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Die Empörung über die Aussagen von Papst Franziskus zum Ukraine-Krieg ist international spürbar. Putins Kreml fühlt sich indes bestätigt.
Update vom 11. März, 9.50 Uhr: Der Papst hat die Ukraine zu Friedensverhandlungen mit Russland aufgerufen – Russland fühlt sich nun in seinen Positionen vom Vatikan bestätigt. „So wie ich es sehe, bittet der Papst den Westen, seine Ambitionen beiseite zu legen und zuzugeben, dass er falsch lag“, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Sie behauptete zudem, der Westen nutze die Ukraine als „Instrument“.
„Wir haben Gespräche nie blockiert“, sagte Sacharowa und ergänzte: „Heute versteht jeder Experte, jeder Politiker, dass die Lage in der Ukraine in einer Sackgasse ist. Daher rufen viele Diplomaten und Länder zu Verhandlungen auf.“
Selenskyj weist Papst-Aufruf zu Friedensverhandlungen im Ukraine–Krieg mit Russland scharf zurück
Update vom 10. März, 21.31 Uhr: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat einen missverständlichen Appell von Papst Franziskus zu Friedensverhandlungen mit Russland scharf zurückgewiesen. Die Kirche sei bei den Menschen, sagte Selenskyj am Sonntag in seiner allabendlichen Videoansprache. „Und nicht zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, irgendwo, um virtuell zu vermitteln zwischen jemandem, der leben will, und jemandem, der dich vernichten will.“
„Als das russische Böse am 24. Februar diesen Krieg begann, standen alle Ukrainer auf, um sich zu verteidigen. Christen, Muslime, Juden - alle“, sagte Selenskyj. Und er danke jedem ukrainischen Geistlichen, der in der Armee, in den Verteidigungsstreitkräften ist. Sie stünden an der vordersten Front, sie schützten das Leben und die Menschlichkeit, sie unterstützten mit Gebeten, Gesprächen und Taten. „Das ist es, was die Kirche ist - bei den Menschen.“
Der Pontifex hatte mit einem missverständlichen Appell zu Friedensverhandlungen in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine massiven Widerspruch ausgelöst. Die Äußerungen des katholischen Kirchen-Oberhaupts wurden in der Ukraine und bei vielen ihrer Unterstützer als einseitiger Appell allein an Kiew verstanden – von manchen gar als Aufruf zur Kapitulation. Der 87-Jährige gebrauchte in einem am Wochenende veröffentlichten Interview des Schweizer Fernsehens mit Blick auf Schwierigkeiten der ukrainischen Armee auch den Begriff von der „weißen Fahne“ – in Kriegszeiten seit Jahrhunderten das Zeichen der Kapitulation, also der kampflosen Aufgabe gegen die feindlichen Truppen.
Kuleba äußert sich zu Papst-Aussagen zum Ukraine-Krieg: „Werden niemals eine andere Flagge hissen“
Update vom 10. März, 18.51 Uhr: Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat auf den Vorschlag von Papst Franziskus reagiert, die Ukraine solle den „Mut zur weißen Fahne“ haben und ein Ende des Krieges mit Russland aushandeln. „Unsere Flagge ist gelb und blau“, erklärte Kuleba nach Angaben des Nachrichtenportals Ukrainska Pravda. „Das ist die Flagge, unter der wir leben, sterben und siegen. Wir werden niemals eine andere Flagge hissen.“
Kuleba sagte, dass der Stärkste im Kampf zwischen Gut und Böse „derjenige ist, der auf der Seite des Guten steht, anstatt zu versuchen, sie auf die gleiche Stufe zu stellen und es ‚Verhandlungen‘ zu nennen.“ „Wenn es um die weiße Fahne geht, kennen wir die Strategie des Vatikans aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich fordere sie auf, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und die Ukraine und ihr Volk in ihrem gerechten Kampf um ihr Leben zu unterstützen“, fügte Kuleba hinzu.
