„Aufrüstung aller Dinge“: Weit mehr Cyberangriffe auf die NATO – Putin geht „all in“
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Russland verfolgt eine Strategie für einen permanenten hybriden Kriegszustand – das fürchten Analysten. Neue Zahlen schockieren; auch in Deutschland.
Brüssel – „Die meisten von uns werden wahrscheinlich nicht erkennen, dass wir uns in einem globalen Konflikt befinden – zunächst“, schreibt das Magazin The Week. Diese Einschätzung wird von zahlreichen Beobachtern und auch von Militärexperten geteilt: Der Ukraine-Krieg ist aufgrund von Wladimir Putins Großmannssucht längst auf die NATO übergeschwappt: Dan Milmo schockiert mit der Meldung, der Kreml ließe seinen „Hybridkrieg“ gegen das westliche Militärbündnis auch schon eskalieren.
„V“ für Victory? Der russische Präsident Wladimir Putin gestikuliert während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident Donald Trump im August in Anchorage, Alaska. Mit seiner Strategie eines hybriden Krieges gegen den Westen wähnt er sich als kommender Sieger (Archivfoto)
Einer Analyse zufolge habe Russland seine Cyberangriffe auf die NATO-Staaten im vergangenen Jahr um ein Viertel gesteigert, berichtet der Autor des britischen Guardian. Fiona Hill beschreibt in einer anderen Ausgabe des Blattes das Szenario eines „nächsten Krieges“ als „systemverändernde Konflikte mit einer Vielzahl beteiligter Länder“. Oder vielmehr des „laufenden Krieges“, wie der Guardian die Politikexpertin und Beraterin der britischen Regierung zitiert: Hill ist davon überzeugt, „dass der Dritte Weltkrieg bereits begonnen habe, wenn wir es nur erkennen würden“, schreibt Autor Patrick Wintour. Dan Milmo bezieht sich aktuell im Guardian auf eine Studie des Software-Unternehmens Microsoft; der zufolge seien „neun der zehn Länder, die am stärksten von der Cyber-Aktivität des russischen Staates betroffen seien, Mitglieder der NATO“.
Putins mögliches Einfallstor in Deutschland: die Verhinderung der Auszahlung von Bürgergeld
Ohne nähere Angaben zu den exakten Zielen umfasse das attraktivste Ziel staatliche Aufgaben mit 25 Prozent. Wie sähe ein möglicher Angriff auf „staatliche Aufgaben“ aus, von wo aus könnte ein Hacker – in wessen Diensten auch immer – Unruhen in einem Land und Missstimmung gegen die Regierung provozieren? Eine denkbare weiche Flanke für Terror gegen den Staat bildete in Deutschland beispielsweise das Sozialsystem: etwa die Verhinderung der Auszahlung von Bürgergeld – ein Umstand, der den sozialen Frieden in Deutschland sofort zum Kippen brächte; durchaus eine realistische Gefährdungslage, wie jüngst der Digitalverband Bitkom in einer Studie festgehalten hat: Angriffe auf Unternehmen in Deutschland hätten in den vergangenen zwölf Monaten Schäden in Höhe von etwa 289 Milliarden Euro verursacht, berichtet über die Studie das Handelsblatt. Demzufolge sei das neuer Höchstwert – acht Prozent über der Schadenssumme des vergangenen Jahres. Allerdings verfolge Russland andere Prioritäten, so der Guardian.
„Die USA waren mit 20 Prozent aller Angriffe die am häufigsten betroffene Region, gefolgt von Großbritannien mit zwölf Prozent und der Ukraine – dem einzigen Nicht-NATO-Mitglied unter den Top 10 – mit elf Prozent“, schreibt Dan Milmo. „Hybride Kriegsführung durch fremde Staaten ist keine theoretische Gefahr, sie findet heute jeden Tag hundertfach in Deutschland statt“, zitiert das Handelsblatt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. Julia Dickson und Emily Harding vergleichen Russlands Offensiven im Datenraum mit Matrjoschka-Puppen. Wie die aus Holz gefertigte und bunt bemalte, ineinander schachtelbare russische Figuren sei Putins Cybercrime lediglich ein Teil einer übergeordneten kriegerischen Strategie. Neben Panzern, Kampfjets, Infanterie, Mord an Dissidenten und Diplomatie auf großem Parkett, wie die beiden Autorinnen des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) nahelegen.
