todesfahrt auf Weihnachtsmarkt in Magdeburg-Rechte Proteste
„Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ – AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel beim Parteitag am 11. Januar in Riesa zur Aufnahme des umstrittenen Begriffs in das Wahlprogramm, der im rechten Spektrum für die massenhafte Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund steht. © dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa
„Wenn wir am Ruder sind, wir reißen alle Windkraftwerke nieder. Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“ – AfD-Kanzlerkandidatin Weidel beim Parteitag am 11. Januar in Riesa. © Sebastian Kahnert/dpa
Habeck liest aus seinem neuen Buch
„Ich war nicht gut in Rechtschreibung früher und hatte einen leichten Schlag in Richtung Legasthenie.“ – Der Grünen-Kanzlerkandidat Robert Habeck räumt am 12. Januar ein, als Schüler eine Rechtschreibschwäche gehabt zu haben. Habeck thematisierte bei der „Wahlarena“ des „Mannheimer Morgen“ in Mannheim seine Schulzeit und persönliche Schwächen. © Kay Nietfeld/dpa
Wahlplakate in Wiesbaden - SPD
„Es gibt, glaube ich, keinen Kanzler in der Bundesrepublik, der sich so im Detail in Gesetze eingemischt hat, damit sie pragmatisch werden.“ – Olaf Scholz zieht am 13. Januar eine positive Bilanz seines Wirkens als Regierungschef. „Es sind unglaublich viele Entscheidungen getroffen worden, die ohne meine Intervention gar nicht zustande gekommen wären“, sagte er den NRW-Lokalradios. © Arne Dedert/dpa
Nach tödlichem Angriff in einem Park in Aschaffenburg
„Das Maß ist endgültig voll.“ – Unions-Kanzlerkandidat Merz am 23. Januar nach dem Messerangriff von Aschaffenburg auf eine Kindergartengruppe mit zwei Toten, den ein Geflüchteter aus Afghanistan begangen haben soll. © Daniel Vogl/dpa
Demo gegen Rechts - Berlin
„Ich gucke nicht rechts und nicht links. Ich gucke in diesen Fragen nur geradeaus.“ – Merz am 24. Januar bei der Ankündigung, für Anträge zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag auch eine Mehrheit mit AfD-Unterstützung zu tolerieren. Die Menschen sehen das kritisch und gehen auf die Straße. © Christophe Gateau/dpa
Demonstration zur Migrationspolitik - Berlin
„Die Brandmauer bröckelt.“ – Die AfD-Fraktion am 29. Januar im Online-Dienst X zur bisher geltenden Abgrenzung der CDU von der in Teilen als rechtsextremistisch eingestuften Partei, nachdem erstmals mit ihrer Hilfe ein Unionsantrag eine Mehrheit im Bundestag erhalten hat. © Sebastian Gollnow/dpa
209. Bundestagssitzung: Heidi Reichinnek, Linke
„Allen politischen Differenzen zum Trotz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiert.“ – Die Vorsitzende der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, am 29. Januar im Bundestag in ihrer viral gegangenen Rede zum mit AfD-Stimmen verabschiedeten Unionsantrag. © Imago
Bundestag - Regierungserklärung
„Und deshalb, finde ich, kann ich ihm nicht mehr trauen.“ – Kanzler Olaf Scholz über das Verhalten von Friedrich Merz am 29. Januar 2025. Das sei „wahrscheinlich ein ganz bedeutender Tag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ gewesen, sagte Scholz in der ARD-Sendung „Maischberger“. Die Union habe einen Konsens aufgekündigt, den es die ganze Nachkriegsgeschichte über unter den Demokraten in Deutschland gegeben habe.  © Kay Nietfeld/dpa
Demonstration fuer die Brandmauer und gegen die CDU
„Für falsch halte ich es, (…) sehenden Auges erstmalig bei einer Abstimmung im Deutschen Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD zu ermöglichen.“ – Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert am 30. Januar das Vorgehen von Merz. © Matthias Gränzdörfer/Imago
Wahlkampf Grüne - Berlin
„Tun Sie es nicht, Herr Merz.“ – Grünen-Kanzlerkandidat Robert Habeck appelliert am 28. Januar eindringlich an Unionsfraktionschef Friedrich Merz, keine gemeinsame Sache mit der AfD zu machen.  © Christoph Soeder/dpa
Sitzung, Bundestag, Plenum
