Feierlichkeiten zum Ende des Korea-Kriegs

Schoigu in Nordkorea: Kim Jong-un präsentiert Russlands Verteidigungsminister offenbar neue Drohnen

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Im Ukraine-Krieg steht Nordkorea an der Seite Russlands. Ein Besuch von Verteidigungsminister Schoigu in Pjöngjang dient offenbar der gemeinsamen Machtdemonstration.

München/Pjöngjang – Es war ein Auftritt wie ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung Westen: Am Mittwochabend besuchten Nordkoreas Diktator Kim Jong-un und Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu demonstrativ eine Waffenausstellung in Pjöngjang, zu sehen gab es unter anderem neueste Kampfdrohnen sowie mehrere Interkontinentalraketen, die nuklear bestückt werden und das gesamte US-Festland erreichen können.

Dass UN-Beschlüsse, die auch Russland mitgetragen hat, dem Kim-Regime den Bau solcher Raketen eigentlich verbieten – egal. Kim macht, was er will; alle Versuche der USA und ihrer Verbündeten, Nordkorea zu einer Abrüstung zu bewegen, sind längst gescheitert. Rufe wie jener von UN-Generalsekretär António Guterres, der am Donnerstag „dauerhaften Frieden und die vollständige und überprüfbare Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel“ forderte, verpuffen wirkungslos. Stattdessen rücken Pjöngjang und Moskau immer weiter zusammen, auch im Ukraine-Krieg und offenbar auch militärisch.

Kim Jong-un habe mit Schoigu „Kommentare zu weltweiten Trends in der Waffenentwicklung geteilt“, schrieb Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Donnerstag. Auf Bildern, die KCNA veröffentlicht hat, sieht man Kim und Schoigu durch eine Ausstellungshalle flanieren, vorbei an Interkontinentalraketen, die Experten des Portals NK News als Hwasong-17 und Hwasong-18 identifiziert haben.

Männer und ihr Spielzeug: Russlands Verteidigungsminister Schoigu und der nordkoreanische Diktator Kim, im Hintergrund eine neue Drohne.

Nordkorea präsentiert verbotene Raketen – und offenbar auch neue Drohnen

Beide Raketen sind relativ neu. Hwasong-17 wurde erstmals im März 2022 getestet, mit einer Reichweite von bis zu 15.000 Kilometer könnte sie die meisten Länder der Welt erreichen. Hwasong-18 wurde erstmals Anfang dieses Jahres vorgestellt und absolvierte ihren ersten Testflug im April. Das Besondere an der Rakete: Sie fliegt mit festem Treibstoff, kann also schneller eingesetzt werden, weil der aufwendige und nicht ganz ungefährliche Tankvorgang entfällt. Ihre Reichweite soll ebenfalls bei rund 15.000 Kilometern liegen.

NK News hat auf den Fotos aus Nordkorea zudem zwei neue Drohnen-Typen identifiziert. Bei einer davon könnte es sich demnach um eine Kampfdrohne handeln, bei der anderen um ein Modell, das für Aufklärungszwecke eingesetzt werden kann. KCNA hingegen nannte keine Details zu den gezeigten Drohnen und Raketen, sondern sprach allgemein von „neuartigen Waffen und Ausrüstung“.

Der russische Verteidigungsminister befindet sich seit Mittwoch in Nordkorea, als einer der ersten Gäste, die das abgeschottete Land seit Beginn der Corona-Pandemie vor über drei Jahren empfängt. Offizieller Anlass für den Besuch sind die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestags des Endes des Korea-Kriegs am 27. Juli 1953. Der Konflikt endete damals mit einem Waffenstillstand, aber ohne Friedensvertrag. Auch eine hochrangige Delegation aus China war zur „Feier des Sieges im Großen Krieg“ nach Pjöngjang gereist, mit einer persönlichen Grußbotschaft von Staatschef Xi Jinping im Gepäck.

