VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
In Verhören sollen gefangene Hisbollah-Kämpfer von ihrer Furcht vor der israelischen Armee berichtet haben. Beobachter eher Vorboten eines Sturms.
Jerusalem – „Diese ganze große Formation, die sie Hisbollah nennen, bricht zusammen“, sagte Yoav Gallant gegenüber israelischen Soldaten. Wie die Times of Israel aktuell berichtet, soll der israelische Verteidigungsminister vor seinen Truppen erklärt haben, dass die von Israel gefangen genommenen und verhörten Hisbollah-Mitglieder „verängstigt“ seien und dass die vom Iran unterstützte Terrorgruppe „zusammenbreche“, wie das Blatt schreibt.
Der Minister aus dem Kabinett von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll insofern einen Kollaps der Feinde Israels angedeutet haben, so kurz nach dem ersten Jahrestag des Gaza-Krieges am 7. Oktober. Möglicherweise deutlich verfrüht – der Nahe Osten bleibt ein Pulverfass.
„Wir bewegen uns von einer Situation, in der wir den Feind Dorf für Dorf besiegen, zur Zerstörung – wir sprengen die Tunnel und Munitionsdepots und zerschlagen die Hisbollah“, erklärte Gallant den Truppen, wie die Times of Israel weiter berichtet. Israel sieht sich seinem Ziel offenbar nahe gekommen. Dem widersprechen allerdings Wissenschaftler mit einer aktuell veröffentlichten Analyse – die spricht von der ernsten Gefahr, dass der Krieg zwischen Israel, der Hisbollah und dem die Terroristen unterstützenden Iran weiter Raum greift.
Eskalation: Die Zahl der Gewalttätigkeiten zwischen Israel und der Hisbollah deutlich erhöht
Sowohl das Ausmaß als auch die geografische Reichweite der Gewalt zwischen den Kriegsparteien habe dramatisch zugenommen, veröffentlicht der U.S.-amerikanische Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS). „Die Zahl der gewalttätigen Vorfälle im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah hat sich in der letzten Septemberwoche im Vergleich zum wöchentlichen Durchschnitt zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. August 2024 um das 4,5-fache erhöht“, schreiben die Autoren Daniel Byman, Seth G. Jones und Alexander Palmer.
„Die jüngsten Angriffe Israels könnten bei den Anführern der Gruppe das Gefühl wecken, dass ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, wenn sie nicht reagieren. Die Hisbollah könnte auch das Gefühl haben, dass Israels Operationen unerbittlich sein werden, selbst wenn es keine Vergeltungsmaßnahmen gibt, und dass die Gruppe daher ihre Fähigkeiten verlieren könnte, wenn sie diese nicht nutzt.“
Der israelische Optimismus stützt sich auf die Gefangennahme dreier Mitglieder der Hisbollah-Eliteeinheit Radwan. Die Terroristen wären in einem Schacht unter einem Gebäude im Südlibanon entdeckt worden im Verlauf einer Bodenoffensive gegen die libanesische Terrorgruppe, wie die Times of Israel schreibt. Entgegen der jetzigen Einlassung des Verteidigungsministers klang die erste Video-Veröffentlichung der Verhöre auf youtube nach dem genauen Gegenteil – obwohl die Times of Israel einräumt, dass das Video des verhörten Hisbollah-Kämpfers auch einen anderen als einen der drei aktuellen Gefangenen zeigen könnte.
Dem Verhörten zufolge, sei das erste Ziel der Kämpfer, „auf alle Angriffe zu reagieren“, die auf sie zukommen würden. Das zweite langfristige Ziel sei, „vielleicht bis nach Galiläa vorzudringen“, schreibt das Blatt weiter. Diese Bemerkung bezüglich einer Invasion Israels decke sich demnach mit Diskussionen in der israelischen Armee während der vergangenen Wochen. Offenbar plante die Hisbollah nach dem Sturm auf Galiläa, um dort ein Blutbad anzurichten, ähnlich dem der Hamas durch ihren Angriff am 7. Oktober 2023. Dazu seien offenbar Tausende Terroristen im Süden Israels nahe der libanesischen Grenze in Stellung gebracht worden.
Analyse: Offener Krieg im Nahen Osten vermeidbar – Israel setzt wohl auf Angriff
Der Tod des Hisbollah-Anführers Hassan Nasrallah durch eine israelische Attacke in Beirut habe die Pläne dann aber offenbar vereitelt. Die CSIS-Analysten halten einen offenen Krieg im Nahen Osten für vermeidbar – trotz des wachsenden Risikos; allerdings enthält ihre Analyse keinen Hinweis darauf, dass die Hisbollah kollabiere. Einen Frieden sehen sie untrennbar verknüpft mit Verhandlungen über die Einrichtung einer Pufferzone entlang der israelisch-libanesischen Grenze. Ansonsten bliebe tatsächlich nur die Lösung, die Angriffsmöglichkeiten der Terrororganisation ganz erheblich zu schwächen – Israel setzt offenbar auf die letzte Option.