„Das Tor zur Hölle können wir noch gemeinsam schließen.“ – SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich am 31. Januar in der Bundestagsdebatte über eine angekündigte Zustimmung der AfD auch zu einem Migrationsgesetz der Union. Dieses scheiterte aber letztlich auch an fehlender Unterstützung aus der Union. © Bernd Elmenthaler/Imago
Bundestag
„Ich bin mit mir persönlich sehr im Reinen, dass wir es wenigstens versucht haben.“ – Merz am 31. Januar nach dem Scheitern seines Gesetzentwurfs zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag, obwohl auch dieser von den AfD-Abgeordneten geschlossen unterstützt wurde. © Kay Nietfeld/dpa
Nach tödlichem Angriff in Aschaffenburg - Trauerfeier
„Diese Woche hat die Union klargemacht, dass es ihr ernst ist. Und damit ist die Glaubwürdigkeit auch eines neuen Bundeskanzlers Friedrich Merz enorm gestiegen.“ – CSU-Chef Markus Söder sieht am 2. Februar die Position der Union nach den umstrittenen Abstimmungen zur Migrationspolitik im Bundestag deutlich gestärkt.  © Daniel Vogl/dpa
Bundesparteitag der CDU - Friedrich Merz + Markus Söder
„Mit den Grünen ist kein Richtungswechsel und keine Koalition möglich.“ – CSU-Chef Markus Söder anlässlich des CDU-Parteitags am 3. Februar auf X. © Imago
Wahlkampf – ZDF-Livesendung "Schlagabtausch"
„Wie dumm kann man sein zu sagen, man macht Sanktionen, um Russland zu schaden. Am Ende schaden wir vor allem unserer Wirtschaft.“ – BSW-Chefin Sahra Wagenknecht am 6. Februar in einer ZDF-Wahlrunde zu ihrer Forderung nach einer Wiederaufnahme der Gaslieferungen aus Russland. © Christoph Soeder/dpa
Scholz und Merz im TV-Duell
„Wir können auf die FDP keine Rücksicht nehmen.“ – Merz am 7. Februar, nachdem er mögliche Wähler der in Umfragen weiterhin schwächelnden FDP aufgerufen hat, ihre Stimme der Union zu geben. © Kay Nietfeld/dpa
FDP Bundesparteitag
„33 oder 31 Prozent für die CDU machen keinen Unterschied, aber vier oder sechs Prozent für die FDP ändern maßgeblich das Gefüge in der Bundesrepublik.“ – FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner reagiert beim Sonderparteitag in Potsdam am 9. Februar auf die Aussage von Merz. © Michael Kappeler/dpa
Scholz und Merz im TV-Duell
„Was ist Bubatz?“ – Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz kann am 9. Februar mit dem Begriff „Bubatz“ nichts anfangen. Auf dem Live-Streaming-Portal Twitch antwortete Merz nach dem TV-Duell bei ARD und ZDF mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) auf die Frage, ob „Bubatz“ legal bleibe: „Bleibt was legal?“ Daraufhin entgegnete die Moderatorin: „Bubatz“. Merz’ Replik: „Was ist Bubatz?“ Die Moderatorin: „Gras.“ Merz sagte dann: „Also wenn Sie meinen, Cannabis, dann sage ich: Nein, wir wollen das wieder korrigieren.“ © Kay Nietfeld/dpa
Kundgebung "Brandmauer statt Brandstiftung"
„Friedrich Merz tritt an, Europa zu Grabe zu tragen“ – Kanzler Scholz am 11. Februar in der letzten Plenardebatte des Bundestags vor der Wahl mit Blick auf Merz’ Pläne, Geflüchtete an den Grenzen zu den EU-Nachbarn zurückzuweisen. © Fabian Sommer/dpa
TV-Runde im Bundestagswahlkampf
„Weil ich dieses animalische Grunzen der AfD-Fraktion voraussehen konnte, möchte ich einordnen, worüber wir reden, wenn wir Klimaschutz sagen.“ – Grünen-Spitzenkandidat Robert Habeck reagiert in einer Rede im Bundestag am 11. Februar auf Zwischenrufe der AfD, nachdem er den Klimaschutz als drängendste Aufgabe der Zukunft bezeichnet hat. © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag
„Wir werden möglicherweise miteinander reden müssen.“ – Unions-Kanzlerkandidat Merz wendet sich in seiner Plenarrede am 11. Februar im Bundestag an die SPD – und nimmt dabei eine mögliche Koalitionsoption für die Zeit nach der Wahl in den Blick. © Kay Nietfeld/dpa
ZDF-Sendung "Klartext"
„Wenn sich die Menschen zurückziehen, dann ist es vorbei mit Deutschland. (…) Demokratie ist kein Zuschauersport, es geht nur, wenn Menschen sich bei den Wahlen engagieren.“ – Grünen-Kanzlerkandidat Robert Habeck am 13. Februar in der ZDF-Sendung „Klartext“ auf den Kommentar eines Zuschauers hin, der erklärt hatte, er wisse nicht mehr, was er wählen solle. © Michael Kappeler/dpa

