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Die LGBTQIA+-Community ist in Deutschland präsenter denn je, auch in Büchern. Gegner:innen greifen die Diversität auf dem Buchmarkt an. Das hat Folgen.
Bücher sind gefährlich?! Spätestens seit Cornelia Funks Romanreihe „Tintenherz“ darf darüber unter Kenner:innen freudig gestritten werden, doch auch abseits von Lesefreund:innen werden in den letzten Monaten immer öfter Bücher als gefährlich eingestuft, verbannt, aus Bibliotheken entfernt oder sogar direkt verbrannt.
In den USA sind bereits weit über 1000 Werke auf dem Index, in Ungarn verschwinden derzeit ebenso viele Druckerzeugnisse vom Markt – allesamt ist ihnen zu eigen, dass sie queere Themen behandeln. Deshalb wundert es unsere Kolleg:innen von BuzzFeed US nicht, dass die LGBTQIA+ Community gezielt angegriffen wird.
Ein Sturm im Wasserglas? Mitnichten. In den USA versuchte gerade erst die Buchmesse Banned Books Weeks das Thema präsenter zu machen, Stargast war der Chefingenieur der sagenumwobenen Enterprise, Lieutenant Commander Geordi La Forge alias US-Schauspieler LeVar Burton. Die Angriffe kommen dabei zumeist vom politisch rechten Rand und nehmen an Radikalität und Ausmaß immer weiter zu – auch in Deutschland, wie die lesbische Schriftstellerin und Kolumnistin Marie Miro BuzzFeed News Deutschland erklärt:
„Während der römischen Inquisition gab es bei den Katholiken schon einmal ein Verzeichnis der verbotenen Bücher, das scheinen die Moralwächter von heute erneut ins Leben rufen zu wollen. Mal ehrlich, hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, in einem demokratischen Land gibt es wieder Buchverbrennungen, hätte ich das auch für unmöglich gehalten.“ Miro schreibt Kinderbücher („Das Haus mit der Ecke“) und Essays. Die Vergangenheit sollte Vergangenheit bleiben, denn früher war eben nicht alles besser.
Buchhändler:innen fürchten Anfeindungen
Bis jetzt sind die Angriffe in Deutschland im großen Stil zwar noch ausgeblieben, doch mit dem Erstarken der queerfeindlichen AfD und einer Diskursverschiebung geht auch bei einigen deutschen queeren Autor:innen die Angst um. „Als ich mein Buch über die lustvolle Sinnsuche eines jungen schwulen Mannes vor einigen Jahren veröffentlicht habe, gab es bereits seitens einiger Kirchenvertreter:innen in Norddeutschland Proteste, sie verlangten – zum Glück erfolglos –, dass das Werk aus der Auslage einiger Buchläden verschwinden müsse. Das war 2016.“
„Wenn ich heute mit einigen Eigentümer:innen von Buchhandlungen ins Gespräch komme, erlebe ich, dass viele von ihnen queere Bücher lieber gar nicht mehr optisch auffallend im Laden positionieren wollen, schlicht aus Angst, es könnte zu Anfeindungen oder einem geschäftsschädigenden Shitstorm kommen“, sagt Autor Michael Soze („Gott fickt gut“). Es sei oftmals eine vorauseilende subtile erste Form von Unterdrückung, man gehe den Weg des geringsten Widerstandes.
Mehr zum Thema: BuzzFeed News Deutschland hat mit dem queeren Autor Norman Wolf gesprochen.
Queere Buchbranche in Deutschland wächst
Das lässt sich natürlich nicht für alle Buchhandlungen sagen, speziell für jene nicht, die an vorderster Front kämpfen und sich auf queere Werke spezialisiert haben. Im deutschsprachigen Raum gibt es noch drei größere Buchläden dieser Art in Berlin, Stuttgart und Wien. Veit Georg Schmidt von der Buchhandlung Löwenherz hält es für wichtig, dass die Lage keineswegs beschönigt werde, allerdings steht für ihn auch fest, dass die queere Buchbranche in Mitteleuropa derzeit eine große Form der Freiheit erlebe, gerade mit Blick auf eben jene Nachbarländer wie Ungarn, Polen, die Türkei oder auch Russland, wo die Zensur immer weiter zunimmt.
„Verunglimpfung und Hetze gegen schwule und lesbische Bücher hat es immer gegeben – und gleichwohl hat es auch immer solche Bücher gegeben. Wir erleben seit Jahren eine Blüte der schwulen und lesbischen Qualitätsliteratur, unsere Spartenverlage setzen Maßstäbe, die auch Publikumsverlage immer wieder dazu bringen, großartige Bücher für uns zu publizieren. Besonders schön ist die Entwicklung im trans* Bereich: Hier hatten wir ja bis vor wenigen Jahren fast nur Fremdliteratur. Seit einigen Jahren aber können wir ein mittlerweile beachtliches Sortiment an trans* Büchern aus der Eigenperspektive anbieten“, so Schmidt. Dennoch gibt es einige Probleme auf dem deutschen Buchmarkt, wie eine BuzzFeed News Recherche zeigt.
