Plötzlich Klima-Kanzler? Expertinnen und Grünen-Chef rechnen vor COP30 mit Merz‘ Klima-Politik ab
VonPaula Völkner
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Merz reist zur Klimakonferenz nach Brasilien. Expertinnen kritisieren die Klimapolitik des Kanzlers. Grünen-Chef Banaszak sieht Deutschlands Glaubwürdigkeit in Gefahr.
Belém – Schon zu Beginn seiner Amtszeit war vom Außen-Kanzler die Rede – mit einem Klima-Kanzler bringen Friedrich Merz (CDU) wohl die Wenigsten in Verbindung. Dass der CDU-Chef auch Klima kann, dürfte er am Freitag (7. November) beweisen wollen: Bundeskanzler Merz reist nach Belém und spricht vor Beginn der UN-Klimakonferenz COP30 bei einem vorgeschalteten Treffen der Staats- und Regierungschefs.
Als Kanzler spricht Merz häufig über Wirtschaft, Sicherheit – innere wie äußere – über Migration: In Sachen Klima tat er sich seit Beginn seiner Amtszeit jedoch nicht als großer Kämpfer hervor. „Der Kanzler hat sich bisher selten zu Klimathemen geäußert und wenn, dann eher kritisch“, erklärt auch Ute Sudmann, Leiterin des Bereichs Zukunftsfähige Finanzflüsse bei der Zivilorganisation Germanwatch, gegenüber der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.
UN-Klimakonferenz in Belém: Friedrich Merz als Klima-Kanzler? Bislang wohl kaum
Nach einer Regierungsbefragung im Juli etwa erntete Merz Kritik, nachdem er erklärt hatte: „Selbst wenn wir alle zusammen morgen am Tag klimaneutral wären in Deutschland, würde keine einzige Klimakatastrophe auf der Welt weniger geschehen.“ Ex-SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach kritisierte darauf: „Mit dieser Argumentation könnten hunderte Länder den Klimaschutz sofort beenden.“ Jüngst erklärte Merz zudem, die Regierung mache „Klimaschutz ohne Ideologie“ – „was nicht wenigen als Euphemismus für gar keinen gilt“, wie der Tagesspiegel festhält.
Gleichzeitig unterstreicht der Kanzler, dass Deutschland zu den international vereinbarten Zielen des Klimaschutzes stehe – insbesondere zu den Pariser Klimazielen, erklärt Sudmann: „Die konkreten Maßnahmen der Regierung sind allerdings schwach.“ Als Beispiele nennt die Expertin: die Planung zusätzlicher neuer Gaskraftwerke, die Zunahme fossiler Subventionen und die Reduzierung der internationale Klima- und Entwicklungsfinanzierung in den Haushalten 2025 und 2026.
Von Adenauer bis Merz: Die Kanzler der Bundesrepublik
Auch Klimaökonomin Claudia Kemfert gibt zu bedenken: „Merz stellt Klimaschutz häufig als Kostenfaktor dar und bremst bei zentralen Maßnahmen.“ Gegenüber unserer Redaktion erklärt die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zudem: „Die Bundesregierung agiert insgesamt zu zögerlich und inkonsequent – es fehlt an klarer Priorität für Klimaschutz als Zukunfts- und Standortpolitik.“
Dass mit Merz nicht gerade ein Klima-Kanzler durch und durch zur Weltklimakonferenz nach Brasilien reist, lässt auch die Grünen um „Deutschlands Glaubwürdigkeit in der Staatengemeinschaft“ bangen, wie die Partei in einem Statement schreibt. Gegenüber der Frankfurter Rundschau erklärt Parteichef Felix Banaszak: „Die schwarz-rote Regierung zeigt sich bislang völlig ambitionslos beim Klimaschutz und bleibt hinter den eigenen Koalitionsversprechen zurück.“
Kanzler Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche würden zentrale Projekte bremsen – etwa den Ausbau von Wind- und Solarenergie und die Förderung von Elektroautos oder den Emissionshandel und Effizienzstandards. „Damit geraten nicht nur die eigenen Klimaziele in Gefahr, sondern auch Deutschlands Einfluss und Verlässlichkeit auf europäischer und internationaler Ebene“, fürchtet Banaszak: Deutschland drohe, den Anschluss zu verlieren.
UN-Klimakonferenz: Forderungen an Bundeskanzler Merz
Auch Klimaökonomin Claudia Kemfert kritisiert: „Deutschland verliert an Glaubwürdigkeit, wenn es selbst Klimaziele verfehlt und fossile Subventionen fortsetzt.“ Europas Rolle als Vorreiter in den globalen Verhandlungen würde dadurch geschwächt: „Deutschland sollte für ein starkes globales Ausstiegsdatum aus Kohle, Öl und Gas eintreten und ambitionierte Ausbauziele für Erneuerbare, Speicher und Energieeffizienz vorantreiben“, fordert sie, mit Blick auf die UN-Klimakonferenz. Der Kanzler könne dabei „unterstützen – wenn er Klimaschutz als wirtschaftliche Chance begreift“.
