Sie eckte zunehmend an. Selbst bei den Grünen hat sie viele Gegner. Jette Nietzard polarisiert – und verlor damit auch intern immer mehr Rückhalt.
Berlin – „Bei ständigen Anfeindungen kann keine gute Politik entstehen.“ Was nach viel Gegenwind von außen klingt, den Grüne-Jugend-Co-Chefin Jette Nietzard zuletzt immer mehr bekam, bezieht die Grüne eigentlich auf ihre eigene Partei. Nietzard tritt nicht nochmal an. Die Ankündigung der Nachwuchspolitikerin zeigt, woran sie letztlich scheiterte: Nietzards Auftreten machte ihr vor allem im eigenen Haus Feinde.
Jette Nietzard hört als Chefin der Grünen Jugend auf
„Bei den Grünen sind meine Gedanken nicht immer auf Gegenliebe gestoßen“, sagt Nietzard bei einem Video in den sozialen Netzwerken, in dem sie ankündigt, nicht nochmal für den Posten in der Jugendorganisation zu kandidieren. „Mal wurde ich in Fraktionssitzungen ausgebuht, mal wurde ich von Realo-Spitzenpersonal angeschrien oder von Ministerpräsidenten oder solchen, die es werden wollen, wurde mein Rücktritt gefordert.“ Die Sätze zeigen, dass vor allem der fehlende Rückhalt der Grünen Gesamtpartei eine erneute Kandidatur unmöglich machten.
Und tatsächlich: Für jede von Grünen öffentlich geäußerte Kritik an Nietzard gab es im politischen Berlin hinter vorgehaltener Hand ein Vielfaches an deutlich herberen Einschätzungen zur unbequemen Nachwuchschefin, gerade – aber nicht nur – aus dem Realo-Lager. Nicht wenige Grüne unterstellten Nietzard, sich mit bewussten Provokationen nur persönlich ins Rampenlicht stellen zu wollen, anstatt sich tatsächlich in den Dienst der Grünen Jugendorganisation zu stellen. Auch die Parteispitze galt nicht als Nietzard-Fanlager.
Nietzard gerät immer wieder in die Kritik
Die Nordrhein-Westfälin wurde 2024 gemeinsam mit Jakob Blasel Teil der neuen Doppelspitze der Grünen Jugend, nachdem der vorige Vorstand wegen aus ihrer Sicht zu wenig linker Politik der Bundesgrünen geschlossen zurückgetreten ist. Nun scheitert auch Jette Nietzard unter anderem an unterschiedlichen politischen Auffassungen einer guten grünen Politik. „Ich habe die letzten neun Monate versucht, eine linke Hoffnung, eine linke Stimme in den Grünen zu sein – für alle die, die sich vom Kurs nicht mehr abgeholt fühlen, die letzten Jahre“, sagt sie im Video und verweist auf interne Uneinigkeiten.
Blinder Fleck beim Thema Antisemitismus in der Grünen Jugend?
Im Fall um die erhobenen Missbrauchsvorwürfe gegen den Berliner Grünen Stefan Gelbhaar – bei denen sich zumindest der schwerste Vorwurf als vermutlich frei erfunden herausstellte – sagte Nietzard, dass die Unschuldsvermutung nur vor Gericht gelte, nicht aber in einer Partei. Bedauern zu den wohl verbreiteten Lügen über Gelbhaar (er wurde deshalb nicht in den Bundestag gewählt) äußerte sie nicht.
Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag
Außerdem sorge Nietzart mit einem Pullover mit der Aufschrift ACAB („All cops are bastards“) für große Aufregung. Weil Nietzard zuletzt den Terror der Hamas am 7. Oktober 2023 gegen Israel als „militärische Operation“ betitelte, trat sogar die Ex-Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, Hanna Veiler, mit dem Hinweis auf einen blinden Fleck beim Thema Antisemitismus bei der Grünen Jugend aus.
Ist die Grüne Jugend zu radikal?
Die Kritik an Nietzard wurde immer lauter. Sowohl von Rechts, aber eben auch intern und von ihr eigentlich wohlgesinnten Menschen. Die NRW-Politikerin wollte einen anderen Kurs der Partei, weg von Robert Habecks Realo-Ideen. „Ganz ehrlich, wenn man die Spitze seines Jugendverbandes, und dann ungefähr alle jungen Wähler:innnen und 700.000 Menschen an die Linkspartei verliert bei einer Wahl, dann kann man doch nicht einfach so weitermachen, wie bisher“, sagt sie im Video als klare Spitze gegen die aktuelle Parteiführung rund um Felix Banaszak und vor allem Franziska Brantner, die für Habecks Erbe steht.
Wie es mit der Grünen Jugend weitergeht, wir auf dem Bundeskongress im Oktober entschieden. Noch-Co-Chef Blasel kann sich gute Chancen ausrechnen, wiedergewählt zu werden, wenn er möchte. Nietzards Amtskollege gilt als ruhiger, gemäßigter im Ton und bedachter. Gleichzeitig hat er aber nie Nietzards Bekanntheit und Strahlkraft erlangt. Der Grundkonflikt zwischen Grüner Jugend und Hauptpartei scheint weiterhin nicht ausgefochten zu sein. Nicht einmal ein Jahr nach dem Rücktritt des Vorstands zieht sich auch die Nachfolgerin an der Spitze der Jugendorganisation zurück, weil ihr die Grünen nicht radikal und nicht links genug sind. Jugendorganisationen sind traditionell wilder als die Erwachsenen. Trotzdem: Andere Parteien haben ihren Nachwuchs besser im Griff und scheinen die gegenseitigen Erwartungen aneinander besser zu vermittelt zu bekommen.