Zwei Themen stehen für die Linken im Vordergrund

Dieser Verantwortung sei sich die Partei bewusst, sagte die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner nach der Klausurtagung in Potsdam, zu der sich die Fraktion ans Ufer des Templiner Sees zurückgezogen hatte. Allerdings gebe es dafür eine Voraussetzung: eine schriftliche Vereinbarung der anderen demokratischen Parteien, dass es keine Abstimmung mit der AfD gebe. „Es darf keine wechselnden Mehrheiten zwischen AfD und der Linken geben“, sagte Schwerdtner. Dazu müssten sich Union, SPD und Grüne verpflichten. Eine ähnliche Regelung gibt es in Thüringen.

Auf der dreitägigen Klausur, zu der sich die Fraktion zurückgezogen hatte, haben die Abgeordneten ein Programm für die ersten 100 Tage im Parlament erarbeitet. Vor allem zwei Themen stehen dabei im Vordergrund: bezahlbare Miete und niedrigere Lebenshaltungskosten.

Weiterlesen

Neuer Bundestag: So viel Ungewissheit war lange nicht

Thema Wohnen bei den Linken: Konzept für einen bundesweiten Mietendeckel

„Wir werden das Thema Wohnen immer wieder auf die Tagesordnung setzen“, sagte Co-Fraktionschefin Heidi Reichinnek. Dazu soll eine Verschärfung des Mietwucher-Gesetzes vorgeschlagen und der Mietmarkt damit gerechter gemacht werden. Für diesen Vorstoß setze die Linkspartei auf die Unterstützung von Markus Söder, denn der hätte eine solche Initiative bereits zweimal über den Bundesrat eingebracht. „Alles andere als eine Zustimmung wäre da doch schwer zu vermitteln“, schob Reichinnek lachend nach.

Außerdem kündigten die Parteispitzen an, noch vor dem Sommer einen Mietengipfel zu veranstalten. Dort soll ein Konzept für einen bundesweiten Mietendeckel vorgestellt werden. Bevor dieses Konzept ausgearbeitet ist, soll aber zunächst ein anderer Antrag in den Bundestag eingebracht werden, der die Forderung enthält, die Mietpreise sofort einzufrieren.

Heidi Reichinnek mit Sören Pellmann (r.) und Christian Görke im Bundestag.

Linke im Bundestag: Vermögenssteuer, Kita-Gipfel, Abschaffung des Abtreibungsparagrafen

Einen weiteren Akzent, den die Fraktion in den ersten 100 Tagen setzen will, ist ein Antrag auf die Einführung einer Vermögenssteuer. Überdies plant die Fraktion, einen Kita-Gipfel auszurichten, bei dem Konzepte gegen den Mangel an Fachkräften und Kita-Plätzen erarbeitet werden sollen. Zudem sei einstimmig beschlossen worden, sich weiter für eine Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 einzusetzen.

Bei der parlamentarischen Arbeit werde es obendrein immer darum gehen, gegen die deutlich erstarkte AfD-Fraktion dagegenzuhalten. „Es ist ein unfassbares Gefühl, dabei so viele wunderbare Menschen im Rücken zu haben“, sagte Reichinnek. Die Linke werde dabei vor allem auf eine starke Sozialpolitik setzen und will sich „von Rechtsaußen nicht ablenken lassen oder provozieren lassen“.

Weiter kündigte Parteichefin Schwerdtner an, dass die Linke ihre Präsenz ausbauen wolle, zum Beispiel mit mobilen Büros. „Wir haben die Rechten schon auf Social Media geschlagen“, sagte sie. „In allen Orten, wo die Rechten stark sind, müssen wir ihnen die Präsenz nehmen.“ (Florian Weber)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Frederic Kern

Kommentare