Joe Biden kritisiert Gerichtsurteil

Nach Haftbefehl: Deutschland müsste Netanjahu verhaften

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Der Internationale Gerichtshof hat einen Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu ausgestellt. Müsste Deutschland nun den israelischen Premierminister festnehmen?

Update vom 22. November, 15.18 Uhr: Würde Deutschland den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bei einer Reise in die Bundesrepublik tatsächlich verhaften lassen? Regierungssprecher Steffen Hebestreit teilte mit, die aus dem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) folgenden „innerstaatlichen Schritte“ würden gewissenhaft geprüft. Weiteres stünde erst an, wenn ein Aufenthalt von Netanjahu oder seines ehemaliger Verteidigungsminister Galant in Deutschland absehbar sei. „Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass wir auf dieser Grundlage Verhaftungen durchführen“, sagte Hebestreit weiter.

Hebestreit betonte jedoch weiter, dass Deutschland sich als größer Unterstützer des IStGH versteht. „Diese Haltung ist auch Ergebnis der deutschen Geschichte. Gleichzeitig ist Konsequenz der deutschen Geschichte, dass uns einzigartige Beziehungen und eine große Verantwortung mit Israel verbinden“, so der Regierungssprecher. Berlin befindet sich in einer Zwickmühle: Deutschland ist einerseits Vertragsstaat und Verfechter des IStGH, unterstützt aber auch Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem Terrorüberfall der Hamas im vergangenen Jahr. 

Netanjahu-Haftbefehl: Internationaler Strafgerichtshof sieht hinreichende Gründe

Erstmeldung: Den Haag – Im Mai 2024 hatte der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), Karim Khan, einen Antrag auf Haftbefehl gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu gestellt – und gegen Yoav Gallant, den damaligen Verteidigungsminister.

Khans Begründung: Die beiden Staatsmänner seien verantwortlich für israelische Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Gazastreifen. Konkret führte Khan folgende Taten an: Aushungern von Zivilisten, Angriffe auf die Zivilbevölkerung, Ausrottung und Mord, Verfolgung und andere unmenschliche Handlungen.

Netanjahu-Haftbefehl: Internationaler Strafgerichtshof sieht hinreichende Gründe

Die Verbrechen seien Teil eines systematischen Angriffs im Rahmen der israelischen Staatspolitik. Das von der Hamas terrorisierte Land habe der Zivilbevölkerung im Gazastreifen absichtlich und systematisch alles genommen, was für das Überleben unentbehrlich ist. Beispielsweise: durch die Unterbrechung von Wasser- und Stromleitungen, durch die Schließung der Grenzübergänge und die Behinderung humanitärer Hilfe.

Deutschland müsste Israels Premierminister Benjamin Netanjahu festnehmen.

Ein weiterer Vorwurf von Khan: Israel nutze Hunger als Methode der Kriegsführung. Damit wollten die Verantwortlichen die Zivilisten im Gazastreifen kollektiv für den Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 bestrafen. Mittlerweile hat der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant erlassen – sowie gegen Hamas-Chef Mohammed Deif. Das Gericht sehe hinreichende Gründe für mutmaßliche Kriegsverbrechen. Der Haftbefehl sorgt für viel Diskussion.

Haftbefehl gegen Netanjahu: Was bedeutet die Gerichtsentscheidung für Deutschland?

Die meisten Völkerrechtsexperten sind sich einig: Als Vertragsstaat wäre Deutschland dazu verpflichtet, Netanjahu festzunehmen. Der Grund: Nach dem Römischen Statut gilt die Immunität für Staatsoberhäupter nicht vor dem internationalen Straftribunal. Dies sei mittlerweile sogar zu Völkergewohnheitsrecht geworden.

Chefankläger Karim Khan will Netanjahu vor Gericht bringen.

Andere Expertinnen und Experten argumentieren, dass diese Aufhebung der Immunität nicht für Staaten gelte, die das Römische Statut nicht unterzeichnet haben. Zu diesen Staaten zählt Israel. Aber: Der Strafgerichtshof hat bereits in anderen Verfahren deutlich gemacht, dass es nicht wichtig sei, ob der Heimatstaat des Beschuldigten an das Römische Statut gebunden ist. Nach dieser Rechtsauffassung müsste Deutschland Netanjahu und Gallant festnehmen – sobald sie die Bundesrepublik betreten.

Experte stellt klar: Deutschland müsste Netanjahu verhaften

Dieser Meinung ist auch Völkerrechtler Kai Ambos: „Genau, Deutschland müsste Netanjahu festnehmen“, erklärte der Experte gegenüber spiegel.de. Im Mai hatte Steffen Hebestreit, Sprecher der Bundesregierung, erklärt: Deutschland sei ein Unterstützer des Internationalen Strafgerichtshof. Auf die Frage, ob die Bundesregierung sich auch an gerichtliche Entscheidungen halte, antwortete Hebestreit: „Wir halten uns an Recht und Gesetz.“

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

US-Präsident Joe Biden hat die gerichtliche Entscheidung kritisiert. „Die Ausstellung von Haftbefehlen durch den IStGH gegen israelische Führer ist empörend“, erklärte Biden am Donnerstag. Es gebe „keine Gleichwertigkeit“ zwischen Israel und der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas. Die USA würden „immer an der Seite Israels stehen, wenn es bedroht ist.“

Bereits im vergangenen Jahr hatte der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin erlassen. Dennoch scheute der Kremlchef eine Mongolei-Reise nicht. (Jan Wendt)

Rubriklistenbild: © Ohad Zwigenberg/dpa

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