Schoigu bei Kim: „herzliche Atmosphäre, die überquoll vor kämpferischer Freundschaft“

Besondere Aufmerksamkeit kommt allerdings dem Besuch aus dem Kreml zu. In einer „herzlichen Atmosphäre, die überquoll vor kämpferischer Freundschaft“, hätten Kim und Schoigu über Herausforderungen der derzeitigen Weltlage gesprochen und „darüber Einigkeit erzielt“, so KCNA. Gemeint war damit wohl auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, den das Regime in Pjöngjang vorbehaltlos unterstützt. Kang Sun-nam, Nordkoreas Verteidigungsminister, erklärte Schoigu jedenfalls, Pjöngjang stehe hinter dem „gerechten Kampf der russischen Armee und des russischen Volkes, die Souveränität und Sicherheit des Landes zu verteidigen“.

Offiziell unterstützt Nordkorea die Russen bislang nur in den Vereinten Nationen, wo die Vertreter des Kim-Regimes stets mit Nein stimmten, wenn in Resolutionen der Angriffskrieg verurteilt und ein russischer Abzug gefordert wurde. Wahrscheinlich aber geht die Schützenhilfe für den Nachbarn im Norden, mit dem man eine gut 17 Kilometer lange Grenze teilt, noch deutlich weiter. So scheinen sich Russland und Nordkorea auf ein für beide Seiten vorteilhaftes Tauschgeschäft eingelassen haben: Waffen gegen Nahrung, Treibstoff und finanzielle Unterstützung.

Laut einem UN-Bericht nahm Russland Ende 2022 seine Öl-Exporte an die Nordkoreaner wieder auf, die 2020 unterbrochen worden waren. Zudem liefern die Russen auch Getreide an das Kim-Regime, das derzeit Berichten zufolge massive Probleme hat, seine Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Abgewickelt werden die Geschäfte offenbar auch über eine Eisenbahnverbindung, die ebenfalls im vergangenen Jahr wieder in Betrieb genommen wurde.

Russland und Nordkorea: Maßgebliche Unterstützung im Ukraine-Krieg

Was Russland im Gegenzug erhält, ist unklar. Einer ausführlichen Recherche von Bloomberg zufolge könnte Nordkorea allerdings unter anderem mit Waffen bezahlen, genauer: mit 152-mm-Artilleriegranaten. Diese seien mit russischen Waffen aus Sowjetzeiten kompatibel, zudem besitze Nordkorea Unmengen davon. Beweise dafür bleibt der Bloomberg-Bericht allerdings schuldig. Bereits im vergangenen Dezember hatte das Weiße Haus erklärt, Kim Jong-un lasse Raketen an die Wagner-Gruppe von Jewgeni Prigoschin liefern. Nordkorea hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Die Bloomberg-Autoren machen nun eine überraschende Rechnung auf: Sollte Nordkorea 250.000 Artilleriegranaten für 1000 Dollar pro Stück an die Russen verkaufen – und damit zu einem Drittel des Preises, den vergleichbare Nato-Munition kostet –, dann entsprächen die Einnahmen rund einem Prozent des nordkoreanischen Bruttoinlandsprodukts. Viel Geld, dass Kim Jong-un für sein Waffen- und Atomprogramm nutzen könnte. US-Schätzungen zufolge fließt fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung des bettelarmen Landes in Militär und Rüstung.

Russlands Verteidigungsminister lobte Nordkoreas Armee bei seinem Besuch jedenfalls als „beste der Welt“, zudem weigert sich sein Land (wie übrigens auch China) seit einiger Zeit, weitere, verschärfte UN-Sanktionen gegen Pjöngjang zu unterstützen. Diese würden nicht zur Abrüstung in Nordkorea beitragen, behauptet der Kreml und hat damit zwar nicht ganz Unrecht. Mittlerweile, so scheint es, will Moskau das aber auch gar nicht. Kims Raketen könnten zwar auch Moskau erreichen – gerichtet sind sie allerdings auf Seoul und auf Washington.

Rubriklistenbild: © AFP/KCNA

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