Die Eskalation der Gewalt Ende September überträfe jede andere Phase des Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah „bei weitem“, schreiben Byman, Jones und Palmer: „Nachdem Israel in den elf Monaten nach dem 7. Oktober durchschnittlich etwa 160 Angriffe pro Woche durchgeführt hatte, griff Israel den Libanon in der Woche vom 15. September mehr als 300 Mal und in der Woche vom 22. September mehr als 700 Mal an“, lautet deren Analyse über Israels steigende Offensivkraft. Aber offenbar hält die Hisbollah ebenso offensiv dagegen, sonst wäre der Konflikt längst vorüber.
Ein Rätsel: Stärke der Hisbollah unbekannt – Experten rechnen mit 200.000 Distanwaffen
Grundsätzlich gehen die Angriffe der Hisbollah rund 20 Jahre in der Geschichte des Libanon zurück. Wie viel Mann die Hisbollah aktuell unter Waffen hat, ist unbekannt: Niemand wisse, wie stark die Hisbollah tatsächlich noch ist – vielleicht noch nicht mal ihre Anhänger, schreibt aktuell die Tagesschau.
Die aktuelle CSIS-Analyse rechnet mit bis zu 200.000 Distanzwaffen in Händen der Hisbollah aufgrund iranischer Unterstützung. Das Arsenal enthält demnach „ungelenkte Kurz- und Langstreckenraketen, ungelenkte ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen und gelenkte Kurz- und Mittelstreckenraketen wie die Fateh-110/M-600 und Qadr-1“, wie das CSIS schreibt. Möglicherweise wird auch das israelische Luftabwehr-System Iron Dome in dem Zusammenhang seine Wirkung einbüßen. Die Überlegungen mancher Thinktanks gehen in Richtung eines Atomschlages. Vermutlich sogar durch Israel.
UN-Generalsekretär António Guterres hatte Ende September Alarm geschlagen, dass „im Libanon die Hölle losbricht“, und forderte den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer Krisensitzung auf, die Hisbollah und Israel zum Rückzug vom Rande eines potenziell katastrophalen Krieges in der Region aufzufordern. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden spricht aktuell die Warnung aus, dass die Hisbollah im Krieg in Israel den Iron Dome an seine Grenzen bringen könnte. Allerdings hatte der jüngste Gegenschlag des Iran mit fast 200 Raketen nur optisch Wirkung erzielt – und könnte Israel dennoch zwingen, das Konzept seiner Luftabwehr zu überdenken.
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Israel hielt gegenüber den Vereinten Nationen (United Nations) fest, dass die Hisbollah seit dem 8. Oktober aus Solidarität mit der Hamas fast 9.000 Raketen und Hunderte Panzerabwehrraketen auf die Zivilbevölkerung abgefeuert habe, wodurch 70.000 Zivilisten zu „Flüchtlingen im eigenen Land“ geworden seien, wie die UN veröffentlicht haben. Kein Land werde tatenlos zusehen, wenn seine Bürger angegriffen würden, betonte Israel und merkte an, dass dessen Armee am 20. September „Terroristenführer während eines Treffens angegriffen habe, bei dem sie einen zweiten 7. Oktober planten“, so die UN.
Sollte die aktuelle Botschaft des israelischen Verteidigungsminister Yoav Gallant den Tatsachen widersprechen, dann kann sie nur dazu dienen, israelische Soldaten zum unbedingten Durchhalten gegen den Terror zu motivieren. Ein riskantes Unterfangen – vermuten die USA, denn selbst wenn die Hisbollah in die Knie ginge, würde sie der Iran aller Voraussicht nach stützen. „Wenn die Achse des Widerstands nicht funktioniert, dann ist die einzige Abschreckung vielleicht eine nukleare Abschreckung“, sagt David Albright gegenüber der Washington Post.
Prognose: Kurs von Präsident Netanjahu deutet an, dass der Konflikt schnell „nuklear wird“
Tatsächlich berichtete das Bulletin of the Atomic Scientists im Februar dieses Jahres von simulierten Kriegsspielen zwischen Israel und dem Iran mit dem Ergebnis: „Es wurde schnell nuklear“. Die fiktive militärische Planung US-amerikanischer Militärs und Wissenschaftler mit der U.S.-Bildungseinrichtung Nonproliferation Policy Education Center beginnt im Jahr 2027 und fußt auf Geheimdienstberichten, denen zufolge der Iran tatsächlich seine Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen ausrüstet, worauf Israel vorbeugend dessen Atomanlagen und Basen angreift.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Allerdings ergebnislos. Solange der Iran diese Möglichkeit in der Hinterhand behielte, sei Israel quasi gezwungen, eigene atomare Waffen einzusetzen. Vor allem deshalb, weil die Hisbollah aufgrund der aktuellen konventionellen militärischen Operationen kaum klein beigeben wird, wie die CSIS-Autoren vermuten – für sie steht die nächste „Gegeneskalation der Hisbollah“ im Raum, wie Daniel Byman, Seth G. Jones und Alexander Palmer mutmaßen.
„Die jüngsten Angriffe Israels könnten bei den Anführern der Gruppe das Gefühl wecken, dass ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, wenn sie nicht reagieren. Die Hisbollah könnte auch das Gefühl haben, dass Israels Operationen unerbittlich sein werden, selbst wenn es keine Vergeltungsmaßnahmen gibt, und dass die Gruppe daher ihre Fähigkeiten verlieren könnte, wenn sie diese nicht nutzt.“