Was Forderungen an Merz angeht, hat auch Fridays For Future vor der COP einen Katalog formuliert: ein klares Bekenntnis zum Pariser Abkommen, faire internationale Klimafinanzierung und der Schutz der Wälder und Rechte indigener Völker. Zudem fordern die Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten in einer Online-Petition: den konsequenten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas und ein starkes Zeichen für europäischen Klimaschutz. Rund 135.000 Menschen haben den Aufruf bis Donnerstagabend unterzeichnet.
EU-Umweltminister schwächen vor UN-Konferenz COP30 Klimaziel ab
Bei zwei Punkten sieht es jedoch schon im Vorfeld der COP30 mau aus: Wie die Nachrichtenagentur epd berichtet, reist Merz ohne konkrete Zusage für den vom Gastgeber vorgeschlagenen Tropenwald-Fonds zur Klimakonferenz. Merz unterstütze die Initiative zwar – einen konkreten Finanzierungsbeitrag lasse er jedoch offen, zitiert die Nachrichtenagentur aus Regierungskreisen. Und auch mit Blick auf ein starkes Zeichen für europäischen Klimaschutz scheinen die EU-Umweltminister im Vorfeld der Konferenz schon einmal die Erwartungen gedämpft zu haben.
Worum geht es bei der UN-Klimakonferenz konkret?
Auf der offiziellen Agenda steht vor allem die Anpassung an die Klimafolgen. Gastgeber Brasilien will als Erfolg der Konferenz einen neuen, milliardenschweren Fonds zum Schutz tropischer Regenwälder etablieren. Länder, die ihre Tropenwälder erhalten, sollen belohnt werden. Für jeden zerstörten Hektar sollen hingegen üppige Strafen fällig werden und in den Fonds fließen.
Viele Staaten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Nur rund ein Drittel hat entgegen aller Verpflichtungen überhaupt bis zur Konferenz neue Klimaschutzpläne bis zum Jahr 2035 eingereicht – und die vorliegenden reichen zur Eindämmung der Krise nicht aus. (dpa)
Kurz vor der Weltklimakonferenz schwächten die Minister nach stundenlangen Verhandlungen in Brüssel das Klimaziel 2040 ab. Bis 2040 wollen die Mitgliedsstaaten ihre Treibhausgasemissionen um 85 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission sah vor, den CO₂-Ausstoß der EU bis 2040 um 90 Prozent zu senken. „Das neue Ziel ist ein Rückschritt“, kritisiert Klimaökonomin Claudia Kemfert. „Die EU wirkt unglaubwürdig als ‚Klimavorreiter‘, wenn sie eigene Zusagen abschwächt, statt sie entschlossen umzusetzen.“
Ute Sudmann von Germanwatch kritisiert mit Blick auf die EU-Klimaziele auch die Bundesregierung: „Die Signalwirkung der aktuellen Klimapolitik ist verheerend.“ Gerade jetzt brauche es eine Koalition von Ländern, die für eine ambitionierte Klimapolitik einstehen: Nachdem sich die USA unter Präsident Donald Trump „aus dem Multilateralismus und dem internationalen Klimaschutz“ zurückgezogen hätten, „wäre ein starker Auftritt von Deutschland und der EU insgesamt extrem wichtig, um eine Führungsrolle zu übernehmen“, argumentiert die Expertin.
Merz setzt auf Sicherheit – Klima bleibt Randnotiz: Doch die Zeit drängt
Warum die Bundesregierung zwar Sicherheitspolitik großschreibt, Klimapolitik aktuell jedoch eine Randnotiz scheint, wirft Fragen auf – denn: Der Klimawandel bedroht die Sicherheit weltweit. Und: Laut Expertinnen und Experten drängt die Zeit. Gemäß aktueller UN-Prognose steuert die Welt mit ihrer aktuellen Klimapolitik auf 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu und reißt das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts.
Das würde heißen: mehr Stürme, mehr Überschwemmungen, mehr Dürren und so weiter – von drohenden Kipppunkten mit unumkehrbaren Folgen mal ganz abgesehen. Bislang haben es die Menschen trotz aller Konferenzen und Pläne nicht geschafft, das Ruder herumzureißen: Die weltweiten Emissionen steigen weiterhin.
Appell an Merz vor der Weltklimakonferenz in Belém: „Deutschland muss sich entscheiden“
Aus Sicht der brasilianischen Gastgeber soll das vorgezogene Gipfeltreffen der zweiwöchigen UN-Klimakonferenz einen Schub geben. Die COP30 mit Zehntausenden Teilnehmern aus rund 200 Staaten beginnt offiziell erst am Montag. Grünen-Chef Banaszak fordert vor dem Klima-Gipfel einen klaren Kurs: „Deutschland muss sich entscheiden, ob es weiterhin Vertrauen verspielen oder wieder Verantwortung übernehmen und bei Innovationen sowie klimaschonenden Technologien eine führende Rolle einnehmen will.“
Deutschland wird bei der UN-Klimakonferenz durch Bundesumweltminister Carsten Schneider und Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan vertreten sein. Für Merz bleibt das Treffen und die Rede am Freitag, um sich für den Titel Klima-Kanzler vielleicht doch noch qualifizieren zu können – oder, wie es Fridays for Future ausdrückt: „Es ist nie zu spät, einen Klima-Kurswechsel einzuschlagen.“ (Eigene Recherche, dpa, epd, Tagesspiegel) (pav)