Erfolgreiche Guerilla-Taktik: Mit ihrer Offensive bei Kursk hat die Ukraine russische Offensiven in der Ukraine verlangsamt und bei Kursk eine effektive Gegenoffensive Russlands unterbunden. Ein Teilerfolg für das angegriffene Land (Symbolfoto).
Die Ukraine ist wieder handlungsfähig und Russland intensiviert seine Truppen in Kursk. Aber wie an allen Fronten: Der Ausgang ist unvorhersehbar.
Kursk – „Durch überraschende Offensiven über die dünn bewachte Grenze kann die Ukraine einen Guerillakrieg auf operativer Ebene führen und damit ihre allgemeine Erschöpfungsstrategie unterstützen“, sagt Robert G. Rose. Der US-Sender CNN zitiert den Major der US-Armee und Autor des Modern War Institute in West Point dahingehend, dass die überraschende Invasion in die russische Region Kursk Russlandmilitärisch stärker in Bedrängnis bringt als gedacht: Laut dem Magazin Newsweek komme Russlands Gegenoffensive kaum in Schwung; außerdem seien die Offensiven in der Ostukraine offenbar stärker gestört, als Wladimir Putin das der Welt weismachen wolle.
Der ukrainische Einmarsch in den Bezirk Kursk hat Berichten zufolge geplante russische Offensiven entlang des internationalen Grenzgebiets vereitelt; die hatten wahrscheinlich darauf abgezielt, das Gebiet aktiver Kampfhandlungen auf eine breitere Front in der Nordostukraine auszudehnen– das berichtet aktuell der Thinktank Institute for the Studies of War (ISW). Demnach habe der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 13. September behauptet, die ukrainische Operation in Kursk habe russische Pläne durchkreuzt, mehrere Pufferzonen entlang der ukrainischen Grenze „von Osten nach Norden“ zu schaffen, darunter im Bezirk Sumy
Selenskyjs Teilerfolg: Kursk bedeutet einen Verlust von Putins militärischer Souveränität
Selenskyj erklärte, laut dem ISW, die russischen Streitkräfte hätten große Offensiven starten wollen, um regionale Zentren einzunehmen – damit habe er wahrscheinlich von den Regionalhauptstädte Sumy und Charkiw gesprochen. Sumy und Charkiw liegen etwa 25 beziehungsweise 30 Kilometer von der internationalen Grenze entfernt. Trotz verschiedener Berichte und fortwährender russischer Erklärungen habe sich die Ukraine wohl weiterhin in Kursk festgesetzt und beschäftige dort russische Kräfte zu Zehntausenden.
„Es wird immer schwieriger. Es wird mehr Artilleriefeuer geben, mehr Soldaten, und es wird sehr große und schwierige Schlachten geben, aber wir müssen alles tun, was wir können, um unsere Position zu verbessern – die Ukraine will Frieden, aber Frieden, wenn wir gewinnen, nicht, wenn wir verlieren.“
Laut Robert Rose werde in Kursk offenbar ein anderer Krieg geführt als auf ukrainischem Territorium: Als Russland 2023 über Zeit und Truppendichte verfügt hatte für eine durchgehende Verteidigung in der Tiefe, seien Manöver für die Ukraine unmöglich geworden. Dazu benötigt hätte sie Schwachstellen in der russischen Verteidigung, die ihr aber fehlten. „Als Russland Zeit hatte, Hunderte Meter tiefe Minenfelder zu errichten, die von Tausenden von Drohnen überwacht und von einer überwältigenden Überlegenheit an Artillerie gedeckt wurden, hatte die Ukraine keine Gelegenheit, ein Manöver durchzuführen“, schreibt Rose.
In Kursk hätten sich, ihm zufolge, die Verhältnisse beinahe umgedreht. Der Ukraine käme ihr ihre militärisch dezentrale Organisation zugute, und Russland fehle die Flexibilität einer geordneten Verteidigung, geschweige denn der Organisationsgrad einer effektiven Gegenoffensive. Die Ukraine sei demnach an dieser Front wieder manövrierfähig.
Selenskyjs Taktik: Er will Russland auch in Kursk in einen Zermürbungskrieg zwingen
Rose behauptet, die Ukraine könne weiterhin Schwachstellen an ihrer Grenze zu Russland ausnutzen. Laut dem Oberkommandierenden der ukrainischen Streitkräfte, Oleskandr Syrsky, habe Russland 30.000 Soldaten nach Kursk verlegt – da die Front doppelt so lang sei, könne Russland ohne eine massive, politisch unpopuläre Mobilisierung nicht die gleiche Truppendichte wie in der Ukraine erreichen, schreibt Rose. „Da es verzweifelt nach neuen Rekruten sucht, zahlt es seinen Soldaten bereits das Dreifache des Durchschnittslohns. Russland kann sich nicht überall effektiv verteidigen.“
In seinem aktuellen Aufsatz lobt Rose die ukrainische Taktik, den russischen Gegner an allen möglichen Fronten zu einem Zermürbungskrieg zu zwingen – allerdings zerbrechen sich Analysten die Köpfe, welche Ressourcen hinter der russischen Kriegsmaschinerie stecken. Einige Beobachter sehen mit jedem abgeschossenen Panzer die russischen Kräfte der Erschöpfung näher rücken, anderen scheint denkbar, dass Wladimir Putin den Krieg bis mindestens 2026 führen kann – und fünf bis acht Jahre später sogar in der Lage sei, die Nato ernsthaft zu bedrohen.