Putins Krieg: Drohnen-Attacke auf Länder wie Polen oder Dänemark die Spitze eines Eisbergs
Seth Jones präsentiert in deren Analyse dazu deprimierende Untersuchungsergebnisse: Der Analyst kommt zu dem Schluss, dass sich „russische [hybride] Angriffe in Europa zwischen 2023 und 2024 fast verdreifacht haben, nachdem sie sich zwischen 2022 und 2023 vervierfacht hatten“. Historiker Richard Overy schreibt im Telegraph, dass Gegner verdeckt und über einen längeren Zeitraum hinweg Nadelstiche gegen das jeweils andere System setzen könnten, ohne dass der Verdacht einer kriegerischen Handlung oder einer militärischen Intervention entstünde; dass sich Konflikte also verschärften, selbst wenn die Gegner einen offenen Krieg vermieden: Hierbei beispielsweise „besteht die Möglichkeit, dass die Zerstörung der Satellitenkommunikation die militärische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der anderen Seite untergräbt“.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Guardian-Autor Dan Milmo legt nahe, dass die Drohnen-Attacke auf Länder wie Polen oder Dänemark die Spitze eines Eisbergs war – ein sichtbares Zeichen von militärischen Aktivitäten; vermutlich initiiert von Wladimir Putin. Die Dänen sind zumindest in der Kommunikation dahingehend klar: „Dänemark war in den letzten Tagen hybriden Angriffen ausgesetzt und auf dänischem Boden findet derzeit ein hybrider Krieg statt“, sagte Mette Frederiksen in einer Videoansprache gegenüber ihrem Volk, nachdem Drohnen über Flughäfen und einem Luftwaffen-Standort im Süden des Landes aufgetaucht waren. Die dänische Zeitung Berlingske fasste die Ausführungen der dänischen Ministerpräsidentin deutlich zusammen: „Es gibt einen hybriden Krieg auf dänischem Boden.“
Fortsetzung des Ukraine-Krieges: „Äußerst beunruhigende und sehr reale ,Aufrüstung aller Dinge‘“
Das unterstreicht das Magazin The Conversation in einer aktuellen Analyse: Russland verfüge nun über eine Strategie für einen permanenten hybriden Kriegszustand, behauptet Stefan Wolff. Der Professor für Internationale Sicherheit an der Universität Birmingham unterstellt Putin, unter den Bezeichnungen „Gerassimow-Doktrin“, „nichtlinearer Krieg“ oder „Kriegsführung der neuen Generation“ einen ausgeklügelten Plan gegenüber allen Feinden seines Herrschaftsbereiches zu verfolgen – möglicherweise reicht der von Einzelpersonen über Organisationen, bis hin zu einzelnen Staaten oder Staatenverbänden. „Hinter diesen Begriffen verbirgt sich die äußerst beunruhigende und sehr reale ‚Aufrüstung aller Dinge‘ – Moskaus Strategie zur Umgestaltung der internationalen Ordnung.“
Ihm zufolge gelte immer noch das russische Zarenreich als Ziel von Putins Restititionsbemühungen; die aktuelle Strategie verfährt zweigleisig: die Ukraine in den Staub zu treten und die Unterstützungsbereitschaft des Westens zu brechen; daneben einen Keil zu treiben zwischen EU und NATO, damit Russland seinen Einfluss in Mittel- und Osteuropa zurückgewinnen könne. Der Ausbau der hybriden Kriegsführung signalisiert für Stefan Wolff eines ganz deutlich, wie er in The Conversation schreibt: „Dass Russland die Fähigkeit und den Willen besitzt, die Kosten für die Unterstützung der Ukraine für Europa inakzeptabel zu gestalten.“ (Quellen: Center for Strategic and International Studies, The Week, Guardian, Handelsblatt, Telegraph, Berlingske, The Conversation) (hz)