SPD als warnendes Beispiel

Özdemir warnt vor Linksruck bei den Grünen: „Kurs der Eigenständigkeit“

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Vor der Wahl in Baden-Württemberg und nach dem Rücktritt der Grünen-Jugend-Chefin ruft der Spitzenkandidat zu einem Kurs der Eigenständigkeit auf.

Berlin – Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat seine Partei vor einem Linksruck gewarnt und Mut zu einem „inhaltlichen Kurs der Eigenständigkeit“ gefordert. „Das heißt auch: Bei unserem Kern bleiben. Weg von Umverteilungsdebatten“, ergänzte er.

„Wir müssen weg von der Debatte, ob wir eine bessere CDU, eine bessere SPD oder gar eine bessere Linkspartei sind“, sagte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister und Spitzenkandidat der Grünen bei der baden-württembergischen Landtagswahl 2026 dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Freitag (1. August).

Özdemir nennt SPD als warnendes Beispiel: Agenda-Wende hat Wähler zur AfD getrieben

Özdemir nannte die SPD in diesem Zusammenhang ein „warnendes Beispiel“. Die Partei sei als Reaktion auf die Agenda 2010 von der Partei der Arbeiter immer mehr zu einer Partei der Transferempfänger geworden. „Das hat viele Arbeiter in die Arme der AfD getrieben“, betonte er.

Die Bundesvorsitzenden der Grünen: Von Jürgen Trittin bis Ricarda Lang

Krista Sager und Jürgen Trittin von den Grünen
Im Dezember 1994 traten Krista Sager und Jürgen Trittin als Doppelspitze des noch jungen Zusammenschlusses namens „Bündnis 90 / Die Grünen“ an. Beide wurden zu Sprecherin und Sprecher des Bundesvorstands der Partei gewählt. Gemeinsam lenkten sie die Geschicke der Partei für zwei Jahre bis 1996. © Sepp Spiegl/imago-images
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel.
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel. © Jürgen Eis/imago-images
Gunda Röstel blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin.
Gunda Röstel (l) blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin. Von 1998 bis 2000 wurde die Partei damit von zwei Frauen an der Spitze geführt. © Sven Simon/imago-images
Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands.
Im Jahr 2000 tauschten die Grünen ihr Führungspersonal komplett aus. Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands. Ihre Amtszeit hielt aber nur ein Jahr bis 2001. © imago stock&people
Fritz Kuhn und Claudia Roth
Aus Bundesprechern wurden bei den Grünen im Jahr 2001 Bundesvorsitzende. Die ersten Beiden, die dieses Amt bekleideten, waren Fritz Kuhn und Claudia Roth. © Sven Simon/imago-images
Reinhard Bütikofer und Angelika Beer
Nur ein Jahr später der nächste Wechsel an der Spitze der Grünen. Reinhard Bütikofer und Angelika Beer rücken auf und bilden den Bundesvorstand der Partei von 2002 bis 2004. © imago-images
Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer
2004 kehrte Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer. Das Duo blieb bis 2008 im Amt. © Sven Simon/imago-images
Claudia Roth und diesmal Cem Özdemir das Führungsduo der Grünen
Claudia Roth blieb insgesamt bis 2013 im Amt. Ab 2008 mit neuem Co-Vorsitzenden: Cem Özdemir. © Jan Huebner/imago-images
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter.
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter. © Rüdiger Wölk/imago-images
nnalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen
Im Jahr 2018 übernahmen Annalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen. Nach dem Einzug der Grünen in die Bundesregierung legten sie ihre Ämter nieder und schlossen sich dem Kabinett von Bundeskanzlern Olaf Scholz an. © Chris Emil Janssen/imago-images
Omid Nouripour und Ricarda Lang
Es folgten Omid Nouripour und Ricarda Lang. Sie übernahmen den Vorsitz des Bundesvorstands der Grünen im Jahr 2022. Zwei Jahre später verkünden beide ihren Rücktritt als Reaktion auf zahlreiche Wahlschlappen ihrer Partei. Wer die Umweltpartei künftig führt, ist noch offen. © dpa

„Wir sind die einzige bürgerliche Oppositionspartei. Das ist aus meiner Sicht eine echte Chance“, sagte der Grünenpolitiker weiter. Inhaltlich bedeute das: „Wir müssen den Markt zum Verbündeten des Klimaschutzes machen, nicht zum Gegner. Das funktioniert dann, wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagen und einen starken Anreiz bilden, in CO2-neutrale Technologien und Lösungen zu investieren. Das ist die originäre Aufgabe für die Grünen für die kommenden Jahre.“

