Militärmanöver erwartet

Trotz massiver Drohungen aus China: Taiwans Vizepräsident besucht letzten Verbündeten in Südamerika

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Im Juli besuchte Paraguays künftiger Präsident Santiago Peña Taipeh, wo er unter anderem auf Taiwans Vizepräsidenten Lai Ching-te traf.
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In Taiwan befürchtet man neue Militärübungen Chinas, dennoch reist Vizepräsident Lai am Wochenende nach Paraguay. Peking erzürnen vor allem zwei geplante Zwischenstopps.

München – Gerade einmal 13 Länder unterhalten heute noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan. In Südamerika ist Taipeh gar nur ein einziger Verbündeter geblieben: Paraguay, ein Land, das zwar größer ist als die Bundesrepublik, in dem aber nur knapp sieben Millionen Menschen leben. Kein wirtschaftliches oder diplomatisches Schwergewicht also, und dennoch lässt sich Taipeh die Freundschaft zur Regierung in Asunción einiges kosten. 2013 finanzierte Taiwan etwa den Bau eines neuen Kongressgebäudes in Paraguays Hauptstadt, ein paar Jahre später schenkte das Land seinem Verbündeten einen Regierungsflieger sowie mehrere gebrauchte Hubschrauber.

Die Freundschaft zwischen Paraguay und Taiwan reicht bis ins Jahr 1957 zurück, als der damalige Diktator und Kommunistenhasser Alfredo Stroessner Beziehungen zu Taipeh aufnahm; als Zeichen der Verbundenheit ließ er in einem Vorort von Asunción sogar eine Statue von Taiwans Langzeitherrscher Chiang Kai-shek errichten. Heute freilich reichen ideologische Bekenntnisse kaum mehr aus, um vor der Bevölkerung des relativ armen Paraguay zu rechtfertigen, dass man der Wirtschaftsgroßmacht China die kalte Schulter zeigt und stattdessen das kleine Taiwan hofiert. Vielmehr muss Taipeh liefern, um seinen letzten Verbündeten in Südamerika nicht auch noch zu verlieren.

Paraguays neuer Präsident wünscht sich Investitionen aus Taiwan

Geht es nach Santiago Peña, der Ende April zum neuen Präsidenten Paraguays gewählt worden war, dann soll auch in Zukunft viel Geld aus Taiwan in sein Land fließen. Nicht so sehr in Form von Geschenken allerdings; stattdessen wünscht sich Peña mehr Investitionen aus Taiwan in seinem Land. Sein Vorgänger und Parteifreund Mario Abdo Benítez nannte bereits Ende vergangenen Jahres die Summe von einer Milliarde US-Dollar, die Taiwan springen lassen müsse, um nicht die Freundschaft gekündigt zu bekommen. Er wolle aber auch von Taiwans Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht lernen, sagte Peña kürzlich in einem Interview.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Der Druck auf die Regierung in Asunción, die Seiten zu wechseln und statt Taiwan die Volksrepublik China anzuerkennen, ist groß. Peking betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und droht dem demokratisch regierten Inselstaat mit der militärischen Eroberung. Gleichzeitig ist China längst die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und betreibt Handel bevorzugt nur mit jenen Ländern, die sein Ein-China-Prinzip unterstützen und entsprechend keine Beziehungen zu Taiwan unterhalten.

Im paraguayischen Wahlkampf warb denn auch der aussichtsreichste Oppositionskandidat mit einem Wechsel zu Peking. Das bringe dem Land wirtschaftliche Vorteile, so sein Argument – etwa bei der Ausfuhr von Sojabohnen, einem der wichtigsten Exportgüter Paraguays. In Taiwan machte man sich bereits darauf gefasst, auch Paraguay zu verlieren, nachdem nur Wochen zuvor bereits Honduras das Lager gewechselt hatte. Weil es dann aber doch anders kam, besuchte Wahlgewinner Santiago Peña Mitte Juli Taiwan, wo er unter anderem Präsidentin Tsai Ing-wen traf und einmal mehr um Investitionen in seinem Land warb.

China ist erzürnt über geplanten Zwischenstopp in den USA

Anfang kommender Woche wird nun Tsais Stellvertreter Lai Ching-te (auch als William Lai bekannt) zu Peñas Amtseinführung in Asunción erwartet. Lai ist nicht nur Taiwans Vizepräsident, sondern auch aussichtsreichster Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Januar; zudem gilt er als äußert Peking-kritisch. Als Lais Besuchspläne vor ein paar Wochen öffentlich wurden, ließ die Reaktion aus Peking nicht lange auf sich warten. Dabei stört sich China allerdings weniger daran, dass Lai ins kleine Paraguay reisen wird. Vielmehr sind es zwei geplante, jeweils eintägige Zwischenstopps in den USA auf Lais Hin- und auf der Rückreise, die Pekings Kommunisten die Zornesröte ins Gesicht treiben.

„Die vordringlichste Aufgabe besteht darin, das ‚graue Nashorn‘, das auf uns zustürmt, nämlich den Besuch von Lai Ching-te in den Vereinigten Staaten, entschlossen zu blockieren“, erklärte unlängst Chinas Botschafter in Washington. Und in Peking kündigte das Außenamt im Juli an, China werde „entschlossene und energische Maßnahmen zur Verteidigung seiner nationalen Souveränität und territorialen Integrität ergreifen“. Einen Vorgeschmack darauf, wie diese Maßnahmen aussehen könnten, konnte man bereits im April bekommen. Nachdem sich damals Präsidentin Tsai – ebenfalls während eines Zwischenstopps – in Kalifornien mit dem Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Kevin McCarthy getroffen hatte, ließ Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping mehrtägige Militärmanöver in der Nähe von Taiwan durchführen. Geübt wurde dabei auch die Einkreisung der Insel.

China will die „Wiedervereinigung“ mit Taiwan – und droht mit Gewalt

Anders als Tsai Ing-wen wird Taiwans Vize Lai Ching-te in den USA nun wohl keine Spitzenpolitiker treffen. Militärisch lässt Peking trotzdem schon seit Tagen die Muskeln spielen. Alleine von Montag bis Freitag dieser Woche schickte Chinas Volksbefreiungsarmee 81 Kampfjets in die Nähe Taiwans, deutlich mehr als in der gesamten Vorwoche. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte ein taiwanischer Regierungsvertreter, es sei „sehr wahrscheinlich“, dass Peking Lais Reise „als Vorwand nutzen und ‚Übungen‘ rund um die Taiwan-Straße ankündigen wird“.

Fraglich ist, ob es Peking dauerhaft bei verbalen Drohungen und Militärmanövern belassen wird, die nach ein paar Tagen wieder vorüber sind. Als sich im vergangenen Sommer die damalige Repräsentantenhaus-Vorsitzende Nancy Pelosi auf den Weg nach Taiwan gemacht hatte, forderten so manche in Chinas sozialen Medien, die Armee solle das Flugzeug der US-Politikerin abschießen. Entsprechend groß war ihre Wut, als Pelosi dann unbeschadet aus der Maschine stieg.

Längst hat Xi Jinping die sogenannte „Wiedervereinigung“ von China und Taiwan mit dem Schicksal seiner Kommunistischen Partei verknüpft. Irgendwann wird er liefern müssen, um sein Volk nicht gegen sich aufzubringen. Gleichzeitig registriert man auch bei Taiwans letzten Verbündeten, dass China zunehmend aggressiv auftritt. Vielleicht fühlt man sich in Paraguay deshalb nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ganz wohl an der Seite des friedlichen Taiwan.

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