Die Diva auf dem Schlachtfeld: Zu schwer, zu komplex, zu wenig kriegstauglich. In der Ukraine mehren sich die Klagen über die Westpanzer, die an einem solchen Untergrund vorbeigeplant wurden. (Symbolbild)
Ukrainische Panzerbesatzungen fangen an zu verzweifeln: West-Panzer enttäuschen auf breiter Front. Gegen Drohnen-Angriffe sind sie zu schwerfällig.
Awdijiwka – „Lobo“ ist richtig sauer: „Sie mögen also unsere übergewichtigen Tanks nicht? Welche anderen Waffen der Nato oder der USA gefallen Ihnen nicht? Bitte geben Sie uns eine Liste der in die Ukraine geschickten Waffen, die Ihrer Meinung nach wertlos sind, damit wir sie für unseren eigenen Gebrauch behalten können. Beißen Sie in die Hand, die Sie füttert, und sehen Sie, wie sich das auf Sie auswirken wird.“ „Lobo“ ist ein Leser, der einen aktuellen Artikel der Kyiv Post kommentiert, in dem es darum geht, inwieweit die Lieferung westlicher Panzer eine gute Idee gewesen war – angesichts ihrer vermeintlich unterdurchschnittlichen Leistungen und der ausufernden Diskussion darüber in den westlichen Regierungen.
Die Kyiv Post stürzt sich auf ein Video, in dem ein stehender Panzer – vermutlich ein amerikanischer M1A2-Abrams – in die Luft fliegt. Die Detonation wird am hinteren Teil des Turms zuerst sichtbar. Drei Besatzungsmitglieder booten hektisch aus dem Kampfpanzer aus, als die Munition Feuer fängt – die lagert im hinteren Sektor des Turms. Das Fahrzeug scheint leicht beschädigt worden zu sein. Aber die Granaten im Munitionsbehälter beginnen zu lodern, und das Feuer breitet sich über die Wanne des Panzers aus. 30 Sekunden später brennt das amerikanische Kampffahrzeug heftig und scheint auf dem besten Weg zu sein, völlig zerstört zu werden. Das Schicksal des vierten Besatzungsmitglieds ist unklar.
Abrams im Irak-Krieg: die Tödliche Waffe auf tragfähigem Boden
Laut der Kyiv Post ist das Video von der 79. Luftangriffsbrigade der Ukraine via Telegram veröffentlicht worden. Berichten zufolge stammen die Bilder aus dem östlichen Gebiet um Awdijiwka – wahrscheinlich ist das Fahrzeug von einer russischen FPV-(First Person View)-Drohne getroffen worden. In der Ukraine mehren sich die Stimmen, die die westliche Technik schlecht reden. Dabei hat noch kein Panzer in einer vergleichbaren Gefechtssituation gestanden.
Die Gefechte der Abrams- und Challenger-Panzer im Irak-Krieg gegen die schlecht ausgebildeten irakischen Truppen waren anders gelagert: Den Sturz des Diktators Saddam Hussein sollte vor allem dessen gut gewappnete Elitegarde verhindern. „Diesen militärischen Bodyguards stehen moderne russische Kampfpanzer vom Typ T-72 zur Verfügung, den übrigen Einheiten dagegen nur in die Jahre gekommene Panzer vom TypT-55, T-59 und T-69, die importiert oder in Lizenz produziert worden sind“, schrieb damals der Stern. Außerdem war der sandige Boden für die Fahrzeuge geeigneter.
„Ein Mobility-Kill lässt einen Schwarm billiger Drohnen auftauchen, die können Granaten abwerfen und den Mobility-Kill ziemlich schnell in einen katastrophalen Kill verwandeln, ohne dass Artillerie erforderlich ist.“
Heute haben Drohnen das Gefechtsfeld übernommen, und ähnlich wie damals der Husarenritt der amerikanischen Streitkräfte durch die kuwaitische Wüste in den Rücken der Besatzer, kommen heutzutage die Drohnen wie aus heiterem Himmel. Die Kyiv Post zitiert den ehemaligen US-Offizier und Abrams-Kommandanten im Irak-Krieg Mike Riedmüller: für ihn liege die Begründung der enttäuschenden Leistung der besten West-Panzer im Ukrainischen-Krieg, darin, dass billige Drohnen das Schlachtfeld zu dicht bevölkerten, sodass fast jedes Mal, wenn ein Panzer in der Nähe der Frontlinie ausbricht, Schwärme von Drohnen herbeischwirren, um ihn anzugreifen.
