Brief an Bundestagspräsidentin

Klöckner in der Zwickmühle durch „Pali-Tuch“-Vorfall im Bundestag

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Das Auftreten einer Linken-Politikerin mit einem Palästinensertuch im Bundestag sorgt für Diskussionen. Die CDU verlangt ein Verbot.

Update 15.32 Uhr: Bundestagspräsidentin hat sich nach den Forderungen aus ihrer Fraktion zu einem Verbot des Palästinensertuchs auf X zu Wort gemeldet. „Im Plenum des Deutschen Bundestages wird die politische Auseinandersetzung über das Wort geführt und ausschließlich über das Wort“, schrieb die CDU-Politikerin in ihrem Beitrag. „Meinungsbekundungen durch Spruchbänder, Flugblätter oder Teile der Bekleidung sind nicht zulässig.“

Klöckner empfehle allen Kolleginnen und Kollegen es bei der Auslegung der Regel nicht auf Zweifelsfälle anzulegen. „Diese Regeln gelten bei uns im Parlament seit 75 Jahren, und wir werden dafür sorgen, dass sie auch in dieser Wahlperiode respektiert werden“, stellte die Bundestagspräsidentin weiter fest.

Erstmeldung vom 2. April: Berlin – Ein Vorfall während der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags in der vergangenen Woche sorgt für Aufsehen und stellt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) gleich zu Beginn ihrer Amtszeit vor eine Herausforderung. Die Linken-Abgeordnete Cansın Köktürk hatte zu der ersten Sitzung in der neuen Legislaturperiode eine Kufiya – umgangssprachlich auch „Palästinensertuch“ – getragen und damit kritische Reaktionen hervorgerufen. Druck kommt jetzt ausgerechnet aus Klöckners eigener Partei – drei CDU-Abgeordnete fordern ein Trageverbot des Tuchs im Bundestag.

CDU-Abgeordnete fordern von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ein Trageverbot für das Palästinensertuch im Bundestag.

Nach Auftritt von Linken–Politikerin im Bundestag – CDU-Abgeordnete fordern Verbot von Palästinensertuch

„Mit großem Befremden haben wir zur Kenntnis genommen, dass eine Kollegin der Fraktion Die Linke während der konstituierenden Sitzung des 21. Deutschen Bundestages eine Kufiya, also ein Palästinensertuch, demonstrativ im Plenarsaal des Deutschen Bundestages trug“, heißt es in dem Schreiben an Bundestagspräsidentin Klöckner, das dem Portal Politico vorliegt.

Das sei problematisch, weil „die Kufiya als Symbol für den ‚Widerstand‘ gegen Israel genutzt wird – einen Widerstand, der allzu oft in Form von Terror, antisemitischer Hetze und Gewalt Ausdruck findet“, heißt es in dem Schreiben an Klöckner weiter. Auch die im Gazastreifen ansässige Hamas nutze das „Pali“-Tuch wiederholt als Erkennungszeichen für ihren ideologischen Kampf. Köktürk schrieb in einem Beitrag auf X jedoch, das Tuch solidarisiere sich mit der palästinensischen Zivilbevölkerung, nicht mit einer Terrororganisation.

Deswegen fordern die drei CDU-Abgeordneten Johannes Volkmann, Daniela Ludwig und Pascal Reddig, dass das Tragen eines Palästinensertuchs künftig vom Präsidium gerügt werden sollte. Man sehe darin einen Verstoß gegen die „Würde und Ordnung des hohen Hauses“. Parallelen ziehen die CDU-Abgeordneten in ihrem Schreiben zu einem Vorfall aus dem Jahr 2019, als der damalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) die Linken-Politikerin Martina Renner mit einem Ordnungsruf für das Tragen eines Antifa-Ansteckers am Revers versehen hatte.

Linken-Politikerin Köktürk weist Kritik zurück: Kufiya für CDU „bedrohlicher als Nazi-Symbolik“

Köktürk, die bei der Bundestagswahl 2025 über die Landesliste der Linkspartei in NRW erstmals ins Parlament eingezogen war, reagierte in einem Beitrag auf X mit Unverständnis auf die Forderungen aus der Union. „Die CDU setzt ihre Prioritäten klar: Statt sich mit dem Genozid in Gaza auseinanderzusetzen, fordern sie ein Verbot der Kufiya im Bundestag“, schrieb Köktürk am Mittwoch.

Die Linken-Abgeordnete kritisierte in ihrem Beitrag auch eine fehlende Reaktion der Union zu dem Auftritt des AfD-Abgeordneten Torben Braga bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags. Dieser soll dort eine blaue Kornblume am Revers getragen haben, die in den Dreißigerjahren als Erkennungszeichen von Anhängern der zu diesem Zeitpunkt verbotenen NSDAP in Österreich galt. „Für die CDU ist eine Kufiya bedrohlicher als Nazi-Symbolik“, schloss Köktürk ihren Beitrag. Der Thüringer AfD-Mann Braga wies die Vorwürfe auf Anfrage der Berliner Zeitung zurück, da es sich bei der Blume nicht um eine Kornblume gehandelt haben soll.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

Köktürks Aktion hatte jedoch auch in der eigenen Partei für gemischte Reaktionen gesorgt. So hatte die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek das Tragen des Palästinensertuchs als „vollkommen richtig“ verteidigt. Der Linken-Politiker Andreas Büttener, seines Zeichens Antisemitismusbeauftragter des Landes Brandenburg, kritisierte das Tragen des Tuches als „ein starkes Symbol für palästinensischen Nationalismus und für Widerstand gegen Israel.“

CDU-Abgeordnete fordern Kufiya-Verbot im Bundestag – Klöckner droht Gegenwind aus dem Präsidium

Heikel könnte vor allem die Haltung des früheren Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) in der Debatte werden. Ramelow wurde in der vergangenen Woche zum Stellvertreter von Klöckner gewählt und gehört für die Linke dem Bundestagspräsidium an. Der 69-Jährige stellte sich in einem Beitrag auf X ebenfalls hinter Köktürk und verglich das Tragen des Palästinensertuchs im öffentlichen Raum mit dem Tragen einer Kippa oder eines Davidsterns.

Sollte Klöckner sich dazu entscheiden, den Aufforderungen ihre Parteikollegen nach einem Verbot nachzukommen, dürfte sie mit Ramelow einen Gegner der Maßnahmen direkt in ihrem Präsidium haben. Eine Reaktion der Bundestagspräsidentin blieb bislang jedoch aus. (fd)

Rubriklistenbild: © Montage: Kay Nietfeld/dpa/Screenshot/@cansinkoek

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