Er dankte dem Papst für sein „ständiges Gebet für den Frieden“ und erklärte weiter, dass die Ukraine weiterhin hoffe, „dass der Papst nach zwei Jahren des verheerenden Krieges im Herzen Europas eine Gelegenheit finden wird, der Ukraine einen apostolischen Besuch abzustatten, um die über eine Million ukrainischen Katholiken, die über fünf Millionen griechisch-katholischen Christen, alle Christen und alle Ukrainer zu unterstützen.“
Papst ruft zur „weißen Fahne“ im Ukraine-Krieg auf: „Damit das Böse die weiße Flagge hisst und kapituliert“
Update vom 10. März, 17.51 Uhr: Der Aufruf der „weißen Fahne“ an die Ukraine und zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg löst auf der ganzen Welt kritische Reaktionen aus. Auch Lettlands Staatspräsident Edgars Rinkevics hat den Aussagen des Oberhauptes der katholischen Kirche widersprochen.
„Man darf vor dem Bösen nicht kapitulieren, man muss es bekämpfen und besiegen, damit das Böse die weiße Flagge hisst und kapituliert“, schrieb Rinkevics am Sonntag auf der Plattform X (vormals Twitter). Das Staatsoberhaupt des baltischen EU- und Nato-Landes reagierte damit auf eine Äußerung des Papstes in einem am Wochenende veröffentlichten Interview des Schweizer Fernsehens. Darin hatte der Pontifex unter anderem gesagt: „Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben, zu verhandeln.“
In einer für deutsche Diplomaten ungewöhnlichen Weise hat sich auch der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl von jüngsten Äußerungen des Papstes zur Ukraine distanziert. In einem Tweet im Netzwerk X schrieb Bernhard Kotsch am Sonntag: „Russland ist der Aggressor und bricht internationales Recht! Deshalb fordert Deutschland Moskau auf, den Krieg zu stoppen, und nicht Kiew (Kyjiw)!“ Es folgt ein Symbol der Freundschaft zwischen Deutschland und der Ukraine.
Kritik am Papst-Aufruf zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg stößt auf Abweisung aus aller Welt
Erstmeldung vom 10. März, 16.20 Uhr: Rom – Papst Franziskus sorgt weltweit mit seinen Äußerungen zum Ukraine-Krieg für Unverständnis und Unmut. In einem vorab veröffentlichen Interview des Schweizer Fernsehens hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche mit Blick auf den zwei Jahre laufenden Krieg offenbar die Ukraine zu Verhandlungen mit Russland aufgerufen.
„Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben, zu verhandeln“, sagte der Papst in dem Interview. Der Pontifex nannte zwar weder eine der beiden Konfliktparteien Russland oder Ukraine direkt beim Namen, dennoch fügte er hinzu: „Schämen Sie sich nicht, zu verhandeln, bevor es noch schlimmer wird.“ Bevor Franziskus an anderer Stelle im Interview mit dem Schweizer Sender RSI deutlich machte, dass „Verhandlungen niemals eine Kapitulation“ seien.
Er sei der Ansicht, dass derjenige Stärke zeige, „der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut hat, die weiße Fahne zu hissen und zu verhandeln“, sagte der Papst weiter, offensichtlich allein an die Ukraine gewandt.
Aufruf von Papst Franziskus zu Friedensverhandlungen mit Russland: Ukraine spricht von Kapitulation
In der Ukraine löste der Aufruf von Papst Franziskus zu Friedensverhandlungen mit Russland verärgerte Reaktionen aus. Besonders im Begriff der „weißen Fahne“ sahen viele eine Aufforderung zur Kapitulation gegenüber Wladimir Putin und dessen russischen Invasionstruppen. „Es erscheint merkwürdig, dass der Papst nicht zur Verteidigung der Ukraine aufruft, nicht Russland als Aggressor verurteilt, der Zehntausende Menschen tötet“, schrieb der frühere Abgeordnete und Vizeinnenminister Anton Heraschtschenko im Netzwerk X (ehemals Twitter).