„Der queere Buchmarkt ist vielfältiger als je zuvor“
Ähnlich sieht das auch Jim Baker vom Querverlag, der BuzzFeed News Deutschland sagt: „Der queere Buchmarkt ist vielfältiger als je zuvor. Immer mehr Verlage – klein wie groß – geben queeren Autor:innen immer häufiger ein Forum. Das ist in meinen Augen eine gute Entwicklung. Ich wünsche allen Autor:innen, erst recht queeren Autor:innen, mehr Sichtbarkeit, bessere Präsenz auf dem Markt, höhere Verkaufszahlen, mehr Beachtung in der Presse und vor allem mehr Leser:innen.“ Auch diese deutschen Promis, von denen du vielleicht gar nicht wusstest, dass sie queer sind, tragen ihren Teil dazu.
Autorin Miro stimmt dem zu, gibt aber trotzdem zu bedenken: „Wir sind sichtbarer als jemals zuvor, das ist toll. Und immer öfter tritt die schwul-lesbische Autorenschaft auch offen und laut und kraftvoll mutig für ihre Werke ein. Aber ich bin ein vorsichtiger Mensch, vielleicht liegt das auch ein wenig an meinem familiären Background, der teilweise jüdisch ist. Ich sehe in diesen Tagen den Hass und die Verherrlichung von Gewalt auf den Straßen und erlebe, dass ganz selbstverständlich Gruppen gefeiert werden, die zutiefst homophob sind und alle Homosexuellen am liebsten einsperren oder hinrichten wollen würden.“
„Ich glaube nach wie vor an Deutschland als Rechtsstaat, was bleibt mir auch übrig, aber die Entwicklungen machen mir Angst. Wir sind sichtbarer als je zuvor und gerade deswegen auch umso deutlicher als Angriffsziel markierbar. Ich würde als kreativer Mensch aus der queeren Community daher immer dazu raten, vorsichtig und vorausschauend zu sein.“ Queere Berliner:innen fühlen sich in ihrer Stadt tatsächlich „unsicher“.
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„Noch nie hat es so viel Qualität in so großer Quantität gegeben“
Eine große Hoffnung, dass es in Deutschland weiterhin bergauf mit queeren Autor:innen geht, beruht für viele aus der Branche auch darauf, dass nicht nur das Angebot von queeren Büchern und die Sichtbarkeit stetig steigen, sondern auch die Leserschaft selbst diverser wird. „Bei marginalisierten Leser:innen, ob Schwarz, jüdisch oder eben queer, wird immer davon ausgegangen, sie würden sich nicht nur für ‚ihre‘ Themen interessieren, sondern genauso für Mainstream-Literatur. Fatal an dieser Annahme ist meiner Meinung nach, dass es umgekehrt selten bis gar nicht verlangt wird“, so Baker weiter. Dabei könnten einige ziemlich viel von „Book-Boyfriends“ lernen.
Genau dies ändere sich in letzter Zeit aber immer öfter, erwidert Schmidt: „Noch nie hat es so viel Qualität in so großer Quantität gegeben. Und: Nie hat es so viel leichte Muse über Homos gegeben, die von wohlmeinenden Heteros in Massen konsumiert werden. Natürlich hat all diese Genreliteratur von Romance bis Fantasy in etwa so viel mit unserer Lebensrealität zu tun wie ein Karl-May-Roman mit indigenem Leben in Amerika, aber alles, was den Mainstream einlullt und ihn wohlgesonnen macht, hilft.“
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Autor Soze will mit seinen Büchern Brücken bauen
Autor Soze kann diese Entwicklung nachvollziehen: „Ich veröffentliche inzwischen viele Texte auch auf diversen digitalen Plattformen und erlebe, dass selbst bei Geschichten, in denen schwule Männer, Liebe und Erotik im Mittelpunkt stehen, eine immer größere Gruppe von Leser:innen weiblich oder/und heterosexuell ist. Im Grunde ist das kein Zauberwerk, weil Gefühle wie Liebe, Schmetterlinge im Bauch oder auch Erotik ja universell erlebbar sind, doch bis vor wenigen Jahren gab es da vielfach noch so eine rote Linie, über die sich viele nicht getraut haben.“
„Ihnen fehlte der Mut, schwul-lesbische Literatur zu lesen, wenn sie selbst gar nicht homosexuell waren. Das ändert sich und ist eine wunderbare Entwicklung. Und es kann eine große Chance sein, Brücken zu bauen, sodass wir möglichen künftigen Anfeindungen dann gestärkt entgegensehen können.“ Dank einer BuzzFeed News Deutschland Recherche hat es auch rechte Literatur schwerer auf dem Buchmarkt.
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„Wir müssen die Chance nutzen“
Schmidt vom Wiener Buchladen sieht das ganz ähnlich: „Wir müssen die Chance nutzen: Hartnäckig alles zeigen, was einschlägig ist, und uns weder von homo-internen Grabenkämpfen noch von Mainstreaminteressen beirren lassen. Das können wir – nie waren die Rahmenbedingungen besser.“
„Schwule, lesbische, inter und trans* Autor:innen sollten sich darauf besinnen, worüber und für wen sie schreiben.“ Er wünsche sich dabei noch mehr gute queere Bücher, die wahrhaftig, aufrichtig, berührend und auch erschütternd seien. Je stärker aufgestellt und je mehr auch in der breiten Gesellschaft präsent, desto schwerer mag es fallen, auch in Deutschland queere Bücher (wieder) zu verbannen oder zu verbrennen. Besonders Bayern muss beim Thema queer allerdings noch aufholen.
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