Allerdings bringt die Ukraine Russland auf dem eigenen Territorium in Bedrängnis – so klein und territorial unbedeutend der Verwaltungsbezirk auch sein mag. Als operativer Ansatz nutzt das Manöver Tempo und Überraschung – Rose sieht in Kursk Risse in der russischen Phalanx: „Ihre Kampfsysteme brechen auseinander, ihre Streitkräfte werden umgangen oder eingekreist und sie sind nicht mehr in der Lage, wirksamen Widerstand zu leisten“, schreibt er. Das sei der Guerilla-Ansatz: mit Tempo und Überraschung Schwachstellen ausnutzen, um den Feind daran zu hindern, sich umzugruppieren, eigene Einheiten zu synchronisieren und den Nachschub stabil zu gewährleisten.
Russland improvisiert: An der Gegenoffensive bei Kursk sind Kräfte aus 61 Einheiten beteiligt
Das ISW berichtet aktuell davon, dass Russland im Raum Kursk inzwischen sogar über bis zu 45.000 Kräfte verfügen solle. Allerdings fehlen offenbar belastbare Belege, welche Seite in welchen Regionen die Kontrolle ausübt. Mehrere Medien stützen sich auf die ISW-Berichte, wonach die Ukraine wohl von den behaupteten 100 eroberten Siedlungen möglicherweise bereits wieder ein Fünftel eingebüßt habe, dass aber punktuelle Gegenoffensiven der Russen gescheitert seien.
Das ISW berichtet aufgrund von Meldungen beider Kriegsparteien, dass die Ukraine Fortschritte mache im Bezirk Glushkovo in der Nähe der Dörfer Tyotkino und Sudscha und vorher in Veseloye operiert und das auch eigenommen hätte. Allerdings ist weiterhin fraglich, welchen taktischen Nutzen die Ukrainer davon hätten, beziehungsweise, welches strategische Ziel damit verbunden wäre. Wenn sich das Ziel darin erschöpfe, russische Truppen zu binden und zu beschäftigen, könne der Ukraine ein Erfolg kaum abgesprochen werden.
Die prekäre Situation der Russen spiegele sich nach Berichten des ukrainischen Militärbeobachters Kostyantyn Mashovets darin wider, dass offenbar Kräfte aus etwa 61 verschiedenen russische Einheiten unterschiedlicher Größe mit insgesamt etwa 35.500 russischen Soldaten in Kursk zusammengewürfelt seien, schreibt er auf seinem Telegram-Kanal. Eine konzertierte Gegenoffensive zur Rückeroberung der von ukrainischen Streitkräften dort besetzten Gebiete „würde höchstwahrscheinlich noch mehr Truppen und Material erfordern, als Russland bereits in der Region konzentriert hat, und daher zusätzliche russische Truppenabzüge aus der Ukraine erfordern“, vermutet das ISW.
Russlands Realität: Verluste durch persönliche Fehden zwischen Offizieren und Mannschaften
Das ISW berichtet auch von zwei gegenläufigen Tendenzen, die den Zustand der russischen Armee charakterisieren. Einige russische Kommandeure sollen weiterhin weitgehend auf infanteristische Frontalangriffe setzen, obwohl Kommando-Unternehmen weniger verlustreich beziehungsweise erfolgreicher verlaufen könnten – Untergebene, die diese Fehlentscheidungen kritisierten, würden trotz ihrer Spezialausbildungen, wie etwa Maschinengewehr-Schützen oder Cyber-Spezialisten, zu Himmelfahrtskommandos abkommandiert werden – zwei Drohnen-Piloten hatten wohl vor ihrem tödlichen Einsatz kritische Videos gedreht und ins Netz gestellt.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Russische Militärblogger hätten ähnliche Geschichten gesammelt und weiter verbreitet. Möglicherweise sollen auch persönliche Fehden zwischen unterschiedlichen Dienstgraden zu Abkommandierungen zu Himmelfahrtkommandos führen. Laut dem ISW kursieren darüber hinaus auf Telegram Berichte, dass Russland offenbar in den besetzten Gebieten auch verstärkt mobilisiere.
Der Kreml soll demnach die Jugend in der besetzten Ukraine „zu militarisieren“ versuchen, um Russlands langfristige Bemühungen zu unterstützen frische Truppen aufzubauen, wie das ISW schreibt. „Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte angeblich Filmmaterial von russischen Soldaten, die ukrainischen Oberschülern im besetzten Mariupol den sicheren Umgang mit Sprengstoffen beibringen“, so das ISW.
Dass der Krieg auch in Kursk so lange dauern wird, bis eine der beiden Armeen erschöpft ist, scheinen alle kämpfenden Soldaten zu glauben; einen hat der Sender CNN kürzlich interviewt: Wassyl, oder „Bumblebee“ (zu Deutsch: Hummel), wie sein Kampfname lautet: „Es wird immer schwieriger. Es wird mehr Artilleriefeuer geben, mehr Soldaten, und es wird sehr große und schwierige Schlachten geben, aber wir müssen alles tun, was wir können, um unsere Position zu verbessern – die Ukraine will Frieden, aber Frieden, wenn wir gewinnen, nicht, wenn wir verlieren.“ (KaHin)