Netanjahu nennt Zahl getöteter Zivilisten in Gaza – und verteidigt Israels Strategie
VonLisa Mahnke
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Israels Premierminister Netanjahu spricht über die Verluste der Palästinenser in Gaza. Er verteidigt die Kriegsführung der IDF – und redet über die Zeit nach dem Ende des Kriegs.
Tel Aviv – Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hat in einem Interview zum Krieg in Israel und Gaza Todeszahlen für Hamas-Kämpfer und Zivilisten im Gazastreifen benannt. Seine Angaben in einem Podcastinterview fallen niedriger aus als die Schätzungen des Gaza-Gesundheitsministeriums. Netanjahu positioniert sich klar zur israelischen Strategie und seinen Kritikern.
„Vierzehntausend Kämpfer und wahrscheinlich sechzehntausend Zivilisten wurden getötet“, sagte er im Podcast „Call Me Back“. Im Vergleich: Laut Angaben aus dem Gazastreifen sind mindestens 34.904 Palästinenser getötet worden, allein 14.500 davon Kinder. Bei den Angaben wird jedoch nicht zwischen der Bevölkerung und den Hamas-Kämpfern unterschieden, sodass die Gesamtsumme der Todesopfer beider Angaben ähnlich ist. Auf das aus den israelischen Zahlen resultierende Verhältnis von mehr als 1:1 blickte Netanjahu im Interview eher positiv.
Netanjahu legitimiert Todeszahlen und Israels Kriegsstrategie mit Vergleich aus dem Zweiten Weltkrieg
Netanjahu verglich in der Podcast-Episode das Vorgehen Israels mit der Schlacht um Manila im Zweiten Weltkrieg. Im Vergleich zu der Schlacht sei das israelische Vorgehen human, denn die Schwierigkeit sei damals geringer gewesen und es seien deutlich mehr Zivilisten im Vergleich zu Soldaten getötet worden als im Gazastreifen, so Netanjahu.
Die israelische Armee (IDF) würde sich „bemühen wie keine andere Armee, zivile Opfer zu minimieren“, zum Beispiel durch Flugblätter und SMS. Netanjahu erklärte: „Wir rufen die Menschen an, verzichten auf den Vorteil der Überraschung. Wir sagen ihnen: Verlassen Sie das Kriegsgebiet.“ Die Hamas sei laut dem israelischen Premier Schuld daran, dass die Bevölkerung in den Kampfzonen bliebe.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert
Laut CNN berichtete eine UN-Hilfsorganisation im Gazastreifen von einem „totalen Kommunikationsausfall“ bei einem dieser Evakuationsaufrufe. Oft wurde zudem kritisiert, dass die Aufrufe sehr kurzfristig kämen und somit der Zivilbevölkerung gar nicht die Möglichkeit bliebe, das betroffene Gebiet zu verlassen. In einer Investigativrecherche des +972-Magazins wurden die angeblich in der IDF genutzten KI-Modelle „Lavender“ und „The Gospel“ dafür kritisiert, unnötig viele zivile Opfer zu verursachen. Die USA sehen derweil nach eigenen Angaben Hinweise auf israelische Völkerrechtsverstöße im Krieg.
Netanjahu: „Es gibt keinen Ersatz für den Sieg“ im Gazastreifen
„Niemand wird hierherkommen, solange er nicht weiß, dass Sie entweder die Hamas zerstört haben oder dabei sind, die Hamas zu zerstören. Und das ist eine Gewissheit“, so der Premierminister. Ansonsten könne die Hamas sich immer wieder neu aufbauen. „Man muss es nicht wieder besetzen. Man muss es nur aktiv entmilitarisieren. Und wissen Sie, die Entfernungen sind so gering. Man geht rein, man geht raus. Oder man bleibt dort, wo man sein muss.“
Der rechtsradikale Minister für öffentliche Sicherheit von Israel, Itamar Ben-Gvir, befürwortete laut der israelischen Tageszeitung Haaretz israelische Siedlungen im Gazastreifen durch „freiwillige Emigration“. Ben-Gvir sagte demnach bei einer Konferenz im Binyanei Ha‘uma International Convention Center: „Es ist an der Zeit, nach Hause zurückzukehren, in das Land Israel zurückzukehren, die Auswanderung zu fördern und die Todesstrafe für Terroristen einzuführen.“
Israel sei an diesem Ziel der Zerstörung der Hamas sehr nah, erklärte der Premierminister. „Es gibt keinen Ersatz für den Sieg“, so Netanjahu. In der Vergangenheit schockierte der Premierminister mit dem Wunsch nach einem „totalen Sieg“. Netanjahu gab im Podcast-Interview an, dass der aktuelle Vorschlag der Hamas für einen Frieden, für den zuletzt auch Teile der israelischen Bevölkerung protestierten, die Hamas intakt lassen würde und somit undenkbar sei.
Er zeigte sich jedoch offen gegenüber einem möglichen Exil für Hamas-Mitglieder. „Dieser Krieg könnte morgen vorbei sein“, sagte er – unter der Bedingung, dass alle Geiseln freigelassen würden und die Waffen niedergelegt würden.
Entweder Unterstützung oder Kritik: Israels Premierminister Netanjahu zur internationalen Debatte um Gaza
Netanjahu erklärte weiter, dass die Kritik an dem israelischen Vorgehen nicht mit der Unterstützung des Rechts Israels, die Hamas zu bekämpfen, einhergehen könne: „Man kann nicht sagen, dass man das Recht Israels unterstützt, sich selbst zu verteidigen, und es dann verurteilen, wenn es von diesem Recht Gebrauch machen will.“
Dass Kritik und Unterstützung von Israel erst einmal nicht im Gegensatz steht, zeigt das Kriegsrecht: Auch die Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta unterliegt den Regeln für den Krieg, zum Beispiel der Genfer Konvention oder dem Haager Abkommen.
Netanjahu blickt in die Zukunft: Freundschaft und Dominanz der USA und Chancen für den Nahen Osten
Sobald der Kampf gegen die Hamas vorbei sei, würden sich auch neue Chancen zeigen, zum Beispiel eine Erweiterung des Abraham-Abkommens, sagte Netanjahu. Das 2020 unterschriebene Dokument sollte den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Israel, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten fördern. „Das ist nicht der Zeitpunkt, an dem jeder einzelne Hamas-Kämpfer verschwindet, sondern wenn wir sie besiegen, ihre organisierten Bataillone zerstören und die verbleibenden Orte säubern, und das wird einige Zeit dauern, aber wir können es schaffen“, so Netanjahu.
Auch der Stellung der USA räumte Netanjahu weiter einen großen Stellenwert ein: „Um der Menschheit willen, um unserer gemeinsamen Zukunft und unserer gemeinsamen Werte willen, ist es sehr wichtig, dass Amerika seine dominante Stellung als oberste Weltmacht behält.“ Das würde gerade getestet werden, zum Beispiel in Israel. Netanjahu machte deutlich, dass Israel sich auch in der Zukunft an der Seite der USA sehe. (lismah)