Anlass für Özdemirs Intervention dürfte auch der Wirbel um Jette Nietzard sein. Die Ko-Chefin der Grünen Jugend hat kürzlich angekündigt, nicht erneut für ihr Amt zu kandidieren. Als Grund nannte sie am Dienstag (29. Juli) auf Instagram unter anderem mangelnden Rückhalt in der Partei. Sie habe versucht, „eine linke Hoffnung, eine linke Stimme in den Grünen zu sein“, sei aber mit ihrem Weg an Grenzen gestoßen, sagte sie in einer Videoerklärung.

Ärger bei den Grünen: Wirbel um Nietzards Rücktritt sorgt für Diskussion um Linksruck

Die 23-Jährige hatte mit provokanten Auftritten für Ärger und Unverständnis in den Reihen der Grünen gesorgt. Anfang Juni entschuldigte sie sich für ein kurz zuvor hochgeladenes Video zu Gaza und Israel. Die Grüne Jugend erklärte in einem Transparenzhinweis, in der vorherigen Version des Videos sei „nicht deutlich genug geworden, dass der 7. Oktober ein antisemitischer Terroranschlag war“.

Und es war nicht das einzige Mal, dass Nietzard Kopfschütteln bei Grünen-Mitgliedern auslöste. Kurz zuvor, im Mai, hatte sie sich auf ihrem privaten Instagram-Kanal mit einem Pullover gezeigt, auf dem das Kürzel „ACAB“ zu lesen war. Es steht für „All Cops Are Bastards“. Dazu trug sie eine Kappe mit der kapitalismuskritischen Aufschrift „Eat the rich“.

Der Spitzenkandidaten der Grünen für die nächste Landtagswahl Cem Özdemir warnt vor einem Linksruck in seiner Partei (Archivbild).

Grünen-Chef Felix Banaszak hatte Nietzards Beurteilung der Polizei „inakzeptabel“ genannt. Und Özdemir kritisierte damals, bei den Grünen sei falsch, wer nicht kapiere, dass die Polizei auch Grünen-Werte verteidige. Noch deutlicher wurde Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Dieser hatte Nietzard zum Parteiaustritt aufgefordert. „Ich verstehe überhaupt nicht, was die bei uns will“, sagte der Grünen-Politiker. Für die Positionen, die Nietzard vertrete, gebe es mit der Linken ein passendes Angebot im Parteienspektrum.

Schwierige Ausgangslage für Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir will Kretschmann folgen

Innerhalb des grünen Meinungsspektrums vertritt die Grüne Jugend traditionell sehr linke Positionen. Wie in anderen politischen Nachwuchsorganisationen schrecken die führenden Köpfe in der Regel nicht vor Kritik am Kurs der eigenen Parteiführung zurück. Dennoch ist die Organisation auch eine Kaderschmiede: Die frühere Parteichefin Ricarda Lang stand einst an ihrer Spitze, ebenso ihr Nachfolger Banaszak.

Überblick zur Landtagswahl in Baden-Württemberg: Termin, Kandidaten, Umfragewerte

Wahltermin8. März 2026
AmtsinhaberWinfried Kretschmann (Grüne)
SpitzenkandidatenCem Özdemir (Grüne), Manuel Hagel (CDU), Markus Frohnmaier (AfD)
Aktuelle UmfragewerteCDU 29 Prozent, AfD 20 Prozent, Grüne 20 Prozent
WahlberechtigtRund 7,7 Mio. Menschen

Im Hinblick auf den innerparteilichen Konflikt ist die Kritik Özdemirs nachvollziehbar. Denn für ihn steht viel auf dem Spiel: Im März 2026 will er Kretschmann als Ministerpräsident in Baden-Württemberg nachfolgen, der nach 15 Jahren im Amt nicht mehr antreten will. Doch die Ausgangslage ist schwierig. Die Grünen, die bundesweit bei der Neuwahl nur noch 11,6 Prozent erreichten, müssen diesmal ohne ihr populäres Zugpferd Kretschmann antreten.

Aktuelle Umfragen sehen die CDU bei 29 Prozent deutlich vorn, gefolgt von AfD (20 Prozent) und Grünen (20 Prozent). In Baden-Württemberg wird der AfD-Landesverband vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft und beobachtet. Dagegen klagte die Landespartei mehrfach - allerdings ohne Erfolg. (bg/dpa)

Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa

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