„Ein Mobility-Kill lässt einen Schwarm billiger Drohnen auftauchen, die können Granaten abwerfen und den Mobility-Kill ziemlich schnell in einen katastrophalen Kill verwandeln, ohne dass Artillerie erforderlich ist“, sagte Riedmüller. Das Wrack wird zum Glanzstück der russischen Aufklärung, wie die russische Nachrichtenagentur Sputnik (früher Ria Novosti) berichtet – der flambierte Abrams wird jetzt filetiert: „Zuerst können wir die Wanne, den Turm und all diese Systeme untersuchen“, sagte der erfahrene Moskauer Militärexperte Alexej Leonkow Sputnik. „Wir können seine Schwachstellen identifizieren. Wir werden verstehen können, wie das Feuerleitsystem und die Waffe das Schießen gewährleisten. Das heißt, wir können all diese mechanischen Details herausfinden. Und natürlich werden wir, nachdem wir seine Schwachstellen identifiziert haben, die notwendigen Anpassungen vornehmen, damit der Panzer mit allen Arten von Panzerabwehrwaffen zerstört werden kann.“
Abrams im Ukraine-Krieg: US-Militärs hatten vor dem matschigen Boden gewarnt
Die Amerikaner hatten das kommen sehen, wie die Tagesschau berichtet hatte: US-Präsident Joe Biden habe der Lieferung von Abrams-Kampfpanzern in die Ukraine nach Angaben des Weißen Hauses nur aufgrund des Drucks aus Deutschland zugestimmt. „Er hatte sich ursprünglich dagegen entschieden, sie zu schicken, weil sein Militär sagte, dass sie auf dem Schlachtfeld in diesem Kampf nicht nützlich seien“, sagte Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan dem Sender ABC.“
Allerdings wäre demnach nicht Bundeskanzler Scholz (SPD) die Wurzel allen Übels, sondern der konservative britische Premierminister Rishi Sunak, der mit der Lieferung von 14 Challenger 2-Panzer Deutschland erst in Zugzwang gebracht hatte; und der Ärger der Ukraine mit den britischen Challenger ist sogar noch größer als mit seinem amerikanischen Waffenbruder, wie die Kyiv Post aus dem Lager der ukrainischen Militärs berichtet: „Hochmoderne Optik, panzerbrechende Granaten aus abgereichertem Uran, das weltbeste Hauptgeschütz, thermische Visiere, Windsensoren und Feuerleitcomputer, die sich an die Erdrotation anpassen können, würden Challenger 2 zweifellos auf einen Schlag tödlich machen im Kampf eins-gegen-eins, aber da solche Kämpfe nicht stattfinden, besteht ein Großteil dieser Ausrüstung hauptsächlich aus zusätzlichem Gewicht, sagten einige Panzerbesatzungen.“
Die ukrainischen Besatzungen klagen darüber, dass der Panzer mit 64 Tonnen zu schwer sei für die meisten ukrainischen Brücken oder generell das weiche Gelände – das Risiko des Steckenbleibens fährt immer mit; und sie klagen ebenso darüber, dass Ersatzteile chronisch knapp seien. Auch der Leopard 2 schleppt ähnlich viele Pfunde herum, der Abrams bringt sogar fünf Tonnen mehr auf die Waage.
Putins Panzer-Oldtimer aus Sowjetzeiten: das Schweizer Messer des Ostblocks
Der erste Challenger ging im September 2023 nahe Robotyne in Flammen auf. Berichten zufolge wurde der Panzer bei einem Angriff von Artillerie getroffen, blieb stehen und wurde dann in Brand gesteckt. Der britische Verteidigungsminister Grant Shapps hatte laut heimischen Medienberichten ausgeschlossen, weiteren Ersatz zu liefen.
Letztendlich hat der Nato-Partner Slowenien der Ukraine den scheinbar größten Dienst erwiesen: Ljubljana hatte relativ schnell nach Kriegsausbruch 28 alte Kampfpanzer T-55S an die Ukraine abgegeben. Noch immer macht das alte Streitross aus Sowjetzeiten gegen Wladimir Putins Truppen eine gute Figur, wie jetzt das Magazin Forbes schreibt. Allerdings ist aus dem ursprünglichen Modell inzwischen ein Do-It-Yourself-Lazarus geworden.
Nach zwei Jahren Krieg ringt die ukrainische Armee vor allem darum, den Hybridpanzer passend zu modifizieren; in den eingesetzten Modellen werden die Wannen und Türme von sowjetischen T-55-Panzern aus den 1950er-Jahren mit modernen israelischen Feuerleitsystemen und einem klassischen 105-Millimeter-Hauptgeschütz aus Großbritannien kombiniert. Die mit 36 Tonnen eher leichten T-55S trafen Ende 2022 ein und schlossen sich als ein Bataillon der neuen 47. mechanisierten Brigade an – im Verbund mit den Abrams-Kampfpanzern.
Mögliche Asse in der Gegenoffensive: der US-Bradley und Schwedens CV-90
Der sowjetische Oldtimer ist allerdings für fast alle Aufgaben unter fast allen Bedingungen einsetzbar. Für den Ostblock ein Schweizer Messer. Wegen seines minimalistischen Konzepts konnte er über die Jahre hinweg mit geringem Aufwand technisch mit dem Niveau seiner westlichen Kontrahenten mithalten. Mit der Einführung neuer Kampfpanzer wie dem Leopard 2, M1 Abrams, beziehungsweise im Osten dem T-72, trat der T-55 ins zweite Glied zurück, wurde jedoch weiterhin sowohl von der Sowjetunion, als auch ihren Verbündeten im Warschauer Vertrag in großem Umfang genutzt. Für die Ukraine eine echte Lebensversicherung.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Allerdings scheint der Panzerkampf aufgrund der gescheiterten Gegenoffensive insgesamt seltener geworden zu sein. Der Challenger beispielsweise steht oftmals an Waldsäumen und wird als Haubitze eingesetzt. Einige Einheiten haben Panzer bei Angriffen auf Waldlinien und bei schlechtem Wetter in kleineren beweglichen Operationen eingebunden. In städtischen Kämpfen haben beide Seiten von Zeit zu Zeit einen Panzer anrollen lassen, um starke Verteidigungsstellungen zu sprengen.
Der US-Panzermann Riedmüller könnte „Lobos“ Frage beantworten, was auf die Retourenliste kommen sollte: Ihm zufolge gehörten alle schweren Kampfpanzer darauf, Challenger, Abrams, Leopard. In der Kiew Post spricht er von einem kapitalen Versagen der westlichen Politik: „Munition, mehr Drohnen , mehr Bradleys oder CV-90, mehr Artillerie und so ziemlich alles andere wäre besser angelegtes Geld gewesen.“ „Das ist im Nachhinein offensichtlich, aber damals war das auch schon zu erkennen, und der Westen hätte das sehen müssen.“