Der ukrainische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Andrij Jurasch, fragte am Wochenende auf X, ob im Zweiten Weltkrieg jemand mit Hitler ernsthaft über Frieden gesprochen und die weiße Fahne geschwenkt habe, um ihn zu befrieden. Mit Blick auf Moskau und den russischen Präsidenten Wladimir Putin fügte Jurasch hinzu, die Lektion aus der Geschichte sei: „Wenn wir den Krieg beenden wollen, müssen wir alles tun, um den Drachen zu töten!“
„Kleingläubiger“: Papst Franziskus löst mit dem Begriff der „weißen Fahne“ Kritik aus
Der ehemalige ukrainische Botschafter in Österreich, Olexander Scherba, nannte Papst Franziskus mit einem Bibelwort einen „Kleingläubigen“. Offizielle Kiewer Stellen äußerten sich nicht. Die Ukraine lehnt Verhandlungen ab, solange Russland die besetzten Gebiete nicht wieder freigibt. Schon aus früheren Äußerungen von Papst Franziskus haben die Ukrainer das Gefühl, dass Franziskus mehr Verständnis für Russland aufbringt als für ihr angegriffenes Land.
Die ukrainische Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Matwijtschuk erinnerte in ihrer Reaktion auf die Papstworte daran, dass eine Kapitulation für die Ukraine russische Besatzung bedeute. Das heiße „Folter, sexuelle Gewalt, zwangsweises Verschwinden, Ablehnung der eigenen Identität, Zwangsadoption der eigenen Kinder, Filtrationslager und Massengräber“, sagte Matwijtschuk.
Papst Franziskus ruft zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg auf: „Schäme mich als Katholikin“
Auch in Deutschland löste der Aufruf von Papst Franziskus, der sich schon häufiger Kritik im Umgang mit Russlands Angriffskrieg anhören musste, zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg Bestürzung aus. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hat dem Appell mit deutlichen Worten widersprochen. „Bevor die ukrainischen Opfer die weiße Flagge hissen, sollte der Papst laut und unüberhörbar die brutalen russischen Täter auffordern, ihre Piraten-Fahne – das Symbol für den Tod und den Satan – einzuholen“, sagte die Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses am Sonntag den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
„Und warum in Gottes Namen verurteilt er nicht die verbale mörderische Hetze von Kyrill I., Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche und Ex-KGB-Agent, dem ukrainischen Volk gegenüber?“, fragte Strack-Zimmermann. Sie fügte deutlich hinzu: „Ich schäme mich als Katholikin, dass er das unterlässt.“
Papst-Aufruf zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg sorgt in Deutschland für Kritik
Bei den Grünen stieß der Appell von Papst Franziskus, der unter der Woche große Sorge bereitete, zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg ebenfalls auf Kritik. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Niemand möchte mehr Frieden als die Ukraine“. Auf ihrem Territorium herrsche seit zehn Jahren Krieg, unzählige Menschen seien getötet worden. „Es ist Wladimir Putin, der den Krieg und das Leid sofort beenden kann - nicht die Ukraine“, so Göring-Eckardt weiter.
„Wer von der Ukraine verlangt, sich einfach zu ergeben, gibt dem Aggressor, was er sich widerrechtlich geholt hat, und akzeptiert damit die Auslöschung der Ukraine.“ Darüber hinaus fügte sie hinzu. „Über Frieden wird und muss verhandelt werden – aber auf Augenhöhe.“
Vatikan ordnet den Papst-Aufruf zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg ein
Das zum Heiligen Stuhl gehörende Online-Portal Vatican News verbreitete am Sonntag in mehreren Sprachen, darunter auch Ukrainisch, einen Bericht über eine entsprechende Erklärung aus dem Vatikan zu den Aussagen von Papst Franziskus zum Ukraine-Krieg. Demnach präzisierte der Vatikansprecher Matteo Bruni, der Papst habe damit „vor allem zu einem Waffenstillstand aufrufen und den Mut zu Verhandlungen wiederbeleben“ wollen.
In dem am Samstagabend von Medien verbreiteten Interview-Ausschnitt des Papstes habe Franziskus das vom Interviewer eingeführte Bild der weißen Fahne aufgegriffen. Sinn der Aussage sei, dass er sich eine „diplomatische Lösung für einen gerechten und dauerhaften Frieden“ wünsche, so Bruni. (mit Material der dpa und afp)
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